Ausgabe 05/2007 - Schwerpunkt Ideenwirtschaft

Anleitung zum Selbermachen

brand eins: Für das, was man in Großbritannien als "Creative Economy" bezeichnet, fehlt uns Deutschen bislang der Begriff. Worum geht es?

Charles Leadbeater: Die Grundidee ist, dass Kreativität eine wichtige Rolle in immer mehr Lebensbereichen spielt. Daher spreche ich lieber von einer kreativen Gesellschaft, denn meiner Ansicht nach geht es nicht so sehr darum, bestimmte Wirtschaftszweige zu fördern.

Der amerikanische Wirtschaftstheoretiker Richard Florida behauptet, dass dem kreativen Sektor - also Wissenschaft, Ingenieurwesen, Architektur und Design, Kunst, Musik und Unterhaltung eine Schlüsselfunktion in der Ökonomie zukommt. Er geht davon aus, dass der "Szene-Faktor" einer Stadt ausschlaggebend dafür ist, welche Art von Leuten sich dort niederlassen. Und dass wiederum die Unternehmen sich an jenen Orten ansiedeln, wo Kreative zu Hause sind. Stimmen Sie ihm zu?

Sicherlich ist Kultur wichtig für die Geschichte, die Orte über sich selbst erzählen können. Hundert Weltklassemusiker in einer Stadt haben nun einmal eine andere Bedeutung als hundert führende Ingenieure. Allerdings sollte man Kreativität nicht mit Museen, Kunstgalerien, Szenevierteln und Bohemiens verwechseln. Ich würde auch nicht behaupten, dass sogenannte Kreative die treibende Kraft des gesamten Wirtschaftsgeschehens sind. Vor kurzem war ich beispielsweise in Perth in Westaustralien, einer wirtschaftlich ungeheuer prosperierenden Stadt - aber so etwas wie ein Szeneviertel sucht man dort vergebens. Das beobachtet man doch immer wieder: viel Wachstum und unternehmerische Kreativität an Orten, wo es kaum Kultur gibt.

Ich hielte es deshalb für einen Fehler, wenn jede Stadt sich an dem Modell von Richard Florida orientierte. Einer der kreativsten Orte, die ich je gesehen habe, ist Curitiba in Brasilien: eine Stadt mit einem sehr kleinen Szeneviertel. Was sie in meinen Augen dennoch so kreativ macht, ist die Art, wie dort Erziehung, Verkehr oder das Gesundheitswesen organisiert sind. Also die ganz grundlegenden Dinge des Lebens.

Für einen Irrweg halte ich den Versuch, Kreativität zu kopieren. Überall auf der Welt wollen Politiker auf einmal Opernhäuser bauen oder sich das Image eines Silicon Valley geben. Dabei wird es viel mehr darauf ankommen, sich zu unterscheiden.

Auf feine Unterschiede setzte auch die traditionelle Kulturpolitik, die versuchte, die Hochkultur gegen die von Adorno so genannte Kulturindustrie zu verteidigen.

Heute haben wir erkannt, dass der Kapitalismus, dessen Auswirkungen Adorno kritisierte, nicht bloß eine, sondern viele verschiedene Logiken beinhaltet. Das konnte damals, Mitte des 20. Jahrhunderts, noch niemand so klar erkennen - genauso wenig wie man den Wechsel der Produktionsmethoden durch das Internet voraussehen konnte. Die interessante Frage für mich ist immer: Wo entstehen kulturelle und politische Räume, um bestimmte Dinge zu tun? Das sieht in verschiedenen Sphären unterschiedlich aus - in der Werbung anders als auf dem Buchmarkt.

Nach den Berechnungen der britischen Regierung sorgen die Kreativindustrien für acht Prozent der Bruttowertschöpfung im Land - mehr als Banken und Versicherungen. Allerdings machen große Medien- und Software-Unternehmen den Löwenanteil des Geschäftes - und nicht die vielen Kleinunternehmen und Selbstständigen.

Das stimmt, es gibt da ein Problem. Man könnte nun fragen, ob die Regierung die Kunst- und Kulturschaffenden stärker subventionieren sollte. Meine Schlussfolgerung ist eher, dass der Staat, um Kreativität zu fördern, viel breiter investieren muss.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie etwa das Victoria and Albert Museum in London, ein großartiges Zentrum für Design und Mode. Ganz sicher ist es von enormer Bedeutung für die britische Modeindustrie, auch wenn sich das nicht in Heller und Pfennig darstellen lässt. Ein anderes Beispiel ist der Londoner Stadtteil Hoxton, wo eine Kunstszene entstanden ist. Das hing auch damit zusammen, dass viele Studenten der Westminster University dort billige Wohnungen fanden. Es war also in diesem Fall weniger die Kulturförderung, sondern vielmehr die Wohnraum- und Mietpolitik, die diese kreativen Prozesse in Gang gebracht hat.

