Ausgabe 06/2008 - Schwerpunkt Wettbewerb

Monopol am Mono Lake

-Der Highway 395 schlängelt sich von Kanada bis Mexiko einmal durch die USA. Touristen kennen meist nur einen kleinen Abschnitt der Strecke - zwischen Reno und Carson City in Nevada ins Hochgebirge, vorbei am Yosemite-Nationalpark bis hinunter ins Death Valley. Da will jeder hin. Und niemand kommt an einem kleinen Ort vorbei, in dem jeder die Hand aufhält: Lee Vining.

Knapp 400 Einwohner leben in dem Straßendorf auf fast 2100 Metern Höhe, umgeben vom legendären Mono-See, Naturschutzgebieten und Gipfeln, die jährlich rund vier Millionen Besucher anziehen. Und hier, in Lee Vining, wird gegessen, getankt und in Notfällen auch geschlafen. Alles teurer als anderswo, weil es weit und breit keine Alternative gibt. Don Banta weiß das. Der 80-Jährige mit Stroh-Cowboyhut gräbt gerade ein Loch auf seinem Grundstück. Seit 75 Jahren lebt er hier, sein Urgroßvater und Großvater waren Farmer, bevor sie den einzigen Laden und später ein Motel in Lee Vining gründeten. "Ich war mein ganzes Leben ein Fallensteller", sagt Banta mit einem verschmitzten Lächeln. "Ich fange Touristen. Ich locke sie an und gebe ihnen im Gegenzug etwas für ihr Geld. Das klappt eigentlich gut so."

Die Lake View Lodge, die in vierter Generation den Bantas gehört, hat 60 Zimmer und Hütten, die jedes Jahr von Mai bis Oktober so gut wie ausgebucht sind. "Die Europäer buchen drei Monate im Voraus", sagt Dons Sohn Bill, der zur Hauptsaison die Preise von 69 Dollar auf bis zu 199 Dollar die Nacht anhebt. Ein ordentlicher Tarif für die spartanisch ausgestatteten Zimmer.

Von Oktober bis Ende April ist die Pass-Straße zum Yosemite-Nationalpark durch meterhohe Schneeverwehungen oder wegen Lawinengefahr häufig unpassierbar. Dann kommen nur Eiskletterer und hartgesottene Tourenskifahrer. Dennoch: Die kurze Saison reicht, um an einer Viertelmillion Gästen zu verdienen. "Damit müssen wir das ganze Jahr über auskommen", sagt Nancy Bomans, die eines der drei anderen ganzjährig geöffneten Motels im Ort betreibt. Auch ihre 44 Zimmer sind für den Sommer bereits ausgebucht - es sind dank starkem Euro zahlungskräftige Europäer, die in die Falle tappen. Und niemand bedroht das Idyll: "Es wird hier nie McDonald's, Starbucks oder Wal-Mart geben. Sie könnten nicht genug Umsatz machen", sagt Chris Lizza, dem der einzige Supermarkt im Ort gehört. Andere Möglichkeiten zum Einkauf gibt es erst wieder eine gute Autostunde südlich oder nördlich von Lee Vining. "Ich versuche für jede Kategorie, teure und preiswerte Produkte zu führen", sagt Lizza. Sobald der Frühling beginnt, stockt er seine Belegschaft von sechs auf 15 Leute auf; sie bestücken Regale, backen, kochen und putzen. "Im Winter kommen nur 1250 Dollar Umsatz am Tag herein, in den Sommermonaten aber 6250 - mit dem Durchschnitt müssen wir auskommen, denn ich kann im Winter nicht einfach schließen. Die Leute brauchen einen Laden."

Dass bestimmte Waren im Mono Market deutlich mehr kosten als eine Autostunde weiter, erklärt Lizza mit Lieferschwierigkeiten. Da es in jeder der kleineren Ortschaften entlang dem Highway 395 nur noch einen unabhängigen Laden gibt, müssen sie alle beim selben Lieferanten bestellen, der dann einen Lkw ins Gebirge schickt. "Und der diktiert die Preise, nicht wir. Ich versuche, Grundnahrungsmittel für die Einwohner billig zu halten. Wenn Touristen für Leitungswasser, das in Flaschen aus Los Angeles herbeigekarrt wird, viel Geld zahlen wollen, warum nicht?" In der Tat ist es erstaunlich, wie groß die Auswahl in dem gerade einmal 180 Quadratmeter großen Geschäft ist.

Das kann man von der kulinarischen Vielfalt im Ort nicht behaupten. Nicely's Diner ist eines von zwei Restaurants in Lee Vining. Kaum jemand hat ein gutes Wort für das Lokal. Das Fünfziger-Jahre-Ambiente suggeriert solide Hausmannskost. Aber diese Hoffnung zerschlägt sich schnell, wenn man eintritt - und einem stinkende Schwaden von Bratfett entgegenwehen. Beschwerden? Zwecklos. Der Besitzer Mike Pinozotto hat den enormen Vorteil, dass ihm nicht nur das benachbarte Barbecue-Restaurant Bodie Mike's gehört, sondern auch die einzige Bar mit Alkohol-Lizenz im Ort. Zwei weitere Lokale kaufte er in den vergangenen Jahren auf - nur um sie gleich dichtzumachen. Eine sichere Sache für Pinozotto. Nur eines ist irgendwie ärgerlich: die Mobil-Tankstelle. Die Konkurrenz schläft doch nicht.

Die Bezeichnung Tankstelle tut dem Gebäude an der Abzweigung in den Yosemite-Nationalpark Unrecht, denn hinter den Zapfsäulen verbirgt sich das beste Restaurant Lee Vinings. Der Bauunternehmer Dennis Domaille besaß das Grundstück in bester Lage seit 1980, doch weder der Park-Service noch die Kommune wollten dort ein Besucherzentrum hinbauen. "Sie fürchteten, dass es den Verkehr und die Aufmerksamkeit vom Ort ablenkt", erinnert sich Domaille. Also baute er 1999 eine Tankstelle samt Sandwich-Theke für alle Reisenden, die den Weg durch Yosemite hinter sich gebracht haben. Nach der einsamen Pass-Straße zahlt man auch gern 4,39 Dollar für die Gallone bleifrei normal - fast einen Dollar mehr als im Rest der Landes -, um durch das Gebirge zu kommen.

Der unerwartete Kassenschlager ist indes Küchenchef Matt Toomey, der nach vielen Jahren einen Job als Koch im Skiort Mammoth Lakes aufgab. "Der Laden brummte so, dass wir jeden Sommer anbauten. Erst einen Pizzaofen, dann einen Grill, schließlich eine vollständige Küche." Jetzt serviert Toomeys Team im Sommer 3000 Mahlzeiten am Tag - vom Filetsteak bis zu Hummer-Tacos. Mit Preisen von bis zu 20 Dollar nicht gerade Tankstellen-Kost. Und das Duo bessert weiter nach - gewöhnlich nach einer mehrmonatigen Winterpause auf einer Karibikinsel. Diesen Sommer etwa bieten sie jeden Donnerstag bis Sonntag Live-Musik-Abende auf der Wiese vor der Trend-Tanke an, zu denen sich bis zu tausend Besucher einfinden. Vor den Zapfsäulen hat sich Domaille ein Zirkus-Trapez gebaut. Damit kann er die alten Monopolisten im Ort gut verschaukeln. -

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