Ausgabe 01/2007 - Was Unternehmern nützt

Was ist eigentlich: ... EIN STEUERBERATER?

- Im Haus der Steuerberater in Berlin steht ein lebensgroßer Bär aus Kunststoff. Statt Honig trägt er Wirtschaftszeitungen unter dem Arm und um seinen Kopf schwirren nicht Bienen, sondern rätselhafte Abkürzungen wie ErbStRG, UStG und GrEStG. Es ist der "Steuer-bär-ater" der Bundessteuerberaterkammer, und vielleicht soll er symbolisieren, dass ein Steuerberater stark wie ein Bär sein muss - jedenfalls im Umgang mit Paragrafen. Denn was man von Steuergesetzen gewöhnlich weiß, ist, dass sie ein ziemliches Wirrwarr sind und alle Versuche, eine Steuererklärung auf einem Bierdeckel unterzukriegen, zum Scheitern verurteilt.

Was tun, wenn etwas zu komplex ist, um es mit wenigen Worten zu erklären? Für diesen Fall bieten sich Vergleiche an. Steuerberater vergleichen immer - ganz gleich, ob man mit der Hauptgeschäftsführerin der Bundessteuerberaterkammer Nora Schmidt-Keßeler über den Berufsstand spricht oder Steuerberater nach ihrer Arbeit fragt. Sie vergleichen ihren Job mit anderen Berufen, um zu erklären, wie sie arbeiten. Das hat einen guten Grund: Steuerberater müssen schon von Berufs wegen Meister der Vereinfachung und damit auch der Vergleiche sein. Allein daran, wie gut ein Steuerberater komplexe Zusammenhänge erklären kann, erkennt der Laie, ob ihm ein Profi gegenübersitzt.

Für manche ist der Steuerberater so wichtig wie der Hausarzt. Wie ein Holzfäller den Wald soll der Steuerberater das Paragrafendickicht für seinen Mandanten lichten und wie ein Dolmetscher komplizierte Steuervorschriften vom Amtsdeutsch ins Hochdeutsche übersetzen. Wie der beste Freund will er in Heirats-, Scheidungs- und Nachwuchspläne eingeweiht werden, und wie ein Psychologe soll er intuitiv ein Gefühl für die Probleme seiner Mandanten entwickeln. Wie ein Jäger soll er nach saftigen Fördertöpfen und Subventionen jagen und gleichzeitig wie ein Gejagter nach Schlupflöchern, pardon, Steuersparmöglichkeiten suchen.

Am Anfang steht die Suche nach dem passenden Berater. Inzwischen gibt es davon knapp80 000 in Deutschland, und ihre Zahl wächst weiter. Rund drei Viertel sind Einzelkämpfer, doch ihr Anteil sinkt. Immer mehr Steuerberater arbeiten als Angestellte in Beratungsfirmen oder organisieren sich als Partnergesellschaft oder Sozietät. So wie Sigurd Butenschön und sein Sohn Carsten in Berlin oder die beiden Partner Wolf-Ingo Müller und Alfred Ciesla in Hamburg, die sich auf Freiberufler spezialisiert haben. Die Spezialisierung ist auch das erste Suchkriterium: Als unabhängiger Architekt, Designer oder Schauspieler sollte man sich einen Berater suchen, der sich mit freien Berufen gut auskennt; als Bäcker oder Friseur einen Spezialisten für das Handwerk. Dabei helfen die Suchdienste auf den Internetseiten der Steuerberaterverbände. Besser ist es allerdings, man erkundigt sich bei Kollegen, welchen Berater sie empfehlen können. Passt der Berater zur eigenen Branche und hat er einen guten Ruf, stehen die Chancen gut, dass sich auch Kriterium Nummer drei einstellt: das Vertrauen.

