Ausgabe 01/2007 - Schwerpunkt Selbstständigkeit

Der wahre Moment

- In Mfundos Welt liegt es im Wesen der Dinge, dass sie verschwinden. Es war nie anders, seit er denken kann. Alles, was von Wert ist, wird in Mfundos Welt früher oder später gestohlen, zerschlissen, zerstört. Und von Wert ist alles: Autos, Elektrogeräte, Schmuck sowieso, aber auch Baumaterial, Werkzeug, Kleidung, Geschirr, Lebensmittel, Spielsachen, selbst Schrott. Nur der Wert des Menschen ist gering, weshalb die Menschen, die in Mfundos Welt verschwinden, im Zweifelsfall nicht an anderer Stelle wieder auftauchen, sondern für immer verschwunden bleiben.

Mfundo Somdyala ist 15. Er lebt mit seiner Familie in Khayelitsha, einer der größten Townships Südafrikas. Khayelitsha liegt im Südosten Kapstadts, zwischen der Schnellstraße N2 und der False Bay. Es ist ein Meer aus armseligen Häusern, Hütten und Verschlägen, überzogen von einem Gewirr aus Drähten und Leitungen wie gewoben von tobsüchtigen Spinnen. Offiziell leben hier 750 000 Menschen, wahrscheinlich sind es eine Million oder mehr. Doch um Khayelitsha, wo sechs von zehn Bewohnern keinen Job haben, wo sich Autofahrer Ampeln mit verriegelten Türen nähern und bei Rot nicht stoppen, um diese Welt zu beschreiben, fehlt es an Worten. An der Wand des Ghetto Hair Salon steht: "Only poor men feel it."

Jeden Samstag lässt auch Mfundo Dinge verschwinden. Das kann ein buntes Taschentuch sein, eine Spielkarte, an einer Nummer mit einem Kaninchen arbeitet er noch. Diesmal ist es ein Geldstück. Ein kräftiger Bursche mit einem Lächeln im runden Gesicht, so steht er auf der Bühne in einem kleinen Theater. Eine goldene Kordel am schweren Vorhang, schwarzer Samt an den Wänden, 48 Stühle im Parkett. Mfundo trägt einen lila Frack, ein weißes Hemd, eine schwarze Fliege und einen Zylinder. Die Münze liegt auf seiner Handfläche. Mfundo befiehlt: "Pusten!" Man pustet. Er macht eine Faust. Öffnet sie. Nur Mfundos Lächeln ist noch da, breiter als zuvor. "Wenn ich das zu Hause auf der Straße vormache", sagt er aufgeregt, "laufen die Leute zusammen und klatschen. Sie respektieren mich, weil ich ein Zauberer bin."

Noch ist Mfundo ein kleiner Zauberer. Damit er ein großer werden kann, fährt er jeden Samstag mit dem Sammeltaxi von Khayelitsha in die Lansdowne Road, im Stadtteil Claremont, wo sich in einem viktorianischen Backsteinhaus das kleine Theater College of Magic befindet. Mehr als eine Stunde dauert die Fahrt dorthin. Dabei blickt Mfundo auf breite, saubere Straßen, schicke Autos und gut gekleidete Menschen, Shopping Malls, Reklamewände, Bungalows mit vergitterten Fenstern. Und dann träumt er von Las Vegas, Siegfried und Roy und weißen Tigern. Wenig später arbeitet er umso engagierter am Handwerk der Magie.

Auf dem Stundenplan stehen Dinge wie kunstfertiger Umgang mit Schnüren, Flüssigkeiten, Tauben, Karten, Figuren, die aus Kisten schnellen, und andere Kunstgriffe. "All das", sagt David Gore, "ist wichtig. Doch die wichtigste Lektion, die sie erfahren, ist der wahre Moment, in dem sie zum ersten Mal ihre Zuschauer beeindrucken. Es ist eine Erfahrung, die ihr Leben verändert."

David Gore, 46, ist ein hagerer, blasser Mann mit hoher Stirn, der sich ungelenk bewegt und ein wenig fahrig wirkt. Kein Mensch, der Respekt einflößt. Doch wenn er im Smoking auf der Bühne steht, wenn er mit Händen und Mimik spielt, dann ist er eine andere Person. "Ich wusste", so Gore, "dass mir nichts so sehr das Gefühl von Selbstverwirklichung und Befriedigung geben würde wie die Zauberei." Außer vielleicht, das Einmaleins der Zauberei an den Nachwuchs weiter zu geben. Bereits im Alter von 20 Jahren gründete er das College of Magic, für das er nach dem Militärdienst sein Jurastudium aufgab. Etwa hundert Schüler zwischen 10 und 18 Jahren durchlaufen es jährlich, wobei zwei Kurse angeboten werden, die jeweils drei Jahre dauern: der für Anfänger mit Unterricht einmal pro Woche, der für Fortgeschrittene mit Unterricht an mehreren Tagen.

