Ausgabe 08/2007 - Was Wirtschaft treibt

Soziale Innovation Eine Serie in brand eins - Folge 18: Eine fruchtbare Verbindung

- 29 Minuten dauert die Fahrt mit der Straßenbahn-Linie 1 vom Bremer Hauptbahnhof zur Endstation Züricher Straße. Es geht vorbei an Kleingartenanlagen, aus denen Rauch und Würstchenduft aufsteigen, vorbei am Polizeipräsidium, an Eckkneipen, Dönerläden, Callshops. In der Bahn: eine junge Frau mit Ohrringen, so groß wie Hula-Hoop-Reifen, Nasenpiercing und einem Gürtel aus riesigen silberfarbenen Schnallen. Daneben ein stämmiger Mann mit Bartstoppeln und Batman-Jacke. Knutschende Pärchen, Teenager mit Musik-Handys, ein Wirrwarr unterschiedlicher Sprachen. Mittendrin ein Ehepaar, sie im Abendkleid, er im Anzug.

Es ist ein Samstag im Juni 2007 im Bremer Stadtteil Osterholz, ein nicht ganz gewöhnlicher Abend: Ein paar Schritte von der Endstation der Linie 1 entfernt nimmt gerade ein einzigartiges Projekt seinen Anfang. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gibt das Eröffnungskonzert in ihrem neuen Quartier in der Gesamtschule Bremen-Ost, mitten in Osterholz, nicht weit von der Hochhaussiedlung Tenever entfernt. Dort will sie bleiben, Wurzeln schlagen, Entwicklungen anstoßen.

"Hier entsteht ein Stück Zukunft", sagt Albert Schmitt, der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie. "Die Gesamtschule wird zu einer Kulturschule, mitten im Problemstadtteil", sagt Bremens Kultursenator Jörg Kastendiek. Und der Schulleiter Franz Jentschke sagt: "Wir wollen die Schule sein, die den Stadtteil in sich aufsaugt, nein, die ganze Stadt! "

Vor dem Haupteingang der Schule spielen sich an diesem Abend wunderliche Szenen ab. Hinter den Fenstern über der Eingangstür machen Kinder große Augen, auf dem Schulhof warten Fotografen mit langen Objektiven. Schüler mit weiß gepuderten Gesichtern haben sich auf dem Schulhof verteilt. Sie begrüßen die Gäste und reichen Sektgläser. Mitten durch die Szene läuft ein Junge im Muskel-Shirt, er kickt einen Fußball vor sich her. Ein schlaksiger Mann im Frack und mit welligem Haar, einer der Geiger des Orchesters, spaziert über den Schulhof zum Eingang, als ein alter Mann in Shorts mit einer Plastiktüte voller Bierflaschen vorbeigeht. Als wieder eine schwarze Limousine vorfährt, ruft eine Schülerin: "Ein Mann, eine Frau! Schnell! " Ein Schüler rollt den roten Teppich aus, ein anderer öffnet die Autotür. Der Mann mit den Lackschuhen hakt sich bei einer Schülerin mit aufgespanntem Schirm unter.

Über den Teppich begleiten die Schüler die Gäste ins Foyer, wo sich der Kontrast noch verstärkt: An einer Stellwand hängen Artikel über die Deutsche Kammerphilharmonie, ausgeschnitten aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "New York Times", der "Chicago Tribune". Sie zeigen: Hier logiert ein Orchester, das auch im Ausland bekannt ist und demnächst wieder auf Welttournee geht. Daneben hängen Bilder aus Wasserfarben, Zebras und Giraffen sind darauf zu sehen, gemalt von Olga und Paulina. Sie zeigen: Hier gehen Kinder aus aller Welt zur Schule. Menschen aus mehr als 80 Ländern leben in Osterholz, allein an dieser Schule haben mindestens 40 Prozent der rund 850 Schüler einen sogenannten Migrationshintergrund. Manche haben als Flüchtlinge oder Übersiedler eine regelrechte Odyssee hinter sich.

