Ausgabe 06/2008 - Schwerpunkt Wettbewerb

Gefühl und Härte

-Alexander Spermann, 46, hat einen für einen Wissenschaftler zunächst ungewöhnlichen Lebenslauf. Nach seinem Studium arbeitete er parallel zur Promotion vier Jahre lang als Lehrer für Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre in der Justizvollzugsanstalt Freiburg. Nach der Habilitation machte er sich als wissenschaftlicher Berater selbstständig und arbeitete für verschiedene Ministerien, bevor er am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim den Bereich Arbeitsmarkt leitete. Vor einem Jahr wechselte Spermann zum Zeitarbeitskonzern Randstad und ist dort als Director Social Affairs & Market Innovation vor allem für Qualifizierungsprogramme verantwortlich.

brand eins: Herr Spermann, auf dem Arbeitsmarkt geht es für die Beschäftigten um den Lebensunterhalt ebenso wie um Wertschätzung. Ist er ein Markt wie jeder andere?

Alexander Spermann: Es gibt Menschen, die aus philosophischen Erwägungen argumentieren, Arbeit sei nichts, das auf einem regulären Markt gehandelt würde. Ich sage, der Arbeitsmarkt ist ein Markt wie jeder andere: Arbeitskräfte bieten ihre Arbeit an, und Unternehmen fragen sie nach. Dabei gibt es verschiedene Arbeitsmärkte für einzelne Qualifikationsstufen. Der Arbeitsmarkt für Top-Manager beispielsweise ist ein unsichtbarer headhuntergetriebener Arbeitsmarkt. Der Arbeitsmarkt der Geringqualifizierten indes ist sehr sichtbar. Auf diesem Markt gibt es keine Verhandlung. Der Preis wird vom Arbeitgeber vorgegeben. Wer darauf angewiesen ist, auf diesem Markt seine Arbeitskraft anzubieten, hat keine Wahl. Höhere Löhne sind dort nur möglich, wenn die Menschen im Wettbewerb mit anderen Arbeitnehmern ihre Produktivität steigern, indem sie sich weiterqualifizieren.

Ergeben sich Wettbewerbsnachteile für Arbeitssuchende nur aus mangelnder Qualifikation? Oder hat es auch damit zu tun, dass viele sich nicht mehr wie früher in Gewerkschaften organisieren, um höhere Löhne durchzusetzen?

Wenn es die Gewerkschaften nicht gäbe, würde der Kapitalismus viel brutaler zuschlagen. Sie sind noch immer ein Korrektiv und sorgen bei Arbeitsbedingungen und Entlohnung für Mindeststandards. Wenn sie aber zu stark sind, werden hohe Löhne vereinbart, die nur noch die sehr produktiven Arbeitnehmer erwirtschaften können. Wer nicht mithalten kann, wird entlassen oder bekommt erst gar keine Stelle. Viele der entsprechenden Tätigkeiten können Maschinen dann billiger erledigen als die Betroffenen, obwohl der Tarif vielleicht nur 7,60 Euro je Stunde vorsieht. Dazu kommt die Konkurrenz durch das kostengünstigere Ausland. Bei den Geringqualifizierten in Ostdeutschland haben wir eine Arbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent. Diese Menschen konnten die hohen Tariflöhne von Anfang der neunziger Jahre niemals erreichen. Die Arbeitsnachfrage für sie wanderte ab. Die Folgen sieht man bis heute.

Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände agieren wie Monopole. Kann man bei Tarifabschlüssen wie jenen zu Beginn der neunziger Jahre deshalb von Marktversagen sprechen?

Es gibt die These, dass das Tarifkartell aus Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften hohe Löhne zu Lasten Dritter, nämlich der Arbeitslosen, beschließt. Das hieße, dass dieses Kartell den Wettbewerb aushebelt. Ich glaube nicht an dieses Tarifkartell. Aber es besteht die Gefahr, dass die Tarifparteien aus Eigeninteressen zu hohe Löhne aushandeln. Nach der deutschen Wiedervereinigung wollten die Arbeitgeberverbände sich eben die Billigkonkurrenz aus Ostdeutschland vom Leib halten, und die Gewerkschaften wollten hohe Kaufkraft schaffen. Dafür bezahlt man nun mit hoher Arbeitslosigkeit.

