Ausgabe 02/2007 - Schwerpunkt Veränderung

Clash der Kulturen

"Gerade diese wohltuende Veränderung (...) ist es, die dem Bild unserer guten Stadt Herford einen schönen Platz geschaffen hat, an dem kein Fremder vorübergehen wird, ohne durch seinen Reiz gefesselt zu werden."

(Aus dem Redemanuskript des Bürgermeisters zur Eröffnung des Herforder Rathauses im Jahr 1917)

- Manchmal liegt nur ein kleiner Abstand zwischen zwei Welten. Und manchmal kommt es an Orten, die auf den ersten Blick eher gemütlich aussehen, zu einer kleinen Revolution. Zum Beispiel in Herford, einer Stadt in Ostwestfalen-Lippe mit 65 000 Einwohnern, von denen viele mit der Veränderung in ihrem Ort nicht einverstanden sind. Denn die kostet sie jedes Jahr Millionen Euro, und viele Herforder bezweifeln, dass das gut angelegtes Geld ist. Wie viele Revolutionen hat auch die in Herford mit einer Idee angefangen, die zuerst ganz harmlos wirkte.

Am 29. November 1996 ist Wolfgang Clement, damals noch nordrhein-westfälischer Wirtschaftsminister, zu Gast in Herford. Der Mann hat eine mutige Idee: Ein Haus des Möbels soll entstehen; "ein innovatives Projekt, das den Möbelstandort Herford seiner Bedeutung entsprechend überregional in Szene setzen soll". Tatsächlich sind in Herford und Umgebung seit Jahrzehnten namhafte Möbelhersteller zu Hause. Etwa das 1892 gegründete Unternehmen Poggenpohl, heute nach eigenen Angaben der bekannteste Küchenhersteller der Welt. Das "Haus des Möbels" solle zur Expo 2000 fertig sein und zum "Schaufenster der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von Stadt und Region" werden, heißt es in einem Prospekt, den die Stadt Herford 1998 veröffentlicht.

Im Juni desselben Jahres gibt der Stadtrat grünes Licht und ein Budget von 30,1 Millionen Mark für das Großprojekt frei. Das Geld soll den Grundstückserwerb und alle Baukosten decken, das Land will den Bau bezuschussen. Der Plan passt in die Zeit, in der Expo-Projekte wie Pilze aus dem Boden schießen und in Nordrhein-Westfalen immer mehr Überbleibsel des Strukturwandels - geschlossene Zechen, stillgelegte Gasometer, ausgeblasene Hochöfen - zu Kulturstandorten gemacht werden. Auch das Haus des Möbels soll in einer Industriebrache entstehen: auf dem Gelände einer alten Textilfabrik in der Herforder Goebenstraße. Die Pläne stoßen auf breite Zustimmung, das Haus des Möbels ist "nicht mehr wegzudenken", sagt der damalige Bürgermeister Gerhard Klippstein 1998.

So kann man sich täuschen.

Das Haus des Möbels ist nie eröffnet worden, nicht zur Expo im Jahr 2000 und nicht danach. Im Dezember 2006 trifft sich der Stadtrat, um "das Buch endlich zuzuklappen", wie der aktuelle Bürgermeister Bruno Wollbrink in der Sitzung sagt. Er nennt es ein Buch der Negativschlagzeilen - daneben enthält es aber auch etliche Kapitel mit Fehlkalkulationen.

Mittlerweile ist aus dem Projekt des Hauses des Möbels ein Museum geworden, das den Namen Marta trägt. Das "M" wie Möbel, "Art" wie Kunst und "A" wie Ambiente oder Architektur. Der Bau im anspruchsvollen Design ist seit 2005 in Betrieb. Und er ist deutlich teurer geworden als das geplante Haus des Möbels: Allein die Baukosten verschlangen das Doppelte der ursprünglich angesetzten Summe, nämlich 30 Millionen Euro statt der vorgesehenen 30 Millionen Mark.