Dann ist es so weit: Jens Böhrnsen, der Bremer Bürgermeister, und Kultursenator Kastendiek durchschneiden ein rotes Band, die Tür zum neuen Konzertsaal öffnet sich. "Eine Schleuse zwischen den Welten" sei das, sagt einer. Vorn auf der Bühne steht der Stardirigent und Künstlerische Leiter der Kammerphilharmonie, Paavo Järvi, das schwarze Hemd trägt er heute locker über der Hose. Neben den Musikern der Kammerphilharmonie haben Schüler des Schulorchesters Platz genommen, mit Oboen und Trompeten, Akkordeon und Geige. Im Publikum recken Eltern ihre Hälse, gespannte Stille. Plötzlich zuckt Järvis Arm, der Taktstock rotiert, streicht, kitzelt die Töne aus dem Orchester: Schostakowitschs Jazz-Walzer Nr. 2, gemeinsam aufgeführt von der weltberühmten Kammerphilharmonie und den Osterholzer Schülern.

"Was für ein Erlebnis", sagt Hanna Hilpert, Oboe, aus der neunten Klasse nach dem Konzert. "Hier passiert echt was, das ist nicht nur Show." Auch Daniel Vins, Geige, aus der achten Klasse, kann es noch nicht fassen: "Die Schule entwickelt sich mit jedem Tag besser", sagt er, "man wächst hier richtig zusammen."

Berührungspunkte zwischen Kammerphilharmonikern und Schülern gibt es einige, soweit sich das wenige Wochen nach dem Einzug des Orchesters feststellen lässt. Die Musiklehrerin Imke Howie, die auch das Schulorchester leitet, sagt, sie komme gar nicht nach, all die Anfragen der Lehrer zu koordinieren, die mit ihren Klassen bei den Proben der Philharmoniker dabei sein wollen. Howie ist eine zierliche, freundliche Frau, die schnell spricht und voller Energie zu sein scheint. Manche Schüler sagen, ohne sie wäre die Philharmonie nicht nach Osterholz gekommen.

Der Sechstklässler Mohammed erzählt, neulich sei die Musik durch die offenen Fenster in die Klasse gedrungen, als er gerade eine Mathearbeit geschrieben habe "das wird jetzt sicher eine Eins". In der Schulmensa sitzen die Orchestermitglieder und die Schüler an langen Tischen zusammen beim Mittagessen. Heute gibt es Gemüseeintopf, wahlweise mit oder ohne Bockwurst, dazu ein halbes Brötchen und einen Apfel. Überall klappert Geschirr, Pausengespräche erfüllen den Raum. Irgendjemand singt. Mit am Tisch sitzt auch Albert Schmitt, Geschäftsführer der Kammerphilharmonie, im Anzug. Schmitt kommt gerade vom Fotografen, der ihn abgelichtet hat für das US-Visum, denn bald fliegen die Philharmoniker in die USA. Ob Carnegie Hall in New York, Théâtre des Champs-Élysées in Paris, Royal Albert Hall in London oder Suntory Hall in Tokio - das Ensemble ist in den bekanntesten Konzerthallen der Welt zu Gast. Nur sein neues Zuhause in Osterholz hat noch keinen Namen -Schmitt sucht noch einen Sponsor und Namensgeber für den Saal.

Der Geschäftsführer lobt das "geile Umfeld" für die Musiker

Wenn man mit Albert Schmitt bei Eintopf mit Wurst über die Kammerphilharmonie spricht, dann drängt sich eine Frage auf: War die Idee, in die Schule zu ziehen, nicht vielleicht in erster Linie aus der Not geboren und damit vor allem ein Kompromiss? Die Kammerphilharmonie suchte seit Jahren einen neuen Probenraum, den die Stadt Bremen ihr schon 1992 vertraglich zugesichert hatte - als Gegenleistung für Abo-Konzerte und Festivals.

