Ausgabe 05/2007 - Was Wirtschaft treibt

Alles so schön grün hier

- Die Blüte strahlt in sattem Gelb. Es fällt einem bei diesem Anblick nicht schwer sich vorzustellen, dass Fuga daemonum die Dunkelheit, den Teufel aus der Seele vertreiben kann. Selbst nüchterne Pharmazeuten bestätigen, dass ganz bestimmte Inhaltsstoffe des Johanniskrauts, botanisch Hypericum perforatum genannt, wie ein leichtes Antidepressivum wirken. Seit jeher und quer durch alle Kulturen werden Hunderttausenden von Kräutern und Wurzeln Heilkräfte nachgesagt. Generationen von Heilern sammelten Erfahrungen mit dem, was die Natur den patientes, den Leidenden, zur Linderung anbot. So bitter ein Mistelaufguss oder die Weidenrinde auch schmecken - schon Druiden haben gewusst, welcher Kranke sie brauchte.

Ob Mönchspfeffer oder Ignatiusbohne, ob Tigerlilie oder Rosskastanie - viele deutsche Patienten stören sich bis heute nicht daran, dass Forscher nur für wenige Pflänzchen naturwissenschaftlich exakt nachweisen können, dass und wodurch sie helfen. Gut hundert Phytopharmaka-Hersteller (phytón, griech. = Pflanze) machen auf dem deutschen Markt mit Präparaten aus Heilpflanzen einen Umsatz von 800 Millionen Euro im Jahr. Sie stellen eine Verbindung her zwischen uraltem Mystizismus und den Erwartungen ihrer Kundschaft an moderne, hochwirksame Medikamente.

Vertraute Düfte ziehen durch die Räume der Bionorica AG in Neumarkt. Hier, auf halber Strecke zwischen Nürnberg und Regensburg, wird heute Baldrian extrahiert. Auch ein Hauch Weihrauch scheint in der Luft zu liegen. Doch was der Besucher erschnuppert, passt so gar nicht zu dem, was er sieht: eine stahlgraue moderne Fabrikationsanlage und penibel in weiße Schutzkleidung verpackte Arbeiter. 300 Tonnen Drogen, wie der pflanzliche Rohstoff im Fachjargon heißt, werden bei Bionorica pro Jahr verarbeitet. Außerdem benötigt man 300 000 Liter Ethylalkohol und 750 000 Liter Wasser, um aus Blüten, Stängeln oder Wurzeln die Wirkstoffe herauszulösen und mit den Extrakten rund 25 Millionen Tinkturen, Säfte oder Pillen herzustellen. Mit Erfolg. Rund 80 Millionen Euro Umsatz hat das mittelständische Unternehmen (550 Mitarbeiter), bekannt vor allem für das Schnupfenmittel Sinupret, im Jahr 2005 gemacht; fast eine Verdopplung innerhalb von fünf Jahren und ein beispielloses Wachstum in der Phytopharma-Branche, die im gleichen Zeitraum nur wenige Prozent zulegen konnte.

Der Vorstandsvorsitzende Michael Popp führt den Erfolg auf sein Konzept einer "wissenschaftlich basierten und kontrollierten Herstellung pflanzlicher Arzneimittel" zurück. Er hat sich den Kunstbegriff "Phytoneering" einfallen lassen - für eine Kräuterkur mit Ingenieursanspruch gewissermaßen. 15 Prozent des Umsatzes investiert der Marktführer in Forschung und Entwicklung, so viel wie keine andere deutsche Firma in diesem Sektor.

Ein forschendes Phytopharmaka-Unternehmen? Das ist nicht nur etwas Besonderes. Es klingt verrückt, wie ein Widerspruch in sich. Ausgerechnet auf naturwissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit hat die naturbewegte Klientel bisher kaum Wert gelegt. Michael Popps Investition in mehr Qualität zielt daher auch nicht in erster Linie auf Gewinnmaximierung. Dem gelernten Pharmazeuten geht es vielmehr um Standards in einer Branche, die es mit Zuverlässigkeit, Konstanz und Qualität ihrer Produkte nicht immer so genau genommen hat.