"Wenn kein Vertrauensverhältnis da ist, kann man nicht beraten", sagt Steuerberater Wolf-Ingo Müller, der seit 30 Jahren im Geschäft ist. Der Mandant muss sich darauf verlassen können, dass sein Berater mit allen Informationen sorgfältig umgeht und ihn gut berät, "schließlich kann man als Laie zwar die Termintreue und die Transparenz, nicht aber die fachliche Qualität des Beraters messen", ergänzt der Berater Butenschön junior. Umgekehrt muss der Steuerberater seinem Mandanten vertrauen können, dass dieser seine Verhältnisse offenlegt, also wie beim Arzt "die Hosen runterlässt", sagt Steuerberater Alfred Ciesla. Denn in der Regel begleiten die Berater ihre Mandanten über Jahre, wenn alles gut läuft, das ganze Leben und auch bei allen wichtigen Entscheidungen - ob Heirat, Hauskauf oder Testament.

Ob man zueinander passt, merkt man oft schon im ersten Gespräch, das manche Steuerberater kostenlos anbieten. Beim ersten Treffen sollte geklärt werden, ob und wofür der Steuerberater überhaupt gebraucht wird. Klassische Aufgaben des Steuerberaters sind laut Steuerberatungsgesetz die Beratung und Vertretung seiner Mandanten in Steuersachen, die Bearbeitung ihrer Steuerangelegenheiten und die Hilfestellung bei der Erfüllung ihrer Steuerpflichten. Schon wenn es um die jährliche Steuererklärung geht, kann der Berater eine lohnende Hilfe sein. Das Grundformular zur Einkommensteuererklärung lässt sich zwar inzwischen am eigenen PC ausfüllen. Aber erstens kann das kaum jemand perfekt, sagt Nora Schmidt-Keßeler. Und zweitens ist es mit dem Ausfüllen meist nicht getan: "Die wirkliche Herausforderung ist doch, zwischen den Zeilen zu lesen und zu erkennen, welche Ausgaben man berücksichtigen kann", sagt Steuerberater Ciesla. "Zum Beispiel die Aufwendungen für die Altersvorsorge, die durch das Alterseinkünftegesetz neu geregelt wurden, oder die Kosten für haushaltsnahe Dienstleistungen - wie beispielsweise den Fensterputzer."

Außerdem ändern sich die Steuergesetze ständig: Ab 2007 wird zum Beispiel die Abzugsfähigkeit für das "häusliche Arbeitszimmer" fast gänzlich gestrichen, der Kinderfreibetrag wird nur noch bis zum 25. Lebensjahr des Kindes gewährt, und der Sparerfreibetrag sinkt auf fast die Hälfte. Die Kosten fürs Pendeln auf den ersten 20 Kilometern können nicht mehr als Werbungskosten geltend gemacht werden. All das weiß ein guter Steuerberater bereits, wenn die Gesetzesentwürfe im Bundestag besprochen werden, und kann deswegen vorausschauend planen.

Wer nicht angestellt ist, hat weitere Steuerpflichten, muss unter Umständen regelmäßige Umsatzsteuervoranmeldungen abgeben und kann vom Finanzamt zu Steuervorauszahlungen verpflichtet werden, die sich am Gewinn der vergangenen Jahre orientieren. Wer nicht aufpasst, kann sich schnell verkalkulieren. Da ist der Steuerberater gefragt: "Angenommen, wir sehen an den Zahlen, dass die Gewinne explodieren, aber der Mandant zahlt immer noch so wenig Steuern wie im Jahr davor. Dann reden wir mit dem Mandanten über die Nachzahlungen, die er zu erwarten hat und empfehlen: Stopp, leg schon mal einen Teil des Gewinns zurück", sagt Steuerberater Ciesla.

Neue Steuergesetze? Ab zur Fortbildung!