Die Schule war seit 2003 ohnehin eingerüstet, weil sie im Rahmen einer PCB-Sanierung rundum erneuert werden musste, und die alte, heruntergekommene Aula stand leer. "Wir sind damals hier rausgefahren, um uns das anzusehen", erzählt Schmitt, "und als wir die Schule gesehen haben, eine riesige Baustelle, da haben wir gedacht: Um Gottes willen, das geht auf keinen Fall." Doch Schmitt und die Delegation der Kammerphilharmonie stiegen aus, sie schauten sich das Gebäude und den alten Saal mit dem hässlichen Industriedach an. "Und dann habe ich gedacht: Eine Schule wäre natürlich ein geiles Umfeld", sagt Albert Schmitt. "Wir machen schließlich Projekte mit Schulen, seit es die Kammerphilharmonie gibt - das ist ein Grundbedürfnis unserer Musiker." Schmitt machte zur Bedingung, dass aus dem Saal ein Probensaal würde, der auch Aufnahmen sehr guter Qualität ermöglichte - "nur dann wollten wir das ernsthaft in Erwägung ziehen".

Experten bescheinigten der alten Halle, sie biete beste Voraussetzungen für den neuen Zweck: die Fläche groß genug, die Wände ausreichend dick, das Dach so hoch wie nötig. Der Ausbau war machbar. "So wurde es eine Liebe auf den zweiten Blick", sagt Albert Schmitt. "Jetzt haben wir eine Situation geschaffen, die unheimliche Potenziale birgt: Hier können wir die Musik mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt bringen, die aus sozial nicht bevorzugten Bereichen kommen. Dadurch entstehen Chancen für Einzelne, deren Dimensionen man noch gar nicht ermessen kann." Auch der ganze Stadtteil könne profitieren: "Das Orchester wirkt wie ein Brennglas, das die Prozesse hier vor Ort vergrößert", sagt Schmitt, "aber nur mit motivierten Leuten wie dem Schulleiter Jentschke kann es auch einen Flächenbrand entfachen."

Hinter der Entscheidung steckt allerdings auch unternehmerisches Kalkül. Um das zu verstehen, muss man die Bedingungen des Orchesters kennen: Das Ensemble finanziert sich nur noch zu etwa 41 Prozent aus öffentlichen Mitteln - den Rest bestreitet es aus eigenen Einnahmen. Die 36 Musiker bilden ein Unternehmer-Kollektiv, sind in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammengeschlossen und besitzen die gemeinnützige GmbH, die das Orchester managt.

Sie selbst erhalten keinen festen Lohn, sondern nur Honorare für Auftritte und Proben. Der Name "Deutsche Kammerphilharmonie Bremen" wird seit 1999 professionell vermarktet, es gibt Medienpartnerschaften, und der Kreis der Freunde und Förderer wächst. Die Kammerphilharmonie ist ein Beispiel dafür, dass anspruchsvolle klassische Musik auch in Zeiten knapper öffentlicher Gelder möglich ist - und dank der Schulprojekte auch bei jüngeren Hörern ankommt. Und in Zukunft bei Managern: Im neuen Saal in Osterholz sollen demnächst Seminare für "Top-Führungskräfte" stattfinden - mit Orchestermusik und Fachleuten, die ein von den Philharmonikern entwickeltes Management-Modell vorstellen.

Die Chancen stehen also gut, dass sich aus der "Liebe auf den zweiten Blick" eine funktionierende feste Beziehung entwickelt, so Geschäftsführer Albert Schmitt. "Klar waren einige Musiker anfangs nicht überzeugt von dem Ort in Osterholz - viele waren vorher noch nie in dem Stadtteil gewesen. Und wenn ich den Politikern am Anfang erzählt habe, dass wir nach Osterholz ziehen, dann haben manche mich mitleidig angeguckt, als wollten sie sagen: Mensch, da hast du aber Pech gehabt wie konnte das passieren?"

Inzwischen habe jeder die Potenziale erkannt, glaubt Schmitt. Manche Besucher hätten zwar trotz Navigationssystem Mühe gehabt, die Schule am Eröffnungsabend zu finden. "Aber nachdem sie den Saal und die Atmosphäre erlebt hatten, waren sie überzeugt." Auch außerhalb Bremens kommt die Idee gut an: Jüngst zeichnete das Zukunftsinstitut in Kelkheim die Zusammenarbeit von Kammerphilharmonie und Gesamtschule als "beste soziale Innovation" mit dem "Zukunftsaward" aus.

