Ausgabe 01/2007 - Schwerpunkt Selbstständigkeit

Der Unbeugsame

- Ein Gespräch mit Hans-Wolff Graf ist kein leichtes Geschäft. Nicht, weil der Mann vielfach interessiert, entsprechend belesen und keineswegs gewillt ist, sein Wissen dem Gegenüber vorzuenthalten. Auch nicht, weil er alles, was er erzählt, irgendwann aufgeschrieben und für den Besucher vorrätig hat. Nein, das Gespräch ist so schwierig, weil Hans-Wolff Graf so wütend ist.

Das ist vermutlich nicht zu verhindern, wenn man vor 35 Jahren aufgebrochen ist, um in diesem "Land der öffentlich-unrechtlich Bediensteten" (Graf ) für die Selbstständigkeit zu kämpfen. Sarkastisch könnte man dabei werden, aber für Sarkasmus hat Graf die Menschen zu gern. Er hätte auch resignieren können, doch das Aufgeben ist in Grafs Verhaltenskatalog nicht vorgesehen. Bleibt die Wut, die Polemik, die stetige Wiederholung all der Ungeheuerlichkeiten, mit denen der Staat, besser: die Parteien, ihre Bürger entmündigten.

Da könnte leicht der Eindruck entstehen, einem modernen Michael Kohlhaas gegenüberzusitzen - doch anders als der brandenburgische Rosshändler hat H.-W.Graf dafür gesorgt, dass er selbst von diesem Staat, den er bekämpft, nichts braucht und nichts will. Schon als Student wies er das BAföG, das ihm zustand, zurück und verdiente sich sein Studium generalis (Anglistik, Amerikanistik, Sport, Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Pädagogik, Psychologie) mit Finanz- und Vermögensberatung für die Bonnfinanz. Dem Metier blieb Graf treu, und er betreibt es ein wenig anders als der Rest der Branche: Im Juli 1985 gründete er die "Erste Finanz-und Vermögensberater Aktiengesellschaft in Deutschland (Efv-AG)", die ihm neben der finanziellen Unabhängigkeit eine Menge Spaß im Umgang mit Partnern, Mandanten und Behörden beschert.

 

brand eins: Herr Graf, Sie sind Vorstandsvorsitzender einer AG, die keinen einzigen Angestellten hat. Wie geht das?

Graf: Ganz einfach - wir arbeiten nur mit Selbstständigen. Die Sekretärin, die Reinigungskraft, aber auch die Vermögensverwalter oder Unternehmensberater: Alle sind Selbstständige, die ein eigenes Gewerbe angemeldet haben und auf partnerschaftlicher Basis der AG Leistungen abkaufen oder welche an sie verkaufen.

Die AG ist vermutlich der einzige Auftraggeber - ruft das nicht die Scheinselbstständigkeits-Fahnder auf den Plan?

Das wurde natürlich untersucht - aber die Prüfer sahen schnell ein, dass die Leute wirklich vollkommen unterschiedliche Tätigkeiten für unterschiedliche Auftraggeber erledigen. Da haben wir den "Zeitreport", die Zeitung, die ich seit 35 Jahren im "Deutschen Bundesverband für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik e.V." herausgebe - dafür Artikel zu schreiben ist doch etwas anderes als zum Beispiel für Anthropos e.V.den Aufbau von Waisenhäusern voranzutreiben. Oder Seminare für die "Private Akademie für die Selbstständigkeit GmbH (Pas)" zu organisieren. Oder eben für die Finanz- und Vermögensverwaltung zu arbeiten.

Und das sind nur ein paar der Gesellschaften, für die Sie und Ihre Mitstreiter aktiv sind - macht das die Finanzbehörden nicht misstrauisch?

Es ist alles rechtmäßig. Und Gott sei Dank sind manche Finanzämter inzwischen so vernünftig, dass sie sagen: Uns interessiert dieser ganze legislative Müll nicht - wenn jemand ordentlich seine Steuererklärung abgibt und wenn er nichts mit Schwarzarbeit zu tun hat, dann behandeln wir ihn auch sauber und ziehen uns nicht auf einen sinnwidrigen Paragrafen zurück.

Was unterscheidet das Leben einer selbstständigen von dem einer angestellten Sekretärin?

Sie unterliegt keinen Beschränkungen, kann zum Beispiel auch für andere Auftraggeber arbeiten, sich ihre Zeit nach Auftragslage einteilen und sich selbst versichern. Natürlich ist das Honorar entsprechend höher als das, was eine angestellte Sekretärin netto herausbekommt. Dafür bekommt die selbstständige Sekretärin kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld und hat auch keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung.