Nicht nur die aus dem Ruder gelaufenen Kosten, auch das Projekt als solches und die modernistische Architektur des Gebäudes sorgten für erhebliche Unruhe in der Kleinstadt. Früher blieben die Herforder Bürgermeister über viele Jahre im Amt - doch wegen der Turbulenzen um Marta mussten in der Galerie der Stadtoberhäupter im Herforder Rathaus in kurzen Abständen gleich zwei neue Bilder aufgehängt werden: Bürgermeister Klippstein und sein Nachfolger, Thomas Gabriel, wurden abgewählt. Weil die Bürger mit den undurchsichtigen Kalkulationen nicht zufrieden waren, heißt es.

Und auch heute ist Marta noch das Hauptthema in Herford: "Ich weiß gar nicht, ob ich noch etwas zu tun hätte, wenn es Marta nicht geben würde", sagt der derzeitige Bürgermeister Bruno Wollbrink. Denn obwohl die ersten Ausstellungen besser besucht waren als erwartet, kostete auch der Betrieb des Museums die Stadt im ersten Jahr doppelt so viel Geld wie vorgesehen - nicht anderthalb Millionen, sondern fast drei Millionen Euro.

Zur Ratssitzung am 8. Dezember des vergangenen Jahres ist deswegen ein Gutachter angereist: Professor Dieter Haselbach, mit Laptop und Sparvorschlägen im Gepäck. Im stattlichen holzgetäfelten Herforder Ratssaal haben sich die Ratsmitglieder versammelt; oben auf der Galerie sitzen Bürger, die wissen wollen, wie es mit Marta weitergeht. Über den Türen des Saals prangen alte Schnitzereien, unter denen der Rat schon 1998 debattiert hatte, als es noch um das Haus des Möbels ging: ein Fuchs als Sinnbild der Klugheit und die Schnecke als Verkörperung der Bedächtigkeit. Alle Blicke richten sich jedoch auf die Leinwände im Ratssaal, auf denen die Powerpoint-Präsentation des Gutachters flackert: "Wie viel Geld braucht Marta?", fragt Professor Haselbach, klickt sich durch Tabellen, nennt Wirkungsziele, beschreibt Szenarien, diskutiert Zahlen und noch mehr Zahlen. Und kommt zu dem Schluss, dass man auf zwei Ausstellungen im Jahr verzichten müsse, um mit einem Budget von zwei Millionen Euro auszukommen, zuzüglich einer fest eingeplanten jährlichen Spende des Energiekonzerns Eon von einer halben Million Euro, die die Stadt eigentlich auch für andere Dinge ausgeben könnte.

Unter dem Strich kostet das Museum auch so immer noch fast doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Die Sparpläne umzusetzen sei "eine gewaltige wirtschaftliche Aufgabe", sagt der Gutachter und kündigt "Übergangsschmerzen" an.

Auch dem letzten Herforder wird jetzt klar: Die bisherigen Kalkulationen hatten wenig mit der Realität zu tun. Marta wird auch in Zukunft mehr Geld benötigen als angenommen. Das macht es den Herfordern nicht unbedingt leichter, Marta zu lieben. Marta ist für sie kein Teil der Stadt. Marta ist für sie vielleicht nicht einmal ein Museum. Für viele Herforder ist Marta eher eine Art Paralleluniversum.

Ein Raumschiff in der Provinz

Manchmal liegen nur wenige Schritte zwischen zwei Welten. In Herford reichen zehn Minuten, um vom Alten Markt mit seinen Renaissance-Bauten zu Marta zu laufen. Vielen ist dieser kurze Weg allerdings entschieden zu weit.

Beginnt man den Spaziergang im Zentrum, kommt man an der Münsterkirche vorbei, im Jahr 1220 wurde sie als größte Hallenkirche in Deutschland gebaut. Dann sieht man das stattliche Rathaus, einen neubarocken Bau mit erhabenen Seitenflügeln. Und dann, kurz nach dem Sparkassengebäude, erscheint etwas Unwirkliches: Eine silberne Kugel aus Edelstahl, groß wie ein Kleinwagen, thront über einem Kreisverkehr, von dem ausgehend über 153 Meter Länge silberne Buchstaben die Straßenmitte zieren.