Popp aber meint es mit dem Perfektionismus ernst, in jeder Hinsicht, auch privat. Maßanzug, Porsche, prämierter Wein von der eigenen Finca auf Mallorca - rein äußerlich scheint fortschrittsfeindliche Öko-Romantik nicht die Sache des Managers zu sein, aller Naturnähe der Bionorica-Produkte zum Trotz. Dabei hat sich der Technik-Fan zum eigenen Erstaunen zu einem Naturliebhaber entwickelt, der von blühenden Echinacea-Feldern schwärmen und sich für Thymian- und Rosmarinpflanzen begeistern kann. Auf seinem Weingut, 20 Minuten entfernt von Palma, "in einem der schönsten Täler Mallorcas", lausche er den Schafsglocken oder sitze auf der Terrasse neben seiner "wichtigsten Pflanze", einem 500 Jahre alten Olivenbaum. Doch all das lenkt den Naturwissenschaftler in Popp nicht ab vom ständigen Nachdenken über "Techniken, um das Positive aus der Natur herauszuholen".

Die Tücken der Pflanzenmedizin

Phytoneering beherrscht ihn wie eine fixe Idee. Er will die Wirkung seiner Heilpflanzenextrakte belegen und damit die Produktionsbedingungen auf hohem Niveau halten. Denn es ist alles andere als trivial, eine exakt gleichbleibende Qualität eines Extraktes sicherzustellen, wenn man nicht weiß, welche Substanzen in einer Pflanze eigentlich für die Wirkung sorgen. Eine ganze Forschungsabteilung ist deshalb bei Bionorica damit beschäftigt, genau diese Substanzen in der Heilpflanze zu identifizieren, deren Konzentration die gewünschte Qualität des Endproduktes garantieren kann.

Solche sogenannten Markersubstanzen haben meist nichts mit den eigentlichen Wirkstoffen der Pflanze zu tun. Aber solange sie in einer Stichprobe in ausreichender Menge auftauchen, können die Bionorica-Forscher sicher sein, dass auch genügend Wirkstoffe vorhanden sind - und dass tatsächlich die richtige Pflanze geerntet wurde.

Das ist nicht zwangsläufig so, denn mitunter erscheinen zwei Pflanzen oder Wurzeln einander zum Verwechseln ähnlich. Und dann kann ein arglos aufgebrühter Diät-Tee katastrophale Wirkungen hervorrufen. Anstelle der chinesischen Heilpflanze Stephania tetrandra hatte ein Hersteller die ähnlich aussehende, jedoch giftige und krebserregende Aristolochia fangchi abgefüllt. Anfang der neunziger Jahre erkrankten allein in Belgien 70 Frauen an Nierenversagen, weil sie den Tee getrunken hatten. 18 von ihnen entwickelten in Folge der Vergiftung sogar Nierenkrebs.

Deshalb setzt Phytoneering für Popp nicht erst mit der Qualitätskontrolle im Labor während der Verarbeitung der Pflanzen ein, sondern bereits auf dem Feld. Von der Zucht bis zum Anbau der Kräuter wird bei Bionorica jeder Schritt der Rohstoffgewinnung kontrolliert. Und das, obwohl die meisten Phytopharmaka-Hersteller ihre Rohstoffe auf dem freien Markt einkaufen und die aufwendige, teure Produktion darauf spezialisierten Unternehmen überlassen.

Irina Göhler will das nicht: "Wir wollen von diesen Firmen nicht abhängig sein." Die Gartenbauingenieurin ist für den Nachschub an Drogen zuständig, sämtlichen pflanzlichen Rohstoffen, die von Bionorica verarbeitet werden. Deutschland, sagt sie, sei eine der wichtigen Drehscheiben des Handels mit Heilpflanzen, den wenige Firmen beherrschen. Göhlers Ziel: "die größtmögliche Kontrolle über die Qualität der Pflanzen sicherstellen." Denn anders als bei der konventionellen Pharmaindustrie stammen die Rohstoffe der Phytopharmaka-Hersteller nicht aus der sterilen Chemiefabrik, sondern aus der Natur, sodass viele Faktoren die Qualität eines Phytopharmakons beeinflussen: Je nach Wetterlage, Standort oder Sorte variieren die Inhaltsstoffe - und damit die Qualität der Phyto-Arznei. "Bionorica-Saatgut aus einer Wildpflanze zu entwickeln kostet uns pro Pflanzenart rund eine halbe Million Euro", schätzt Popp. Doch das lohne sich. Denn bei unkontrolliert in der Natur gesammelten Heilpflanzen könne die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe von Pflanze zu Pflanze variieren. "Aus schlechten Trauben", sagt Popp, "wird nie ein guter Wein."