Dem Stadtteil Osterholz und seinem Ortsteil Tenever, in dem die Schule liegt, kann das nur gut tun. Davon ist zumindest Joachim Barloschky von der Projektgruppe Tenever überzeugt, der von allen im Viertel nur "Barlo" genannt wird. Barloschky, ein Anpackertyp mit rauer Stimme und zerknittertem Sakko, muss es wissen: Seit 1990 ist er Quartiersmanager im Viertel, seine Kinder haben die Gesamtschule besucht. "Dass es gelungen ist, die Kammerphilharmonie hierher zu holen, ist zum einen für das Image von Bedeutung. Aber vor allem wird es sich positiv auf die Interessen und Ideen der Kids auswirken", sagt Barloschky. "Das ist wichtig für so ein benachteiligtes Quartier."

Die Nachteile sind in Tenever in Beton gegossen und ragen wie graue Monster in den blauen Himmel. Vom Balkon des Projektbüros wandert der Blick an 30 Metern Fassade entlang nach oben, hinüber zu den anderen Hochhäusern, von denen das höchste mehr als 20 Etagen hat. Auf der nahen Autobahn rauschen die Lastwagen vorbei. Unten vor dem Arbeitslosenzentrum "Alz" warten schon um kurz vor neun Uhr morgens die Ersten darauf, dass die Beratungsstelle öffnet.

Im Viertel ist es gute Sitte, Dinge selbst in die Hand zu nehmen

"Tenever hat fünf Besonderheiten", sagt Barloschky, der am ausgewaschenen Hemd einen Sticker trägt mit der Aufschrift "Den Kindern von Tenever darf nichts genommen werden". Er sagt: "Die erste ist: Tenever ist hoch - das sieht man sofort. Die zweite: Wir sind jung und eines der kinderreichsten Quartiere Bremens; ein Drittel hier ist unter 18, das ist die Zukunft der ganzen Stadt. Dritte Besonderheit: Wir sind international." 25 Prozent der Menschen in Tenever seien Aussiedler, 45 Prozent Ausländer: Türken, Kurden, Libanesen, Marokkaner, Tamilen, Pakistaner -und Joachim Barloschky kennt sie fast alle. "Wirklich entscheidend ist aber das vierte Merkmal des Stadtteils", sagt er, "wir sind arm." Rund 45 Prozent der Bewohner seien auf Transferleistungen angewiesen, mehr als 50 Prozent der Kinder lebten in Armut.

Doch Tenever hat eine fünfte Besonderheit, die sich immer mehr zum Standortvorteil entwickelt: "Tenever ist sehr engagiert", sagt Barloschky. "Die Bewohner haben hier eine Stadtteilgruppe auf die Beine gestellt, in der auch Politiker und die Vertreter der Verwaltung mit am Tisch sitzen, vom Polizisten bis zum Bürgermeister." So sei aus dem "Demonstrativbauvorhaben Tenever", wie die Hochhaussiedlung früher genannt wurde, ein regelrechtes "Demokratiebauvorhaben" geworden.

Wenn Barloschky erzählt, wie das praktisch funktioniert, verwandelt er sich in ein Ein-Mann-Theater, und sein Büro wird zur Bühne: "Wie sieht das da wieder an der Neuwieder Straße 3 aus? Überall Müll! ", imitiert er mit lauter Stimme einen Bewohner und bewegt wild die Arme. Oder: "In unserem Haus, da tut sich nichts", schimpft er, "da geht's drunter und drüber, der Hausmeister ist nicht vor Ort, die Reinigungskraft fehlt, Mieterversammlungen gibt es nicht." Dann schlüpft er in die Rolle eines Verwaltungsmitarbeiters: "Ganz einfach: Da müsst ihr Mietminderung machen." Und wird danach wieder er selbst, der Vermittler: "Wir schreiben noch mal einen Brief an den Vermieter und machen Druck, dass der was tut."

