Ausgabe 08/2008 - Schwerpunkt Liebe

Grundeinkommen

Wer nicht muss, der kann

• Zweifler gibt es immer. Nennen wir sie die Ja-aber-Sager. Sie sagen "Ja, aber ...", wenn sie von einer Idee hören, die ihnen eigentlich gefällt, der sie aber nicht ganz trauen: Ja, aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Wer soll das finanzieren? Und überhaupt: Hatten wir die Idee nicht schon mal? Man kann die Ja-aber-Sager nicht bekämpfen, wenn sie einmal da sind. Und es ist auch nicht der Mühe wert, gegen sie zu protestieren.

Es gibt wichtigere Dinge zu tun. Sagt Daniel Häni. Ein freundlicher, unauffälliger Schweizer, der verschmitzt lächelt und nichts Geringeres vor hat, als sein Land zu verändern.

Wer ihn sieht, diesen 42-Jährigen mit den jungenhaften Zügen eines vorlauten Schülers, vermutet nicht, dass dieser Mann mitten in Basel ein prachtvolles Bankhaus in ein Versuchslabor für Visionen verwandelt hat. Wir sitzen in der Eingangshalle und trinken Kaffee. Häni raucht Zigaretten ohne Filter. "Es gibt viel Bedarf für Ideen, wie man unsere Welt verbessern könnte, aber es gibt wenig Platz", sagt er schließlich und zeigt auf die riesige Schalterhalle. "Als wir dieses Bankhaus übernahmen, dachte ich: Das hier muss ein Arbeitsraum fürs Ungewisse werden."

Das klingt ein wenig seltsam, wie vieles, was Häni sagt, erst mal seltsam klingt. Denkt man darüber nach, ist seine Aussage eine präzise Anleitung für Innovation. Denn was passiert, wenn man eine Idee hat, die innovativ ist, also etwas als unverrückbar Geltendes verrückt? Man stößt auf Widerstand, auf Ja-aber-Sager. Also braucht man einen Raum, in dem Ideen, die noch roh, also unfertig und damit leicht angreifbar sind, entstehen dürfen.

Eine dieser Ideen, die Häni gern entstehen ließe, ist die von manchen Ökonomen und Soziologen seit Jahrzehnten propagierte Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das ist ein heißes Eisen. Die Befürworter reichen von Radikal-Linken, die in der Idee eine Sozialdividende erkennen, bis zu Marktradikalen, denen es darum geht, schlechte Arbeitnehmer ohne schlechtes Gewissen entlassen zu können. Die Gegner kommen bezeichnenderweise ebenfalls aus beiden Lagern. Hier lauten die Argumente verkürzt: Ein Grundeinkommen bewirke keine Umverteilung beziehungsweise zerstöre die Arbeitsmoral.

Daniel Häni setzt an einem anderen Punkt an. Ihn interessiert die Freiheit, die ein Grundeinkommen schaffen könnte. Seine Überlegungen hat er in eine knappe Frage gefasst: "Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?"

In weißen Lettern auf goldenem Grund prangt diese Frage auf der Fassade des gewaltigen Bankgebäudes mitten in Basel, ehemals Sitz der Schweizerischen Volksbank. 1912 in stattlicher Schlichtheit errichtet, zu einer Zeit, als Größenwahn noch Stil hatte: fünf riesige Stockwerke plus Kellergeschoss, 500 Quadratmeter allein die Schalterhalle, breite Treppen, altes Holz, viel Granit. Zwei Jahre stand es leer, 1999 wurde es von Daniel Häni und ein paar Freunden übernommen. Ohne die handelsüblichen Referenzen überzeugte er die Credit Suisse, das Gebäude für einen annehmbaren Preis - 6,2 Millionen Euro - zu verkaufen. Es heißt, Lukas Mühlemann, der damalige Vorstand der Credit Suisse, habe eine Schwäche für das Unfertige der Idee gehabt. Eine Stiftung stellte das Geld bereit. So beginnen viele der für Häni typischen Geschichten, in der eine etwas fantastische und spontane Idee ("Wir übernehmen eine Bank") Wirklichkeit wird, obwohl oder weil "nichts konzipiert war, aber vieles zusammenkam".

Hänis Beitrag: Er schuf die Situation.