Arbeitslose können sich also gar nicht zu niedrigen Löhnen anbieten, auch wenn sie wollten?

Die Arbeitslosen haben tatsächlich wenig Einfluss darauf, welche Löhne beschlossen werden. Allerdings haben sich die Tarifparteien zumindest in den vergangenen Jahren stark in Lohnzurückhaltung geübt. Deshalb geht es der deutschen Wirtschaft nun auch verhältnismäßig gut. Es gibt hier ein anderes, gewichtigeres Problem, das den Wettbewerb verzerrt. Langzeitarbeitslose, die oft geringe Qualifikationen haben, bieten nämlich teilweise erst gar keine Arbeit an, weil sie dann wegen ihrer niedrigen Produktivität weniger bekämen als Arbeitslosengeld II (ALG II) - oder eben nur wenig mehr, weil das Einkommen aus Arbeit auf die Transferleistungen vom Staat angerechnet wird. Wir bei Randstad erleben oft, dass Menschen ohne Qualifikationen deshalb für den niedrigsten Stundenlohn, der in Westdeutschland bei 7,38 Euro liegt, nicht arbeiten wollen. Diejenigen, die arbeiten, müssen das mit ihren Steuern bezahlen.

Wie kann man diese Menschen dazu bringen, in den Wettbewerb um Jobs einzutreten?

Es gab dazu verschiedene Modellversuche und Praxiserfahrungen, beispielsweise in Mannheim und in Freiburg. Dort war ich auch an der wissenschaftlichen Begleitung beteiligt. Das Ergebnis unserer Studien war eindeutig: Sobald Druck aufgebaut wurde und die ALG-II-Empfänger eine Gegenleistung bieten mussten, fingen viele an zu arbeiten und fanden auch Jobs. Ich hatte Diskussionen mit verschiedenen Befürwortern von Grundeinkommensmodellen, die sagten: Es muss ein bedingungsloses Grundeinkommen vom Staat geben. Man darf keine Gegenleistung einfordern. Die Menschen passen sich dann an, weil sie ja etwas tun wollen. Meine Forschung hat das bislang nicht bestätigt. Ich favorisiere einen Zwischenschritt. Es müsste als Gegenleistung zum ALG II auch ehrenamtliches, freiwilliges Engagement eingebracht werden können, bei dem die Betroffenen sagen: Das mache ich gern. Druck allein reicht natürlich nicht. Man braucht auch positive Anreize. In Mannheim konnten die Beteiligten für eine Dauer von zwölf Monaten die Hälfte des Geldes, das sie zum ALG II verdienten, behalten. Regulär bleibt ihnen viel weniger.

Lohnen sich Druck und Überwachung überhaupt? Kosten sie nicht mehr, als die Betroffenen vom Staat bekommen?

Die bisherige Forschung kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Überwachung zumindest für die Kommunen rechnet. Man muss ja auch die Verhaltensänderungen der Menschen berücksichtigen. Denn in diesem Punkt bin ich mit Befürwortern des Grundeinkommens wie dem Unternehmer Götz Werner einer Meinung: Man kann Verhaltensänderungen erreichen, sodass Menschen aus eigenem Antrieb etwas Sinnvolles tun und auch mit einem Grundeinkommen umgehen können, indem sie vielleicht das Risiko der Selbstständigkeit eingehen. Ich denke nur im Unterschied zu den meisten Befürwortern des Grundeinkommens, dass dieser Bewusstseinswandel länger als zwei oder drei Jahre dauert und dass man etwas für ihn tun muss. Dann könnte das nach einer Übergangsphase klappen. Dieses positive Menschenbild habe ich mir bewahrt, auch wenn ich viel Negatives erlebt habe. Dieses Negative ist ja auch ein Reflex auf unser derzeit unsinniges System, in dem der Staat das Problem erst lange Zeit ignoriert hat und den Leuten einfach jeden Monat einen Scheck gab. Nun gibt es das andere Extrem. Es wird kontrolliert, und es werden Leistungen gekürzt, ohne dass die Betroffenen ein Bewusstsein dafür vermittelt bekommen, warum.