Inzwischen konnte der Stadtteil seine dringendsten Probleme selbst lösen: Unter dem Druck der Bewohner wurden die Wohnungen im Jahr 2003 von der Stadt aufgekauft. 650 sind schon komplett saniert, 900 abgerissen, die Zahl der Leerstände sinkt. Im Parterre der sanierten Hochhäuser sitzen Hausmeister, Mitarbeiter auf ABM-Stellen, die sich um die Anliegen der Bewohner kümmern. Die Fassaden sind bunter, die Wege grüner geworden.

"Und wir planen mit den Bewohnern jetzt, was wir mit den neuen Freiflächen anfangen. Wir wollen zum Beispiel internationale Gärten anlegen, wo die Bewohner ihr Gemüse anpflanzen können - ob marokkanische Minze oder deutsche Kartoffeln."

Ein schönes neues Ziel: die Melodie des Lebens zu lernen

Das Beispiel Tenever ist inzwischen als Modell für gelungene Bewohnerbeteiligung über die Grenzen Bremens hinaus bekannt - nur sein Ruf in Bremen selbst ist noch geprägt von der Vergangenheit als Wohnsilo-Kolonie mit überbordender Kriminalität. Die Kammerphilharmonie kann deswegen auch dazu beitragen, Menschen ins Viertel zu locken, die dort sonst nie hingehen würden. Aber sie kann noch mehr: den Schülern Perspektiven zeigen.

Wie sich die Nähe von Orchester und Schule im Kleinen auswirkt, kann man in Raum 133 der Klasse 6.1 erleben, einer Klasse mit Musik-Schwerpunkt. Eben waren die Schüler bei einer Probe der Kammerphilharmoniker für das Open-Air-Konzert "Sommer in Lesmona" dabei, unten im neuen Saal. Das Orchester spielte eine Ouvertüre von Bellini, ein Stück von Sergej Prokofjew und Leonard Bernsteins "West Side Story". Die Schüler hörten zu, irgendwann hat Kevin die Arme ausgefahren, und der Kugelschreiber in seiner Hand hat sich zu einem Taktstock und er sich in einen Dirigenten verwandelt. Minutenlang hat er mitdirigiert, von seinem Stuhl aus, im Publikum.

Bei der Nachbesprechung im Musikraum diskutiert die Klasse mit Musiklehrer Henning Grossmann über das Gesehene: Melissa hat ein Altsaxofon entdeckt, und Joanna will bei den Profis einige schiefe Töne gehört haben. "Die sind viel disziplinierter als wir", sagt Lisa. Und Mohammed staunt: "Der mit der Tuba war viel lauter als ich und Maiko zusammen." Mohammed und Maiko spielen Tuba, seit sie 2005 in die Bläserklasse der Gesamtschule wechselten. 25 Euro kostet der zusätzliche obligatorische Instrumentalunterricht der Musikschule die Eltern pro Monat, inklusive Leihgebühr und Instrumentenversicherung. Das ist nicht teuer. Aber für manchen hier ist es doch zu viel.

"Hier kann sich keiner Einzelunterricht für 80 Euro im Monat leisten", sagt Imke Howie, die Leiterin des Schulorchesters. Sie ist überzeugt, dass die Musik die Schüler motivieren, auf neue Ideen bringen und vielleicht auch von anderen Sorgen ablenken kann. "Einige haben zu Hause den Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen, weil die Eltern die Stromrechnung nicht bezahlen können", sagt Howie und erzählt die Geschichte eines Schülers, der kürzlich von zu Hause ausziehen musste. Die Situation sei dort katastrophal, Alkohol und Streit an der Tagesordnung gewesen. Im Schulorchester blühe der Junge jetzt regelrecht auf: "Wenn der die Musik nicht hätte, hätte er nichts mehr."

Imke Howie schätzt, dass es bei vier von fünf ihrer Schüler zu Hause Probleme gibt, viele seien Waisen, viele Familien sehr arm. "Wenn die bei einer Probe der Kammerphilharmonie dabei sind", glaubt sie, "dann fühlen sie sich auf einmal wieder ernst genommen."