Das wird für viele nicht sonderlich attraktiv klingen.

Wer selbstständig ist, hat gelernt, sich einzusetzen, sich weiterzubilden und seine Chancen zu nutzen. Zudem ist es höchst unwahrscheinlich, dass alle Aufträge auf einmal wegbrechen. Statt der scheinbaren Sicherheit bekommen unsere Sekretärinnen Freiheit, und sie werden ernst genommen. Wie jeder Partner der AG haben sie Anspruch auf ihren Anteil am Gewinn, vor allem aber volles Mitspracherecht. In der Efv-AG haben wir die Form von Demokratie verwirklicht, für die wir eintreten: Jeder Partner hat eine Stimme, die Reinigungskraft ebenso wie ich. Aber es ist auch Konsens, dass sich der Stimme enthält, wer über ein Thema nicht Bescheid weiß. Bei allen technischen Fragen zum Beispiel halte ich mich heraus.

Wie finanziert sich die AG?

Einen Teil der Honorare, Betreuungsverträge oder sonstiger Einnahmen bekommt der Berater, einen Teil bekommt sein Mentor, der ihn betreut und berät, und einen fixen Anteil gibt er für alle administrativen Aufgaben in die AG. Was dort übrig bleibt, wird am Jahresende bis auf einen kleinen Sockel ausgeschüttet: Die AG muss vor niemandem glänzen, sie ist nur für die Partner da.

Und die Kunden ...

Wir haben keine Kunden! Wir haben nur Mandanten, und der Unterschied ist riesig. Kundare bedeutet: marktschreierisch anpreisen, hinters Licht führen, täuschen. Mandare dagegen heißt: beauftragen, Vertrauen schenken. Und wir legen großen Wert auf eine Beziehung, die mandare, nicht kundare entspricht.

Vermögensverwaltung ist Vertrauenssache - allerdings auch ein Gewerbe mit leichtem Grauschleier.

Zurzeit wird viel darüber geredet, wie man der Vermögensverwaltung durch den Zwang zur Analyse und durch Honorarberatung zu neuer Seriosität verhelfen könnte - wir machen das seit 21 Jahren. Schon bei der Bonnfinanz habe ich die genaue Dokumentation und Analyse der persönlichen, wirtschaftlichen und familiären Ziele des einzelnen Mandanten eingeführt. Und wir haben auch von Anfang an Provisionen abgelehnt und nur auf der Basis von Honoraren beraten.

Was ist der Unterschied?

Wer Provisionen nimmt, ist immer versucht, den eigenen Vorteil über den des Mandanten zu stellen. Lebensversicherungen bringen hohe Prämien - aber sind die wirklich sinnvoll, wenn sich jemand gerade selbstständig macht oder um seine Existenz ringt? Die Honorarberatung erlaubt uns zudem, unsere Vorstellung von sozialpolitischer Verantwortung umzusetzen: Wir beraten Schulabgänger genauso wie Unternehmer am Rande der Pleite. Und wir machen von unserem Recht Gebrauch, Honorare von einem bis zu 400 Euro nehmen zu können - je nach Tiefe der Analyse und persönlicher Situation des Mandanten.

Solche Unterschiede nehmen die Mandanten hin?

Sie bezahlen für unsere Leistung, unabhängig davon, was ein anderer dafür bezahlt. Und die Leistung ist für sie nachvollziehbar. Ich habe in 35 Jahren nur dreimal erlebt, dass ein Mandant gestutzt hat: "Was? Bezahlen für eine Beratung? Die kriegt man doch sonst immer umsonst!" Es war leicht, dem Mandanten zu verdeutlichen: "Umsonst bekommen Sie gar nichts."

 

In solchen Momenten wird klar, dass Hans-Wolff Graf nicht einfach nur ein renitenter Vermögensberater mit dem Hang zum Gutmenschentum ist: Er hat sich gründlich überlegt, was er tut.

Er will nicht einfach nur Selbstständigkeit, um Lohnnebenkosten zu sparen - er will den Menschen ihre Selbstbestimmung zurückgeben, die sie für ein lächerliches Sicherheits-Placebo verkauft hätten. Er will nicht einfach nur den freien Markt, das freie Spiel, das alles regelt -, er will mündige Menschen, die in der Freiheit ihre Chancen nutzen und nutzen dürfen. Und er will kein Gemeinwesen nur für die Starken - er hat es bloß satt, dass ein "Pseudo-Sozialstaat alles daransetzt, die vermeintlich Schwächeren davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich die Schwächeren sind".