Und ohne staatliche Intervention wäre dieser Prozess nicht in Gang gekommen?

Nein. Uns geht es um die Korrektur von Marktversagen. Und darum, gleiche Zugangsbedingungen zu schaffen. Wenn man jung ist, in London wohnt und einen Universitätsabschluss in der Tasche hat, ist es einfach, eine Arbeit im kreativen Sektor zu finden. Aber wenn man in der Provinz lebt und die Schule mit 16 verlassen hat, wird es schwierig.

In Ihrer Studie "The Independents" haben Sie die Rolle von Universitäten als Brutstätten für Unternehmen im kreativen Sektor hervorgehoben. Wichtiger als in Institutionen zu investieren, die künstlerische Ausbildungen anbieten, sei es, 50 Prozent statt wie heute 35 Prozent der 18-Jährigen ein Universitätsstudium zu ermöglichen. Warum?

Wegen des kreativen Umfeldes, in dem man Dinge ausprobieren kann. In manchen Fächern ist der offizielle Lehrplan weniger bedeutsam als das, was man von seinen Kommilitonen lernt.

Demnach müssten Sie ein Gegner von Reformen sein, die das Studium effizienter gestalten wollen.

Sagen wir so: Es wäre eine Schande, wenn auf diesem Weg Leute dazu gebracht würden, zu viel Zeit in Bibliotheken zu verbringen, Bücher zu lesen und sich auf ihre Examina vorzubereiten. Und nicht genug Zeit bliebe, um Geschäftsideen auszuprobieren, eine Kunstausstellung zu veranstalten, einen Film zu organisieren oder andere kreative Dinge zu tun.

Eine Ihrer Forderungen war: "Wir brauchen bessere Messungen des Effektes von Ausbildungsinstitutionen auf das ökonomische Umfeld." Wissen Sie heute mehr?

Alles, was wir wissen, ist, dass kulturelle Kreativität sich in einem Marktumfeld entwickelt, das diese belohnt. Solche Märkte wiederum bestehen meist aus vielen jungen Leuten. Und die wiederum findet man um die großen Universitäten herum.

In der Debatte um die kreative Wirtschaft schwingt das Versprechen mit, die nationale Wirtschaft zu retten. Andererseits wird für einen bestimmten Lebensstil geworben: den des unabhängigen Individuums. Geht das zusammen?

Beides hängt in der Tat zusammen. Aber was mir wichtiger ist, ist die Beantwortung einer grundsätzlichen Frage: Wie werden wir in Zukunft unser Leben bestreiten? Und die Antwort darauf scheint mir zu sein: indem wir mehr dieser Typ Mensch sind.

Was macht ihn so attraktiv?

Leute dieses Schlages sind in der Lage, selbstständig ihr Ding zu machen. Zu diesem Zweck müssen sie jedoch zusammenarbeiten. Obwohl sie sehr individuelle Werte haben, gehen sie mit einer sehr kooperativen Einstellung an ihre Arbeit heran.

Dummerweise kämpfen die kreativen Selbstständigen und die großen Medienunternehmen mit ungleichen Waffen.

Eine kreative Szene zu haben heißt nicht, dass man auch eine Kreativindustrie im Land hat. Das stimmt leider. Und grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass die Leute in Großbritannien eine Vorliebe dafür haben, eher kleine und mittelgroße Unternehmen zu führen. Aber das Internet mit seinen neuen Distributionsmöglichkeiten verändert vieles.

Auf Ihrer Website beschreiben Sie, dass Techniken wie Wikis neue Formen von Kooperation ermöglichen. Man erfährt jedoch wenig darüber, unter welchen Bedingungen so etwas funktioniert.

An der Beantwortung dieser Frage arbeite ich derzeit. In einer neuen Version meines Buches "We Think! " wird es darum gehen, unter welchen Bedingungen Menschen zusammenarbeiten, kreativ sein, die Ergebnisse ihrer Arbeit teilen und sich selbst organisieren können, ohne auf traditionelle Organisationsstrukturen zurückgreifen zu müssen.