Gibt es Erfahrungen aus anderen Ländern, wie man es besser machen kann?

In Dänemark hat sich in ein paar Jahren die Einstellung zur Arbeit und zur Frage, was ich der Gesellschaft geben muss, sehr gewandelt. Dort gibt es eine aktivierende Sozialhilfe mit staatlichen Arbeitsangeboten - Ökonomen sprechen von Workfare-Programmen -, die Erwerbslose dazu brachte, auf dem Arbeitsmarkt in den Wettbewerb einzutreten. Wenn in Dänemark jemand heute Leistungen vom Staat erhält und der Gesellschaft keine Gegenleistungen erbringt, bekommt er in seinem sozialen Umfeld Druck.

Warum ist dieser Bewusstseinswandel in Deutschland mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen nicht gelungen? Wollen die Deutschen keinen Wettbewerb im Niedriglohnsektor?

Es gab ein Kommunikationsproblem. Die Reformen kamen über Nacht, getrieben vom Wunsch der Regierung nach Machterhalt. Eine Reform erleidet jedoch Schiffbruch, wenn sie kommunikativ so schlecht vorbereitet wird. Bill Clinton hat das in den USA 1996 bei seiner Reform des Sozialsystems besser gemacht. Dort gab es riesige Kampagnen, deren Vorbereitung die Antworten auf entscheidende Fragen gab: Wie kann man die neue Linie kommunizieren, und welche Kanäle muss man wählen, um möglichst viele Menschen zu erreichen? Es wurde ein emotionales Umfeld geschaffen, um eine radikale Reform durchzusetzen. In Deutschland denkt man sich in Ministerien etwas aus. Dann wird das im Referentenumfeld diskutiert. Es folgt eine Pressemitteilung, und dann stellt sich ein Politiker in den "Tagesthemen" vor die Kamera und sagt: So soll es sein. Das war es dann.

Stünde bei einem so stark auf Wettbewerb ausgerichteten Arbeitsmarkt in Deutschland nicht auch der soziale Friede auf dem Spiel?

Die zeitlich befristete Sozialhilfe wie in den USA wäre hier natürlich schon wegen des Sozialstaatsgebotes grundgesetzlich nicht möglich und auch nicht wünschenswert - die Einforderung einer Gegenleistung für Unterstützung vom Staat aber schon. Wenn man es dann jedoch übertreibt und massiv Druck ausübt, weichen die Menschen aus und lassen sich vom Arzt erwerbsunfähig schreiben. Dann bekommen sie kein ALG II mehr, sondern Sozialhilfe. Und die gibt es auch ohne Gegenleistung. Dass Menschen so reagieren, wissen wir aus den USA, aus den Niederlanden und Großbritannien. Dennoch sollte man nicht aufhören, die Gegenleistung einzufordern, verbunden mit der klaren Ansage: Das ist nicht Zwangsarbeit, sondern ein Beitrag zur Gesellschaft, die deinen Lebensunterhalt bezahlt.

Aber setzt das nicht Jobs im Niedriglohnbereich voraus? Die sind doch gar nicht vorhanden!

Diese Jobs können entstehen, wenn es zum einen genug Druck gibt, sodass es unbequem wird, sich auf staatlichen Leistungen auszuruhen oder sogar nebenbei schwarzzuarbeiten. Die Anspruchslöhne der Arbeitnehmer sinken dann, und in der Folge werden auch entsprechende Jobs angeboten, wenn die Tarifparteien niedrigere Löhne zulassen. Das konnten wir in anderen Ländern beobachten. Die These vom Ende der Arbeit halte ich für falsch. Das haben zahlreiche Volkswirtschaften gezeigt.

