Ausgabe 05/2007 - Was Wirtschaft treibt

Soziale Innovation / Folge 16: Alt hilft Jung

Das Prinzip Augenhöhe

- Die Arbeitsvermittlung in Deutschland hat etwas von einem Computerspiel. In den überlasteten Arbeitsagenturen werden Menschen zu "Fällen", zu Kennzahlen für die Datenverarbeitung. Genauso wird mit offenen Stellen umgegangen. Das Ziel des Spiels ist, die Kennzahlen der Arbeitsplatzsuchenden und die der Stellenanbieter zusammenzubringen - ein kompliziertes Manöver mit vielen Unbekannten. Und immer gilt dabei eine Regel: Langzeitarbeitslose sind meist die Verlierer beim Kennzahlenpuzzle. Die Jüngeren rotieren deshalb unter Anleitung von professionellen Pädagogen und Psychologen im Maßnahmenkarussell aus Berufsvorbereitung, Schulung, Trainingsmaßnahme, Praktikum, während die Älteren von Ein-Euro-Jobs oder staatlicher Stütze leben. Die Suche nach der richtigen Stelle ist oft nur teurer Stillstand.

"Eine Region muss wohl erst total im Eimer sein, bevor man andere Wege geht", sagt Mike Altmann. Der 33-Jährige mit dem blanken Schädel leitet in Görlitz das Projekt "Bridges - Brücken in Arbeit". Das Ziel: jugendliche ALG-II-Empfänger unter 25 Jahren in sozialversicherungspflichtige Arbeit oder eine qualifizierte Ausbildung zu bringen. Der Weg: Nicht Profis, sondern ältere Langzeitarbeitslose betreuen bei Bridges als Senior-Coaches die jugendlichen Langzeitarbeitslosen. Und die lokale Arbeitsagentur gibt jede Unterstützung. Sie akzeptiert damit, dass sie nicht zwangsläufig die erste Adresse ist, um Jugendliche in Arbeit zu bringen. Das ist nicht Folge von Resignation, sondern die Konsequenz eines Lernprozesses. "Eigentlich wäre das unser Job", sagt Eberhard Nagel, der Geschäftsführer des Dienstleistungszentrums für Arbeit in Görlitz. "Aber unsere Ressourcen sind begrenzt. Auf einen Mitarbeiter kommen 150 Arbeitslose, persönliche Beziehungen und wirkliches Wissen über die Leute fehlen uns. Und uns fehlt die Marktübersicht. Die Senior-Coaches tun Stellen auf, die wir niemals finden würden."

Bridges ist ein Modellprojekt in Görlitz und Weißwasser, einer nahe Görlitz gelegenen Kleinstadt im Niederschlesischen Oberlausitzkreis in der Nähe der polnischen Grenze. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei rund 25 Prozent, langzeitarbeitslos sind 40 Prozent der Arbeitslosen. Von den Jugendlichen unter 25 Jahren ist jeder vierte ohne Arbeit. Viele verlassen die Region.

Vor knapp zwei Jahren setzten sich Mike Altmann und Eberhard Nagel zusammen und suchten nach einem Ausweg. Altmann ist auch Geschäftsführer des Multimediaparks Görlitz, wo ältere Ein-Euro-Jobber Teile der Görlitzer Web-Seite pflegen und junge Arbeitslose Computerschulungen machen können. "Wir haben hier die größten Sorgen mit den beiden härtesten Randgruppen - den Alten und den Jungen", sagt Nagel. "Wir müssen beide in Arbeit bringen, wir müssen sie hier in Arbeit bringen. Und wir müssen dabei auch noch Geld sparen."

Da lag es nahe zu fragen, wie die beiden Gruppen einander helfen können. Darauf kommt freilich nur, wer in älteren Arbeitslosen nicht gescheiterte Existenzen sieht, von denen man sowieso nicht mehr viel erwarten kann - jemand wie Mike Altmann: "Diese Leute sind Jugendlichen gegenüber glaubwürdig. Sie wissen, was Arbeitslosigkeit bedeutet. Sie haben Lebenserfahrung. Warum sollten sie nicht helfen können?"

