Ausgabe 05/2007 - Schwerpunkt Ideenwirtschaft

Daddy Cool

- In Deutschland stellt man sich Künstler am liebsten als Originalgenies vor, ein wenig autistische Wesen, die frei von Kalkül und Karrierestrategien nur aus ihren Gefühlen und Talenten schöpfen, blind für den Markt und den Rest der Welt. Es ist eine Vorstellung aus der deutschen Romantik, als sich nostalgische Intellektuelle aus einer anstrengenden Frühmoderne zurück in irgendein diffus verklärtes Mittelalter samt echten Gefühlen und vollauthentischem Minnesang sehnten.

Die noch in der Renaissance selbstverständliche Auffassung des Künstlers als einem Unternehmer, der Werkstätten mit hoch qualifizierten Spezialisten unterhält, für Kunden, also für einen Markt arbeitet und versucht, den eigenen Namen zum gefragten Label zu machen, war den Reaktionären der Romantik äußerst suspekt.

Lustigerweise hat sich dieser weltfremde Authentizitätskult bis in die Gegenwart fortgesetzt und erfreut sich gerade in den am stärksten industrieförmig organisierten Abteilungen der Popkultur größter Beliebtheit. Gerade weil jeder weiß, dass es nur um Produkte geht, verlangt der Endverbraucher, zusammen mit der Ware auch die Illusion geliefert zu bekommen, hier ginge es um echte Menschen mit echten Gefühlen, deren Artikulation man nur zufällig in Form einer CD kaufen kann.

Niemand, nicht einmal der große Entzauberer Andy Warhol, hat diese stillschweigende Verabredung so brachial, nachhaltig und in großem Maßstab durchkreuzt wie der Musikproduzent Frank Farian, der Erfinder von Boney M. und Milli Vanilli. In Farians Disco-Bands waren die gecasteten Tänzer und Sänger vor allem für die Präsentation und die Fernsehauftritte zuständig, für die Musik sorgte der Produzent mit Studiomusikern. Womit das industrielle Prinzip der Arbeitseilung auch im Showbusiness seine segensreiche Wirkung entfalten konnte, eine Produktionsweise, die zu der konfektionierten, in Serie hergestellten und auf größtmöglichste Massenmarkttauglichkeit angelegte Gebrauchsmusik aus der Farian-Factory präzise passte. Der besondere Charme von Farians Anschlag auf das Authentizitäts-Versprechen der Popmusik liegt darin, dass er in aller Unschuld und eher aus Versehen stattfand - und mit dem Outing der beiden Milli-Vanilli-Performer Robert Pilatus und Fabrice Morvan als tanzende Statisten 1990 für einen der größten Skandale der Popgeschichte sorgte.

"Bei Boney M. war ich der Projektleiter - hier sind meine musikalischen Ideen, das muss umgesetzt und visualisiert werden, durch Menschen, die diese Musik perfekt präsentieren können", erzählt Farian und räkelt sich entspannt auf dem Ledersofa in seinem Berliner Büro. Man muss sich den 66-jährigen Showbusiness-Veteran als hart arbeitenden Profi mit schwerem saarländer Dialekt vorstellen, ein robuster Mittelständler aus der Provinz, der es zu Reichtum und einer Villa in Miami gebracht hat und trotzdem seinem bodenständigen Provinzler-Habitus treu bleibt, das sympathische Gegenteil eines großmannsüchtigen Parvenus.

Die Idee, drei farbige Tänzerinnen sowie einen Sänger für die Shows und Fernsehauftritte von Boney M. zu engagieren, hatte ganz praktische Gründe: "Ich kann diese schwarze Musik von Boney M. nicht auf der Bühne präsentieren, da lachen mich die Leute aus, die hätten mich von der Bühne gejagt. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich zu der Musik auf der Bühne machen soll. Das wäre mit Sicherheit kein Hit geworden, das wäre total untergegangen. Ich kann auch nicht tanzen, irgendwann ist man auch müde und will nicht mehr dauernd auftreten."