Die Suche nach der richtigen Primel

Wie wichtig es ist, über Jahre hinweg einen möglichst homogenen Extrakt zu produzieren, zeigt sich spätestens beim Wirksamkeitsnachweis, erklärt Theodor Dingermann, der geschäftsführende Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie am Biozentrum der Universität Frankfurt am Main. Wer schon beim Rohstoff nicht achtgebe, müsse gar nicht erst mit langwierigen Studien und teurer Pharmakologie anfangen - beides sei sinnlos. Die Qualität des Extraktes müsse gleichbleibend und jederzeit reproduzierbar sein.

Doch leicht ist es nicht, Heilkräuter in großem Stil anzubauen. Schon gar nicht, wenn man wie bei Bionorica spezielle Ansprüche an ein Kraut hat. Zum Beispiel an die Primel. Nicht auf deren Farben kommt es an, sondern auf die inneren Werte: Wie viele der gegen Erkältung wirksamen Substanzen enthält wohl die Blüte von Primula veris, der Wiesenschlüsselblume? Ein ganzes Jahr lang wurden Primeln an Hunderten von Standorten in Deutschland und Österreich gesammelt und die Inhaltsstoffe Tausender Pflanzenmuster im Neumarkter Labor analysiert. Doch keine Primel glich der anderen. Und den Forschern fehlte die ideale Pflanze, robust und ergiebig genug für den großflächigen Anbau. Irina Göhler fand die gewünschte Variante einer wild wachsenden Primel durch Zufall im Fränkischen, quasi vor der Haustür.

Anders als bei Mais oder Weizen gibt es bei Heilpflanzen weder Erfahrungen mit Anbau- noch mit Erntetechniken, man weiß zu wenig über die jeweils notwendige Beschaffenheit des Bodens, es fehlt an kontrolliertem Saatgut. Bionorica arbeitet deshalb mit Forschungsinstituten zusammen. Beim Testanbau in der Oberpfalz fiel die Ausbeute zu mager aus. Daraufhin folgte ein Zuchtprogramm. Inzwischen wächst auf den Feldern eine Primel, die pro Hektar 150 statt 350 Kilogramm Blüten produziert. Sieben Jahre seien darüber vergangen, sagt Irina Göhler und seufzt: "Die Primel war ein harter Brocken."

Mit anderen Pflanzen für die Produktion erging es Bionorica kaum besser. Beim Eisenkraut schmälerte der zu lange Stängel die Ausbeute. Beim Mönchspfeffer wechselte die Qualität von Jahr zu Jahr, und erst mit einem ausgiebigen Forschungsprojekt ließ sich der beste Zeitpunkt für die Ernte der Blüten ermitteln. Acht Jahre hat es gedauert, um für einen Kunden Rosmarin in der gewünschten Qualität liefern zu können.

Und trotzdem, versichert Irina Göhler, habe sich all die Mühe gelohnt. Das so gewonnene Wissen sei mehr wert als die Patentierung des Endproduktes Arznei: "Unser Know-how ist, die Pflanze zu haben." Und den richtigen Acker. Auf Mallorca hat Bionorica ideale Bedingungen für viele Kräuter gefunden. Viele Sorten können dort mehrmals im Jahr geerntet werden und bringen weit höhere Erträge der wichtigen Inhaltsstoffe als die im kühlen Deutschland gezogenen Heilpflanzen.

Standards, wie sie der Unternehmer Michael Popp mit seinem Phytoneering aufgestellt hat, fordert der Pharmakologe Theodor Dingermann, der wichtige Lehr- und Sachbücher zum Thema verfasst hat, für die gesamte Phytopharmaka-Branche. "Das Vertrauen der Bevölkerung in pflanzliche Arzneimittel ist viel zu hoch", sagt er. "Viele Menschen schlucken kritiklos alles, ohne sich Gedanken über die Qualität und Wirksamkeit der Medikamente zu machen." Dadurch falle es den Herstellern leicht, sich über die Kritik von Wissenschaftlern hinwegzusetzen.