Die Coaches machen den Jungen Mut - und sich selbst

Eberhard Nagel ist ein experimentierfreudiger Mensch, aber kein Hasardeur. Seine Zustimmung war das Ergebnis einer "rein betriebswirtschaftlichen" Kalkulation. "Die Älteren sind hier ohnehin chancenlos. Jeder kostet aber im Schnitt 1500 Euro im Monat. Da ist es doch viel besser, wenn er dafür sorgt, dass Jugendliche in Arbeit kommen. Denn jeder Jugendliche mit Arbeit spart der Arbeitsagentur und letztlich dem Steuerzahler Geld." Altmanns und Nagels Rechnung: Ein Modellversuch von zwei Jahren kostet rund 200 000 Euro Projektmittel; große zusätzliche Kosten für die Senior-Coaches fallen nicht an, selbst wenn man allen acht Senior-Coaches 1800 Euro im Monat zahlt. Das Ergebnis: Wenn innerhalb von zwei Jahren mehr als 100 Jugendliche aus der Arbeitslosigkeit finden, rechnet sich das für den Steuerzahler. Das probieren wir aus, dachten sich Altmann und Nagel.

Sie erinnern sich noch gut an die Unkenrufe. Wie sollen ausgerechnet Arbeitslose anderen Arbeitslosen aus der Arbeitslosigkeit helfen? Wie sollen sie anderen eine feste Stelle verschaffen, wenn sie das selbst nicht geschafft haben? Die haben doch keine pädagogische Erfahrung.

Das ist gut ein Jahr her. Die Zahlen sprechen inzwischen für Altmann und Nagel. Bislang haben sie 140 Jugendliche in eine reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeit oder in einen Ausbildungsplatz vermittelt.

Wie haben sie das geschafft?

"Wir sperren nicht einfach ein paar Arbeitslose zusammen und gucken dann, was passiert", sagt Mike Altmann. "Nicht die Theorie macht den Erfolg aus. Die Menschen sind das Projekt."

Wie jeder andere Arbeitgeber auch hat Bridges seine Senior-Coaches nach einem passenden Profil ausgesucht. Formale Qualifikationen wie etwa Berufsabschlüsse oder pädagogisches Vorwissen spielten dabei keine Rolle. "Authentizität ist wichtiger als der berufliche Erfolg", meint Altmann. Alle Senior-Coaches waren mehrere Jahre arbeitslos. Alle sind Väter oder Mütter von erwachsenen Kindern. Sie kommen aus der Region und kennen viele Leute - schließlich sollen sie Arbeitsstellen finden, und das klappt nicht am Computer. Sie alle sind in Vereinen aktiv oder haben Ehrenämter - rührige Leute, die auch ohne Arbeitsplatz viel zu tun haben. Sie alle durchliefen einen fünfwöchigen Vorbereitungskurs.

Computer, Rollenspiele, Telefon- und Konflikttraining. Dann fingen sie an. Es sind Leute wie Werner Rößler. Ein Mann, von dem Eberhard Nagel sagt: "Das ist ein Typ, so burschikos, der passt prima zum Problem." Rößler ist 53 und gelernter Baufacharbeiter. Er war auch Kranfahrer und Polier. An der Abendschule hat er seinen Baumaschinistenschein gemacht. Rößler wurde 1998 arbeitslos, er wollte eine Gartenkneipe aufmachen - da kam ein Achillessehnenriss dazwischen. Er war danach Hausmeister, hat Fenster geputzt und Post ausgetragen. Dazwischen war er immer wieder ohne Stelle. "Ich war erwerbslos, aber nicht arbeitslos", stellt Rößler klar. Er ist Schöffe beim Amtsgericht, ist im DGB und in der IG Bau aktiv. Bei der Berufsgenossenschaft sitzt er im Rentenausschuss. Und er hat seinen Gartenverein.