Die Schüler kommen aus allen sozialen Schichten, vertreten sind alle Religionen und alle Ethnien - Schwarze, Weiße britischer Herkunft, Buren oder Coloureds, wie Südafrikaner indischer oder arabischer Abstammung genannt werden. Bemerkenswert ist, dass Gore diese Politik schon während der Apartheid praktizierte, als das bei Strafe verboten war. Und auch, dass er von jeher einen "Fokus auf Kinder aus unterprivilegierten Kommunen legt".

Womit er sich regelmäßig an den Rand des Bankrotts manövriert. Denn ein Drittel der Schüler kann die monatliche Gebühr von 200 Rand (rund 20 Euro) nicht bezahlen, ein Teil wird aus Spenden bezahlt, der Rest nie. Gore zuckt mit den Schultern und murmelt etwas von "höheren Idealen als Geld". Seine Lehrer, ehemalige Absolventen wie Guy van der Walt, der inzwischen professioneller Magier ist, unterrichten neben Gore gratis. "Das mache ich gerne", sagt van der Walt. "Ohne das College, auch wenn es schmalzig klingt, wäre ich im Leben nicht auf den richtigen Weg gekommen." Das muss Gore kommentieren: "Sicher, bei uns geht es um Zaubertricks. Aber in Wahrheit vermitteln wir Überlebenshilfen und bauen Brücken zwischen Menschen."

Man kann den Menschen Jobs geben, aber man kann ihnen kein Selbstbewusstsein schenken

Die sind nötig in Südafrika. Die 47 Millionen Einwohner leben in einem bunten Vielvölker- und Kulturmix, es gibt elf offizielle Sprachen. Seit dem Ende der Apartheid 1994 wird ein gemeinsamer Nenner für Schwarz und Weiß, Arm und Reich, afrikanische und Kolonialgeschichte gesucht. Den positiven Wirtschaftsdaten sieht man das nicht an, seit 1999 ist das Wachstum ungebremst, zuletzt lag es bei rund sechs Prozent. Dazu kommt ein niedriges Handelsbilanzdefizit, eine geringe Staatsverschuldung und eine stabile Währung. Eine schwarze Mittelklasse hat sich gebildet, die Immobilienpreise explodieren.

Doch jenseits der Zahlen gibt es massive Probleme. Aids grassiert. Elf Millionen Menschen sind arbeitslos, vor allem Schwarze, die 80 Prozent der Bevölkerung stellen, überwiegend Männer zwischen 18 und 35 Jahren. Während der Apartheid wurde wenig getan für die Ausbildung der Massen: Die weißen Herren wünschten sich unselbstständige Menschen und billige Arbeitskräfte. Doch auch nach zwölf Jahren Alleinherrschaft des African National Congress (ANC) gibt es für die Mehrzahl der Kinder aus schwachen sozialen Schichten immer noch wenig Hoffnung. Während die Wohlhabenden ihre Kinder weiter auf Privatschulen schicken, umsorgt von guten Pädagogen, wird die schwarze Jugend, wie die schwarze Schriftstellerin Malika Ndlovu sagt, "weiter marginalisiert". "Unser größtes Problem dabei", so Ndlovu, "ist das Bewusstsein der Menschen: Wir haben nicht gelernt, an uns zu glauben."

Da nütze auch kein Black Economic Empowerment (BEE). So heißt das Programm, mit dem während der Apartheid unterdrückte Schichten, primär Schwarze, heute per Dekret an Firmen beteiligt werden und Jobs zugewiesen bekommen. Ndlovu erzählt, sie habe eine der damals seltenen multiethnischen Schulen besucht und "auf natürliche Weise erfahren, dass wir alle gleich sind, dass Leistung zählt, nicht Hautfarbe oder begüterte Herkunft". Das sei das Fundament ihres Lebens geworden. "Innere Stärke, Glaube und Selbstständigkeit kann man nicht verordnen."