Manche Herforder nennen die Kugel eine "Abrissbirne" - und die meisten machen spätestens hier kehrt. Die Herforder fahren lieber weiter weg, ins Multiplexkino nach Bielefeld oder in den Werre-Park, ein Einkaufszentrum, das in Bad Oeynhausen gebaut wurde. Um das Museum vor ihrer Haustür machen sie einen großen Bogen. "Dafür habe ich keine Zeit", sagt eine Taxifahrerin, die am Alten Markt auf Kunden wartet. "Was soll ich da?", fragt ein älterer Herr, der in der Fußgängerzone einen Kaffee trinkt. "Ich will da nicht rein", sagt eine Schülerin aus der zehnten Klasse. Und für die Aktivisten der Gruppe "Genug ist genug" ist Marta einfach nur ein Millionengrab, das immer mehr Geld verschlingt, das besser für Schulen und Jugendeinrichtungen ausgegeben werden sollte.

Auch den meisten Museumsbesuchern ist der Weg von der einen in die andere Welt zu weit. Sie kommen aus allen Teilen Deutschlands, aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, England, sogar aus Nordamerika und Asien. Doch einmal am Herforder Bahnhof angekommen, nehmen sie den schnellsten Weg zum Museum, vorbei an der Edelstahlkugel, die für sie keine Abrissbirne, sondern die faszinierende Statue "La Palla" vom berühmten Luciano Fabro ist, vorbei am Gedicht "Der Ball" von Rainer Maria Rilke, das die letzten Meter auf dem Weg zum Museum markiert. Ins Gästebuch des Museums tragen sie sich in ihrer Heimatsprache ein, loben die "beautiful gallery", schreiben "'t was goed" oder benutzen gleich Schriftzeichen, die in der anderen Welt vor der Museumstür niemand lesen kann.

Wenn man die Wege der Museumsbesucher und die der Herforder auf einem Stadtplan einzeichnete, gäbe es vermutlich nur einen Punkt, wo sie sich berühren: den Bahnhof. Und auch dort gehen sie getrennte Wege: Die Museumsbesucher steigen in Intercitys nach Köln, Hannover oder Dortmund, die Herforder nehmen die Bahn nach Bad Oeynhausen oder Bielefeld.

Zwei Welten, eine Kleinstadt - das ist in Herford das eigentliche Problem. "Raumschiff" oder "Insel" nennen manche das Marta abfällig, und auch der künstlerische Direktor Jan Hoet meint, "Blase" sei ein guter Begriff für das Museum, nicht nur wegen des kunstvoll geschwungenen Daches und der schrägen Fassaden des Gebäudes.

Das Wunder von Herford?

Wie konnten diese Parallelwelten entstehen, wie konnte es zu den Negativschlagzeilen kommen? Wie konnte das Projekt Haus des Möbels sich so verändern und so teuer werden?

Für Veränderung gibt es verschiedene Erklärungen. Die Entwicklung zwischen den Ratssitzungen 1998 und 2006 hat eine Menge mit zwei Männern zu tun, die den Weg vom Möbel- zum Kunsthaus begleitet und verstärkt haben: dem Star-Architekten Frank Gehry und dem künstlerischen Direktor des Museums Jan Hoet. Und sie hat mit den Vorbildern zu tun, an denen man sich in Herford orientiert hat: das Guggenheim in Bilbao und das Staatliche Museum für Gegenwartskunst in Gent.

Frank Gehry hatte gerade sein erstes Wunder vollbracht, als er das erste Mal nach Herford kam: In Bilbao hatte 1997 das von ihm entworfene Guggenheim-Museum eröffnet. Nun soll er auch in Herford für ein Wunder sorgen. "Herford und das Wunder von Bilbao" titelt die "Neue Westfälische" im März 2000 und beschreibt, wie die Reisebusse aus ganz Europa Kunst-Pilger nach Bilbao bringen und wie die Museums-Besucher in der Altstadt Tapas essen und Hotels buchen. Das Guggenheim sei "ein Glücksfall für Stadt und Region", schreibt die Zeitung. "Längst sind die Investitionskosten in Form von Umsätzen für Handel, Hotellerie und Gastronomie wieder eingespielt." Die öffentliche Investition habe hohe private Investitionen nach sich gezogen, Tausende neuer Jobs seien dank des "Gehry'schen Wunderwerks" entstanden.