Nun also Senior-Coach. "Das ist ein Job, der genau zu mir passt", freut sich Rößler. "Ich mache im Grunde das, was ich mein Leben lang unentgeltlich gemacht habe." Rößler löst Probleme. Warum er das macht? "Ich will die Leute in der Region an sich selbst glauben lassen. Was ich selbst davon habe? Ich freue mich, wenn jemand was geschafft hat."

Überbetriebliche Ausbildung geht zielsicher am Markt vorbei

Ähnlich geht es Christa Knittel, 59. "Was soll denn werden, wenn die Jungen alle weggegangen sind?", fragt sie. "Ich will sie in Görlitz halten. Und es gibt mir ein Glücksgefühl, wenn jemand in Arbeit kommt. Ich helfe damit nicht nur dem Jugendlichen, sondern auch den Familien, den Arbeitgebern, der ganzen Region. Und letztlich helfe ich mir selber. Denn ich gestalte mit."

Christa Knittel ist eine gute Ergänzung zu Rößler, sie hat einen Draht zu den Mädchen. "Ich kann nur auf die sanfte Tour", sagt sie. Damenschneiderin hat sie gelernt, sie half in einer Klinik aus, vermittelte in einem Asylbewerberheim bei Konflikten und verkaufte Kerzen bei Homepartys. "Ich habe nie die Hände in den Schoß gelegt", sagt Knittel. Als Senior-Coach will sie "kämpfen helfen". Die Beute: ein Arbeitsplatz. "Ich bin doch das beste Beispiel dafür, dass sich Engagement lohnt."

Die Senior-Coaches treffen auf Jugendliche, die es nicht gewohnt sind zu kämpfen. "Zu uns kommen die unteren 15 Prozent", sagt Sabine Schaffer, 28, Projektkoordinatorin bei Bridges. Junge Leute, die allein dastehen mit ihrem Problem. "Von 280 Elternpaaren haben sich nur zwei bei uns erkundigt, was ihre Kinder machen", berichtet Schaffer. Die Jugendlichen haben einen Haupt- oder Realschulabschluss, der ihnen zumeist nicht mehr eingebracht hat als eine Fahrt im Maßnahmenkarussell. Eine Ausbildung haben die meisten - aber oft nur eine überbetriebliche, die ihnen wenig nützt, weil kein Betrieb sie übernehmen wollte. Damit fehlt ihnen das Wichtigste überhaupt: Arbeitserfahrung.

Mike Altmann gerät in Rage: "Da wird überbetrieblich ausgebildet, ohne auf den Markt zu achten. Fitte junge Leute werden fehlgeleitet, und wir können das ausbaden." Sachsen bildet überbetrieblich ein Viertel aller deutschen Ergotherapeuten aus. Hinzu kommen diverse "Assistenten". Jede dritte deutsche Diätassistentin kommt aus Sachsen. Legendär ist auch der "Assistent für Wirtschaftsinformatik", den kaum einer braucht. Oder die "Kinderpflegehelferin", die ausschließlich in Sachsen ausgebildet wird, die es aber laut sächsischem Kita-Gesetz gar nicht gibt und also auch keine entsprechenden Stellen.

"Es ist eine Schande", sagt Mike Altmann. Und ein Riesenproblem. Wenn jemand eine solche Ausbildung macht und dann keine Arbeit findet, ist erst einmal Schluss, denn eine Zweitausbildung wird nicht mehr staatlich gefördert. Und einen Arbeitgeber zu finden, der alles selbst bezahlt, ist in Görlitz und der Region eine echte Herausforderung.

