Ausgabe 01/2007 - Das geht

Das geht: Begreifbare Bilder

- Heute ist das historische Foto des Gründers eines Gießener Technikkonzerns dran. Thomas Poth will es auf eine überlebensgroße Spanplatte übertragen, ein Automat fräst dunkle Streifen in die hell lackierte Platte - und tatsächlich: Für den Betrachter verwandelt sich das Muster aus einiger Entfernung in das Bild eines eleganten Herrn mit Hut und Kaiser-Wilhelm-Bart. Der Handwerker nennt diese Bilder Vectogramme. Sie entstehen in seiner Werkstatt in Fürth (Odenwald) und ziehen von da aus in die Welt: Sie zieren Bankgebäude in Tokio, Kreuzfahrtschiffe in der Karibik oder Bars in New York.

Dabei war Poths P+P GmbH vor noch nicht allzu langer Zeit eine Schreinerei wie unzählige andere, die bei öffentlichen Ausschreibungen um Aufträge in der Region konkurrierte. Doch 2003 verabschiedete sich Poth aus diesem Wettbewerb, "der für das Handwerk ruinös ist", wie er am Beispiel seiner letzten gewonnenen Ausschreibung vorrechnet. In einem Frankfurter Wolkenkratzer hatte P+P ganze Büroetagen getäfelt. "Der Bauherr lobte unsere Arbeit, doch der Generalunternehmer, ein großer Baukonzern, zahlte unter fadenscheinigen Vorwänden keinen Cent." Nach zweijährigem Rechtsstreit ließ sich Poth auf einen Vergleich ein, auch angesichts eines anderen Prozesses, in dem er sieben Jahre gekämpft hatte, bevor er Recht bekam. "Der Vergleich kostete mich 20 Prozent des Auftragswertes. Ich habe geschworen, mich nie wieder an einer öffentlichen Ausschreibung zu beteiligen."

Dass er diesen Entschluss in die Tat umsetzen konnte, verdankt er nicht zuletzt seiner 1999 patentierten Vectogramm-Technik. Mitte der neunziger Jahre war er mit seinem damaligen Meister Jürgen Amrhein "eher zufällig" auf das Verfahren gekommen, als er ein 1000 Quadratmeter großes Lochmuster an eine Saaldecke in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes zaubern sollte. "Allerdings hätten wir dafür fast fünf Millionen Löcher einzeln programmieren müssen", erzählt Poth lächelnd. "Daran würden wir heute noch sitzen."

Doch weil ihnen Kundenwünsche heilig sind, suchten Amrhein und er nach einer Möglichkeit, die Bildvorlage des Architekten einzuscannen und mithilfe des Computers automatisch in Bohrbefehle umzuwandeln. "Eine Software dafür gab es nicht, also haben wir selber eine entwickelt", berichtet Poth. Als die Holzbearbeitungsmaschine bei einem Test das Bild Albert Einsteins mit herausgestreckter Zunge in eine Holzfaserplatte bohrte, schwante den Handwerkern: "Da geht noch mehr!"

Sie tauschten die Bohrer gegen Fräsköpfe aus und fanden heraus, dass sich mit den kegelförmigen Werkzeugen wie bei einem Schwarz-Weiß-Bild 256 Graustufen erzeugen ließen, wenn man nur die Lochtiefe präzise errechnete. Die Handwerker experimentierten mit verschiedenen Rastern und Bildlinienmustern, testeten zahlreiche Materialien und waren begeistert über die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, die sich ihnen auftat.

Bei der Expo 2000 präsentierte Poth mit dem Foto "Montagsdemonstranten" im Deutschen Pavillon das erste Vectogramm vor internationalem Publikum. Die Besucher waren fasziniert, in der Folgezeit wurden dem Familienbetrieb zahlreiche Preise verliehen. Doch die Zahl der Aufträge blieb hinter den Erwartungen zurück. "Die Entwicklungszeiten im Architekturbereich sind lang", sagt Thomas Poth, "und wir hatten nicht die Mittel, uns nach der Anfangseuphorie mit einer breit angelegten Marketingkampagne immer wieder in Erinnerung zu bringen."

Trotzdem widerstand der Handwerker Offerten von Baumärkten, die Vectogramme in riesigen Stückzahlen billig unters Volk zu bringen. Stattdessen setzte er auf Exklusivität und "einen Weg der kleinen Schritte". Messeauftritte, gezielte Mailings und immer neue Vectogramme in aller Welt sorgten dafür, dass die Fangemeinde langsam, aber stetig wuchs. 2006 bescherten die gefrästen Bilder der P+P GmbH gut die Hälfte ihres Jahresumsatzes. "Und sie haben uns viele neue Türen geöffnet", erzählt Thomas Poth, der mit seinen 13 Mitarbeitern unter anderem Messekulissen für DaimlerChrysler und eine experimentelle Installation am Institute of Contemporary Art in Philadelphia realisierte.

Dabei entdeckt der Handwerksmeister neue Spielarten des Vectogramms. So verewigt er gegenwärtig Scheich Mohammed, den Herrscher von Dubai, und dessen Vater, Scheich Rashid, in Sandstein. Im "Museum am Ginkgo", einem Erweiterungsbau des Carl Bosch Museums in Heidelberg, entsteht gleichzeitig die erste Betonfassade mit Vectogramm-Dekor. Die dafür entworfenen Ginkgoblattmotive fräste Poth zunächst in Holz. Mit einer speziellen Gummimischung stellte er davon Negativabdrücke her, die dann für die Betonverschalung verwendet wurden.

Für den 46-Jährigen ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich seine eigene Arbeit verändert hat: "Früher diskutierte ich mit Generalunternehmern übers Geld. Heute diskutiere ich mit unseren Kunden über Problemlösungen." -

Mehr aus diesem Heft

Selbstständigkeit

Der Unbeugsame

Seit 35 Jahren kämpft Hans-Wolff Graf für mehr Selbstständigkeit in Deutschland. Das ist keine Mission, die einen zum Sympathieträger macht.

Lesen

Selbstständigkeit

Wir gründen gern

Die Schweizer sind, so scheint's, geborene Unternehmer. Sie lieben die Selbstständigkeit. Und locken ausländische Gründer ins Land.

Lesen

Idea
Read