Herford sei zwar nicht Bilbao und viel kleiner als die Stadt im Baskenland. Aber "das Gefühl des Abwärtstrends, das tiefe Misstrauen dem Ungewohnten gegenüber, das Fehlen des Glaubens an die Möglichkeit der Veränderung" - all das habe es in Bilbao vor dem Wunder gegeben und das gebe es auch in Herford. Zum Schluss wird eine Reisegruppe zitiert, die gerade das Guggenheim in Bilbao besucht hat: "Sagen Sie uns Bescheid, wenn Ihr Gehry-Bau fertig ist. Wir kommen sofort. Und wir werden nicht die Einzigen sein ..." Gehry, Gehry, Gehry: Es wirkt so, als würde alles zu Gold, was der Architekt berührt - inklusive Umland.

Auch Jan Hoet ist bereits ein Star, als er im Februar 2000 das erste Mal nach Herford kommt. In den Achtzigern hat er mit Ausstellungen in seinem Heimatort Gent europaweit auf sich aufmerksam gemacht. 1992 leitete er die Documenta in Kassel, in Gent hat er das SMAK - das Staatliche Museum für Gegenwartskunst - aufgebaut. Bei seinem ersten Besuch weiß er kaum etwas über Herford. Und man weiß kaum etwas über ihn: "Recherchiere mal, wer das ist", habe ihn der damalige Bürgermeister Thomas Gabriel gebeten, erinnert sich Herfords Stadtarchivar Christoph Laue. Man geht mit Hoet durch die Stadt, ins stadtgeschichtliche Museum, an der Münsterkirche vorbei und zur Goebenstraße, wo in der Brache nur zwei Ruinen stehen. Die Leere wird nur überragt von der Vision, hierhin einen echten Gehry-Bau zu setzen. All das überzeugt Hoet. "Irgendwer fragte dann: ,Können Sie sich das vorstellen?' Und Jan war begeistert und sprühte vor Ideen", sagt der Stadtarchivar. Einen Monat später besucht eine Delegation aus Herford das SMAK in Gent. Hoet weckt noch mehr Hoffnungen: "Über alle Parteigrenzen hinweg" sei man begeistert von dem Belgier, schreibt die "Neue Westfälische", und der Kommentator vom "Westfalen-Blatt" spricht von einer "einmaligen Chance". Hoet habe "ein Händchen für vielversprechende Künstler" und wolle das neue Projekt für ein relativ bescheidenes Honorar angehen - und das "direkt vor Ort" in Herford. Auf dem Foto im "Westfalen-Blatt": Jan Hoet, der fesselnde Redner, der frühere Boxer, mit geballter Faust. "Ein Museum ist ein Instrument für die ganze Stadt, es muss alle ansprechen", sagt Hoet - da weiß er noch nicht, dass das sein schwierigstes Unterfangen in Herford sein wird.

Nur Tage später, im April 2000, trifft sich erneut der Rat der Stadt. Zwei Stunden lang wird debattiert. Die Ratsmitglieder hoffen auf "Aufbruchstimmung" und darauf, "dass Kräfte freigesetzt werden für etwas, das die gesamte Stadt bewegen kann". Von Bedächtigkeit ist wenig zu spüren. Veränderung braucht eben auch Mut zum Risiko. Es wird entschieden: Für das neue Museum sollen nun schon 40 Millionen Mark bereitgestellt werden, davon mindestens zehn Millionen aus städtischen Mitteln. Obwohl der Stadtkämmerer in der Debatte "massive Bedenken" äußert, weil die Finanzierung durch Landeszuschüsse nicht sichergestellt sei. Tatsächlich muss die Stadt am Ende für den Bau 12,9 Millionen selbst zahlen - Euro wohlgemerkt.