Die Senior-Coaches sind im Gegensatz zu Arbeitsagenturmenschen und Bildungsträgern nicht Teil dieses verrückten Systems. Sie sind nicht diejenigen, die den Jugendlichen so oft erzählt haben, dass diese oder jene Maßnahme etwas bringen würde. Die Senior-Coaches sitzen auf der gleichen Seite des Schreibtisches wie die Jugendlichen. Bei Bridges erleben viele Jugendliche das erste Mal, dass jemand sie ernst nimmt. Dass sich jemand dafür interessiert, was sie wirklich wollen, und es mit ihnen herausfindet, wenn sie es selbst nicht wissen. "Wir sind hier keine Sozialstation", sagt Mike Altmann, "unser Ziel ist Arbeit. Viele haben sich aber schon mit Hartz IV eingerichtet. Der Satz für Jugendliche ist ganz klar zu hoch. Von dem Geld lässt es sich in dieser Region recht gut leben, wenn man seine Ansprüche zurückschraubt."

Die meisten Jugendlichen werden von der Arbeitsagentur zu Bridges geschickt, es sind nie mehr als 100 zugleich im Projekt. Jeder Coach kümmert sich also um 12 oder 13 Leute. Die Hauptaufgaben sind schnell umrissen: Hilfe bei aktuellen Bewerbungen und bei der Arbeitssuche, damit die jungen Leute Erfahrungen sammeln.

Aber müssten sie das nicht selbst können? Ist Bridges nicht wieder so ein Projekt, das jungen Leuten alles abnimmt und sie so erst recht unselbstständig macht? Mike Altmann kennt den Vorwurf, und seine Antwort ist klar: "Ja, manchmal ist es, als würden wir ihnen auch noch den Hintern putzen. Aber täten wir das nicht, wären sie verloren. Das ist einfach so, ob man das nun glauben mag oder nicht. Und sie einfach liegen zu lassen wäre für die Gesellschaft deutlich schlimmer."

Altmann setzt auf eine Mischung aus Druck und Verständnis. Die Jugendlichen schließen mit Bridges einen Vertrag, der festlegt, in welchen Beruf der Weg führen soll und bis wann welche Schritte dorthin erledigt sein sollen. Die Jugendlichen müssen 25 Stunden in der Woche an Kursen für EDV und Kommunikation und Bewerbungstrainings beteiligen. Sie müssen mindestens drei Bewerbungen in der Woche vorlegen. Alles, was sie tun, müssen sie ihrem festen Coach mitteilen - so fliegen Faulenzer schnell auf. Wer mehr als dreimal krank feiert, Termine nicht einhält, häufig Arbeitsangebote ablehnt oder lügt, fliegt raus.

"An Nachschub haben wir keinen Mangel", stellt Sabine Schaffer nüchtern fest. "Wir haben zu wenig Zeit, um uns lange verarschen zu lassen." Ein knappes Drittel der Jugendlichen verlässt Bridges vorzeitig, weil sie rausfliegen oder von selbst gehen. Sie landen meist wieder in den üblichen Maßnahmen der Arbeitsagentur. Wer keinen triftigen Grund nachweisen kann, muss damit rechnen, dass ihm 30 Prozent der staatlichen Geldleistungen gestrichen werden. "Wir sind kein Ponyhof", meint Mike Altmann. "Wir wollen möglichst viele Leute in Arbeit bringen, da können wir keine Plätze im Projekt blockieren."

Herauszufinden, was ein Mensch will und kann, dauert lange. "Vertrauen herzustellen braucht Zeit", sagt Sabine Schaffer. Dabei hilft es, dass die Coaches, anders als die Vermittler in der Arbeitsagentur, nicht zu Sanktionen verpflichtet sind. Sie können auch nach Erfahrungen in der Schwarzarbeit fragen, denn gerade dort haben viele Jugendliche ihre wahren Kompetenzen erworben. Die Coaches sind jederzeit ansprechbar, und sie haken vorgelegte Bewerbungen nicht einfach ab. "Ohne Hilfe kommt dabei meist nur Standardmurks raus", stöhnt Sabine Schaffer. "Uns reicht es nicht, nur der DIN-Norm zu entsprechen."