Wie soll ein Kaffeehaus überleben, in dem keiner etwas zu sich nehmen muss?

Das Bankhaus verwandelten sie in ein riesiges Kaffeehaus und tauften es "unternehmen mitte", unternehmen, weil ihr Vorhaben kein Zustand ist, sondern eine Tätigkeit, und mitte, weil der Ort der Mitte immer wieder neu verhandelt wird - so wie auch die Absicht ihres Vorhabens immer neu verhandelt werden soll. Im Keller bauten sie eine Theaterbühne, und überall im Haus nisteten sich kleine Unternehmen ein. Zeitschriftenredaktionen, Künstleragenturen, Therapeutinnen, Designer, Yoga-Institute -Menschen eben, die einfach im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas machen wollen. Etwas, das ihnen nicht vorgegeben wird. So entstand ein Raum zum Verbreiten neuer Gedanken, zum Kultivieren bekannter Sehnsüchte und zur Verbindung neuer Arbeits-und Lebenstätigkeiten.

Im Herzen der Konsummeile der Basler Innenstadt stand plötzlich ein ästhetisches Kraftwerk. Die gewaltigen Jugendstilräume wurden zum Auffangbecken für eine besondere Mischung: Laptop-Tagelöhner, Künstler, Zeitvertreiber, Schüler in ihren Freistunden, Verliebte, Familien - insgesamt deutlich mehr jüngere als ältere Menschen. Das Sympathische an der Mitte ist ihre Offenheit für Fremde, Unfertige, Suchende, für die es im protestantischen Basel wenig Raum gibt.

Das Kaffeehaus funktioniert nach einer bemerkenswerten Regel: Es gibt keinen Konsumzwang. Das heißt, man kann das Kaffeehaus besuchen, ohne einen Kaffee zu bestellen. Noch bemerkenswerter ist Hänis geistiger Überbau zum seltsamen Geschäftsprinzip: "Ich kann das Grundeinkommen nicht persönlich einführen, aber ich kann versuchen, Momente der Bedingungslosigkeit zu schaffen. Unser Kaffeehaus ist ein Raum, in dem Menschen sich aufhalten können, ohne etwas zu müssen. Es ist eine Miniatur des Grundeinkommens." Wäre es dann nicht konsequenter, seinen Angestellten ein Grundeinkommen zu zahlen? "Ich bin in erster Linie Unternehmer und habe nicht die Möglichkeit, Geld zu verschenken", sagt Häni ruhig. "Das Kunststück ist", fährt er fort, "mit vollem Blick auf die großen Zusammenhänge das zu tun, was konkret möglich ist."

Es sind kleine Maßnahmen, die in der Mitte konkret möglich sind. Im Kaffeehaus existiert kein Konsumzwang, in der Geschäftsleitung arbeiten sie ohne Budget. "Ich finde Budget-Erfüllung etwas ganz Dummes. Die Menschen fragen nicht mehr: Was ist sinnvoll? Was braucht es wirklich? Sondern nur noch: Haben wir das Budget erfüllt?" Zudem gibt es in der Geschäftsleitung ein Prinzip, das er vielsagend Initiativkompetenz nennt. Anstatt in der Geschäftsleitung kräftezehrend über den Sinn dieser oder jener Idee zu debattieren, wird Kompetenz dem zugesprochen, der die Initiative ergreift. Einzige Regel: Wer die Initiative übernimmt, muss auch die Verantwortung tragen.

Kein Konsumzwang, kein Budget, Eigenverantwortung - das sind Versuche, Situationen zu ermöglichen, in denen es ums Wollen und nicht ums Müssen geht. Häni weiß, dass es kleine Schritte sind und dass sie nicht jeden überzeugen. "Aber wer will schon gern überzeugt werden? Ich bin kein Missionar. Ich glaube nicht, etwas besser zu wissen, aber ich will Dinge ausprobieren und mir nicht von vornherein sagen lassen: Das geht nicht." Ein Mitglied der Geschäftsleitung beschreibt die Arbeit mit Häni so: "Er mutet dir viel Freiheit zu, und du musst sie aushalten." Häni habe eine große Begabung, Menschen darin zu bestärken, sich zu fragen, was sie wirklich tun wollen, können und was sie dafür brauchen. Andere sagen, genau diese Art habe etwas Manipulierendes, weil am Ende alle aus freien Stücken das tun, was er gern möchte.