Die Skepsis der Experten

Die meisten Pharmakologen lehnten Phytopharmaka kategorisch ab, sagt Dingermann. "Das liegt vor allem daran, dass diese Branche es nicht versteht, sich selbst zu beschränken." Selbstbeschränkung müsse dazu führen, mithilfe wissenschaftlicher Studien wirksame von wirkungslosen Präparaten zu trennen. Über Qualitätsunterschiede sei der Verbraucher unbedingt zu informieren. Denn er könne ein unterdosiertes, klinisch nicht getestetes Johanniskrautpräparat im Regal des Supermarkts nicht von einem anderen, aufwendig getesteten unterscheiden - und greife häufig nach dem billigeren, womöglich wirkungslosen Präparat. Mit dieser Beliebigkeit hängt laut Dingermann auch das schlechte Image der Phytopharmaka bei Schulmedizinern zusammen. Der Hochschullehrer ist überzeugt davon, dass es die Branche bewusst auf Intransparenz anlegt. Nur hohe Standards, orientiert an wissenschaftlichen Maßstäben, könnten die wahre Qualität der Anbieter und ihrer Produkte offenbaren.

"Phytopharmaka sollten genauso beurteilt werden wie andere Arzneimittel", sagt auch Norbert Schmacke, Pharmakologe und Gesundheitsversorgungsforscher an der Universität Bremen. Zu solch einer Beurteilung gehörten ein Nachweis der Wirksamkeit sowie eine vernünftige Nutzen-Schaden-Bilanz. Doch während neuartige synthetische Medikamente in drei streng reglementierten Studienphasen auf ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit untersucht werden, genügt es bei einem neuen Johanniskrautpräparat, auf ähnliche, bereits zugelassene Produkte und darüber vorliegende Daten zu verweisen. Diese "bezugnehmende Zulassung" nennt Norbert Schmacke "inkonsequent". Mit wissenschaftlichen Maßstäben habe sie nichts zu tun.

Auch Bionorica-Chef Michael Popp ist die "Zulassung light" zuwider. Am liebsten kritisiert er das Verfahren so: Wie bei einem pflanzlichen Arzneimittel sei auch beim Wein der pflanzliche Ausgangsstoff immer der gleiche - Trauben, deren Saft gepresst und danach zu Rosé-, Rot- oder Weißwein gekeltert werde. Je nach Verfahren, nach Art und Dauer der Lagerung reife der Wein. "Beim Wein erkennt und schmeckt jeder gleich den Unterschied", sagt Popp. "Aber bei Phytopharmaka scheint Johanniskraut gleich Johanniskraut und Thymian gleich Thymian zu sein." Dabei seien die Endprodukte so verschieden wie Rot- und Weißwein. Allein die bezugnehmende Zulassung verwische den Unterschied und suggeriere, Rot- und Weißwein seien das Gleiche.

Das Problem mit der Wirkung

So sehr Norbert Schmacke die Grundsätze Popps zugunsten einer wissensbasierten Phytopharmazie auch begrüßt, so kritisch beurteilt er manche Teile des Sortiments, zum Beispiel die sogenannten Cimicifuga-Präparate. Die Traubensilberkerze zur Behandlung von Beschwerden in den Wechseljahren wird von Ärzten eingesetzt, um eine Hormontherapie zu vermeiden. Schmacke hält es für eine Illusion, dass natürliche Kräuter in diesem Fall etwas bewirken könnten. Allerdings füllt die Hormondebatte inzwischen Bibliotheken - was wirksam ist und was möglicherweise gefährlich, wird in regelmäßigen Abständen durch immer neue Studien neu sortiert.

Ein Problem der Wirkungskontrolle sei, dass Phytopharmaka keine hochwirksamen Substanzen seien, die gegen Krebs oder andere schwere Erkrankungen eingesetzt würden, sagt Schmacke.

"Man bewegt sich eher in einem Bereich von Befindlichkeitsstörungen und leichten Beschwerden." Und gerade dort seien wissenschaftliche Studien besonders schwierig, weil Mediziner immer mit spontanen Heilungen und Placebo-Effekten rechnen müssten, die einen statistisch sicheren Wirksamkeitsnachweis des getesteten Medikaments verwässern können. Insofern sei es durchaus ein Risiko für Phytopharmaka-Hersteller, in eine klinische Studie zu investieren, die letztlich keine aussagekräftigen Ergebnisse liefere.

Die Grenzen der Finanzierbarkeit

Rund 10 000 pflanzliche Arzneimittel sind in Deutschland erhältlich, schätzt Michael Popp. Um Ärzten und Apothekern eine Entscheidungshilfe zu geben, unterstützt er das "Kompendium Phytopharmakologie", eine Broschüre, in der die 100 Präparate dargestellt sind, bei denen "immerhin ein gewisser Forschungsaufwand betrieben wird". Die Kriterien, die sein Phytoneering-Standard fordert, sind bei noch weniger Präparaten erfüllt.

