Ausgabe 08/2007 - Markenkolumne

Was Manager treiben: Die Bademantel-Falle

- Kürzlich saß ich vor meiner Schrankwand Göteborg und dachte nichts. Ich dachte wirklich nichts. Meine Partnerin behauptet, das sei unmöglich, und ich wolle ihr nur nicht sagen, was ich gerade dächte. Sie meint, Frauen dächten immer. Mir gehen beim Alleindenken zwar tausend Dinge durch den Kopf, die einen tagtäglich berühren: der Börsengang der Bahn, das Furunkel am Fuß, die SAP-Betrügereien in den USA, Sex, Golf oder Wattwürmer. Aber richtiges Denken ist das nicht, so wie bei Spinoza oder Kant, wo ein Argument aufs andere aufbaut und die Logik messerscharf zuschlägt. Wo man beispielsweise, dank des Nachdenkens, sofort gewusst hätte, dass DaimlerChrysler ein Desaster werden würde. Kant hätte das herausgefunden, das versichere ich Ihnen. Aber so denken können die wenigsten. Vieles, oftmals Entscheidendes, wird, ganz ohne Spinoza, einfach aus dem Bauch heraus entschieden. Wie bei Jürgen Schrempp. Oder wie beim Patriarchen.

Der mittelständische Patriarch, ich muss diesen gedanklichen Sprung erklären, ist der Urtyp des Bauchmenschen. Bei Whisky und Teakholz trifft er einsame Entscheidungen, die er dann beim Mittagessen, nach der Tomatensuppe, der erstaunten Familie kundtut. Ein Leader eben, der weiß, was zu tun ist. Da sitzen die Entscheidungen noch, da lebt die Firma seit weit mehr als hundert Jahren kerngesund vor sich hin. Ein Hort des Friedens, wo Ethik, Moral und Tradition hochgehalten werden. Jeder Lehrling kennt die Unternehmensgeschichte, wie dem Gründer, einem älteren Herrn, beim Entenfüttern ein Zwiebackrezept einfiel und er seitdem die Welt mit dem Gebrösel aufgerollt hat. Für jeden ordentlichen Patriarchen gibt es eine Straße mit seinem Namen, eine Siedlung mit Sozialwohnungen und Erben, die sich zwar gegenseitig die Köpfe einschlagen, aber vorher zum Familienfoto antreten. Fusions- und andere Desaster, mit denen sich Strategieabteilungen, Berater und sonstige Klugmenschen beschäftigen, sind in diesem Milieu unbekannt. Doch leider stirbt der Patriarch alter Schule aus. Mit der modernen Welt kann er nicht mehr mithalten. Da geht alles viel zu schnell für ihn. Plötzlich ist sein Zwieback bei irgendeinem Hedgefonds gelandet und bereits an die Chinesen weiterverkauft, bevor der Patriarch auch nur seinen Tee ausgetrunken hat.

Heute ist der Mittelstand, frei von tüddeligen älteren Herren, in einer ganz anderen Verfassung: Junge, weltgewandte Topmanager um die 40 haben das Ruder übernommen, technisch versierte Chip-Erfinder, innovative Antriebsexperten oder millionenschwere Bademantelschlaufenhersteller, die stets persönlich zwischen Feuerland und Hokkaido unterwegs sind, um den weltweiten Vertrieb für ihre Schlaufen hochzuziehen. Manager, Kreateure, Strategen, Erfinder, die täglich neue Einfälle haben und von einer Mittelstandspreisverleihung zur nächsten hechten, um sich als Unternehmer des Monats feiern zu lassen. Inzwischen dürfte jeder Mittelständler mindestens einmal dran gewesen sein.

Mittelständler genießen seit alters her unser breites Wohlwollen, wohl weil wir, bei allem Wandel, unterbewusst immer noch an den Bäcker um die Ecke denken, den bemitleidenswerten Wurm, der um zwei Uhr morgens aufstehen musste und Haus wie Hof riskierte, statt mit Millionenabfindungen davonzuziehen. Dem Kleinen fühlt man sich nahe und schicksalhaft verbunden.

Doch bei aller Sympathie fragt kaum jemand nach den Management- und Führungsfähigkeiten dieser neuen Mittelstandsgenies. Vielleicht lassen wir uns von den Erfolgsgeschichten zu leicht blenden. Dabei produzieren die modernen Düsentriebs immer noch 30 000 Konkurse jährlich. Und über individuelle Fehlentscheidungen und Missmanagement, die in kleineren Firmen oft Hunderte von Jobs kosten, führt niemand Buch.

Dabei spricht einiges dafür, dass es mit der Entscheidungsfindung auf vielen Chefsesseln des Mittelstandes nicht zum Besten bestellt ist. Man vermutet dort zwar Top-Leute mit langjähriger Projekt- und Führungserfahrung. Doch das Gegenteil ist vielfach der Fall: Da versuchen sich junge, unerfahrene Erben oder theorielastige Business-School-Absolventen am Ruder, in Großkonzernen verschlissene Manager oder Schönwetterkapitäne, die noch nie mit Unternehmenskrisen befasst waren.

Obwohl schnelles Wachstum und Internationalisierung auch moderne Managementstrukturen erfordern, entscheiden die neuen Bademantel-Chefs, wie zu Patriarchens Zeiten, alles und jedes allein - vom Fernostvertrieb über die Besetzung des Hausmeisterpostens bis zu den Blumenzwiebeln im Firmengarten. Meist aus dem Bauch heraus, denn für fundierte Vorbereitung und komplexe Informationsverarbeitung reichen weder die Zeit noch die vorhandenen Management-Systeme aus. Und entgegen allen Vermutungen findet sich in vielen mittelständischen Firmen immer noch eine ausgeprägte Chef-Orientierung sowie eine Unternehmenskultur, die, weitaus stärker übrigens als in globalen Konzernen, bis zur Obrigkeitshörigkeit gehen kann. Solche Verhältnisse, in denen sich die fehlende Risikokultur mit einer isolierten Entscheidungsfindung paart, bilden das klassische Feld für Fehlentscheidungen und Missmanagement.

Vielleicht hat der Mittelstand die sympathischeren Menschen - das bessere Management hat er sicher nicht. Nicht umsonst ist der Markt überfüllt mit Leadership-Seminaren für Executives, jagt ein Mittelstands-Tag den anderen, überbieten sich Dutzende von Netzwerken mit ihren Versprechungen, schießen Mittelstandsmagazine mit exklusiven Chef-Empfehlungen wie Waldpilze nach dem Regen aus dem Boden.

Aber solch kommerzielle Fürsorge beugt ebenso wenig Fehlentscheidungen vor wie das Erbsensuppenessen der Industrie-und Handelskammer, Golfrunden und Rotary Clubs. Es bedarf des individuellen Mutes, auch einmal zuzugeben, dass man allein vielleicht gute, aber selten die besten und oft definitiv falsche Ideen hat. Davon sind auch viele Mittelständler - heute wie früher - weit entfernt.

Inzwischen klagen innovative Bademantel-Chefs selbst über die zunehmende Isolation, fehlende Ansprechpartner und bisweilen sogar frühe Burnout-Symptome. Ob sie es ernst meinen, sei dahingestellt - der moderne Patriarch liebt seine Rolle genauso wie der alte. Deshalb wird der Abschied von ihm noch eine ganze Weile dauern. -

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