Ausgabe 01/2007 - Schwerpunkt Selbstständigkeit

Wir gründen gern

- "Böse Kapitalisten." Annette Schömmel wiederholt es mehrere Male während des Telefongespräches. "Manchmal kommt man sich in Deutschland wie der böse Kapitalist vor, dem Behörden und Beamte Grenzen setzen müssen." Die 40-jährige Unternehmerin spricht aus Erfahrung: Sie hat 1996 mit ihrem Geschäftspartner Thomas Sevcik den Think Tank Arthesia in Berlin gegründet - und verließ mit ihrer Firma nach einigen Jahren die Stadt, die ihr zu wirtschaftsfeindlich war.

Arthesia entschied sich für Zürich. Nicht nur, sagt Schömmel, weil dort die Arbeitsgesetze flexibler und unternehmerfreundlicher seien. "In der Schweiz", sagt sie, "sieht sich der Staat als Partner und Dienstleister der Unternehmer."

So ist eine Firma dort mit wenigen Mausklicks vollständig registriert. Eintrag in das Handelsregister, Anmeldung bei der Mehrwertsteuerbehörde, Sozialversicherungen abschließen - der Online-Schalter Kmuadmin.ch, ein offizielles Angebot der Schweizerischen Bundesverwaltung für Gründer, hat sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet. 48 Stunden nach der Eingabe der Daten ist die Unternehmensgründung fertig.

Seit das Portal im Februar 2004 online gegangen ist, sind fast 11 000 Benutzerkonten eröffnet worden, sagt Christian Weber, Leiter der Task Force KMU im Staatssekretariat für Wirtschaft. Es habe in der gleichen Zeit mehr als 34 000 Handelsregisteranmeldungen gegeben, Tendenz leicht steigend. Auch die Unternehmensgründungen in der Schweiz nehmen zu. Das Wirtschaftsblatt "Cash daily" meldete unter dem Titel "Ein einig Volk von Firmengründern", dass in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 12 500 Jungunternehmen gegründet wurden. Start-ups schaffen derzeit die Rekordzahl von 40 000 Stellen. Laut einer Statistik des Arbeitgeberverbands arbeitet bereits jeder 20. Erwerbstätige für ein Jungunternehmen. Und auch dort, wo Gründer sich Rat holen, steigt die Nachfrage. Zum Beispiel beim Start Unternehmenszentrum in Zürich, einer Art Joint Venture von Privatwirtschaft und Staat. Der dortige Projektleiter Roger Baumann sagt: "Statt der geplanten 200 Beratungen werden wir 2006 weit mehr als 300 gemacht haben."

In der Schweiz arbeiten bereits 14 von 100 Erwerbstätigen für ihr eigenes Unternehmen. Mit dieser Quote liegen die Eidgenossen deutlich vor ihren Nachbarn Österreich (11,8 Prozent), Deutschland (11,2 Prozent) und Frankreich (9,8 Prozent). Insgesamt zählte die Schweiz 2005 dem Bundesamt für Statistik zufolge landesweit 557 000 Selbstständige. Jahr für Jahr melden sich rund 30 000 Gründer beim Handelsregister an; die Hälfte davon als Einzelunternehmung.

Einer dieser neuen Einzelunternehmer ist Olivier J.Araki.Seit Anfang November arbeitet der 33-jährige Zürcher Rechtsanwalt in einem unscheinbaren Wohn- und Bürogebäude neben einem Kino mitten in der Stadt. Noch vor kurzem war Araki bei einer renommierten Wirtschaftskanzlei angestellt - bis er sich für die Selbstständigkeit entschied. "Ich liebe den unternehmerischen Aspekt, will mein eigener Chef sein und meine eigene Geschäftsstrategie verfolgen", sagt er.

Damit gehört er zum klassischen Typus, der sich in der Schweiz selbstständig macht. Denn anders als etwa in Deutschland, sagt Projektleiter Baumann vom Unternehmenszentrum, "gründen 80 Prozent der Firmengründer in der Schweiz ihr Unternehmen nicht aus einer Not heraus." Und das, obwohl der Staat - anders als in Deutschland - so gut wie keine Fördergelder ausschüttet. Finanzielle Starthilfe vom Staat erhalten Firmengründer nur dann, wenn sie sich aus einer Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen. "Immer wieder muss ich Interessenten enttäuschen", sagt Roger Baumann, "und sie an die drei F verweisen: Family, Friends und Fools."