Ihre Idee ist eine Gesellschaft von Mitmachern und Designern. Wie kann man sich die konkret vorstellen?

Es gibt heute Trendforscher, die behaupten, dass wir künftig mehr Märkte für Produkte mit einer kleinen, aber loyalen Kundschaft haben werden - und nur noch einige wenige Produkte, die massenhaft Absatz finden. Ähnlich wird sich meiner Ansicht nach auch das soziale Engagement der Bürger entwickeln. Für Parteien und Organisationen wird das eine Herausforderung. Nehmen Sie Amnesty International. In ihrer mehr als 40-jährigen Geschichte war diese Organisation die meiste Zeit über der einzige Akteur auf dem Feld der Menschenrechte. Heute muss Amnesty mit 40, 50 anderen, kleineren Organisationen konkurrieren.

Wird es nicht schwierig sein, unter solchen Umständen überhaupt noch etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen?

Schauen Sie sich die Plattform www. Move On.org an - eine Website, die vor allem in den USA genutzt wird. Das ist keine Organisation, die auf ein einzelnes Thema beschränkt ist, aber auch keine politische Partei, keine Lobbygruppe und auch kein "flash mob", der sich per Internet und Mobiltelefonen zu spontanen Demonstrationen verabredet. Vielmehr handelt es sich um eine langfristig arbeitende Gemeinschaft, die in der Lage ist, flexibel ganz verschiedene Aufgaben zu koordinieren. Mal sammelt man Spenden für einen Kandidaten, der sich zur Wahl stellt, mal übt man Druck auf Politiker aus, mal unterstützt man bedürftige Menschen ganz direkt.

Etwas grundsätzlicher betrachtet, muss man in einer Demokratie unterscheiden zwischen Mobilisierung - also zum Beispiel Protest - und der Organisation von politischer Entscheidungsfindung durch den Austausch von Argumenten. Für Letzteres ist es viel schwieriger, ein Partizipationsdesign zu entwickeln. Wie will man Leute dazu motivieren, sich an Debatten über verwickelte Themen wie etwa eine Gesundheits- oder eine Steuerreform zu beteiligen? Interessant in diesem Zusammenhang sind die neuen "Alternate Realty Games". Die spielt man nicht virtuell, sondern im echten Leben.

Wie geht das?

Schauen Sie sich mal in der Online-Enzyklopädie Wikipedia die Darstellung von "I Love Bees" an. Dort haben die Mitspieler auf der ganzen Welt nicht nur einfach Informationen gesammelt. Sie haben Material gesichtet und analysiert und sich in Teams aufgeteilt, um verschiedene Strategien auszuloten. Dazu haben sie ihre eigenen Web-Seiten und Kommunikationssysteme geschaffen. Ich frage mich: Wie könnte man einen ähnlichen Grad an Beteiligung für Diskussionen über Klimawandel oder den Krieg im Irak erzeugen?

Die Lösungen, die Sie skizzieren, haben alle einen sehr technischen Charakter. In "We Think! " schreiben Sie aber auch über sogenannte Barfußschulen in Indien, wo Schüler selbst zu Lehrern werden, was dazu führt, dass sich das System von allein immer weiter entwickelt. Ein wenig erinnert das an die eher technik-skeptischen Ideen, die der katholische Theologe und Fortschrittskritiker Ivan Illich in den siebziger Jahren entwickelt hat. Schulen abschaffen das war eine seiner aufsehenerregendsten Ideen damals.

Ich habe das als Schüler gelesen und im vergangenen Jahr wiederentdeckt - und finde es nach wie vor brillant. Illich hat eine postindustrielle Welt vorausgesehen. Er hat die Sprache der Netzwerke und des Web benutzt - lange bevor es das Internet überhaupt gab. Er hatte immer diese Idee, dass die öffentlichen Einrichtungen des Wohlfahrtsstaates sich, obwohl mit guten Absichten entwickelt, in Albträume verwandelt hatten.

In "Entschulung der Gesellschaft", das in Großbritannien 1971 veröffentlicht wurde, präsentierte er eine Skizze davon, wie ein "geselliges" Erziehungssystem aussehen könnte. Eine Idee war, denjenigen, die etwas lernen wollten, jederzeit den Zugang zu den nötigen Ressourcen zu ermöglichen - in Fabriken, Büros, Museen und Bibliotheken ebenso wie in Schulen. Ein anderer Vorschlag war, es für diejenigen, die ihr Wissen teilen wollten, einfach zu machen, miteinander in Verbindung zu treten.