Die Coaches suchen Arbeit, wo sie ist - auf der Straße

Was bei Bridges passiert, lässt sich nicht standardisieren. Unsichere junge Leute zu motivieren und das Beste aus ihnen herauszukitzeln, das funktioniert durch eine Haltung, durch die Art zu reden oder jemanden anzuschauen. Dadurch, wie man reagiert, wenn eine junge Frau auf Fragen nach ihren Wünschen und Fähigkeiten immer nur "hm, weiß nicht" antwortet. "Aber das Wichtigste ist Zuhören. Ohne Zuhören kann man nichts Gemeinsames entwickeln", sagt Christa Knittel. "Nur für etwas, für das ich brenne, setze ich mich auch ein. Das gilt gerade bei jungen Leuten."

Jeder Jugendliche fordert von den Senior-Coaches eine Gratwanderung. Wie viel Verständnis, wie viel Druck ist angemessen? Werner Rößler sagt: "Schluss ist, wenn jemand nur stur ist. Dann kann man nicht zusammenarbeiten." Christa Knittel sagt dagegen: "Warum soll ich jemanden bestrafen, der sowieso schon gestraft ist?" Einig sind sie sich allerdings in einem Punkt: Gegen Widerstand lässt sich nichts erreichen. Wer eine Arbeit nicht will, wird an ihr scheitern und kommt keinen Schritt weiter. Und die jungen Leute in wirtschaftlich stärkere Gegenden zu zwingen ist aussichtslos. Sie gehören nicht zu denen, die sich in der Fremde durchbeißen. Darum müssen die Coaches in der Region eine Perspektive bieten. Und die bedeutet: Arbeit.

Die Senior-Coaches haben die Zeit dafür. Und sie kennen die richtigen Leute. "Private Kontakte sind der Fundus von allem", sagt Werner Rößler. Da kennt man eben einen beim Gericht, der jemanden kennt, der eine Firma hat. Da kann man doch mal anrufen. Hinzu kommt: Rößler ist niemand vom Amt, unterliegt also keinem schlechten Image. Und kein Weg ist zu ungewöhnlich, als dass man ihn nicht gehen könnte. Ein Mädchen sucht eine Stelle als Zahnarzthelferin? Rößler ruft den eigenen Zahnarzt an. Den kennt man und hat schon einen Fuß in der Tür. "Ich putze jeden Tag Klinken", sagt Christa Knittel, "das hört nie auf." Auf der Straße guckt sie routinemäßig nach neu eröffneten Läden. Die könnten Personal brauchen.

Es ist stete Aufmerksamkeit, die zu Ergebnissen führt. Weil die Senior-Coaches dort suchen, wo die Arbeit wirklich ist: nicht im Computer, sondern auf der Straße. So haben sie es geschafft, 60 Prozent der vermittelten Jugendlichen in der Region in Arbeit zu bringen. Zwei Drittel der Stellen taten sie selbst auf. Maler, Maurer, Pferdewirt, Verkäufer, Koch, Gartenbauer, Gastrohelfer, Schweißer ... Mit acht Senior-Coaches hat Bridges in 14 Monaten 140 Jugendlichen eine Stelle verschafft. Zum Vergleich: Die Arbeitsgemeinschaften in Görlitz und Weißwasser beschäftigen rund 270 Menschen. Sie müssen sich um alles kümmern, was die Arbeitslosenverwaltung mit sich bringt. Im vergangenen Jahr wurden dort nur gut 900 Jugendliche in sozialversicherungspflichtige Arbeit vermittelt, die länger dauerte als zwei Monate.

Klein anfangen, dann dranbleiben - so hält man es bei Bridges. So finden auch Leute wie Maik Bernert einen Platz. Bernert ist 24, gelernter Betonbauer, ein junger Mann mit wachem Verstand und einer dreijährigen Arbeitsbiografie aus Ein-Euro-Jobs, Arbeitsamt und irgendwas. Als Bernert zu Bridges kam, wusste er, dass er das nicht mehr wollte. Bei Bridges kam heraus, dass Bernert Hochzeiten organisiert hat und ein umtriebiger Typ ist. Veranstaltungskaufmann, das war ein Ziel. Bernert machte zunächst ein Praktikum bei der Görlitzer Tourismus- und Marketinggesellschaft. Von außen betrachtet erscheint das wie eine typische Endstation. Bernert sammelte in orangegrellem T-Shirt und mit einem Kasten vor der Brust in der Innenstadt Stimmen für eine Fernsehshow: "Die Lieblingsorte der Deutschen".

