Ausgabe 05/2007 - Schwerpunkt Ideenwirtschaft

Alles umsonst

- Im Schmidt Theater auf der Hamburger Reeperbahn sitzen rund 250 Menschen in Cordhosen, Jeans, Pullis, Jacketts auf roten Samtsesseln, die Mehrzahl um die 40. Normalerweise stehen hier Komiker auf der Bühne, heute geht es darum, einige Millionen Euro zu verschenken, doch auch das entbehrt nicht einer gewissen Komik. Denn im Saal herrscht eine frustrierte Stimmung. "Das reicht doch nie! ", klagt einer. "Da bleibt doch nichts übrig! ", ein anderer. Neben der Bühne steht ein großer Tisch mit Freigetränken für das anspruchsvolle Publikum.

Eingeladen hat der Deutsche Filmförderfonds (DFFF). Das ist ein neues Film-Subventionsprogramm, erdacht von Bernd Neumann, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter für Kultur und Medien, sowie Vertretern der Kinoindustrie. "Neumanns 60-Millionen-Euro-Baby", wie man in der Filmbranche sagt, ist ein großzügiges Kind: Es soll in den kommenden drei Jahren jeweils 60 Millionen Euro verteilen, ohne ein Gremium, das die einzelnen Zahlungen bewilligen muss. Es ist eine automatische Förderung für (fast) alle Filmproduzenten. Der Produzent muss mit seinem Projekt nur einen bewusst niedrig angelegten Kulturtest passieren und einen soliden Finanzierungsplan vorlegen - dann wird ihm bis zu einem Viertel des Budgets geschenkt.

Das Ziel des DFFF ist, den Kreativen nach der Entmündigung durch die Gremien der anderen Förderanstalten etwas unternehmerische Verantwortung zurückzugeben. Produzenten, die einen Teil des Budgets geschenkt bekommen, sollen umso motivierter sein, den Rest zu akquirieren. Mehrere hundert Millionen Euro könnten dadurch zusätzlich in die Filmwirtschaft fließen. Letztlich soll ein großer Teil des Geldes bei den Produzenten hängen bleiben, sodass sie langfristig Eigenkapital bilden können.

Drei Frauen erklären auf der Bühne des Schmidt Theaters, wie einfach es ist, an die Millionen zu kommen - so leicht war es noch nie. Und doch müssen sie sich ins Zeug legen, um den skeptischen Produzenten, Autoren und Regisseuren die Idee schmackhaft zu machen. "Alles ohne Gremienwillkür!", sagt ausgerechnet die Leiterin der Filmförderung Hamburg, Eva Hubert, die selbst zwei Gremien vorsitzt. Aber sie trifft einen wichtigen Punkt: Der DFFF bricht tatsächlich mit einem Grundsatz der Filmförderung.

Als der Gesetzgeber 1967 das Filmförderungsgesetz erließ, wollte er das Wirtschafts- und Kulturgut Kino unterstützen. Vor allem aber wollte er es schützen: vor der Konkurrenz aus dem Ausland und vor dem Fernsehen - also vor dem Geschmack des Massenpublikums. 1968 nahm die Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin ihre Arbeit auf, im Laufe der siebziger Jahre zogen die Bundesländer mit eigenen Anstalten, Gremien und Geldern nach. Heute verwalten mehr als zwei Dutzend Anstalten einen Etat von rund 300 Millionen Euro. Ein riesiger Jägerzaun für den deutschen Film.

Und eine Spielwiese für Kunstfilmer wie Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Werner Herzog, die sich für das Massenpublikum lange nicht interessiert haben. Wer in ihren Autorenfilmen den Beweis sah, dass Deutschland immer noch eine Nation von Dichtern und Denkern ist, sollte sich bei der Förderung bedanken. Sie fördert auch unser Selbstbild - bis heute.

