Ausgabe 05/2007 - Schwerpunkt Ideenwirtschaft

Mehr als Worte

- Jedes Büro, jede Schule, jedes Wohnzimmer legt Zeugnis ab von 151 Jahren Firmengeschichte. So lange gibt es das Verlagshaus Langenscheidt, zu dem der nicht minder ehrwürdige Brockhaus Verlag gehört. Doch heute flimmern überall Monitore, auf denen Wörterbücher und Lexika um ein Vielfaches einfacher verfügbar sind als in der Zeit der dicken Folianten, mit denen der Verlag mit dem großen L einst Verlagsgeschichte schrieb. Wikipedia und Co. sind überall, und sie werden täglich besser.

Sie zu benutzen kostet nichts oder wenig. Vokabeln lassen sich mit Leo im Internet recherchieren. Und im Gegensatz zu Literatur und Sachbuch, die auch heute kaum jemand am Schirm lesen mag, ist die pure Information wie geschaffen für das schnelle und flexible Medium Internet. Es kann nicht mehr lange dauern, bis der letzte Regalmeter Lexikon für zweieinhalbtausend Euro verkauft sein wird - an den letzten Bildungsbürger, der sich vor dem Ende des Gutenbergzeitalters mit einem Brockhaus in 30 Bänden schmücken will. Doch die Geschichte der Traditionsunternehmen ist deshalb noch nicht zu Ende.

Vincent Docherty ist seit zwei Jahrzehnten bei Langenscheidt und leitet sämtliche Redaktionen der Wörterbücher. Fragt man ihn nach den Risiken, die Internet und digitalisierte Inhalte für den Verlag bedeuten, antwortet er, indem er Chancen aufzählt. Der Mann ist kein Papierfetischist: "Wir sehen im gedruckten Medium inzwischen fast eine Einschränkung der Möglichkeiten, den Kunden unsere Daten zur Verfügung zu stellen. Schon Ende der achtziger Jahre haben wir damit begonnen, unsere Inhalte so aufzubereiten, dass sie wirklich in jedem beliebigen Medium ausgegeben werden können." Es klingt, als hätte der Verlag nur darauf gewartet, Downloads statt Büchern zu verkaufen. Aber noch macht er 90 Prozent seines Umsatzes mit Büchern und Audio-Angeboten. "Wir glauben, dass das Buch als wichtiges Medium noch lange erhalten bleibt. In der Schule wird weiter mit Büchern gearbeitet", betont Docherty. Das bleibt auch noch ein Weilchen so, bis die Generation von Lehrern das Ruder übernommen hat, die selbst mit Internetrecherchen groß geworden ist.

Transformationen sind nichts Neues für den Verlag. Schließlich betreibt er keinen Papierhandel. "Wir mussten zum Beispiel beim Handy Einschränkungen hinnehmen, die das Medium verursacht. Da konnten wir nur schlichte Anwendungen anbieten", sagt Docherty. Auf dem winzigen Display des Mobiltelefons liefert die Verlagstochter Polyglott kurze, kompakte Texte, keine lange Reiseführer-Prosa. Trotzdem ist Docherty klar, dass gerade die Tiefe und die Dichte der Informationen über Wohl und Wehe des Geschäfts entscheiden. "Aber die Einschränkungen werden kleiner", sagt er. "Die Displays zum Beispiel werden größer und besser, die Übertragungsraten wachsen. Wir verdienen seit den neunziger Jahren Geld mit elektronischem Content."

Derzeit sorgen elektronische Produkte - vom Sprachkurs zum kostenpflichtigen Herunterladen bis zum Wörterbuch für das Handy - für etwa ein Zehntel des Umsatzes von 255 Millionen Euro. Mit diesem Volumen ist Langenscheidt einer der größten deutschen Buchverlage. Nur 15 Verlage erzielen höhere Umsatzzahlen. Langenscheidts Umsatz ist im vergangenen Jahr leicht angestiegen. Ähnlich stabil ist der Gewinn, auch wenn das verschwiegene Familienunternehmen darüber nur spärliche Angaben macht. Dass es mit seinen elektronischen Angeboten Geld verdient, ist eine Ausnahme in der Branche. Nach einer Umfrage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist dieser Bereich nur für ein Viertel der Verlage, die in dem neuen Geschäftsfeld aktiv sind, profitabel.