Aber Maik Bernert legte auch die Routen fest, besorgte Genehmigungen für die Standplätze, taktete seine Mitpraktikanten ein. "Ich musste zeigen, was ich kann", sagt Bernert. Am Ende brachte er es auf 750 Stimmen für Görlitz. Und zu einem Ausbildungsplatz - er lernt Veranstaltungskaufmann bei der Marketinggesellschaft. Als er sein Praktikum anfing, war davon noch nicht die Rede.

Wichtigstes Ziel für Bridges: die Job-Hopping-Kompetenz

Jemand wie Steffen Bech, ein anderer Jugendlicher aus dem Bridges-Programm, ginge in der Arbeitsverwaltung einfach unter. Bech, 23, hat seinen Hauptschulabschluss gemacht und überbetrieblich Fliesenleger gelernt. Er hat sich dann beworben und keine Stelle gekriegt. Er hat ein Kind und eine Freundin und will nicht "wegmachen" aus Görlitz. Er hat nicht mal einen Führerschein. Das sind die Daten, die man auch im Arbeitsagentur-Computer fände. Aber die Daten spiegeln nicht den Menschen wider, den Werner Rößler seit Kindertagen aus der Gartenkolonie kennt. Der bei der Feuerwehr aktiv und fit ist, auch wenn er in Sport nur eine Vier hatte. Der arbeiten, renovieren und Umzüge organisieren will. Werner Rößler nahm ihn mit zu dem Immobilienmakler Andreas Lauer, der auch eine Hausverwaltung betreibt. Es war Zufall und Glück für Steffen Bech, dass Lauer gerade einen Hausmeister suchte. Heute hat Bech bei Lauer einen Job als Betriebshandwerker, für 950 Euro brutto. Das ist nicht schlecht für einen Berufsanfänger in Görlitz, wo der Friseurtarif bei 3,51 Euro die Stunde liegt. "Ich bin echt stolz darauf", sagt Steffen Bech. "Das ist meins, jetzt kann ich weitermachen." Werner Rößler meint nur: "Ich arbeite viel mit dem Zufall. Ich gehe los und mach' was klar."

Lauer sitzt in seinem Büro und zeigt auf das Dutzend blauer Bewerbungsmappen auf dem Sideboard. "Und das ist nur von dieser Woche", sagt er. "Aber wenn hier einer in der Tür steht und mir auf den Geist geht, ist das besser als jede schriftliche Bewerbung. Da braucht man Argumente, um den wieder wegzuschicken."

Bridges macht es Arbeitgebern leicht

Für Arbeitgeber bietet Bridges klare Vorteile, denn Personalsuche bindet gewöhnlich Zeit, Kraft und Geld. "Die Bewerbungen von der Arbeitsagentur müsste ich alle durcharbeiten", sagt Andreas Lauer, "und dann kommen doch nur Leute mit Rückenproblemen oder Praktikanten, die lediglich ihre Zeiten sammeln wollen. Bei Bridges habe ich einen Test durch Dritte. Stärken und Schwächen haben die schon festgestellt, das muss ich nicht mehr machen. Dadurch geht alles viel schneller. Und den Papierkram nehmen sie mir auch noch ab." Hinzu kommt: Der Arbeitgeber bleibt bei Problemen auch nach Vertragsunterzeichnung nicht allein. Alle drei Monate kommen die Senior-Coaches vorbei und erkundigen sich nach dem aktuellen Stand. Und wenn etwas schiefläuft, greifen sie ein.