40 Jahre Förderung bedeuten: Es kommt kaum ein deutscher Spiel- oder Dokumentarfilm ins Kino, der ohne Unterstützung entstanden ist. Dabei gibt es nichts, was keinen Zuschuss wert ist: das Drehbuch, die Dreharbeiten, die Filmkopie, der Vertrieb. In den Budgets stecken bis zu 50 Prozent Fördergelder, das ist die EU-Höchstmarke - der Rest kommt zum weitaus größten Teil von privatwirtschaftlichen Produzenten und vor allem von den Fernsehanstalten. Außerdem entscheiden die Gremien über Hunderte von Kurz- und Nachwuchsfilmen. Es ist ein gigantisches System zur Förderung der Kreativen, die darüber eigentlich glücklich sein sollten. Doch den Produzenten geht es gar nicht gut.

Erster Akt: Der Filmproduzent möchte Geld, der Staat will vor allem keine Risiken

Stefan Schubert von der Wüste Filmproduktion ist ein typischer deutscher Produzent. Es geht ihm nicht so gut, dass er jubeln mag, aber er kann auch nicht klagen: Wüste erhielt von der Hamburger Filmförderung in den vergangenen Jahren mehr Geld als das große Studio Hamburg. Schubert erledigt die Finanzen, wenn Regisseure wie Fatih Akin ("Gegen die Wand") anspruchsvolle Filme drehen. Jetzt blickt er auf ein weißes Blatt Papier und zögert. Die Frage ist: Können Sie aufmalen, wie das Fördersystem funktioniert? Schubert lacht und streckt die Waffen. "Ich weiß nicht, ob man das zeichnen kann."

"Wir sind nicht nur von den Förderanstalten abhängig", sagt Schubert, "sondern auch von Fernsehsendern und Verleihern." Die Regionalanstalten seien ein wichtiger Teil der Finanzierung, aber die Zuschüsse bekomme nur, wer in dem fördernden Bundesland das 1,5-fache der bewilligten Summe ausgibt - die Filmförderung ist auch eine regionale Wirtschaftsförderung. Wo wäre Wüste ohne die Förderung? Schuberts Gegenfrage: "Gäbe es uns überhaupt?" Für ihn ist klar: Es braucht mehr Förderung, mehr Geld. "Wir leben nicht im Schlaraffenland."

Die deutschen Produzenten stecken in einem Dilemma. An Fördergelder sind viele Bedingungen geknüpft - doch ohne Subventionen fällt kaum eine Filmklappe. Zwar beherrschen die Produzenten in ihrem Selbstverständnis das Spiel, doch fragt man, woher die Frustrationen rühren, werden sie vorsichtig. Stefan Schubert beginnt seine Sätze mit "Ich will das mal so sagen ...". Andere sagen gar nichts. Alles könnte von den Förderern als Kritik verstanden werden. "Wenn etwas falsch rüberkommt, ist meine Existenz beendet", sagt ein junger Produzent. Und bittet, dieses Zitat nur anonym zu verwenden. Die Kreativen haben Angst. Einerseits.

Andererseits können sie laut und quengelig sein. Dann fordern sie mehr Geld, und die Sätze beginnen mit "Das muss doch mal in die Köpfe rein! ". Zum Beispiel, dass es alle anderen besser haben: Hollywood mit seinen Millionenbudgets, Indiens Bollywood mit seinem Millionenpublikum. Die Liste der Ungerechtigkeiten ist lang, sogar der Name Steven Spielberg fällt. In solchen Momenten scheint der deutsche Produzent so realitätsfremd wie E. T. "Subventionssysteme erzeugen eine bestimmte Mentalität", sagt Jörn Kruse vom Institut für Wirtschaftspolitik der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. "Die Zahlungen sind dann das 'gute Recht', weil man sonst benachteiligt ist." Der Volkswirt mit den Schwerpunkten Telekommunikations- und Medienökonomie ist grundsätzlich gegen Subventionen, auch beim Kino. Abschaffen möchte er die Förderung dennoch nicht - Kruse ist Filmfan. "Manchmal sind gewisse kulturelle Ziele nicht anders zu erreichen als mit Förderung. Außerdem würde man damit den deutschen Film nicht nur an den Abgrund bringen, sondern hineinstoßen. Die Frage ist eher: Wie soll man fördern?"