Darum geht es auch an diesem Samstagnachmittag im College of Magic. Da sind Monica Nyakataya, 15, und Siruyile Vanga, 17, beide schwarz, beide aus Khayelitsha. Monica sagt: "Ich bin stolz auf mich. Was ich mache, können andere nicht." Siruyile sagt: "Auf der Bühne kannst du ein anderer Mensch sein, beim Zaubern bin ich wirklich frei." Da sind Linesri Thaver, 15, indischer Abstammung und aus wohlhabendem Haus, genau wie Muhammad-Reza Savant, 12, der muslimische Eltern hat. Linesri sagt: "Normalerweise bin ich scheu und ängstlich, aber auf der Bühne darf ich sein, wie ich bin." Muhammad-Reza sagt: "Ich mag die Aufregung. Vor einem Auftritt bin ich immer total daneben, und dann geht es doch - das macht mich stark." Ihre Augen leuchten, wenn sie sich gegenseitig mit Tricks zu übertrumpfen versuchen, vor einem Spiegel Grimassen üben, gemeinsam Lehrvideos schauen. Und natürlich glänzen ihre Augen auch, wenn van der Walt ihnen erzählt, dass sie wie er irgendwann 700 bis 1000 Rand pro Auftritt verdienen können, vielleicht bei der Eröffnung eines Kaufhauses oder bei einer privaten Geburtstags-Show.

Einige Schüler des College of Magic könnten das schon heute, schließlich treten sie regelmäßig mit der Schule auf. Es sind Benefizveranstaltungen in eigener Sache, weil die Kasse des Hauses oft leer ist. Auch das, so Gore, trage zur Entfaltung einer robusten Persönlichkeit bei. Wo doch Zauberei, wie er glaubt, ohnehin Disziplin, Geduld und Sorgfalt fördere, außerdem die Fähigkeit zu kommunizieren, den Mut, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben, zu scheitern und das Scheitern zu überwinden. Kurzum, meint Gore: "Zauberei erzieht zu Selbstständigkeit, Verantwortung, Erfolgsdenken, alles Eigenschaften, die dem Menschen im richtigen Leben auch nutzen. Ich wünsche mir, dass meine Schüler über die Zauberei zu Menschen werden, die beherzt und konstruktiv Initiative für ihr Leben ergreifen."

So etwas lernt man nicht im Getto. Jeden Samstagabend bringt Gore die Schüler, die kein Geld für ein Sammeltaxi haben, mit seinem Kleinbus nach Hause. Dabei erzählen sie ihm Geschichten von Familienmitgliedern, Nachbarn oder Freunden.Vergewaltigt.Niedergestochen.Tot.Gore: "Beerdigungen gehören für die Kids zum Alltag."

Schulen wie das College of Magic können das nicht ändern, sie können Südafrikas Bildungsmisere nicht korrigieren: 2005 durchliefen lediglich 1440 Jugendliche eine klassische Berufsausbildung, während etwa 500 000 offene Stellen mangels Fachkräften unbesetzt blieben. Trotzdem können sie einen Unterschied machen. "Wenn wir alle Kinder von der Straße bekämen", sagt Philip Boyd, "dann hätte dieses Land eine ganze Menge Probleme weniger." Boyd betreibt in Kapstadt die Tanzschule Dance for All, die sich ausschließlich Kindern und Jugendlichen aus der Unterschicht widmet. Kürzlich führte eine seiner Gruppen ein Stück auf, das die Schüler selbst konzipiert und choreografiert hatten. Wieder so ein wahrer Moment. Darüber hinaus lernen die Schüler des College of Magic, dass sich besonderes Engagement lohnt: Einmal im Jahr werden die zwei besten Zauberlehrlinge zusammen mit Nachwuchstricksern aus aller Welt von Siegfried und Roy nach Las Vegas eingeladen. Dort nehmen sie an einem Wettkampf teil, wo die renommierten Magier ihren Sarmoti (Siegfried and Roy Masters of the Impossible) Award vergeben, den 2005 einer von Gores Studenten gewann.

Wer weiß, was Mfundo da verschwinden lassen könnte. An diesem Samstag hat er einen so beeindruckenden Auftritt, dass Gore vorschlägt, die Vorstellung zu fotografieren, am besten am Meer, der Kulisse wegen. So fahren wir mit dem Kleinbus hinaus. Mfundo schwatzt auf der Rückbank mit seinem Mitschüler Matthew Ross, 12, der erzählt, dass seine Mutter ein neues Auto haben will, weil sich der Vater neulich auch ein neues Auto gekauft hat. Mfundo sagt, seine Eltern hätten kein Auto, aber wenn sie ein Auto hätten, würde er gern mit ihnen in einen Safaripark fahren: "Ich habe noch nie einen Elefanten gesehen." Matthew sagt: "Wenn wir in einen Park fahren, kommst du einfach mit."

Wenig später steht Mfundo in der Brandung, Matthew scheint in einem Meter Höhe waagerecht in einem Eisenring zu schweben. Im Hintergrund die Tafelberge. Natürlich bleiben die Passanten stehen und gaffen. Es ist alles nur ein Trick, Illusion. Aber vielleicht der erste entscheidende Schritt in eine bessere Welt. -

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