Hubert Haarmann, verantwortlich für das rasant wachsende elektronische Geschäft, das bei Langenscheidt seit sieben Jahren als eigener Bereich "e Business" geführt wird, kann sich gut vorstellen, dass es in zehn Jahren für ein Drittel des Umsatzes sorgen wird. Er zählt die Erfolge auf. Im Jahr 2005 habe der Verlag schon ein Drittel seines Umsatzes in Deutschland mit Reiseliteratur ohne Papier gemacht, im Web und auf dem Handy. Gut 60 Prozent des Umsatzes bei Übersetzungs-Software werden mit Downloads erlöst. Der Umsatz im E-Business ist von 2005 auf 2006 um 70 Prozent gestiegen.

Aber es geht nicht nur um Zahlen. Für Langenscheidt geht es um langfristige Entwicklung. Man will als Wissenslieferant wahrgenommen werden, nicht als Unternehmen, das nur Papier bedrucken kann. "Alles, was an Inhalten bei uns aufbereitet wird, vertreiben wir auf den unterschiedlichsten Plattformen - Telefonie, Internet, Navigationssysteme, weltweit", sagt Haarmann. Dabei geht es nicht nur um neue Vetriebskanäle für alte Inhalte. "Wichtig war für uns, dass wir die Produktentwicklung, zum Beispiel bei Herstellern mobiler Navigationsgeräte, begleitet haben", erklärt der Technik-Experte. "Im Prozess lernen wir, welche Inhalte gebraucht werden und wie sie aufbereitet sein müssen. Das betrifft Wörterbücher, Sprachführer und Reiseführer. Diese drei Nutzungen werden bei Handys und Navigationsgeräten relativ schnell verschmelzen."

Gut für Langenscheidt: Globalisierung braucht Fremdsprachenkompetenz

Das Unternehmen sieht sich als Globalisierungsgewinner: Ohne Fremdsprachenkompetenz wird Globalisierung mühsam. Haarmann: "Der gesamte europäische Raum, USA, Asien sind mächtig im Kommen. Durch die technologischen Entwicklungen gibt es heute eine viel stärkere Nachfrage nach Inhalten." Und das bedeutet: Sie werden kostbarer. Sie können geschickt mehrfach verwertet werden, ob mit oder ohne Label. Ein Beispiel: Unternehmen kaufen Lizenzen, um ihren Kunden und Mitarbeitern Wörterbücher, Reiseführer oder Sprachlehrgänge zur Verfügung zu stellen. Etwa in der Touristik. Auf Langstreckenflügen der Lufthansa gehört es zum Unterhaltungsprogramm, dass man seine Fremdsprachenkenntnisse auffrischen kann - mit Audiomaterial von Langenscheidt.

"Seit 2002 werden Inhalte für Handys und Navigationsgeräte an Hersteller verkauft. Beim Geschäft mit elektronischen Wörterbüchern zählt für die Kunden - neben Lufthansa unter anderem BMW und Audi - der Umstand, dass die von Langenscheidt angebotenen Inhalte geprüft und evaluiert sind. Damit können die meisten Gratisangebote im Internet nicht dienen", sagt Hubert Haarmann.

Die vorhandenen Inhalte werden nicht einfach im elektronischen Medium an die Firmenkunden weitergereicht. Die Datenbestände können den spezifischen Wünschen der Kunden angepasst werden. "Die Kunden kaufen mit der Lizenz die Zugriffsrechte auf den Online-Wörterbuch-Server von Langenscheidt. Updates erfolgen automatisch", erklärt Haarmann. Die Wörterbücher werden auf die interne Sprachregelung und auf die Branchenterminologie ausgerichtet. Die Vielfalt an Bedeutungen und Begriffen, die es im globalen Markt selbst in klar abgegrenzten Branchen gibt und die leicht zu Missverständnissen führen können, wird damit handhabbar gemacht.

Langenscheidt will aber noch weiter - etwa in die Kinderzimmer: "Wir werden in diesem Jahr die ersten Produkte für mobile Spielkonsolen wie Sony PSP oder Nintendo DS liefern", berichtet Haarmann. "Die wollen raus aus der reinen Fun-Ecke. Sie wollen anspruchsvolle Inhalte, und die haben wir."