Das ist ein ungelöstes Rätsel, dem ein grundsätzliches Problem zugrunde liegt: Ihrem Wesen nach sind Film und Förderung so verschieden wie Pferdewetten und Riester-Rente. Das Bilder-Business ist chaotisch und riskant. Mehr als hundert Jahre Kino haben nur eine Regel hervorgebracht: "Keiner weiß gar nichts! " Ein Drittel bis 45 Prozent der Produktionen erweisen sich als rentabel, zehn Prozent werden Superhits, zehn Prozent Superflops. Doch welche das sind, weiß man erst hinterher. Wer hier Geld verdienen will, braucht vier Dinge: einen durch nichts gerechtfertigten Glauben an seine Idee, einen guten Riecher, Mut zum Risiko - und viel Geld. Dieses Geld haben die Förderanstalten, und natürlich wollen sie es verteilen. Aber nicht etwa auf der Basis von Glauben, Intuition oder gar Risikobereitschaft - das verbietet die Rechenschaftspflicht. Also stellen sie zur Sicherheit Richtlinien und Gremien auf. So formt sich ein Apparat.

Die deutsche Filmförderung steht auf drei Säulen. Zum einen gibt es die Töpfe des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), finanziert aus Steuergeld. Darunter fällt zum einen die klassische BKM-Förderung mit 32 Millionen Euro pro Jahr, die von Gremien verteilt werden, sowie der DFFF mit seinen jährlich 60 Millionen Euro. Ebenfalls auf Bundesebene steht die zweite Säule, die Filmförderungsanstalt in Berlin (FFA), deren Etat 76 Millionen Euro in 2006 betrug, finanziert aus Abgaben der Kino- und Videoindustrie. Hinzu kommen die Regionalanstalten der Bundesländer mit einem Gesamtetat 2006 von mehr als 120 Millionen Euro, finanziert aus Steuermitteln und Abgaben der Fernsehsender.

Zweiter Akt: Von zehn Antragstellern bekommt einer Geld. Wer, das bestimmt das Gremium

Eine abgestimmte Vorgehensweise zwischen den Förderern gibt es nicht. Meist muss der Antragsteller Gremien passieren, die mal mit und mal ohne Abgesandte der TV-Sender besetzt sind. Manche Anstalten verschenken Zuschüsse, andere gewähren bedingt rückzahlbare Darlehen. Regionalförderer engagieren sich gern bei prestigeträchtigen Filmen berühmter Regisseure mit bekannten Schauspielern, wobei reiche Länderanstalten wie die von Nord-rhein-Westfalen (Fördersumme: 29 Millionen Euro in 2006) manchmal darauf bestehen, der einzige Regionalförderer zu bleiben - obwohl meist zwei Anstalten zur Finanzierung nötig sind. Das nennt sich "exklusiv auf einem Film drauf sein".

Die Bundesländer gewähren wie gesagt nur Förderung, wenn der Produzent mindestens das 1,5-fache der Summe im Land ausgibt - es darf aber auch mehr sein: Jedes Promille, das sie mehr zurücklassen, gilt im jährlichen Rechenschaftsbericht als Erfolg. Eva Hubert von der Filmförderung Hamburg (FFHH) hat im Geschäftsjahr 2006 einen Effekt von 1,93 erzielt - für jeden För-der-Euro wurde 1,93 Euro in Hamburg gelassen.

Das ist gut für sie, doch sie sieht auch die Probleme des Systems. "Man braucht Mut, um sich von der Rechenschaftspflicht nicht einschüchtern zu lassen und riskante Projekte zu wagen."

Bei einem Etat von 7,2 Millionen müssen Hubert und ihre Kollegen - TV-Redakteurinnen, ein Produzent, ein Cutter, die Regisseurin Hermine Huntgeburth - gut abwägen, wen sie fördern. Von 50 Anträgen auf Förderung eines Dokumentarfilms können sie pro Jahr etwa zehn annehmen, in anderen Bereichen gibt es sogar zehnmal mehr Anfragen, als Förderungen bewilligt werden können. Firmen wie Wüste, die bewiesen haben, dass sie langfristig erfolgreich und kulturell anspruchsvoll arbeiten können, sind für Eva Hubert ein großes Glück - die Abhängigkeit ist gegenseitig.

