Ausgabe 08/2007 - Markenkolumne

KVG

- Die bildende Kunst hat viele Vorteile: Sie ist in der Regel elektronisch nicht reproduzierbar, was sie im Gegensatz zu Musik oder Filmen vor Copyright-Piraten, kostenloser Verbreitung und anderen Wertminderungen schützt. Man ist nicht dazu gezwungen, sich mit ihr lange zu beschäftigen, was sie effizienter als Literatur macht und zudem für Massen-Events prädestiniert - das hat sie Theater-, Ballett-, Opern- und anderen Bühnenaufführungen voraus. Bilder und Skulpturen sind meist von weitem gut erkennbar, also potenzielle Statussymbole - im Eingangsbereich einer Bank wirkt ein Werk von Jeff Koons beeindruckender als das Buch eines Pop-Autors oder die DVD eines Kultfilms. Außerdem geht es in der Kunst um Inhalte, also die Essenz des Age of Content, ohne dass es zu verbindlich wird, denn, hey: Es ist doch nur Kunst. Und schließlich ist Kunst ein erstklassiger Standortfaktor, den jede Stadt gern fördert, denn Kreativität zieht Kreative an, also Wirtschaftspotenzial, und Events beleben den Tourismus.

Das funktioniert auch. Die Kunstfreunde gehen in diesem Jahr auf die große Kunstmesse in Basel (rund 300 Galerien mit mehr als 2000 Künstlern), fahren bis November zur Biennale nach Venedig (rund 100 Künstler), bis Ende September zur Skulptur Projekte in Münster (35 Künstler) und natürlich nach Kassel zur Documenta (114 Künstler), die ebenfalls bis Ende September läuft. Daneben gibt es weltweit in jeder größeren Stadt opulente Ausstellungen zu Ländern, Themen, Stilen, Künstlern, dass die Touristen auch bei Regen was zu tun haben. So könnte irgendwann ein Kunstengpass dräuen, aber keine Sorge: Die globale A-Liga wird mit Unterstützung der Medien laufend erweitert, und in der Kreisklasse findet sich immer irgendjemand, der mitspielen will.

Zur ersten Documenta 1955 kamen 130 000 Besucher, zur Documenta 11 im Jahr 2002 waren es rund 650 000, in diesem Jahr werden es wohl noch mehr sein. Besucht man Kassel mitten in der Woche, ist davon allerdings wenig zu merken. Allein in der Nähe der Ausstellungsgebäude hört man häufiger Gespräche in fremden Sprachen oder sieht Asiaten, die aber auch Kunst sein können: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat 1001 Chinesen nach Kassel eingeladen, was weithin bekannt ist, denn darüber wurde ausführlich berichtet. Das gehört zum Boom, die Kunst als Medienthema: irgendwie wichtig, aber irgendwie auch egal, so lustig bunt, so nachdenklich tief. Jedenfalls ist es interessant für werberelevante Zielgruppen, und das nicht kritisierbare Nacktfoto (weil Kunst) schadet der Auflage ebenfalls nicht.

Dann sind da die Werke. Menschen haben daran gearbeitet, Künstler, einige vermutlich lange, bei manchen ging es wohl schneller. Es wurde gemalt, geklebt, gebastelt und fotografiert, gefilmt und auf Tonbändern aufgenommen, es gibt sogar Seidenstickereien aus China, die zart und hübsch sind. Vieles ist neu, einiges aber auch älter, und das wirkt oft etwas überholt, wie das eben so ist, wenn jemand vor 40 Jahren etwas Neues gesagt hat, was inzwischen als Allgemeingut gilt. Manches ist grandios blöd, ganz besonders eine ausgestopfte Giraffe als Kommentar zu Palästina, die aber in allen Zeitungen stand, weil man Giraffen gut fotografieren kann, vor allem, wenn sie ausgestopft sind. Aber alle bemühen sich um etwas, eine Aussage, eine Ästhetik oder zumindest einen guten Preis: Als bei einem Sturm sein Turm-Kunstwerk zusammenbrach, sagte der Künstler Ai Weiwei, dass sich der Wert seines Werkes nun verdoppelt habe - die Chinesen haben nicht nur den Kapitalismus, sondern auch den Kunstmarkt verstanden. Es hilft sicherlich seiner Karriere, dass Ai Weiwei wohl der Schlagzeilensieger der Documenta werden wird.

Viele Werke sind dekorativ, interessant oder zumindest originell. Deshalb ist es schade, dass neben den Arbeiten keine Preisschilder stehen. Man könnte nach dem Rundgang an der Kasse ein Stück kaufen oder mieten und es zu Hause aufstellen, aufhängen, installieren oder in ein Regal legen, sich davorsetzen, darunter, daneben oder gar darauf und es betrachten, darüber reden und nach einiger Zeit einen neuen Platz dafür suchen. Man könnte es auch, etwa nach der Biennale, gegen etwas austauschen, das ebenfalls schön ist. Aber das geht nicht, denn das wäre das Ende der Kunst oder zumindest des Kunstmarktes. So bleibt einem nur, zu gucken, was man nicht haben kann, ohne überlegen zu müssen, ob man es will. Wer nicht so lange stehen kann, kann sich auf einen der vielen Stühle setzen, die der chinesische Künstler Ai Weiwei in Kassel aufgestellt hat. Es sind 1001.

Wenn man länger unterwegs ist, fällt einem auf, dass die Kunst auf der Documenta großzügig verteilt ist. Arbeiten einzelner Künstler sind über mehrere Räume, sogar Häuser verstreut. Das ist das Beste an dieser Leistungsschau des guten Willens: Im Bezug zu verschiedenen Werken können die Arbeiten immer wieder neue Facetten entfalten. Sehr gut funktioniert das zum Beispiel bei den unerklärlich schlichten Objekten des Amerikaners John McCracken, die in allen Häusern stehen, hängen oder liegen und bei jeder Begegnung besser werden.

Irgendwann ist man fertig, und das dauert gar nicht so lange wie befürchtet. So schnell wie die Hauptfiguren in dem Film "Die Außenseiterbande" von Jean-Luc Godard, die den Louvre in neun Minuten und 43 Sekunden durchlaufen, ist man aber nicht, denn für die Documenta 12 muss man Teile der Kasseler Innenstadt durchqueren. Das kann dauern, speziell, wenn die Straßenbahn Verspätung hat. Als sie dann doch endlich kommt, fragt mich ein Rentner im Gedränge, ob ich wüsste, was KVG bedeute. Ich tippe brav auf Kasseler Verkehrs-Gesellschaft. Er lacht und sagt: "Nee, das heißt: Kannst du vergessen." -

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