Auch einige Bionorica-Produkte kommen in dieser Auswahl nicht vor. Denn trotz aller Bemühungen, die Firma auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen, kann sich auch Bionorica seine Konsequenz nur mit Einschränkungen leisten. Mit den Präparaten Tonsipret und Mastodynon hat Bionorica beispielsweise homöopathische Medikamente im Sortiment, deren Wirksamkeit Naturwissenschaftler anzweifeln. Verzichten mag die Firma auf den Umsatz mit diesen Produkten gleichwohl nicht. Ein Spagat zwischen wissenschaftlichem Anspruch und wirtschaftlichen Notwendigkeiten, wie er typisch für die gesamte Phytopharmaka-Branche ist. Entsprechend wortkarg wird Popp, soll er auf Bionoricas Homöopathika und seinen Anspruch naturwissenschaftlich belegter Wirksamkeit eingehen. "Schwierige Frage", sagt er dann und weicht auf sein Lieblingsthema Wein aus.

Beim Rotwein könne der Verbraucher Qualitätsunterschiede schmecken, wiederholt Popp, nicht aber bei pflanzlichen Arzneimitteln. Ein ungeprüftes Johanniskrautpräparat aus dem Supermarkt und eine mit klinischen Studien untermauerte Wirkung eines Johanniskrautextraktes erschienen dem Kunden gleichwertig. Amtliche Vorschriften verbieten es Popp, deutlich herauszustellen, wenn eines seiner Präparate in einer klinischen Studie ordentlich getestet wurde.

Popp: "Wir wollen, dass zukünftig deklariert werden darf, dass zu einem pflanzlichen Arzneimittel pharmakologische Daten vorliegen und der Wirksamkeitsbeleg für ein bestimmtes Präparat erbracht wurde. Wir brauchen diese Deklaration, damit sich unser Forschungsaufwand rückfinanziert." Um mit einem geprüften Präparat höhere Preise zu erzielen? Popp verneint: "Ich sehe den Benefit nicht über eine Preiserhöhung, sondern über mehr Umsatzvolumen."

Die Deklaration könnte zudem ein Ersatz dafür sein, dass Phytopharmaka nicht per Patent geschützt werden können: Im Sinne des Patentrechts sind sie keine Erfindungen wie synthetische Wirkstoffe. Allenfalls die Herstellungsprozesse lassen sich patentieren. Das allein schon ist Grund genug für die großen Pharmakonzerne von Novartis bis Bayer, auf das Geschäft mit den Kräuterkuren zu verzichten. Für das Grünzeug interessieren sich deren Forscher höchstens, um in den Pflanzen nach noch unbekannten Wirkstoffen zu suchen, die sich auf synthetischem Wege kopieren lassen.

Der Spielraum der Phytopharmaka-Hersteller für Investitionen in Forschung und Qualitätsstandards ist nicht größer geworden. "Unser Markt in Deutschland ist rückläufig", sagt Michael Popp. 1998 hatten die pflanzlichen Arzneimittel noch einen Anteil von drei Prozent an den Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung, 2003 lag er nur noch bei zwei Prozent. Und seit 2004 müssen Patienten fast alle Phytopharmaka selbst bezahlen, weil mit der damaligen Gesundheitsreform alle nicht verschreibungspflichtigen Medikamente aus der Erstattungspflicht herausgefallen sind. Dadurch sanken nicht nur die Umsätze. Auch der Anreiz für klinische Studien schwand: "Früher standen die Phytopharmaka beim Arzt im Wettbewerb mit den allopathischen Medikamenten", sagt Popp (Allopathie: Krankheiten mit entgegengesetzt wirkenden Mitteln behandeln; konträr zur Homöopathie). Da schien es noch sinnvoll zu sein, einen Arzt mit klinischen Daten dafür zu gewinnen, anstelle eines synthetischen ein pflanzliches Medikament zu verschreiben. "Jetzt haben wir nur noch den Apotheker, dem wir unsere klinischen Studien näherbringen können, solange wir für den Kunden den Forschungsmehraufwand nicht deklarieren dürfen."