Ihre Zeichnung des Fördersystems ist sehr gewissenhaft: neun kleine Kästchen für die wichtigsten Anstalten, darunter ein großes Kästchen für das geförderte Projekt. Dabei kritisiert Eva Hubert, dass es bei der Förderung zu viel Kästchendenken gebe. Die Folge: Um in verschiedenen Ländern Geld abzugreifen, schreiben Regisseure Szenen ins Skript, die sie dann in Köln oder Berlin drehen können. So werden Kräfte und Ideen zersplittert. "Ich weiß, wie unrealistisch das ist, aber die nationalen und regionalen Förderer sollten viel enger und strategischer zusammenarbeiten. Die einzelnen Länder fragen sich nur: , Was bringt uns das?'"

Dritter Akt: Ein Investor wünscht sich Steuererleichterungen, ein Produzent eine Mauer

Für David Groenewold muss sich ein Projekt vor allem auszahlen - er legt seit elf Jahren Filmfonds auf. Inzwischen regiert der 33-Jährige ein kleines Imperium, zu dem unter anderem die Odeon Film AG gehört, Jahresumsatz 31 Millionen Euro. Rund 50 Filme hat er in den vergangenen drei Jahren (co-)produziert, von den "Wixxer"-Kömodien bis zu Fernsehfilmen wie "Das Wunder von Lengede". Mit der German Film Productions hat er einen neuen Fonds aufgelegt, der weitere Kino- und Fernsehfilme produziert.

Groenewold saß auch in der Expertenrunde, die das 60-Mil-lionen-Modell des DFFF von Bernd Neumann entwickelt hat. Er sagt: "Ich finde es gut, weil es gut für die Filmwirtschaft ist. Aber es ist gegen mein Interesse als Fondsinitiator." Sein Traum war ein Modell, das mit Steuervorteilen Privatkapital in die Filmindustrie lockt. Tatsächlich ist das neue Programm das Gegenteil, ein Bonbon als Ausgleich für die Abschaffung der steuerbegünstigten Medienfonds. Und was macht er jetzt? Läuft Ihr neuer Fonds auch, nachdem die Steuervorteile abgeschafft sind? "Kann sein, dass wir damit scheitern, aber im Moment sieht's keineswegs so aus." Um das Risiko zu verringern, streut Groenewold seine Anteile. "Ich habe lieber zehn kleine Filme als einen großen unsicheren. Man muss Pakete packen."

Wo wäre der deutsche Film ohne Förderung? "Da bliebe nicht viel übrig." Groenewold ist Pragmatiker. Für seine Zeichnung der Förderung braucht er 30 Sekunden. Die Sender und die Fördergremien, in denen TV-Redakteure sitzen, hat er mit einem Strich verbunden - die Linie schneidet mitten durch den Film. Er gibt zu, dass bei Gesprächen mit den finanzierenden Fernsehsendern ein Gefühl der Abhängigkeit aufkommen kann. "Ja klar, die Redakteure reden mit. Das ist einerseits auch richtig. Doch andererseits stimmt der alte Satz: Viele Köche verderben den Brei. Und wenn zehn Leute über Drehbücher diskutieren, werden aus weiblichen Hauptrollen eben manchmal männliche." Selbst wenn das nicht unbedingt sinnvoll ist. Herr Groenewold, steuert das Fernsehen den deutschen Film? "Das würde ich rundheraus mit Ja beantworten."

Das deutsche Fernsehen hat im Kino das Sagen, und das verdankt es dem Fördersystem. Die Sender zahlen in die Fördertöpfe der Länder ein und dürfen dafür in den Gremien mit entscheiden, welche Projekte Geld erhalten. Häufig sind das Projekte, an denen die Sender zusätzlich als Co-Produzenten beteiligt sind, wo also bereits ein TV-Redakteur mitredet. Das kann Filmen Schub geben wie dem Oscar-Gewinner "Das Leben der Anderen", an dem unter anderem der Bayerische Rundfunk und die bayerische Filmförderung beteiligt waren. Der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck dankte bei seiner Rede gleich dem ganzen Land: "Thank you, Bavaria! " Öfter aber kommt dabei TV-Ware heraus, "wo in Szene 13 eine nackte Brust ins Drehbuch geschrieben werden muss", wie eine beliebte Anekdote besagt.