Versucht also Daniel Häni den Spagat zwischen Weltverbesserung und ernsthaftem Unternehmertum? Nein. Häni zündet sich eine Zigarette an. Es gehe ihm nicht um Weltverbesserung. Für ihn sei das Interesse am Grundeinkommen und die Leidenschaft für einen funktionierenden Betrieb kein Spagat, sondern die nüchterne Konsequenz aus seinem bisherigen Leben.

Daniel Häni wurde 1966 in einer 3000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Bern geboren. Eine Gemeinde, die in der Schweiz nur für eines bekannt ist: das Kernkraftwerk Mühleberg. Der Sohn eines Postboten verlor früh seine Mutter - wie fast alle wichtigen Ereignisse in seinem Leben beschreibt Häni auch diesen Einschnitt anders, als man es erwartet hätte. Er sagt: "Ich verstehe den unerwarteten Tod meiner Mutter auch als Opfer, damit ich früh selbstständig werden konnte."

Mit 14 wird er Atomkraftgegner und auf Anraten der Berufsberatung Technischer Zeichner. Er lernt die Präzision zu schätzen, versteht, dass knapp daneben schon falsch ist. Und er lernt vor allem, dass man nichts für gegeben nehmen muss. Seinen unerträglichen Lehrmeister verklagt Häni vor der Lehrlingsaufsichtskommission. Seither hat der Meister nie wieder einen Lehrling ausgebildet. "Das war für mich als Jugendlicher ungeheuerlich, dieses Gefühl, dass man sich durchsetzen kann."

1986 kam er nach Basel, ausgestattet mit nichts anderem als seinem Streben nach Unabhängigkeit und einer ungewöhnlichen Präzision im Denken. Es waren die achtziger Jahre, und in der Schweiz rebellierte die Jugend gegen das Establishment. Die Punks, Halbstarken und Künstler fühlten sich mit Joseph Beuys und Andy Warhol verwandt und besetzten Häuser. Häni war einer von ihnen, nur dass er einiges anders machte. Auch er wollte Häuser besetzen, klar, aber eigentlich wollte er Begriffe besetzen und sie auflösen, verflüssigen, umdeuten. Zum Beispiel den Begriff Geld. "Die Regel, wie Geld funktioniert, ist von uns gemacht - und nur wir können sie ändern", schrieb er in sein Tagebuch.

Wie aber besetzt man Geld? Es war zunächst nur eine Ahnung, dass irgendwas nicht stimmte. "Es ist unsinnig, Kapital mit Geld gleichzusetzen. Kapital kommt von caput, lateinisch für das Haupt." Denken ist Hauptsache, folgerte Häni, also sollte Denken, nicht Geld das Kapital des Menschen sein. Und Mehrwert - um in der Welt der Banken zu bleiben - entstehe erst, wenn ein Gedanke von einem anderen Menschen weitergedacht wird, dachte er sich. So gründete er in einem leer stehenden Ladenlokal in Basels Innenstadt seine eigene Bank, mit Schalter, Öffnungszeiten und Verwaltungsrat. Er nannte sie: Gedankenbank.

Die Bank funktionierte so: Der Kunde kommt zum Schalter und eröffnet ein Konto, indem er einen Gedanken auf einer Karteikarte einträgt, zum Beispiel "Permanente Abschaffung des Alltags". Der Gedanke wird abgelegt und in einem Schlagwortregister erfasst. Nun kommt vielleicht ein zweiter Kunde und stößt beim Durchblättern des Schlagwortregisters auf diesen Gedanken, denkt ihn weiter und legt seinen Gedanken dazu. Der Ursprungsgedanke wirft also Zinsen ab. Manche Gedanken hatten in den nächsten sechs Monaten Dutzende Zinsgedanken. Das entsprach einem Zinssatz von mehr als 1000 Prozent. Welche andere Bank konnte schon eine solche Wertsteigerung versprechen?