Die Nachteile der Vielfalt

Viele Phytopharmaka-Firmen haben längst die Konsequenz gezogen. Weil sich für sie der Aufwand einer eigenen Forschung nicht lohnt, haben sie sich auf den Vertrieb in die Supermärkte verlegt. Popp fürchtet weitere Vertrauensverluste: "Ein schlechtes Phyto-Produkt schadet dem Image der ganzen Branche." Doch auf die Unterstützung der Berufsverbände hofft er schon lange nicht mehr, aus dem Verband der Phytopharmaka-Hersteller ist Bionorica ausgetreten. Mehr Unterstützung für forschende Arzneimittelhersteller erhofft sich der Unternehmer Popp jetzt vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Doch Bionoricas mittelständische Konkurrenz ist meist schon strukturell gar nicht zu klinischer Forschung imstande. Der durchschnittliche Jahresumsatz vieler kleiner Unternehmen der Branche liege bei 15 Millionen Euro, schätzt Popp, trotzdem gebe es Konkurrenten, die noch immer ein Produktportfolio von mehr als 200 Präparaten hätten. "Wie soll bei denen eine ordentliche Qualitätsdokumentation funktionieren, wenn es schon mehrere Hunderttausend Euro für ein einziges Produkt kostet, solch eine Dokumentation zu entwickeln?" Forschung und klinische Studien würden mindestens zweistellige Millionenbeträge kosten. Popp hält daher eine Konsolidierung der Branche für unausweichlich.

Als er das Familienunternehmen 1988 von seiner Tante übernahm, hatte die Firma noch mehr als 50 Arzneimittel im Angebot. "Darunter befanden sich interessante Präparate, aber die meisten habe ich einstellen müssen, weil die Investitionen in Qualitätsdokumentation und klinische Forschung für so viele Produkte nicht zu finanzieren war." Damit zeigte Popps Bionorica jene Selbstbeschränkung, die er von der Branche fordert.

Die Hoffnung des Wissenschaftlers

Bis zur Anerkennung der Phytopharmaka als echte Therapiealternative bleibt noch viel zu tun. Lediglich vier Phyto-Präparate werden nach wie vor von den Krankenkassen bezahlt: Johanniskraut, Ginkgo biloba, Mistel und Flohsamen. Denn dafür liegen Wirksamkeitsstudien vor, die den gemeinsamen Bundesausschuss, der über die Erstattungspflicht entscheidet, überzeugen konnten. "Das zeigt, dass es durchaus möglich ist, aus der Kreisklasse in die Bundesliga aufzusteigen, wenn man nur die nötigen Daten liefert", stellt der Pharmakologe Theodor Dingermann fest.

Wenn ein Präparat als verschreibungspflichtig eingestuft wird, werde es gewissermaßen "geadelt", sagt auch Norbert Schmacke. "Der Patient muss darauf vertrauen können, dass ihm der Arzt nur Mittel verschreibt, für die es Wirksamkeitsnachweise gibt." Beim Johanniskraut sei das den Herstellern gelungen. "Für bestimmte, weniger gravierende Verlaufsformen einer Depression hat Johanniskraut gezeigt, dass es nicht schlechter ist als die klassischen Antidepressiva", sagt Schmacke. "Ein beachtliches Ergebnis."

Dass viele Hersteller sich keine klinischen Studien leisten können, weiß der Wissenschaftler. Deshalb regt er systematische Vergleichsstudien an, finanziert vom Bundesforschungsministerium. In den USA haben die National Institutes of Health bereits eine solche, Millionen Dollar teure Testreihe zu alternativen Therapiemethoden aufgelegt. "Vielleicht wäre es eine gute Idee, Firmen per Gesetz einen Teil ihrer Gewinne aus erfolgreichen Medikamenten in einen Fonds zahlen zu lassen, aus dem solche Studien finanziert werden", schlägt Schmacke vor. Denn die Nachfrage nach pflanzlichen Arzneimitteln ist vorhanden und legitim.

Schmacke hält nicht nur die Vorstellung von Sanftheit und Natürlichkeit für ein Verkaufsargument: Während verschreibungspflichtige Medikamente den Patienten in eine passive Rolle drängen, könne er bei den frei verkäuflichen Phytopharmaka Eigeninitiative ergreifen, um sein Leiden in den Griff zu bekommen. Nur lande man dann wieder dabei, "dass es einen einheitlichen Maßstab geben sollte, Arzneimittel zu bewerten", sagt Schmacke. Und wenn eine Arznei als nutzbringend eingestuft sei, müsse sie auch von der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden - ob es sich dabei um ein konventionelles Präparat handelt oder um einen Pflanzenextrakt. -

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