Oben in Raum 281 stehen die Schüler aus der neunten Klasse auf den Tischen und singen: "In der Melodie des Lebens ist nicht alles Harmonie - auch Abschied und Enttäuschung gehören manchmal dazu." Am Klavier sitzt der Komponist und Musiker Mark Scheibe, der von sich sagt, er sei zu Schulzeiten ein Außenseiter gewesen, dem unter dem Tisch die Schnürsenkel zusammengebunden wurden. Erst durch eine Lebenskrise in der Pubertät sei er zur Musik gekommen - und sie sei danach nie wieder von seiner Seite gewichen.

"Wenn man Musik macht, kann das die gleichen Gefühle erzeugen, wie wenn man verliebt ist", erzählt er den Schülern. Die Musik könne einen retten, vor der Einsamkeit und vor Problemen. "Was ihr hier in der Schule machen müsst, ist dabei im Prinzip das Gleiche wie das, was auch alle Spitzenmusiker machen müssen", sagt er. "Die Hosen runterlassen, sich nicht hinter den Noten verstecken, sondern sich total reinwerfen in die Musik. Dann kann das die Menschen berühren."

Die Probe in Raum 281 bereitet auf einen Auftritt vor, bei dem die Schüler zusammen mit den Kammerphilharmonikern im neuen Saal der Gesamtschule auf der Bühne stehen. Die Schüler haben die Liedtexte zur "Melodie des Lebens" selbst geschrieben, über Themen aus ihrem Alltag. In einem Song werfen sich Jungen und Mädchen gegenseitig Begriffe an den Kopf - Wörter wie Zorn, Kuss und Maus, Gefühl, geil und Klischee. "Gib dir Mühe, habe Mut - dann wird alles wieder gut", lautet eine Strophe. Und der Refrain: "Glaub an deinen Traum, gib deinen Wünschen Raum, du kannst alles schaffen."

"Tenever ist nicht so, wie ihr gedacht habt" Für Duy Nguyen und Iwona Rank aus der neunten Klasse sind das keine leeren Worte. Sie sind in der Hochhaussiedlung Osterholz-Tenever aufgewachsen und leben mit ihren Familien heute noch dort; Duy braucht mit dem Fahrrad nur drei Minuten zur Schule. Er weiß genau, wem er das Lied über die "Melodie des Lebens" vorsingen könnte. "Ich kann damit viele Erlebnisse verbinden", sagt er ernst. Mehr erzählen will er nicht - aber, so viel ist klar, Zuversicht können in Tenever immer noch viele Menschen gebrauchen. "Klar stimmt es zum Teil, dass das hier ein Problemviertel ist", sagt Duy. "Auf der Züricher Straße laufen abends viele Betrunkene rum. Aber es wird besser."

Er selbst fühle sich in Tenever immer wohler. "Prügeleien gibt's da kaum noch, und alles sieht viel besser aus als vor ein paar Jahren", sagt Duy. Nur die Wahrnehmung von außen, das Stigma "Tenever", macht ihnen noch zu schaffen. Iwona hat mit ein paar Mitschülern deswegen einen Song komponiert. Um das endlich richtigzustellen. Der Refrain lautet: "Tenever ist nicht so, wie ihr gedacht habt, so oft, wie ihr darüber gelacht habt: Tenever ist einfach geil - denn es ist unser Style! " -

Mehr aus diesem Heft

Fehler

Die Marathon-Männer oder Drei Freunde gegen einen Milliardenkonzern

Sie machen eine tolle Erfindung. Nur fehlt ihnen Geld und guter Rat, um sie zu vermarkten. Dann kopiert ein Weltkonzern ihre Idee. Was nun?

Lesen

Fehler

Dumm gelaufen

Die Geschichte der Menschheit ist reich an Entdeckungen, Heldentaten und Ideen, die uns bis heute sprachlos machen. Aber es gibt auch andere Geschichten, die uns Tag für Tag begleiten. Über die wir den Kopf schütteln, wenn wir davon erfahren. Und für d

Lesen

Idea
Read