Die angelegten Gedanken (zum Beispiel: "Allerhand aus Kunst und Politik hochleben lassen und dort einfrieren." Dazu ein Zinsgedanke: "Allerhand aus dem Alltag tiefstapeln und dort erhitzen.") spiegelten das Leben im Kleinen wider: Wie geht Liebe? Was stimmt nicht mit unserem Land? Warum gibt es Krieg? Es war eine Art analoges Wikipedia. Der Wert eines Gedankens ließ sich dadurch bestimmen, ob er andere Menschen inspirierte, weiterzudenken. Nach drei Jahren dachte Häni die Gedankenbank weiter. Er wollte sie beim Arbeitsamt installieren und über den feinen Unterschied zwischen arbeitslos sein und die Arbeit los sein aufklären. "Ich glaube, dass zwei von fünf Menschen in dem Gefühl innerlicher Kündigung zur Arbeit gehen. Was würden die wohl arbeiten, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre?", fragte Häni. Diese Frage verstand 1992 noch niemand.

Wenn es stimmt, dass jeder Mensch im Leben eine Frage hat, die er sich immer wieder stellt und an der er sich orientiert, dann ist diese Frage seither wegweisend für Häni. 1996 wurde sie ihm selbst gestellt: Eine kleine Stiftung wollte ihn für ein Jahr freistellen. Ohne Bedingungen erhielt er knapp 19 000 Euro. Der Häuserbesetzer Häni begann, nach und nach zeitweise leer stehende Gebäude zu übernehmen, mal eine alte Brauerei, mal eine Gründervilla. Und zwar nicht, indem er mit Gewalt die Räume besetzte, sondern klug mit den Besitzern über Zwischenlösungen verhandelte. Die Idee war immer die gleiche: Wie kann man ungenutzte Räume mit ungenutzten Fähigkeiten beleben? Das freigestellte Jahr ist bis heute für Häni der praktische Beweis, dass ein bedingungsloses, freies Einkommen nicht faul macht, sondern im Gegenteil Kräfte freisetzt. "Ich bin in dem Jahr der Freistellung so effektiv und gut geworden", sagt er, "dass ich in der Folge nicht mehr wegen des Einkommens nebenher jobben musste."

Aber was ist es, was er so gut kann? Während in der Hausbesetzerszene viele bei einer Flasche Rotwein großspurig Ideen formulierten und sie nach zwei weiteren Flaschen wieder vergessen hatten, trugen Hänis Projekte von Anfang an die Handschrift eines Unternehmers. Für die Linken war er deshalb ein Neoliberaler. In der Perfektion seiner Aktionen meinten sie seine kulturelle und ideologische Verwandtschaft mit der Bourgeoisie zu erkennen. Für die Bürgerlichen wiederum war er ein Linker, der sich gegen die Obrigkeit auflehnte, der aber auch sein Wort hielt, einer, mit dem man einen Vertrag schließen konnte. Ihm gefiel die Rolle in der Mitte: "Ich war der Vermittler zwischen den Verrückten und den Funktionären", sagt er heute.

1998 entschied sich Häni mit Freunden, die Idee der Gedankenbank weiterzuentwickeln. Sie suchten in Basel nach einem neuen Kulturraum und fanden das Bankhaus in Basels Mitte.

2005 setzten 40 Angestellte 3,5 Millionen Franken um, die Hälfte davon allein durch den Verkauf von Kaffee. Die Finanzen waren im Griff; es hätte an der Zeit sein können, die Früchte zu ernten. Aber wenn das "unternehmen mitte" eine Tätigkeit sein soll, dachte sich Häni, könne er sich jetzt nicht ausruhen. Mit der Präzision des gelernten Technischen Zeichners begann er, die Bürokratie seines Betriebes zu vermessen. Befremdet beobachtete er, wie die Steuern und Abgaben der Angestellten zu einem immer größeren Kostenfaktor wurden. Und bald befand sich der Unternehmer, der auch Geschäftsführer ist, in einer paradoxen Situation: "Ich musste immer wieder die Initiative der Angestellten bremsen", erzählt Häni, "denn sobald sie mehr machen als nötig, entstehen durch die hohen Sozialabgaben und Steuern Mehrkosten, die wir wiederum auf die Preise aufschlagen müssten."

Was spricht für ein Steuersystem, in dem jede Idee der Mitarbeiter nur Kosten verursacht?