Der Rechtsanwalt Araki kam ohne sie aus. Als Startkapital diente einzig sein Erspartes. Eine andere Möglichkeit einer Anschubfinanzierung wäre gewesen, sich einen Teil der Altersvorsorge ausbezahlen zu lassen, die sogenannte Pensionskasse oder zweite Säule. Die erste Säule ist eine obligatorische Rentenversicherung, die das Existenzminimum im Alter sichern soll.

Die Pensionskasse funktioniert - wie die Rürup- und Riester-Rente - nach dem Kapitaldeckungsverfahren: Der Arbeitnehmer finanziert mit seinen Beiträgen nicht den Lebensunterhalt der derzeitigen Rentner, sondern spart für seinen eigenen Ruhestand. Auch diese zweite Säule ist in der Schweiz obligatorisch: In die Kasse zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber - je nach Arbeitgeber und abhängig von Alter und Geschlecht des Arbeitnehmers - monatlich zwischen einem und elf Prozent des Bruttogehaltes ein. Gemäß dem Gesetz über die berufliche Vorsorge kann man dieses Geld aus drei Gründen bereits vor dem Ruhestandsalter beziehen: wenn man Wohneigentum kauft, wenn man auswandert oder wenn man sich selbstständig macht.

Weniger Steuern, flexibleres Arbeitsrecht: Für deutsche Gründer ist die Schweiz attraktiv

Die 33-jährige Moderatorin Mireille Jaton aus Zürich lebt heute vorwiegend davon, durch Firmenfeiern und andere Events, wie etwa die Geburtstagsparty von Franz Beckenbauer, zu führen. Bis vor einem Jahr war dies nur eine Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich stand sie für das französischsprachige Schweizer Fernsehen vor der Kamera. Dann, im Dezember 2005, kam das Aus. Ihre Sendung wurde eingestellt, Jaton verlor ihren TV-Job. Sie machte aus der Not eine Tugend und ihre Nebenbeschäftigung zum Hauptberuf. "Eigentlich habe ich gar nichts gemacht - und plötzlich war ich selbstständig", sagt sie. Heute gilt sie als Einzelunternehmerin. Während der Aufbauphase ihrer Firma wurde sie von der Arbeitslosenversicherung unterstützt: Sie erhielt für viereinhalb Monate ein Gehalt - ohne dass sie sich um eine neue Stelle bemühen musste. "Taggelder für die Planungsphase" nennt sich das im Gesetzesjargon. Ehemals arbeitslose Gründer können es bis zu 90 Werktage erhalten. Glückt das Projekt Selbstständigkeit, werden die Zahlungen eingestellt. Scheitert es, erhält der Empfänger weiterhin Arbeitslosengelder, muss sich aber wieder auf Jobsuche begeben.

Die "Taggelder für die Planungsphase" scheinen ein Erfolgsrezept zu sein. Im vergangenen Jahr wurden 3017 Arbeitslose in der Schweiz damit gefördert, sagt Donato Ponzio von der staatlichen Zürcher Fachstelle für Selbstständige: "70 Prozent davon sind nach einem Jahr immer noch selbstständig." Dem Rest gelingt die Existenzgründung nicht. Über eine Dreijahresperiode betrachtet, liegt die Erfolgsquote bei 50 Prozent.

Dennoch ist das Interesse an Unternehmensgründungen ungebrochen. Dies spürt ganz besonders das Start Unternehmenszentrum in Zürich. Das Zentrum, ein sogenannter Inkubator, unterstützt Firmengründer in der Konzeptphase, überprüft Businesspläne und hilft bei rechtlichen Fragen. Die zweistündige Erstberatung ist kostenlos. Die Nachfrage nach dem Service boomt, die Beratersind ständig ausgebucht. Vor allem das Interesse aus Deutschland wächst schnell und unaufhörlich, wie die Telefonisten im Start Unternehmenszentrum täglich erleben. "Bei jedem sechsten Anruf leuchtet eine 0049-Nummer auf dem Telefon-Display auf", sagt der Projektleiter Baumann. Verglichen mit dem Vorjahr habe sich die Zahl verdoppelt.

Kein Wunder: Weniger Bürokratie, weniger Steuern (die je nach Kanton unterschiedliche Unternehmenssteuer beträgt in der Schweiz im Schnitt 21,3 Prozent, in Deutschland dagegen rund 40 Prozent) und das flexible Arbeitsrecht machen die Schweiz für deutsche Unternehmer attraktiv. Und die Liebe beruht auf Gegenseitigkeit.