Jan, der Außerirdische

Die Fehlkalkulationen und unrealistischen Hoffnungen auf ein Wunder sind aber nur eine Seite der Geschichte. Immerhin hat man in Herford etwas Neues gewagt. Aus Lethargie ist für eine Weile Euphorie geworden. Houts Ausstellungsprogramm ist hochkarätig. Die jüngste Ausstellung etwa, "Modernism", war zuvor in London zu sehen und ist gerade auf dem Weg in die USA. Außerhalb von Herford hat sich das schon herumgesprochen: "Je weiter man sich von Herford entfernt, umso besser wird der Ruf von Marta", sagt Bürgermeister Wollbrink in einem Gespräch mit Jan Hoet in seinem Amtszimmer. Hoet nickt zustimmend. Außerdem könne Herford sich das Museum sehr wohl leisten, sagt Wollbrink, man sei weder in der Haushaltssicherung, noch würden "irgendwelche Schlaglöcher" wegen Marta nicht repariert oder andere Einrichtungen wegen Marta geschlossen. "Fest steht, dass wegen Marta keiner leiden musste", sagt Wollbrink, "aber durch Marta ist Herford reicher geworden." Mit dem Sparbeschluss des Rates werde man nun auch im Rahmen der Kalkulationen bleiben und dennoch den künstlerischen Ansprüchen Genüge tun. Von nun an müsse endlich die Kunst im Vordergrund stehen. Hoet nickt wieder.

Wollbrink und Hoet haben sich gefunden - dabei lagen auch zwischen ihnen einmal Welten. Ihre Biografien könnten nicht unterschiedlicher sein. Kurz bevor Hoet sich mit seiner Ausstellung "Chambre d'Amis" 1986 international einen Namen macht, ist Wollbrink gerade Justizobersekretär. Als Hoet 1992 als Kurator die Documenta in Kassel leitet, hat Wollbrink gerade seine Zusatzausbildung als Gerichtsvollzieher abgeschlossen. Wer hätte gedacht, dass ein Museum namens Marta sie eines Tages zusammenschweißen würde?

Wenn Wollbrink und Hoet sich heute treffen, haben ihre Gespräche etwas Kumpelhaftes. "Jan", sagt Wollbrink; "Bruno", sagt Hoet. Sie brauchen einander: Ohne Wollbrinks Unterstützung fehlt Marta der politische Rückenwind und das Geld - und ohne Hoet fehlt Marta der Inhalt. Hoet verkörpert auch die Hoffnung, dass sich eines Tages auch die Herforder für ihr Museum erwärmen. "Leute begeistern - das kann er", sagt Wollbrink. "Wenn 200 Leute vor ihm sitzen, die negativ eingestellt sind, dann hat er sie nach einer Stunde überzeugt." Und Hoet sagt: "Ich weiß: Irgendwann macht es bei den Leuten klick."

Im Museum kann man beobachten, wie es klick macht. Dort trifft man Jan Hoet, wenn er durch den imposantesten Ausstellungsraum, den nach oben gestreckten "Dom" spaziert und spontan eine Führung gibt - dann redet er und redet, seine Stimme ist vom Rauchen und vom belgischen Akzent knarzig-weich. Er gestikuliert, geht auf die Menschen zu, sucht ihre Augen, spannt mit seinen Blicken eine Verbindung von sich zu den Besuchern, zwischen den Besuchern und der Kunst. Und nach einer Führung wirkt es, als seien die Besucher eingewickelt von all den Verbindungen, die Hoet um sie gelegt hat wie ein Spinnennetz - jetzt können sie Hoet und der Kunst nicht mehr entkommen. Man trifft Hoet, wenn er im Museumscafé bei einer Sprite mit Eis sitzt und mit Künstlern diskutiert oder mit Heiner Wemhöner, dem Unternehmer des Jahres in Ostwestfalen-Lippe 1999 und Geschäftsführer von Wemhöner Surface Technologies. Hoet hat einen guten Draht zu denen, die das Geld haben, das Marta so dringend braucht; sie mögen ihn und er mag sie.

Hoet spannt die Verbindungen zu Besuchern, Künstlern, Politikern, Unternehmern, und im Zentrum seines Netzes liegt sein Museum. Ohne Hoet fehlte Marta der Mittelpunkt, das Gravitationszentrum, um das sich alles dreht und das alles beschleunigt.

