Ausgabe 01/2007 - Was Menschen bewegt

"Das war für mich kein großer Schritt."

- Es ist kein angenehmes Gefühl, wenn der Bauch schmerzt, als würde er gerade sehr langsam und sehr gründlich aufgespießt. Dirk Balke hat mit diesem Gefühl einige Monate gelebt. Die Schmerzen waren so stark, dass selbst Morphium sie nicht betäuben konnte. Es waren die Schmerzen nach einer Operation, bei der Balke der untere Leberlappen entfernt worden war, mehr als die Hälfte des Organs. Dass Balke nach der Operation starke Schmerzen haben würde, hatten ihm die Ärzte vorher gesagt. Sie hatten ihm auch gesagt, dass der Eingriff lebensgefährlich ist. Als er am Morgen der Operation Beruhigungstabletten bekam, wusste Balke nicht, ob er wieder aus der Vollnarkose erwachen würde. Der Eingriff am 8. April 2002 dauerte neun Stunden. Seither hat Balke drei insgesamt 36 Zentimeter lange Narben an Bauch und Oberkörper, die bis heute schmerzen.

Dirk Balke, heute 46 Jahre alt, unterzog sich dieser Operation freiwillig. Seine Leber war vollkommen gesund. Er ließ sie sich zur Hälfte herausschneiden, weil es die einzige Möglichkeit war, seinem Bruder Michael das Leben zu retten. Michael Balke, heute 52 Jahre, hatte im Mai 2001 eine harte Diagnose erhalten: "Leberzirrhose infolge einer genetisch fixierten Gallenwegsentzündung". Daran stirbt man. Die Rettung ist eine neue Leber, aber davon gibt es zu wenige. In der Regel werden die Spenderlebern Toten entnommen, die sich zu Lebzeiten damit einverstanden erklärt haben. 2005 wurden in Deutschland 888 Lebern transplantiert. Doch amEnde des Jahres warteten trotzdem noch 1623 Kranke auf eine Spenderleber - fast doppelt so viele, wie operiert wurden.

Nach mehr als sechs Monaten Wartezeit war für Michael Balke klar, dass er so gut wie keine Chance hatte, noch rechtzeitig eine Leber auf dem klassischen Weg, also von einem Verstorbenen, zu bekommen. Es ging ihm von Tag zu Tag schlechter, jede Untersuchung zeigte ihm, dass er sich einem lebensgefährlichen Leberkoma ein Stückchen weiter genähert hatte. Aber es ging ihm nicht schlecht genug, um auf der Warteliste auf einen aussichtsreichen Platz zu kommen. Michael Balke, Jurist und Richter am Niedersächsischen Finanzgericht, analysiert seine damalige Situation mit trockenem Sarkasmus: "Einerseits soll man sich fit halten, um die äußerst anstrengende Operation überstehen zu können. Andererseits hat man bei der Verteilung der Spenderorgane bessere Chancen, wenn es einem schlecht geht." Ein Paradox, das lebensgefährlich ist: Erst im Endstadium steigen die Chancen, die Leber eines Toten zu bekommen - und da ist der Körper oft so stark geschwächt, dass die Heilungschancen sinken.

Eine schwierige Entscheidung. Und eine Frage von Leben und Tod. Für beide

Die Gründe für den Organmangel sind hausgemacht: Anders als in anderen europäischen Ländern wird in Deutschland Toten nur dann ein Spenderorgan entnommen, wenn sie sich zu Lebzeiten dazu bereit erklärt haben. Aber wer will sich schon gern mit dem eigenen Tod beschäftigen? Zum Beispiel in Spanien, Belgien oder Österreich funktioniert es umgekehrt: Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich einer Organentnahme widerspricht, ist im Todesfall automatisch ein potenzieller Organspender. Deshalb liegt zum Beispiel in Spanien die Wartezeit für ein Spenderorgan bei durchschnittlich drei Monaten.

Michael Balke hatte Glück, und er hat Menschen, die ihn lieben. Sowohl seine Frau wie sein Bruder wollten ihm einen Teil ihrer Leber spenden, trotz der Schmerzen, trotz der lebensgefährlichen Operation. Die Leber seiner Ehefrau kam aus medizinischen Gründen nicht in Frage, also unterzog sich der Bruder endlosen Untersuchungen und schließlich dem Eingriff. Er ist kompliziert und wird selten ausgeführt, 2005 in ganz Deutschland gerade 78-mal. Möglich ist er, weil die Leber nachwächst, sodass eine halbe Leber nach einiger Zeit wieder das Volumen und die Leistungsfähigkeit einer ganzen Leber erreicht.

Dirk Balke, Kreativ-Direktor bei Peek & Cloppenburg glaubte einfach an den Erfolg der Operation: "Das war für mich kein großer Schritt. Sobald ich wusste, dass es die Möglichkeit der Lebendspende gibt, war für mich klar, dass ich das tun würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Bruder nicht mehr da ist." Komplizierter als die Entscheidung, sich der Operation zu unterziehen, war es für ihn, seinen Bruder davon überzeugen, sein Angebot anzunehmen. Beide erinnern sich noch an ein nächtliches Telefongespräch. Michael: "Wie soll ich weiterleben, wenn du diese Operation nicht überstehst?" Dirk: "Wie soll ich weiterleben, wenn du stirbst, weil ich dir nicht geholfen habe?"

Dirk Balke erzählt das völlig unpathetisch. "Es ist eine Risikoabwägung", sagt er. "Ich gehe mit der Operation ein bestimmtes Risiko ein. Wenn ich das nicht mache, gibt es kein Risiko, sondern nur eine schreckliche Gewissheit: Mein Bruder stirbt." Er findet, was er gemacht hat, vernünftig, richtig und selbstverständlich. "Ich glaube, dass fast jeder so gehandelt hätte." Ökonomistische Ideologen, die davon ausgehen, dass menschliches Handeln stets von der Suche nach dem eigenen Vorteil gesteuert wird, hätten keine Freude an Dirk Balke.

Einige Tage vor der Operation hatte Dirk Balke "eine Art Panikattacke. Da ging es darum, dass man seine Angst besiegt. Man begibt sich in die Hand der Ärzte - und eventuell wacht man nicht mehr auf". Die Operation war hart. Aber sie war eine gute Erfahrung für Dirk Balke. "Ich bin reicher geworden", sagt er heute. "Ich war schon vorher ein relativ zuversichtlicher Mensch. Aber ich glaube, ich habe jetzt noch weniger Existenzängste. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich da ein bisschen drüberstehe. Vieles relativiert sich durch so eine Erfahrung, das gibt Selbstbewusstsein. Und es ist nicht ohne, einmal ein Leben gerettet zu haben. Wenn ich etwas mache, weil ich es will, weil es mir etwas bedeutet und nicht aus Berechnung, weil ich mir einen Vorteil verspreche: Das ist Freiheit." -

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