Das Spiel funktionierte blendend. Farian verkaufte im Lauf der Jahrzehnte stolze 800 Millionen Tonträger. Damit ist er einer der erfolgreichsten Produzenten Europas. "Ich hatte insgesamt über 20 Nummer-Eins-Hits und viele Top-Ten-Nummern in Amerika. Ich habe in den ewigen Top Ten in England drei Titel mit Boney M., die Beatles haben einen Song drin, Queen hat einen Song, Abba hat gar keinen", sagt Farian, und klingt ein wenig gekränkt, weil er von Musikjournalisten immer nur als cleverer Plastikmusiklieferant und nie als Künstler ernst genommen wurde.

Wer glaubt, Popmusik hätte etwas mit Glamour, Grenzüberschreitung oder gar Exzess zu tun, wird vom Vollprofi Farian schnell desillusioniert. "Ich war immer der Bescheidene aus Saarbrücken, der nie Erfolg hatte. In den ersten Jahren, von 1961 bis 1968, war dauernd der Gerichtsvollzieher bei uns. Ich hatte immer den Druck, der hat mich am Boden gehalten: Ja nicht ausrasten, aber überhaupt nicht. Ich war nie gefährdet, nie", sagt Farian heute über seine Anfänge. "Ich gehe auch nicht auf Partys, ich sitze lieber im Studio und bastle und mache meine Musik. Nie wieder arm werden - dieser Satz war mein Begleiter. Das hat mich vor dem Ausrasten bewahrt. Im Jahr 1976 sollte die erste Boney-M.-Single rauskommen. , Daddy Cool' zu produzieren hat vielleicht 5000 Mark gekostet, das haben wir in drei, vier Tagen aufgenommen. Das sollte die B-Seite der ersten Single werden, die A-Seite sollte , No Woman, No Cry' sein. Das haben wir bei uns in der Discothek im Saarland gespielt. Mein DJ sagte mir, zu , No Woman, No Cry' tanzt kein Mensch, bei , Daddy Cool' toben die Leute. Der Rest ist bekannt. Boney M. hatten damit international einen Nummer-Eins-Hit. Es kam ein Geldregen, ich hätte danach nie wieder arbeiten müssen. Ich habe mir gleich zwei Millionen Mark aufs Konto gelegt. Ich bin immer noch mit meinem alten Volvo in der Gegend rumgefahren, ich hatte Angst, wieder alles zu verlieren."

Diese Angst dürfte sich inzwischen gelegt haben: Schon vor gut einem Jahrzehnt wurde Farians Vermögen auf 100 Millionen Mark geschätzt, es dürfte seither nicht kleiner geworden sein.

Mit seinem neuen Projekt will Farian die Cash Cow Boney M. noch einmal in großem Stil melken, diesmal mit einem Musical. Praktischerweise ist es in diesem Genre üblich, dass ausschließlich gecastete Sänger und Tänzer auf der Bühne stehen. "Boney M. war damals auch schon ein Musical, wir haben immer gesagt , The Black Beauty Circus', ich bin der Zirkusdirektor. Es geht um Musik, Show und Acting - und für alles suche ich mir die Leute, die das am besten können, " sagt Farian.

Erste Station seiner neuen Show war London, die Bilanz: 180 000 Zuschauer in zehn Wochen. Ende April geht es in Berlin weiter, und das ist laut Farian, erst der Anfang. "Ich habe schon 15 Millionen investiert, es kommen sicher noch fünf Millionen dazu. Nächstes Jahr gehen wir mit dem Ding nach Moskau. Es gibt die Idee, dass wir vielleicht eine Woche auf dem Roten Platz spielen, das wäre eine Sensation. Zur Premiere in Berlin kommt der Chef vom russischen Staatsfernsehen. New York ist angesagt, mit Peking und Schanghai verhandeln wir, wir reden mit alten Freunden aus Las Vegas. Vielleicht machen wir daraus eine Las-Vegas-Show, die dort zwei, drei Jahre in einem großen Hotel läuft. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich damit Geld verliere. Ich weiß, dass Abba mit ihrem Musical weit über 100 Millionen Euro verdient haben. Wir wollen richtig großes Kino machen. Wenn wir Erfolg haben, multipliziert sich das Geld." -

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