Ausgabe 01/2007 - Markenkolumne

Pause

- Bevor ich mich mit überhaupt nichts anderem mehr beschäftigen kann als der Armut und dem Elend, dem Reformstau und dem Plan, aus der sozialen Hängematte ein soziales Sprungbrett zu basteln, weil die Lage in Deutschland so schlimm ist, wie es sich Politiker, Lobbyisten und Leitmedien nur vorstellen können, weshalb sie uns immer dringlicher auffordern, unser Land, unsere Kultur und unseren Wohlstand zu retten, bevor ich also, kurz gesagt, mein Leben aufgebe, um etwas zu erhalten, was Leute für wichtig halten, die noch nie auch nur eine einzige Sache getan haben, die ich respektieren kann, höre ich lieber Musik, die mich leicht macht und warm hält, oder denke über die Liebe nach, wie sie entsteht, wächst und sich verändert. So stehe ich wieder im Plattenladen, Buchladen, Mediengeschäft, spreche mit Fremden oder uralten Freunden und wundere mich, wie es sein kann, dass immer noch so vielen Menschen so viel einfällt. Die Welt ist so voll. Und trotzdem reckt sich in jeder Sekunde eine kleine, neue Idee hervor. Wie ist das möglich?

Manchmal ist das Einkaufen nicht so schön. In der neuen Lebensmittelabteilung der Galeria Kaufhof am Berliner Alexanderplatz spürte ich den leisen Wind der Zerstörung. Die Waren sind dort in Regalen bis an die Decke gestapelt, und die Decke ist in diesem Kaufhaus sehr hoch. Es gibt alles, was man nicht kennt, Marmelade aus Ungarn und Chutney aus Österreich, Käse aus Sardinien und Pasten aus Sizilien, überhaupt Pasten, ein fantastisch großer Anteil des Angebots befindet sich in Gläsern und ist halb flüssig bis streichfähig, Leckereien für die Hipp-Generation. Aber vor allem ist alles: überraschend - vermutlich, weil das mit exklusiv verwechselt wird. Früher hatte ich beim Anblick geballter Exotica das Gefühl, mich umwehte der zarte Hauch des Wahnsinns, aber inzwischen ist es eher, als fände auf den Regalen ein Krieg statt, Ware gegen Ware, mit mir, dem Kunden, als Kollateralschaden. Ein Verkäufer an einem Stand voller Käse, den nie zuvor ein Mensch erblickt hatte, sagte: "Unsere Kunden gehen eigentlich lieber im Biomarkt einkaufen, denen ist das hier zu unübersichtlich. Und dabei ist das Absicht, die Unübersichtlichkeit."

Der Mensch als konsumierendes Geschöpf ist eine neue Entwicklung: Noch im 19. Jahrhundert gab es kaum etwas zu kaufen, im Angebot waren in der Regel überraschungsfreie Produkte wie Kartoffeln oder Kohl. Das änderte sich erst im vergangenen Jahrhundert, doch dann ging alles ganz schnell: Nach wenigen Jahrzehnten raste das Angebot an der Nachfrage vorbei, und so suchten die Produzenten ihr Heil im Marketing. Das ist bekannt, wie auch, dass der Lärm seitdem zunimmt, nicht nur in den Supermärkten, auch in der Kultur, in den Medien, auf der Straße, im Internet - die Welt hat sich der Lautstärke des Marketings angepasst. Das gehört zur multioptionalen Gesellschaft, die ganz langsam unser aller Leben erschlägt und inzwischen sogar die Kinder erwischt: Wer heute fünf und mit wohlhabenden Eltern versehen ist, lädt zu seinem Geburtstag vier Wochen vorher ein, denn schließlich haben alle Freunde ihre Termine, Reiten, Sport, Therapeut, Kurzurlaub, Computerkurs, und so blättern vor dem Kindergarten die Eltern in den Agenden ihres Nachwuchses auf der Suche nach Zeitfenstern.

Ich will das Meer der Möglichkeiten nicht verdammen, das sich in wenigen Jahrzehnten entwickelt hat, es ist mir viel lieber als der alte Tümpel der Engpässe. Nur: Über einen See zu schippern erfordert andere Fähigkeiten, als einen Ozean zu überqueren. Vor kurzem sagte Robbie Williams im Schweizer "Magazin" über George Michael: "... George habe ich mal gefragt: 'Warum brauchst du immer so lange, bis ein neues Album kommt?' Er sagte: 'Weil nichts passiert ist. Ich bräuchte mal frei, damit etwas passieren kann, über das ich schreiben kann.'" Das ist keine Beschwerde eines privilegierten Künstlers, sondern ein echtes Problem: Wer kreativ sein will, braucht Zeit - vor allem, um nichts zu tun. Die Leute, die glauben, Kreativität bestehe zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration, haben keine Ahnung. Sicher: Ist die Idee erst mal da, kostet ihre Ausarbeitung Mühe. Aber das Wichtigste ist die Idee, und die entsteht nicht durch Arbeit. Im Gegenteil: Je mehr man sich anstrengt, umso weniger fällt einem ein. Deshalb haben viele Menschen vor ihrer Karriere so viele Ideen und später, in der ewigen Hast des Alltags, keine mehr - der Fortschritt entsteht in der Pause.

Leider steht gegen diese schlichte Tatsache ein Grundsatz unserer Gesellschaft: Es muss etwas passieren. Die Wirtschaft muss wachsen, der Mensch arbeiten, die Welt sich ändern. Nichtstun geht nicht: Im Job sowieso nicht, der Chef wird dich hassen und wenn nicht, übernehmen das die Kollegen, doch selbst im Privatleben ist Müßiggang tabu - wer nichts Interessantes tut, hat keine Freunde. Weil, wie es heißt, der Mensch ein aktives Wesen sei. Und das stimmt auch.Einerseits.

Andererseits geschieht alles in Zyklen: Muskeln, die sich entwickeln sollen, brauchen neben Trainingszeiten auch Ruhezeiten. Ein Eisprung findet einmal im Monat statt, nicht jeden Tag. Auf die Flut folgt die Ebbe. Nur wir leben nicht so. Denn wir haben 24 Stunden Licht, 24 Stunden TV, 24 Stunden Action. Selbst Schlafen ist nicht mehr zweckfrei, sondern dient der Regeneration des Körpers, der Arbeitskraft. Läden ohne Platz für Ideen, Arbeit ohne einen Raum jenseits des Funktionierens, Politik ohne Zeit zum Denken, Freizeitangebote ohne Ende, und alle reden durcheinander, alles ist ganz dringlich, jetzt ist der letztmögliche Zeitpunkt, hier sind die Optionen, los, tu es, sonst ist es zu spät. Keine Atempause. Und nun? Was nun? -

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