Zwei Fragen stellen sich Häni: Was geschähe, wenn die Steuern und Sozialabgaben nicht mehr auf die Löhne geschlagen, sondern erst im Preis als Mehrwertsteuer erhoben würden? Und: Wie würde sich die Qualität der Arbeit verändern, wenn diese auf Freiwilligkeit beruhte? Wenn also, gesichert durch ein Grundeinkommen, niemand mehr arbeiten müsste?

"Müssten meine Mitarbeiter keine Einkommensteuer zahlen, müssten sie keine Steuerklärung ausfüllen, ich müsste ihnen das Geld dafür nicht geben und es entsprechend auch nicht über die Preise bei den Gästen kassieren", folgert Häni nüchtern. Dann könnte er die Preise trotz höherer Mehrwertsteuer sogar senken. "Und mit einem Grundeinkommen hätten wir eine neue Unternehmenskultur. Ich müsste als Arbeitgeber den Job so attraktiv gestalten, dass die Leute ihn trotzdem haben wollen", sagt Häni. "Die Angestellten hätten eine Verhandlungsbasis. Sie würden nicht für mich, sondern mit mir arbeiten."

Daniel Häni ist nicht naiv. Er weiß, dass ein Grundeinkommen nicht alle Probleme löst. Doch ihm geht es um etwas anderes: "Ein Grundeinkommen könnte zu Krisen führen bei denen, die heute nur fürs Geld arbeiten. Es würde deutlich machen, warum wir eigentlich arbeiten."

Im Herbst 2006 organisiert Häni in Basel zusammen mit dem Frankfurter Künstler Enno Schmidt eine breit angelegte Konferenz zum Thema. In den folgenden Wochen und Monaten berichtet fast jedes Printmedium der Schweiz von der Initiative Grundeinkommen - plötzlich ist die Idee ein Thema. Zumal die basisdemokratische Verfassung der Schweiz ein Fenster aufhält für Impulse aus dem Volk: Sobald 100 000 Unterschriften für eine Initiative gesammelt sind, kann man eine Volksabstimmung fordern. Den ganzen Herbst über ist das Thema präsent. Für einen kurzen Augenblick scheint es, als sei die Schweiz nicht nur reich, konservativ und satt, sondern auch neugierig, hungrig und mutig.

Heute, anderthalb Jahre später, spricht in der Schweiz kaum jemand mehr vom Grundeinkommen. Was war passiert?

Warum sollten Ideen nur eine Chance haben, wenn alle Fragen beantwortet sind?

Die Journalisten hatten sich satt geschrieben. Einige Parteien näherten sich dem Thema vorsichtig und merkten, wie viel gedankliche Arbeit nötig ist, um den Stoff in politische Praxis zu übersetzen. Die Ja-aber-Fragen stapelten sich: Wer soll das Grundeinkommen finanzieren? Werden nicht alle Menschen faul, wenn man ihnen Geld schenkt? Öffnet sich die gesellschaftliche Schere nicht stärker, wenn die, die heute schon viel verdienen, auch ein Grundeinkommen erhalten? Und was wird aus denen, die nicht das Ideal des selbstbestimmten Unternehmers anstreben?

Hänis Antwort: "Logisch ist es erst im Nachhinein. Lasst es uns doch erst mal ausprobieren! " Übersetzungsversuch: Wer darauf wartet, dass alle Fragen beantwortet sind, bleibt ewig vor der Tür stehen. "Das Grundeinkommen ist eine Idee, keine Ideologie", erklärt Häni. "Die Tragik aller ideologischen Bewegungen ist ihre Abhängigkeit von der Erfüllung ihrer Vision. Unsere Idee ist nicht abhängig davon, wie viele " Ja! " schreien. Wir wollen nicht möglichst schnell 100 000 Unterschriften sammeln. Wir wollen die Idee erst mal in ihrer allgemeinen Form denkbar machen. Später hoffen wir, die nötigen Mittel zu finden, um 100 Menschen für drei bis fünf Jahre bedingungslos freizustellen."