Von diesen Löhnen könnte aber niemand leben.

Die Frage ist deshalb: Wie stocken wir diese geringen Löhne durch den Staat auf, damit die Betroffenen auch ihre Familien ernähren können? Sie können heute schon niedrige Löhne mit ALG II aufstocken, aber dann bleibt ihnen von jedem verdienten Euro kaum etwas übrig. Das muss sich ändern. Zu dem Druck, etwas zu tun, braucht es eben auch finanzielle Anreize, die die Menschen als fair empfinden. Sie müssen sehen: Wenn ich mich weiter qualifiziere, dann steigt mein Lohn, und ich habe mehr in der Tasche. Dann ist das auch ein echter Wettbewerb, von dem alle profitieren.

Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, schlug vor, das Arbeitslosengeld II pauschal drastisch zu kürzen, damit Wettbewerb herrscht. Sinn ist Beamter. Das fällt auf, zumal es unter den Ökonomen etliche gibt, die gerade den Geringqualifizierten besondere Härten zumuten.

Die Glaubwürdigkeit ist ein Problem. Es geht bei der ganzen Problematik um Gefühle, die viele Beamte schwer nachempfinden können. Menschen, die den Weg in die Wissenschaft wählen, sind zudem oftmals solche, die ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis haben. Und genau diejenigen, die das höchste Sicherheitsbedürfnis haben, machen Vorschläge für Menschen, die in großer Unsicherheit leben und die nach Umsetzung der Vorschläge unter enormem Wettbewerbsdruck stünden. Andererseits muss es eben auch Leute geben, die im Kopf frei sind und über gesellschaftliche Probleme nachdenken können. Ob dabei immer gute Ergebnisse herauskommen, ist eine andere Frage, weil sich die Ergebnisse oft an Modellwelten orientierten. Ich glaube, dass der beste Weg zur Lösung der Arbeitsmarktprobleme wissenschaftlich begleitete Experimente sind, wie wir das beispielsweise in Mannheim gemacht haben.

Und wie könnte den Experimenten zufolge der richtige Weg für Deutschland aussehen?

Wir müssen auf allen Ebenen ansetzen, über die wir gesprochen haben, also auf der Arbeitsangebots- wie der Nachfrageseite und auch beim Sozialsystem, das beide beeinflusst. Wir brauchen auf der Arbeitsangebotsseite den Druck, dass Transferleistungsempfänger auch etwas für die Gesellschaft tun müssen. Damit kann man Verhaltensänderungen und auch einen Bewusstseinswandel erreichen. Dann ist es wichtig, dass sich die Tariflöhne nach unten öffnen, um die Einstiegshürde für Menschen mit niedrigen Qualifikationen zu senken, was derzeit auch passiert. Allerdings wird man, um gesellschaftliche Akzeptanz zu gewinnen, auch einen gesetzlichen Mindestlohn einführen müssen, um zu vermeiden, dass Arbeitgeber den Staat ausbeuten. Sonst können die zu ihren Leuten sagen: Ich zahle euch zwei Euro, und den Rest könnt ihr euch beim Staat holen. Deshalb wird man vielleicht über fünf oder sechs Euro Mindestlohn nachdenken müssen. Aus all diesen Punkten könnte dann ein Grundeinkommen erwachsen.

Man soll also das Zugeständnis zu sinkenden Löhnen und zu mehr Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt mit einem Grundeinkommen erkaufen?

Das klingt erst einmal illusionär, und es wird auch nicht bei allen Menschen funktionieren. Ein Bruchteil wird solch ein Grundeinkommen ohne verpflichtende Gegenleistung immer ausnutzen. Aber es wird bei mehr Menschen funktionieren, als viele Ökonomen denken. Menschen wachsen auch an ihren Aufgaben. Wenn man dieses Ziel eines Grundeinkommens perspektivisch vor Augen hat, dann lebten wir, wenn die Menschen so weit sind, in einer moderneren und lebenswerteren Gesellschaft, trotz mehr Wettbewerb am Arbeitsmarkt. -

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