Ausgabe 08/2007 - Editorial

Menschliche Schwächen

• Sie fehlt in keinem der Prominenten wie Chefredakteuren gern vorgelegten Fragebögen: die Frage nach dem größten Fehler. Da ist dann Bekennermut gefragt. Obwohl, wer will schon wildfremde Menschen in sein Innerstes blicken lassen? Und welcher der vielen Fehler, die man bei sorgsamer Selbstbeobachtung von sich kennt, ist es wert, der größte genannt zu werden?

Mir half in einer solchen unerfreulichen Situation eine Kollegin, die ich um Hilfe bat: "Dein Namensgedächtnis! ", sagte sie spontan. Ich war ein wenig unangenehm berührt, aber auch zufrieden. Weil es wahr ist und deutlich origineller als das, was andere bei ähnlicher Gelegenheit zugeben (S. 79).

Wenn es um Fehler geht, liegt der Allgemeinplatz so nah wie die Lüge. Das hat, wenn man die Sache genauer betrachtet, einen guten Grund: Wir alle machen Fehler oder haben welche – und wollen sie vermeiden oder vertuschen. Zudem kennt jeder genug Situationen, in denen er auf die Fehlerfreiheit von Systemen hofft, und zwar nicht nur, wenn er im Flugzeug sitzt oder auf dem Operationstisch liegt.

So bewegen wir uns, wenn es um Fehler geht, im Dreieck aus Hoffnung, Toleranz und Ärger: Klar, kann immer was passieren. Sicher, jeder analysierte Fehler verhilft auch zu Erkenntnisgewinn. Aber warum ist es nicht gelungen, den Fehler gleich zu vermeiden?

Auf der Suche nach der perfekten Fehlervermeidung haben gerade industrialisierte Systeme wahre Glanzleistungen vollbracht. Doch was in der Massenfertigung ein probates Ziel war, erweist sich als Problem, wenn man nach neuen Produkten, Dienstleistungen und Lösungen sucht: Wer Fehler um jeden Preis vermeiden will, bleibt am besten auf vertrauter Strecke. Wer Neues sucht, muss experimentieren, probieren, ausbrechen. Auch wenn mal was danebengeht (S. 44).

Doch auch vertraute Wege sind nicht immer sicher, wie ein Blick in die Statistiken der Ärzte-Versicherer zeigt. Schlimmer noch als die betrüblichen Schicksale, zu denen medizinische Fehler führen, ist die Ignoranz im Umgang damit (S. 100). Was allerdings auch daran liegen kann, dass der bekennende Schuldige hierzulande, anders zum Beispiel als in den USA (S. 106), nicht unbedingt auf das Verständnis von Bürgern und Journalisten hoffen darf: "Es gibt wohl eine gesellschaftliche Vereinbarung", befürchtet Stephan Jansen, Gründungspräsident der Zeppelin University in Friedrichshafen, "dass wir Leute sehen wollen, die Fehler machen, und uns weniger für die Ursachen interessieren." Doch mit der Benennung eines Sündenbocks ist das Problem in aller Regel nicht gelöst (S. 54).

Das zeigt kaum ein Fall besser als der Niedergang des Energie-Brokers Enron, den der US-Journalist Malcolm Gladwell analysiert hat. Es gab den Fall, es gab die Opfer, es gab den Sündenbock, der hart bestraft wurde. Aber weiß man wirklich, wie es zu 40 Milliarden US-Dollar Verlust kommen konnte? Und vor allem: wie Ähnliches künftig zu vermeiden ist (S. 80)?

Fehlergeschichten sind Menschengeschichten. Vielleicht mögen wir sie deshalb trotz aller Abgeklärtheit immer wieder gern. Vornehmlich, um etwas daraus zu lernen. Ein wenig aber auch, weil solche Geschichten mal anrührend (S. 60), mal gut für den Blutdruck (S. 72, S. 92) und mal ziemlich komisch sind (S. 109, S. 116).

Also: Was ist Ihr größter Fehler? •

Gabriele Fischer,
Chefredakteurin

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