Die Schweizer Bürokratie kostet Unternehmen nur halb so viel Zeit wie die deutsche

Mit Existenzgründerseminaren in Deutschland wirbt die Schweiz für sich: Flankiert von Schweizer Steuerberatern und Delegierten von Banken und Kantonen, preist ein Dutzend Schweizer Beamte niedrige Lohnnebenkosten und Steuern in der Schweiz ebenso an wie die gut qualifizierten Arbeitnehmer.

Einer von 100 Teilnehmern eines solchen Seminars in Hamburg war Stefan Kehlenbeck. Die Teilnahmegebühr von 1603 Euro hat sich gelohnt, nicht nur wegen des 100 Seiten starken Ordners, den er für den Heimweg mitbekommen hat. "Seit dem Seminar erhalte ich regelmäßig Anrufe und werde nach dem Stand der Dinge gefragt", sagt der 31-jährige SAP-Consultant. Zusammen mit einem Schweizer und einem deutschen Kollegen will sich Kehlenbeck selbstständig machen und eine Schweizer Aktiengesellschaft gründen. Nun seien bereits die Wirtschaftsförderer mehrerer Wirtschaftsregionen der Schweiz hinter ihnen her.

In die Schweiz zieht es das Trio, weil dort viele zukünftige Kunden sind - und weil Michael Liebig, einer der Teilhaber, weiß, wie aufwendig eine Gründung in Deutschland ist. Vor 15 Jahren gründete er eine GmbH in Karlsruhe. Mehrere Gänge zum Notar waren nötig, Geschäftsführerverträge mussten vorgelegt werden, die Handelskammer musste seine Anmeldung prüfen - ein zweibis dreimonatiger Gründungsakt.

Diesen im Vergleich zur Schweiz bedeutend größeren Aufwand muss ein Unternehmer in Deutschland auch nach der Gründung treiben: Dem Schweizer Magazin "Die Volkswirtschaft" zufolge verschlingt die Bürokratie in Deutschland in jedem Unternehmen im Schnitt 121,46 Stunden im Monat, während es in der Schweiz weniger als die Hälfte sind, nämlich 54,5 Stunden.

Ganz ohne administrativen Aufwand kommen aber auch die Schweizer nicht aus. So müssen Einzelunternehmen sich eintragen lassen, sobald sie die 100 000-Franken-Umsatzgrenze überschreiten. Mit dem Eintrag verbunden sind bestimmte Regeln für die Buchführung.

Für den Schweizer Selbstständigen Pflicht: die Rentenversicherung

Was sich für Rechtsanwalt Araki ändert, sind die Sozialversicherungsabgaben: Für die sogenannte erste Säule der Altervorsorge zahlt er fast zehn Prozent seines Einkommens in die staatliche Kasse, sofern er im Jahr mehr als 51 600 Franken (32 477 Euro) verdient. Bei niedrigerem Einkommen gelten geringere Beitragssätze. Im Angestelltenverhältnis wurden ihm fünf Prozent abgezogen; der Arbeitgeber steuerte den gleichen Betrag bei. Gegen Arbeitslosigkeit ist Araki als Selbstständiger nicht mehr versichert, und die bereits erwähnte zweite Säule der Altersvorsorge ist für ihn nicht mehr obligatorisch.

Nicht umgehen kann der Anwalt die Mehrwertsteuerpflicht. Sie gilt für alle Selbstständigen, die mehr als 75 000 Franken im Jahr umsetzen, und sie bedeutet ebenfalls einen höheren Buchführungsaufwand. Noch aber ist Araki nicht so weit.

Von den acht Schubladen für Hängeregister im schwarzmetallenen Büromöbel ist erst eine beschrieben: "Kunden". Das könnte sich bald ändern: Auf dem Glastisch, der den Raum dominiert, liegt aufgeschlagen juristische Literatur. Nach erst einer Woche Selbstständigkeit steht bereits der erste Gerichtstermin mit einem Klienten bevor. Geht es so weiter, wird es nicht lange dauern, bis Araki mindestens eine weitere Schublade braucht: für die Mehrwertsteuer. -

Mehr aus diesem Heft

Selbstständigkeit

Der Unbeugsame

Seit 35 Jahren kämpft Hans-Wolff Graf für mehr Selbstständigkeit in Deutschland. Das ist keine Mission, die einen zum Sympathieträger macht.

Lesen

Selbstständigkeit

Fürsorgliche Entmündigung

In Deutschland soll niemand gegen seinen Willen seine Selbstständigkeit verlieren. So steht es im Gesetz. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Lesen

Idea
Read