Wer so etwas sagt, provoziert nicht zuletzt jene, die für die gleiche Sache kämpfen. Mit wem immer man über Häni spricht, in einem sind sich alle einig: Der Mann ist ein inspirierter Unternehmer, ein nie schlafendes Arbeitstier, ein geborener Organisator. Aber man muss nicht lange suchen, um jemanden zu finden, der Häni für einen Spinner hält, der alles Politische aus der Diskussion ausklammere und die offenen Fragen mit esoterischen Klischees fülle. Er verwechsle sich selbst mit der Größe seiner Idee und lasse keine anderen an ihr teilhaben, sagt ein Kritiker.

Woher kommt diese Skepsis, die mehr gegen ihn als gegen seine Idee gerichtet zu sein scheint? Das Besondere an ihm ist, dass er Extreme in sich vereint, sagt Markus Sieber. Der (Mit-)Autor des vielleicht wichtigsten Schweizer Dokumentarfilms "Züri brännt" über die Zürcher Jugendunruhen in den Achtzigern ist ein langjähriger kritischer Freund Hänis: "Er ist eigensinnig, aber großherzig, ehrgeizig, aber empathisch, und er ist seinen Ideen treu."

Der so Beschriebene sitzt in seinem Wohnzimmer in der obersten Etage des Bankhauses. Man kann sagen, er wohnt mit seiner Familie an seinem Arbeitsplatz. Meist setzt er sich, nachdem er die Tochter ins Bett gebracht hat, nochmals an den Computer. Für den Begriff Freizeit hat er wenig übrig. Ferien findet er anstrengend - überhaupt verlässt er das Bankhaus, verlässt er seine Welt nur ungern. Seine Kraft, sagt er, schöpfe er aus der Arbeit.

Die endlosen Debatten, die durchgearbeiteten Nächte, das innere Feuer haben Spuren hinterlassen in seinem jungen Gesicht. Überhaupt sein Gesicht: Seine Augen blicken immer in zwei verschiedene Richtungen, was dazu führt, dass man sich entweder beobachtet oder übergangen fühlt. Man könnte ihn für einen Workaholic halten, spräche er nicht mit dieser beneidenswerten Ruhe und Offenheit, die Menschen zu eigen ist, die sich selbst ernst nehmen und wirklich an das glauben, was sie tun.

Seit Juni 2007 arbeitet er mit Enno Schmidt an einem Film über das Grundeinkommen. Es soll ein Film-Essay werden, das vielleicht auch im Fernsehen laufen könnte. Ein Film, der vor allem an Jugendliche und Kinder gerichtet ist, jene Generation also, die, sollte Häni recht behalten, das Grundeinkommen verstehen muss, weil sie damit leben wird. Es ist ein kleiner, kluger Film über den Zustand unserer Welt. Eine Art "Sendung mit der Maus", die zu erklären versucht, wie das Grundeinkommen funktioniert, wer es finanzieren und was es bewirken könnte. Und der Film verheimlicht auch nicht, als was das Grundeinkommen vielen erscheint: als Utopie. "Die Vorstellung, dass der Mensch fliegen könne, war über Jahrhunderte auch eine Utopie", heißt es im Film.

Der Begriff Utopie entstammt dem 1516 erschienenen Roman des englischen Staatsmanns Thomas Morus, in dem er die ideale Gesellschaft beschreibt. Morus' Utopia lag nicht in einer fernen Zukunft, sondern in einer fernen Weltgegend. Eine Utopie ist also nichts anderes als ein Ort, den wir nicht so recht verstehen wollen, weil wir ihn noch nicht gesehen haben und also nicht überprüfen können.

Häni ist einer, den man fast alles fragen kann. Er drückt sich nicht, weicht kaum aus. Also: Was, wenn der Film floppt?

"Ein Flop wäre es, den Film nicht zu machen. Wenn wir stecken bleiben, wenn uns die Energie auf halbem Weg ausgeht ... Was ich dann tun würde? Daraus lernen. Wenn man das kann, gibt es diese Vorstellung vom Scheitern nicht."

Das Beste an einer Begegnung mit Daniel Häni ist, dass man für einen Augenblick das Gefühl bekommt, die Welt sei ein wenig weiter, als man gedacht hatte. Man verlässt das Unternehmen Mitte seltsam wohlgestimmt und nachdenklich. Um nichts weniger geht es ihm: um die Einführung des eigenen Denkens. ---

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