Sein Leben lang hat er für dieses eine Ziel studiert, gelernt, gelesen. Er hat seine eigene Philosophie entwickelt, eine eigene Theorie der Korruption und die Weltformel für die Bekämpfung der weltweiten Armut. Und er streitet für seine Unabhängigkeit, überall. So einer wie er geht zum Beispiel zur Bundeswehr, lässt sich zum Sanitäter, aber auch zum Scharfschützen ausbilden. Und schießt, allen Befehlen zum Trotz, nie in den Kopf, nur immer zielsicher knapp am Ohr vorbei. Der bleibt dort genau zwei Jahre, vier Monate und sechs Tage, um danach den Kriegsdienst zu verweigern. Der streitet sich - vergeblich - mit diversen Behörden, weil er kein Kindergeld beziehen will. Der ist Vorsitzender der bayerischen Sektion des Arbeitskreises "IHK-Zwang, nein danke!" und bringt seinen Handelskammerzwangsbeitrag schon mal persönlich, in unterschiedlichen Währungen vorbei. Und der ist bei alledem ein guter Bürger, der seine Steuern zahlt, diverse gemeinnützige Institutionen unterhält und, wo immer möglich, jeden unterstützt, der um seine Freiheit kämpft.

Gerade hat er zum Beispiel einem Arzt geholfen, der gegen den Entzug seiner Praxiszulassung geklagt hat: "Der Mann war 68, und mit 68 muss man aufhören." Muss man aufhören! - für Graf Skandal genug. Und wenn dann noch eine weitere Bürokratie, die Kassenärztliche Vereinigung, den Arzt am Weiterverkauf seiner Praxis hindern kann, weil sie, eben mal so, beschließt, dass die Gegend keine Gynäkologen-Praxis mehr braucht: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte!"

 

Was ist so attraktiv daran, selbstständig zu sein?

Es ist die einzige Form zu leben.

Warum?

Weil ich meine Interessen, meine Gedanken, Pläne, Ziele, meine ganze Lebensphilosophie in optimaler Weise ausleben kann. Das kann ich als Angestellter nicht.

Ist das nicht Augenwischerei? Ihre Assistentin macht, was sie als Angestellte auch machen würde.

Aber sie macht es mit Sicherheit mit mehr Freude - fragen Sie sie! Und sie ist nicht "untergeben": Sie ist Partner, sie wird ernst genommen und kann mitreden.

Warum wollen sich dann nicht mehr Menschen so gut fühlen?

Die erste Barriere ist das, was wir an Verlust- und Versagensängsten mit uns herumtragen. Die zweite Barriere ist das staatliche System und die Parteiendiktatur, die wir in diesem Land haben.

Wo behindert der Staat wie?

Hätte ich Angestellte, müsste ich Toiletten einer bestimmten Größe vorhalten - Deutschland ist das einzige Land, das sich selbst da einmischt. Meine Partner müssten nach den Vorgaben einer Arbeitszeitordnung arbeiten - nicht nach den Erfordernissen des Geschäftes. Vor allem aber behindert die grundsätzliche Ablehnung des Selbstständigen, die überall zu spüren ist: Der Selbstständige stört das System und ist jedem Parteipolitiker ein Dorn im Auge.

Das klingt ein wenig nach Verfolgungswahn ...

Verfolgung stimmt, Wahn nicht. Selbstständige stören, weil man sie nicht so leicht unter die Knute bekommt wie Angestellte oder öffentlich-unrechtlich Bedienstete. Und natürlich: Weil sie nicht in die Sozialkassen einbezahlen - denn je mehr Geld zu verteilen ist, desto größer wird die Macht der Politiker.

Der Selbstständige als verfolgter Freiheitsheld ...?

Selbstständige sind nicht per se gute Menschen - aber wenn Sie nicht bereit sind, mitzudenken, sich weiterzubilden und auf Gegebenheiten einzustellen, werden Sie als Selbstständiger nicht lange überleben. Angestellte müssen das nicht. Wir lebenin einem Land, in dem es vollkommen normal ist, dass sich ein ausgebildeter Angestellter hinstellt und vom Staat verlangt, dass er ihm in seinem Beruf eine Stelle verschafft. Allein dieser Anspruch an den Staat, der natürlich von den Parteien genährt und gefördert worden ist, ist eigentlich eine Frechheit.

Was wäre Ihr Vorschlag?