Neben ihren originären Aufgaben im engeren Sinne treten Steuerberater mehr und mehr in Konkurrenz zu Unternehmensberatern, Gründungsberatern, EDV-Beratern oder Mediatoren. Dann bieten sie sogenannte mit ihrem eigentlichen Beruf "vereinbare Tätigkeiten" an, die unter Umständen die eigentliche Steuerberatung sinnvoll ergänzen. Hier macht sich die Spezialisierung eines Steuerberaters besonders bemerkbar. Alfred Ciesla weiß zum Beispiel, wo es welche Fördertöpfe für Filmemacher gibt und kennt sich mit Gema, VG Wort und Künstlersozialkasse besonders gut aus.

Um selbst nicht den Überblick zu verlieren, sind die Steuerberater zur regelmäßigen Fortbildung verpflichtet. Carsten Butenschön aus Berlin schätzt, dass seine Steuerberatungsgesellschaft rund 35 000 Euro pro Jahr in die Fortbildung aller Mitarbeiter steckt - er selbst verbringt 20 Tage auf Tagungen. Wolf-Ingo Müller und Alfred Ciesla haben zusätzlich mit anderen Beratern Arbeitskreise gegründet, in denen sie aktuelle Urteile und neue Bestimmungen diskutieren. "Wie die Ärzte liefern Steuerberater eine hochwertige Dienstleistung. Wie die Gesundheit des Patienten ist auch das Vermögen des Mandanten ein hohes Gut", sagt Nora Schmidt-Keßeler von der Kammer. "Deswegen muss der Steuerberater eigentlich alle Steuergesetze kennen und wissen, was an Gesetzesänderungen zu erwarten ist."

Das ist auch aus einem anderen Grund wichtig: Jeder Steuerberater haftet für alle Aufstellungen, die er erstellt, ebenso wie für die Empfehlungen, die er ausspricht, und solche, die er unterlässt, obwohl sie für den Mandanten vorteilhaft wären. Weil solche Fehler zu Millionenschäden führen können, sind die Steuerberater verpflichtet, eine Berufshaftpflicht-Versicherung abzuschließen - ungefähr so wie ein Seiltänzer, der in ein kaum sichtbares Sicherungsseil eingehakt ist. Tatsächlich haben die wachsende Komplexität von Gesetzen und Urteilen und die Ausweitung der Tätigkeitsbereiche des Steuerberaters dazu geführt, dass auch die Schadensfälle zunehmen. Statistiken des Versicherers Gerling zufolge meldet jeder Steuerberater alle fünf bis sechs Jahre einen Haftungsfall. Bei Gerling hat sich die Schadenszahl von 1992 bis 2001 fast verdoppelt: Der durchschnittliche Aufwand pro Fall ist von etwa 4000 auf fast 10 000 Euro gestiegen. Oft werden Beratungsfehler allerdings erst nach Jahren bemerkt - dementsprechend hoch dürfte die Dunkelziffer sein.

Schlechtes Gefühl? Wechseln!

Wer meint, schlecht beraten zu sein, sollte den Berater im Zweifel wechseln. Schließlich ist die Beratung nicht ganz billig. Wenn Steuerberater betriebswirtschaftlich beraten, sollte man einen Beratungsvertrag abschließen. Bei der eigentlichen Steuerberatung richten sich die Gebühren nach der Steuerberatergebührenverordnung. Die Anfertigung einer Einkommensteuererklärung mit Einkünften von etwa 65 000 Euro kann zwischen 112 und 673 Euro kosten. Wie viel es am Ende ist, hängt auch davon ab, welche Vorarbeit der Mandant geleistet hat. In jedem Fall kann der Berater schon am Anfang sagen, wie teuer die Beratung ungefähr sein wird. Das sei nicht anders als beim Kfz-Mechaniker, sagt Ciesla. "Der muss auch einen Kostenvoranschlag machen."

Ob es Kfz-Mechaniker gibt, die sich mit Steuerberatern vergleichen? Oder mit Tieren? Wohl kaum. Steuerberater schon. Wenn sie im Umgang mit Paragrafen bärenstark sind, entpuppen sie sich für ihre Mandanten am Ende vielleicht auch als richtige Goldesel. Aber nur dann. -

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