Aber war nicht die Hoffnung darauf, dass Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können, ohne dabei auf die etablierten Institutionen zurückzugreifen, auch für damalige Verhältnisse schon etwas kühn?

1971 klang all das sehr weit hergeholt. Aber in Zeiten von Wikipedia, Ebay und My Space hört sich das an wie eine Alltagserfahrung im Zusammenhang mit online verfügbaren sozialen Netzwerken. Wir haben erst begonnen, das Potenzial dieser Techniken zu entdecken. -

Der britische Weg

"London ist zur kreativen Hauptstadt der Welt geworden", verkündete jüngst der britische Premierminister Tony Blair. Und spätestens seit Mitte der neunziger Jahre sind Brit Pop und Brit Art in aller Welt ein Begriff. Großbritanniens kreativer Sektor erwirtschaftet einen Jahresgewinn von rund 83 Milliarden Euro - mehr als das Finanzwesen. Die Wachstumsrate liegt mit sechs Prozent im Jahr doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft.

Zugleich ist Großbritannien seit zehn Jahren Vorreiter mit einem neuen kulturpolitischen Konzept: Creative Economy Policy. Statt Hochkultur zu subventionieren, fördert der Staat die privatwirtschaftliche Produktion kreativer Angebote. Software und Computerdienstleistungen, Design, Verlagswesen, Fernsehen und Radio, Musik und Werbung sind die wichtigsten der Branchen, die unter dem Begriff der Kreativindustrien zusammengefasst sind. Ziel ist es, mit der Förderung dieses Sektors die Ökonomie insgesamt in Schwung zu bringen. Der Publizist und Trendforscher Charles Leadbeater hat den neuen Ansatz von Anfang an als Berater begleitet.

Weil New Labour sich von der linken Kulturpolitik der alten Labour-Partei distanzieren wollte, ersetzte sie den geläufigen Begriff "cultural" durch das weiter gefasste "creative". Das ehemalige Department of National Heritage wurde umbenannt in Department for Culture, Media and Sport; eine "Creative Industries Task Force" wurde eingesetzt. Seit einigen Jahren gibt es sogar einen eigenen Minister für die "Kreativindustrien".

Doch trotz all dieser Bemühungen gibt es heute Grund zur Sorge. So ist im jüngsten Bericht des National Endowment for Science, Technology and the Arts (Nesta) nachzulesen, dass die britische Designbranche seit dem Jahr 2000 mehr als ein Drittel ihres Umsatzes eingebüßt hat. Bei Filmproduktionen gingen die Investitionen 2005 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel zurück. Und die Anzahl der Beschäftigten in der Computerspiel-Industrie ist seit 2000 um sechs Prozent zurückgegangen - obwohl der Markt insgesamt wächst.

Ein Grund: Zu wenige britische Unternehmen, so der Nesta-Bericht, seien in der Lage, es mit der auf Massenproduktion eingestellten internationalen Konkurrenz aufzunehmen. "Die relativ kleinen Produzenten von Filmen, Computerspielen und Büchern", schreibt auch die vom Creative Economy Programme des Kulturministeriums eingesetzte Competition and Intellectual Property Working Group in ihrem kürzlich erschienenen Bericht, "müssen mit ansehen, wie sich Großhändler den meisten Teil des Mehrwertes aneignen, den die kreativen Wirtschaftszweige erzeugen. Für Großbritannien ist dies insofern ein Problem, als viele der großen Vertriebsunternehmen nicht britisch sind."

Charles Leadbeater hat bereits in seiner im Jahr 2004 erschienenen Studie "Britain's Creativity Challenge" vor der drohenden Konkurrenz gewarnt: "In der Vergangenheit haben wir unsere Stärke in Industrien wie Textil, Schiffbau und Autoherstellung als eine Selbstverständlichkeit betracht - und es versäumt, unsere Position beizeiten auszubauen", heißt es dort. "Dieser Fehler darf uns mit den kreativen und kulturellen Industrien nicht wieder passieren."

Die Lösung, die Leadbeater heute skizziert, knüpft an ein 1999 viel beachtetes Büchlein mit dem Titel "The Independents - Britain's new cultural entrepreneurs" an. Darin entwickelt er, ausgehend von der Arbeitskultur der Netzwerkgesellschaft, ein Modell für die Umgestaltung von Organisationen überhaupt.

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