"Ich habe Feinde", sagt Hoet irgendwann in einem Nebensatz. Wer sind die Feinde? Die, die gar nicht erst kommen, sondern ein Urteil fällen, bevor sie Marta und Jan getroffen haben. Dabei versucht er alles, um die Herforder für die Kunst zu begeistern: Er organisiert Ausstellungen in der Innenstadt - ganz nach dem Motto: Wenn die Leute nicht zur Kunst kommen, muss die Kunst zu den Leuten kommen. Er stiftet Bücher für die Museumsbibliothek und schließt einen in der Branche einzigartigen Werkvertrag mit dem Museum: Wenn er sein Ausstellungs-Budget in Zukunft ohne Genehmigung überzieht, muss er persönlich haften. Und als die Kritik im Sommer 2006 mal wieder hochkochte, schreibt er einen offenen Brief an die Herforder: "Wir spielen längst in einer internationalen Liga, auch wenn viele Herforder das so noch nicht wahrgenommen haben." Jetzt solle auch mal über die andere Seite gesprochen werden, über das durch das Museum gestiegene Renommee der Stadt und deren gewachsenen Bekanntheitsgrad. Dann endet er mit einer herzlichen Einladung an die Bürger Herfords, Marta endlich zu besuchen: "Ich habe immer noch nicht den Mut verloren."

Er wolle nicht den Hut nehmen und aufgeben, sagt Hoet. Leute, die ihn gut kennen, wissen, dass selbst er manchmal zweifelt. Er selbst sagt, es sei natürlich anstrengend, gegen Widerstände anzukämpfen. Aber er sei sie gewohnt und habe die Auseinandersetzung nie gescheut, die vielen Veränderungen vorausgeht: Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte, bis Hoet die Politiker in Gent überzeugt hatte, das SMAK einzurichten. Dabei hatte er Rückenwind von den Bürgern. In Herford ist es umgekehrt: Hier muss Hoet die Bürger überzeugen - die Rückendeckung der Politiker ist ihm inzwischen sicher.

Vielleicht wird Marta ja zum Alleinstellungsmerkmal der Stadt

Industriebrachen kann man verändern, indem man dort etwas Neues baut. Aber Einstellungen und Identitäten? Die Herforder seien bodenständig und neuen Dingen gegenüber skeptisch, sagt ihr Bürgermeister Wollbrink. "Man ist hier zurückhaltend gegenüber Veränderungen", sagt auch Museumsdirektor Hoet, "und Marta ist eben ein Signal für Veränderung."

Aber es gibt Hoffnung. "Ich glaube, dass vor allem die jungen Menschen merken, dass da eine Chance steckt", sagt Wollbrink. Die Wirtschaft soll sich stärker an den Ausstellungen beteiligen. Und es gibt Gerüchte, wonach sich schon bald ein Investor für das leere Kaufhaus-Gebäude in der Innenstadt finden könnte weil das "Alleinstellungsmerkmal" Marta die Stadt für die Wirtschaft interessant macht. Mit dem Slogan "Mittelalter trifft Moderne" will man die beiden Welten endlich verbinden und Museumsbesucher auch in die historische Innenstadt locken. Und wenn die Herforder das Neue einmal für sich entdeckt hätten, stünden sie auch dahinter, glaubt Bürgermeister Wollbrink.

Veränderungen brauchten in Herford schon immer eine Weile, bis sie akzeptiert wurden. Wie Frank Gehrys Museum ging es im vorvergangenen Jahrhundert dem neuen Rathaus-Bau. Nach langem Hin und Her war Ende des 19. Jahrhunderts das Altstädter Rathaus, ein Renaissance-Bau, abgerissen worden. Ein neubarocker Neubau sollte her. Der kostete am Ende 1 119 48 Mark und 92 Pfennig - und damit etwa 50 Prozent mehr als geplant. Aber nur wenige Jahre nachdem das Jahrhundertbauwerk fertig war, waren die Kosten vergessen und die Herforder von ihrem neuen Rathaus begeistert.

Mit Marta könnte es ihnen irgendwann ähnlich gehen. -

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