Fataler ist jedoch, dass die Anstalten an den Filmen möglichst viel Geld verdienen wollen. Viele Sender lassen sich für ihr Geld diverse Verwertungsrechte abtreten, nicht nur TV-Rechte, sondern zum Beispiel auch Gewinnanteile aus dem Kinovertrieb oder dem DVD-Verkauf. Zudem rechnen sie staatliche Förderdarlehen teilweise auf ihre Co-Produktionsanteile, was selbstverständlich ihren Gewinn erhöht. Das führt dazu, dass selbst bei einem gigantischen Kassenerfolg nur kleine Beträge auf das Konto der Produktionsfirma tröpfeln. Produktionsfirmen müssen sich dieser gängigen Praxis natürlich nicht beugen, sollten dann aber auch nicht mit der Unterstützung der Sender rechnen.

So wird die Filmförderung unentbehrlich, um das Überleben der Produktionsfirmen zu sichern. Insbesondere die Produktionszulagen sorgen dafür, dass wenigstens die Filmherstellung etwas Geld abwirft. Das kann allerdings dazu führen, dass es manchem Produzenten egal ist, ob sein Film überhaupt ein Publikum findet. Zur Verbesserung der Motivation hält die Förderung deshalb Prämien bereit, mit denen Zuschauerzahlen und Festivalpreise belohnt werden. Man könnte sagen: Erst narkotisiert sie den Ehrgeiz mit Zuschüssen, dann putscht sie ihn mit einem Bonus wieder auf.

Stefan Arndt hat viele Hits produziert, "Lola rennt" etwa und "Good bye, Lenin!". Doch mit seiner Berliner Firma X Filme, die er 1994 mit den Regisseuren Tom Tykwer, Dani Levy und Wolfgang Becker gegründet hat, fängt er immer wieder bei null an.

"Einen Film zu machen ist jedes Mal ein Akt", sagt er. "Nach 'Lola rennt' bin ich losgegangen, um den nächsten Film zu finanzieren. Ich habe gedacht, jetzt ist bestimmt Schluss mit der Bettelei." Doch es war genauso zermürbend wie vorher. Der Film hieß "Good bye, Lenin!", erreichte 6,5 Millionen Zuschauer und gewann den "César" als bester Film der EU.

Jetzt will Stefan Arndt erst mal kleinere Filme machen, die leichter zu stemmen sind. Auch wenn dann wieder die Selbstausbeutung droht, wie bei dem Scheidungsdrama "Väter" von Dani Levy. Das war ein kleiner Film, bei dem kein Sender und kein Förderer mitmachen wollte. Also hat Arndt ihn frei finanziert, nicht zuletzt mit vielen Rückstellungen: So nennt man es, wenn Mitarbeiter auf einen Teil ihres Lohns verzichten, bis der Film ausgewertet wird. "Wenn du dann noch Familie hast - es ist ein Kampf." Der das sagt, ist nicht irgendwer. Arndt sitzt im Vorstand der Deutschen Filmakademie und der Produzentenvereinigung "Film 20".

"Es gibt beim Filmemachen nur Zwänge", klagt er. Fragt man nach Lösungen, fallen ihm ebenfalls nur Zwänge ein. Warum nicht Protektionismus wie in Frankreich? Da gibt es im Fernsehen an zwei Wochentagen ein Spielfilm-Verbot, damit die Leute ins Kino gehen. Und die Sender müssen Millionen an die Filmindustrie zahlen. Aber entmündigt die TV-Kontrolle nicht die Zuschauer? Und der französische Film ist trotz eines Marktanteils von 43 Prozent nicht rentabel, weil die Budgets so hoch sind. Doch das interessiert Arndt nicht. Er will die Förderung nicht als Jägerzaun, sondern als Mauer. Nur: Ist das sinnvoll?