Wenn ein Selbstständiger feststellt, dass seine Leistung nicht mehr gebraucht wird, dass sich der Markt verändert, dass neue Anforderungen gestellt werden - dann muss er sich auf die Gegebenheiten einstellen. Angestellte und vor allem auch Beamte verlangen einfach, dass sie in dem und dem Beruf eine Stelle kriegen. Wir haben heute noch eine dreistellige Zahl von Beamten, die für das Ausgleichsamt tätig sind - das Amt braucht kein Mensch mehr: Aber was soll man sonst mit den Beamten machen, die an keiner anderen Stelle einzusetzen sind?

Haben Sie eine Idee, wie sich der Knoten lösen ließe?

Wir haben ein Konzept vorgelegt. Danach konzentriert sich der Staat nur noch auf das Notwendige und hätte dann Geld genug, um die zu unterstützen, die es wirklich nötig haben - daneben soll er es dem Einzelnen überlassen, nach seinem Gusto zu handeln. Das zweite wesentliche Element ist, dass in kleineren Einheiten gedacht und gehandelt wird: Demokratie kann immer nur eine kommunale Veranstaltung sein - dafür sprechen Vernunft und Logik. Denn für eine Demokratie brauchen Sie zwei Voraussetzungen: Erstens, dass der, der abstimmt, weiß, worum es geht. Er muss informiert sein über das, was eine Form bekommen soll. Und zweitens muss er von den Folgen der Abstimmung betroffen sein. Beides ist nur in kleinen Einheiten möglich. Dazu kommt, dass sich bei einer solchen Organisation nicht mehr der Staat um die pseudo-sozialen Fälle kümmern müsste - das würde die Gemeinde tun. Und die nachbarschaftliche Hilfe, die wirklich die Bezeichnung sozial verdient, würde mehr Raum gewinnen.

Eine schöne Utopie.

Das wird schon gelebt! In der Schweiz, in Schweden, in den USA - überall gibt es bereits belegbare Fälle von demokratischen Orten. Natürlich gibt es keine demokratische USA oder auch nur ein demokratisches Kalifornien. Und in Schweden gibt es zwar eine Menge wirklich sozialer Einrichtungen auf bürgerlicher Ebene - doch Schweden selbst, obwohl dort nur neun Millionen Menschen leben, funktioniert natürlich nicht als Demokratie. Aber das will auch keiner, zumindest die Politiker wollen das nicht. Denn in einer echten Demokratie müsste sich der Mensch wieder mehr mit sich und seiner unmittelbaren Umgebung beschäftigen - er würde mündiger. Und das ist nicht erwünscht in dieser Pseudo-Demokratie, in der wir leben!

 

"Er hat kein Blatt vor den Mund genommen", wird vermutlich irgendwann in seinen Nachrufen stehen. Und dass er ein echter Liberaler war, was in ferner Zukunft vermutlich so wenig verstanden wird wie heute.

Die Gelegenheit zu solcher Rückschau hätte es am 1. September 2006 fast gegeben: Bei einer Vermögensverwalter-Tagung organisierten die Veranstalter eine Ausfahrt per Quad - nur leider versagten bei Grafs vierrädrigem Motorrad die Bremsen. Vier Tage Koma, zwölf Wochen Krankenhaus und Reha und eine wohl noch lange währende Behinderung hat ihm das eingebracht. Und viele Stunden unfreiwilliger Zeit zum Nachdenken.

Seither könnte er sich vorstellen, sich sein Vorstandsgehalt von monatlich 50 Cent für die vergangenen 21 Jahre ausbezahlen zu lassen, den Vorstandsvorsitz an einen der Partner abzugeben und ein wenig kürzer zu treten. 500 Bücher warteten noch darauf, gelesen zu werden, sagt er. Er könnte mehr Vorlesungen in Kaliningrad halten, wo er sein Waisenhaus betreibt.

Und er könnte sich noch intensiver in seinen lebenslangen Kampf stürzen, für den ihm in diesem Jahr erstmals offizielle Anerkennung zuteil wurde: Im Februar bekam Graf den mit 100 000 Euro dotierten "Werner-Bonhoff-Preis wider den Paragrafen-Dschungel". Nicht ohne den vorsorglichen Hinweis des Steuerrechtlers Lutz Haegert, der die Arbeit der Stiftung wissenschaftlich begleitet: Dass mit dem Preis "nicht etwa propagiert werden [solle], dass jeder Arbeitgeber seine Angestellten zu Selbstständigen macht".

 

Selbstständigkeit hat in Deutschland keinen sonderlich guten Ruf. Wie ließe sich das ändern?

Mir fällt nur Aufklärung ein, Transparenz und immer neue Beispiele. Doch leider schreiben die Medien viel lieber über die echten Scheinselbstständigen - die Vorstände, die alle angestellt sind und dennoch als Beispiel für Gier und Verantwortungslosigkeit der Unternehmer dienen.