Doch nicht immer klappt es so gut wie bei Bech und Lauer. Rund 17 Prozent aller vermittelten Jugendlichen waren weniger als drei Monate beschäftigt. Ein Viertel aller ehemaligen Bridges-Kunden ist momentan wieder ohne Arbeit - aus eigenem Verschulden, aber auch, weil Arbeitgeber pleite sind oder die Löhne nicht zahlen. Bis die Jugendlichen einen sozialversicherungspflichtigen Job oder eine vernünftige Ausbildung mit IHK-Abschluss ergattern, gehen mitunter Monate ins Land. Am Ende steht bei gut zwei Dritteln aller Vermittlungen ein geförderter Job. Dabei zahlt die Arbeitsagentur für ein Jahr 60 Prozent des Lohns. Danach muss der Arbeitgeber den Jugendlichen noch sechs Monate weiterbeschäftigen. Das ist nicht ideal, aber mehr ist auch bei direkter Vermittlung über die Arbeitsagentur nicht drin.

Sabine Schaffer ist froh, dass sie ihre Leute überhaupt unterkriegt: "Was ist denn die Alternative?" Weiterhin Stillstand, staatlich alimentiert. Das versteht besser, wer sich klarmacht, in welchem Umfeld Bridges arbeitet. Görlitz und die Grenzregion - das ist ein Arbeitgebermarkt und eine weitgehend tariffreie Zone. Forderungen kann da nur stellen, wer über Expertenwissen oder besondere Fähigkeiten verfügt. Förderung hingegen ist für die meisten Arbeitgeber eine Selbstverständlichkeit und das Erste, wonach sie fragen. "Ohne Förderung kriegt man hier kaum jemanden untergebracht", sagt Sabine Schaffer, "in unserer katastrophalen Region ist das völlig normal. Arbeit zu subventionieren, das müsste man natürlich hinterfragen. Aber solange das so ist, müssen wir mitspielen. Wenn die Jugendlichen einmal in Arbeit sind, schaffen sie es auch weiter."

In Mike Altmanns Region hat Arbeit für sein Klientel nichts mit den üblichen Wohlstandskriterien zu tun: "Ich bin kein Sozialromantiker. Wir reden hier nicht über Karriere und große Selbstentfaltung. Das ist völlig unrealistisch. Deshalb ist unser langfristiges Ziel nicht ein Job für die Ewigkeit, sondern Job-Hopping-Kompetenz. Wir wollen die Jugendlichen dazu bringen, dass sie es selber schaffen, sich immer wieder eine neue Arbeit zu suchen, eine Folge von Jobs organisieren zu können. Dazu braucht man Arbeitserfahrung und Durchhaltevermögen. Und beides vermitteln wir", sagt er. Deshalb ist Arbeitslosigkeit für Bridges-Vermittelte auch kein Dauerzustand: Die Hälfte von ihnen findet nach einem Job-Verlust von selbst wieder eine neue Arbeit.

Bridges kann ein Baustein sein - für eine echte Förderung

Bridges ist ein Modellprojekt, und es spricht nichts dagegen, dass es auch woanders klappen könnte. Arbeit zu finden ist für viele Jugendliche überall schwer - und lokal vernetzte, unterforderte Langzeitarbeitslose gibt es auch überall. Eberhard Nagel vom Görlitzer Dienstleistungszentrum für Arbeit plädiert denn auch für einen Mix. Arbeitsagentur, professionelle Dienstleister, Projekte wie Bridges: "In fünf Jahren ist das vielleicht normal. Bundesweit einheitliche Instrumente können nicht überall funktionieren. Man muss je nach Region variieren."

Mike Altmann von Bridges würde es gern auf einen Versuch ankommen lassen. Er hat keine Angst vor dem Wettbewerb mit Arbeitsagentur und professioneller Vermittler-Konkurrenz. Er glaubt auch nicht, dass coachende Langzeitarbeitslose in ineffizienten Hauruck-Projekten zu billigen Ausputzern eines chronisch unterfinanzierten Vermittlungsapparats werden könnten. "Man muss eben eines gewährleisten: Bezahlt wird ausschließlich nach Erfolg." -

www.projekt-bridges.de

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