Stefan Duvvuri ließen diese und andere Fragen nicht mehr los. Zum Beispiel: Wie kann das Überleben einer Firma von Erfolgsprämien abhängen, wenn die Firma Erfolg hat? Für seine Doktorarbeit zum Thema Filmförderung wertete der Unternehmensberater, der früher selbst in der Kinobranche tätig war, Festivalpreise und Filmprädikate aus, Publikumszahlen und Kapitalzuwachsraten bis zurück in die fünfziger Jahre. Ergebnis: Es gibt kaum einen nachweisbaren positiven Fördereffekt.

Zwischen 1974 und 2003 hat die FFA 757 Projektförderungen als Darlehen bewilligt, rückzahlbar ab 20 Prozent Gewinn. Vergeben wurden 209 Millionen Euro - zurück kamen keine zehn Millionen. In 30 Jahren haben nur 15 Prozent der Filme die nötigen Gewinne gemacht. Bei den Besucherzahlen sieht es nicht besser aus. Zwischen 1993 und 2004 kamen 635 geförderte deutsche Spielfilme in die Kinos. Davon erreichten 33 Prozent weniger als 10 000 Zuschauer und 67 Prozent weniger als 100 000 Zuschauer - zwei Drittel der gesamten Produktion.

Die Filmstiftung NRW förderte zwischen 1991 und 1997 insgesamt 66 Drehbücher mit rund 1,6 Millionen Euro. Rückfluss: 40 903 Euro. Von 93 Kino- und TV-Filmen erreichten nur fünf die nötige Gewinnzone. Der Rechnungshof NRW schrieb 1999: "Wirtschaftlich erfolgreiche Filme, deren Einspielergebnis die Herstellungskosten decken und zur vollständigen Rückzahlung führen, sind danach die Ausnahme." Der Oberste Bayerische Rechnungshof stellte in seinem Jahresbericht 2004 fest: Förderdarlehen haben "weitgehend den Charakter von verlorenen Zuschüssen". Und: "Zudem ist das Interesse der Zuschussempfänger am wirtschaftlichen Erfolg begrenzt. Dem Produzenten ist nicht so sehr die Marktgängigkeit seines Films, sondern die Zustimmung der Fördergremien wichtig."

Epilog: Die Filmförderung wird abgeschafft, und wir gucken alle "Otto"-Filme. Im Fernsehen

Duvvuris Fazit: Keiner weiß etwas, auch die Förderung nicht also warum sie nicht abschaffen? Zu den Folgen sagt er: "Was spricht dagegen, dass das deutsche Kino vom US-Film und -Fernsehen abgelöst wird? Wir haben doch auch akzeptiert, dass die Mammuts ausgestorben sind." Als Förderbild malt er eine Wolke, aus der Geld auf ein Filmteam prasselt.

Doch die Produzenten schwimmen keinesfalls in Geld. Von den Kassenerlösen ihrer Filme müssen erst die Co-Finanziers ausgezahlt werden, das können zum Beispiel Filmfonds sein wie die von David Groenewold oder die Fernsehsender. Erst dann erhalten die Produzenten ihr Geld, das sie sich mit den Förderanstalten teilen müssen, bis deren Darlehen getilgt sind. Das kommt aber so gut wie nie vor. Was letztlich bedeutet, dass ausgerechnet die Unternehmen, die die Filme herstellen, in der Regel keine Eigenmittel ansammeln können und so für immer an Förderungen und externe Produzenten gekettet sind. Der DFFF ist das erste Modell, mit dem sich das zumindest im kleinen Rahmen ändern könnte.