Vielleicht ließe sich die Angst vor der Selbstständigkeit auch durch eine neue Form der Grundsicherung nehmen?

Sicher, aber warum überlässt man die Regelung nicht den Betroffenen selbst?

Weil sich nicht alle so gut damit auskennen wie Sie? Wie sieht zum Beispiel Ihre Versorgung aus?

Jeder bei uns hat eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine vernünftige private Unfallversicherung, Krankenversicherung, Berufshaftpflichtversicherung, Privathaftpflichtversicherung und einen Rechtsschutz. Das ist die Basis.

Sind Versicherungen wirklich ein Partner für schwierige Zeiten?

Ich war jetzt zwölf Wochen berufsunfähig und bestens abgesichert. Wir brauchen Versicherungen als Solidargemeinschaften. Was wir aber sicher nicht brauchen, ist den Staat als Oberversicherer. Die gesamte Versicherungswirtschaft sollte privat sein.

Ein junger Selbstständiger kann sich doch aber gar nicht gegen alle Lebensrisiken privat versichern - wie soll er das bezahlen?

Das geht schon, wenn man die Lebensrisiken realistisch einschätzt. Eine vernünftige Unfallversicherung kostet heute nicht mehr als 15 bis 20 Euro - aber Vorsicht: Bei den Standard-Unfallversicherungen macht die Todesfallsumme die Hälfte der Invaliditätssumme aus, das ist Unsinn bei Alleinstehenden ohne Familie. Die brauchen vor allem eine hohe Invaliditätsabsicherung. Und sie brauchen auch kein Unfalltagegeld - dafür ein hohes Unfall-Krankenhaus-Tagegeld. Dazu kommen die Haftpflicht mit 100 bis 120 Euro im Jahr, eine Grundabsicherung im Rechtsschutz für 200 Euro im Jahr, also beides im Monat rund 25 Euro. Dann noch die private Krankenversicherung - da kostet die Grundabsicherung, die der gesetzlichen Kasse entspricht, um die 200 Euro (für Frauen etwas mehr) plus Berufsunfähigkeit für 25 Euro. Das wäre das kleine Vorsorge-Paket für 275 bis 300 Euro.

Keine Altersversorgung, keine Arbeitslosenversicherung?

Die einzig sinnvolle Arbeitslosenversicherung ist, sich immer wieder die Frage zu stellen: Wie gut muss ich sein, um in meinem angestammten oder einem anderen Beruf Arbeit zu finden? Und die Altersversorgung? Ist doch beim Berufsstart kein Thema. Da hat man ganz andere Probleme. Außerdem: Kennen Sie nicht auch genug Selbstständige, die mit 65, 70 noch arbeiten wollen?

Glauben Sie nicht, dass Sie die meisten Menschen überfordern?

Mag sein, aber aus wirtschaftspolitischen Gründen müssen wir uns schon bald einer Menge überfordernder Fragen stellen. Entweder leben wir mit einer wachsenden Anzahl armer Menschen, vor allem Rentner - oder wir machen einen radikalen Schnitt.

Der wie aussieht?

Wir fördern ein neues Denken, das auf klugem Egoismus beruht. Das heißt: Ich möchte ein glückliches Leben führen. Und dazu gehört, dass ich mit Menschen zu tun habe, die auch glücklich sind. Also muss ich in meinem Umfeld dazu beitragen - deshalb werde ich helfen, wenn jemand in meiner Umgebung ein Problem hat. Und dazu brauche ich keinen, pardon, Scheißstaat.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Politik irgendwann beginnt, Selbstständigkeit nicht wie bisher nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu fördern?

Nein, denn mehr Selbstständigkeit mit all ihren Folgen bedeutet für die politische Klasse: den Verlust von Jobs, Privilegien, Altersversorgung. Unsere Politiker leben zu gut von dem System der Entmündigung - in Irland, Spanien, Neuseeland ist die Zahl der Selbstständigen in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Warum? Weil die Politiker dort weniger verdienen - und mehr Selbstständige in den Parlamenten sind, in Neuseeland 30 Prozent! Wir haben bis zu 75 Prozent Parlamentarier aus dem öffentlichen Dienst. Denen brauchen Sie mit keiner Veränderung zu kommen.

Glauben Sie an eine Veränderung abseits der Politik?

Ich bin Optimist, denn der Pessimist hätte schon resigniert - aber resignare, aufgeben, kommt für mich nicht in Frage. -

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