Silke Exius ist für die Redaktionsleitung im Bereich Multimediales Lernen - also E-Learning - zuständig. Das ist ein vor allem in Asien gewaltig boomender Markt. In Südkorea beispielsweise nimmt ein Achtel der Bevölkerung via DSL-Anschluss an Lernangeboten über das Internet teil - 5,9 Millionen Menschen. Silke Exius kämpft hierzulande noch um Akzeptanz für das Lernen im Netz. Nicht, weil die Menschen das nicht wollten, sondern weil es nicht in die Organisationsform der prädigitalen Unternehmen passt: "Betriebsräte mögen es beispielsweise nicht so gern, wenn Lernerfolge überprüft werden. Oder IT-Abteilungen und Personaler schieben die Verantwortung für E-Learning-Projekte hin und her." Hier arbeitet die Zeit für Exius - und der wachsende Konkurrenzdruck aus Ländern, die mit Computern und Internet etwas lockerer umgehen als diejenigen, die am Industriedenkmal Deutschland hängen.

Und wie tritt Langenscheidt den Gratisangeboten aus dem Internet entgegen? Einfach mit mehr Qualität und Zusatznutzen, betont Docherty: Derzeit arbeite man an Übersetzungsprogrammen, die nicht nur normierte Sätze, sondern natürlich gesprochene Sprache aus Alltagssituationen übersetzen können, ein Programm, das - statt eins zu eins zu übersetzen - mit Wahrscheinlichkeiten, Ähnlichkeiten und möglichst großem Variantenreichtum arbeitet. Im Idealfall kann der Tourist irgendwann der Marktfrau in Barcelona oder dem Taxifahrer in Schanghai sein Handymikrofon vor den Mund halten und kurz darauf die deutsche Übersetzung hören.

Am Bibliographischen Institut J. & F. A. Brockhaus AG in Mannheim, so der korrekte Name des berühmten Lexikon-Verlags, ist Langenscheidt mit 70 Prozent Mehrheitsaktionär. Die Internet-Konkurrenz trifft den Verlag für Nachschlagewerke wesentlich härter als Langenscheidt: Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia hat für viele Nutzer den Griff zum Lexikon ersetzt. Kein Wunder, dass Alexander Bob, der Vorstandssprecher der Brockhaus AG, erst mal die Konkurrenz schlecht redet: "Wikipedia kann richtig sein oder auch nicht. Unsere Inhalte sind geprüft. Bei uns schreiben sich die Bundestagsabgeordneten ihre Artikel nicht selbst." Klar habe er gemerkt, sagt er, dass sich das Internet als Informationsmedium durchgesetzt hat: "Aber wir halten es für einen Rückschritt in der Entwicklung der Informationsgesellschaft, dass Wissen, das nahe am wirklichen Sachverhalt dran ist oder interessengeleitet aufbereitet wurde, ausreichend sein soll."

Anspruchsvolle Inhalte herzustellen ist nicht ganz billig. Bei der aktuellen Brockhaus-Ausgabe hat der Verlag einen knapp zweistelligen Millionenbetrag investiert. Um die kostbaren Inhalte auszuwerten, experimentiert Brockhaus mit eigenen Internet-Angeboten. Meyers Lexikon kann gratis online abgerufen werden, das rechnet sich für den Verlag durch Werbefinanzierung. Und wer die Brockhaus-Enzyklopädie kauft, bekommt einen Zugangscode zum Brockhaus-Online-Portal. Ein USB-Stick mit dem gesamten Inhalt des 30-bändigen Lexikons kostet mit 1499 Euro deutlich weniger als die Printausgabe. Mit Verkaufszahlen im hohen vierstelligen Bereich erreicht der USB-Stick etwa ein Fünftel der Stückzahlen des Lexikons.

Ähnlich wie Langenscheidt versucht Brockhaus, mithilfe der Technik die Datenbestände für den Kunden besser zu erschließen. "Wir arbeiten an natürlichsprachlichen Suchanfragen", sagt Alexander Bob. "Oft weiß man nicht, unter welchem Stichwort man suchen muss. Auf die Suchanfrage , Welches Tier hat zwei Höcker' kommen Sie auf den Artikel zum Kamel. Das ist eine linguistische Analyse mit einer anschließenden Suche auf der Gesamtsubstanz. Das Ziel ist, dass Menschen die Fragen an ein System so stellen können, wie sie wollen - und das System nicht nur auf vorformatierte Sätze und Suchbegriffe antwortet. Auch wenn ich nicht benennen kann, was ich suche, bekomme ich vernünftige Antworten angeboten."

Und irgendwie kann Alexander Bob dem Open-Source-Giganten und Erzfeind Wikipedia sogar etwas Gutes abgewinnen, wenngleich nicht ohne Spitzen gegen das populäre und dynamische Web-Produkt: "Wer bei der Wikipedia dauernd Wissenslücken findet, will irgendwann etwas Anspruchsvolles." -

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