Das ist ein großer Schritt, doch eine Reformierung des Fördersystems oder gar seine vollständige Abschaffung liegen in weiter Ferne - bestenfalls. Die Politiker, der Verwaltungsapparat, die Filmschaffenden, das Fernsehen - alle sind Nutznießer des Systems. Und schließlich geht es nicht um ihr Geld. Zwei Drittel der Subventionen, rund 200 Millionen Euro, stammen aus Steuern und Fernsehgebühren. Das entspricht ziemlich genau der Summe, die der deutsche Film in guten Jahren wie 2006 (Marktanteil: 25 Prozent) an der Kasse umsetzt. Die Produzenten fordern grundsätzlich lieber mehr Förderung, als die realen Probleme anzugehen, vor allem die Zusammenarbeit mit den TV-Sendern. Solange die Fernsehanstalten die Gewinne der Produzenten einstreichen, kann jede Förderung nur kurzfristig sein. Andererseits ist auch fraglich, ob wirklich jeder neue Film im Kino starten muss. Man kann den Eindruck haben, so manches Werk soll nur für die Förderung auf die Leinwand - und für die Eitelkeit.

Und was wäre, wenn man die Filmförderung abschaffte? Die 170 deutschen Produktionen, die jährlich im Kino anlaufen, würden sich wohl auf 30, 40 reduzieren. Zuerst träfe es die Dokumentationen und "schwierige" Filme, aber auch im mittleren Segment gäbe es ein gewaltiges Sterben. Es existieren zwar Beispiele von billig produzierten Filmen wie "Das Leben der Anderen", in dem die Darsteller für einen Bruchteil ihrer üblichen Gage mitspielten.

Doch solche Filme wären im günstigsten Fall die seltenen Ausnahmen. Es blieben hoch kommerzielle Leinwandprodukte wie die "Otto"-Filme, die allerdings noch stärker den Formaten des Fernsehens angepasst würden, das als wichtigster Co-Produzent das Machtvakuum ausfüllte. Die Sender würden wohl auch das kreative Personal übernehmen, das nicht ins Ausland abwandert. Der Rest wäre bald insolvent, Infrastrukturen würden verloren gehen. Und dann?

Sicherlich würden Heimkino und Internet eine wichtigere Rolle spielen. Thriller und Horrorfilme würden ohne aufwendigen Kinostart direkt für den DVD-Markt produziert. Das Internet könnte in der Folge eine neue Ästhetik prägen, mit Kurzfilmen, die im Netz vorgestellt werden und bei Erfolg abendfüllende Versionen nach sich ziehen. Vielleicht wäre es in 15 Jahren so weit, dass man von einer jungen Internet-Filmszene sprechen könnte. Mit ihrer neuen Bildsprache würde sie die Werbung erobern und irgendwann ins Fernsehen einsickern. Das wäre dann die erste Generation, die nicht mehr wüsste, was die Filmförderung war. -

Wie sieht eine Filmfinanzierung aus?

Harro von Have von der Medienkanzlei Unverzagt / von Have setzt für ein angenommenes Filmbudget fünf Millionen Euro ein. Darunter listet er auf:

- Filmförderung Hamburg: 500 000 Euro (10 Prozent)
- Projektförderung FFA (Darlehen für ein wirtschaftlich und kulturell Erfolg versprechendes Filmprojekt): 600 000 Euro (12 Prozent)
- DFFF (wenn der gesamte Film in Deutschland hergestellt wird, zahlt der DFFF einen German Spend von 16 Prozent): 800 000 Euro (16 Prozent)
- Referenzmittel FFA (Gelder, die der Produzent für einen bereits erfolgreich gelaufenen Film erhalten hat): 100 000 Euro (2 Prozent)
- Filmförderung Niedersachsen: 500 000 Euro (10 Prozent)

Hiermit sind 50 Prozent des Budgets aus öffentlichen Geldern finanziert - mehr lässt das EU-Förderlimit nicht zu. Die verbleibenden 50 Prozent kommen vom:

- NDR (für Fernsehrechte und als Co-Produzent): 1 000 000 Euro (20 Prozent)
- Verleih (als Vorschuss auf die Filmauswertung): 500 000 Euro (10 Prozent)
- Weltrechte (also Weltvertrieb): 300 000 Euro (6 Prozent).

Die fehlenden 700 000 Euro (14 Prozent) müssen über Eigenmittel, Kredite oder Rückstellungen bestritten werden.

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