Ausgabe 08/2007 - Schwerpunkt Fehler

Ein Flimmern am Rande

• „Zum Staatszirkus wollen Sie?“ Das Gesicht der Frau hellt sich auf. „Einfach nach links und immer geradeaus.“ Sie lächelt froh. Und ich merke erst später, dass ich zum Staatszirkus nach rechts gemusst hätte. Die Moskowiter schicken Ortsfremde oft in die Irre. „Das sind Neuzugezogene, die Moskau nicht kennen und es nicht zugeben wollen“, behaupten die Altmoskowiter. „Das sind die hinterfotzigen Altmoskowiter“, behaupten die Neuzugezogenen. Eine überzeugende Erklärung habe ich noch nicht gehört. Aber mich beeindruckt immer wieder die vergnügte Leichtigkeit, mit der die Menschen dort ihre Opfer fehlleiten.

„Wir sind geografisch debil“, sagen viele Russen selbstironisch. Die daraus resultierenden Fehler empören allerdings kaum jemanden, im Gegenteil, manche werden sogar groß gefeiert. So gilt der Bauer Iwan Susanin als Nationalheld, weil er 1613 eine Schar polnischer Feinde tief in die Urwälder von Kostroma führte, wo er gemeinsam mit ihnen umkam. Nach mehr als zehn Jahren in Russland möchte ich nicht ausschließen, dass Susanin sich bei seinem vermeintlichen Opfergang schlicht verlaufen hat.

Russland leidet nicht besonders unter Fehlern. Sie werden nur als störendes Flimmern am Rande des Bewusstseins wahrgenommen. Einmal passiert, werden sie verneint, beschönigt oder schlimmstenfalls anderen in die Schuhe geschoben. Fehler sind ärgerlich, aber eine Nebensache. Die Russen lachen mich oft als Angsthasen aus, und tatsächlich haben sie bessere Nerven. Sie gähnen, wo mir die Haare zu Berge stehen – auch wenn wir mit Vollgas auf die Katastrophe zufliegen. Russland lebt „na awos“, auf gut Glück, ohne Schutzhelm oder Lebensversicherung. Auch deshalb kommen im russischen Autoverkehr jährlich fast 40.000 Menschen um. Russland glaubt nicht an seine Fehler.

Der klassische Held Siegfried übersieht bei seinem Bad im Drachenblut ein Lindenblatt auf seinem Rücken, bleibt an dieser Stelle verwundbar und wird später genau dort vom tödlichen Speer getroffen. Die Fantasie der frühen russischen Mythendichter entzündet sich dagegen nicht am kleinen Missgeschick. Der einfältige russische Märchenheld Iwan Durak schießt seinen Schicksalspfeil planlos in den nächsten Sumpf, direkt vor die Füße einer Froschkönigin. Die besorgt ihm in der Folge ein Zarenreich und verwandelt sich nachts in eine Sexbombe. Russland ist viel optimistischer als Deutschland.

Auf Russisch heißt Fehler „oschibka“, Geschlecht weiblich. Das ist kein Zufall: Die epischen Fehler, die wirklich wehtun, begehen meist Frauen. Wie Puschkins Heldin Tatjana, die sich blutjung verliebt und ihrem Angebeteten einen glühenden Brief schreibt. Er antwortet mit eiskaltem Spott, sie leidet fast zu Tode und sitzt danach ihr Leben in einer Vernunftehe ab. Auch moderne Russinnen leiden oft unter zu heftigen Gefühlen. „Unser häufigster Fehler?“ Die 29-jährige Olga seufzt. „Wir überhasten die Heirat und ärgern uns dann ein Leben lang über das unselbstständige Muttersöhnchen an unserer Seite.“

Schlimmer noch: Die Russinnen produzieren immer neue Muttersöhnchen. Von ihren Männern frustriert, verwöhnen sie ihre Söhne und verzeihen ihnen alle möglichen Frechheiten oder Fehler. Russlands Knaben erfahren von ihren Müttern und Babuschkas eine Kindheit lang, dass sie einerseits alles können und andererseits nie an etwas schuld sind. Als Resultat wimmelt es in Russland von trägen Männern, die sich für unfehlbar halten.

Das sind die Oblomowschtschina, benannt nach dem faulsten Romanhelden der russischen Weltliteratur, dem Kleinadligen Ilja Oblomow, der große Träume hegt, aber daran scheitert, dass er es immer erst am frühen Nachmittag vom Bett aufs Sofa schafft. Seinen modernen Nachfolgern bezahlt die gluckende Elternschaft oft nicht nur das Studium, sondern auch noch das Schmiergeld, um die Prüfer zu kaufen. Das Resultat sind Diplom-Oblomows, die einen Fehler nach dem anderen begehen, ohne sich für irgendetwas verantwortlich zu fühlen. Wenn es um Verantwortung geht, müssen die Frauen ran. Die Buchhaltung, die gegenüber dem Finanzamt mit einer Unterschrift geradestehen muss, ist in Russland eine klassisch weibliche Domäne.

Selbst Männer, die etwas gelernt haben, schwelgen in ihrem Ego. Sie bauen der Welt höchste Wolkenkratzer, schwimmende Atomkraftwerke und Pkw, deren Türgriffe beim ersten Öffnen abfallen. Die Russen lieben das Erhabene, das kühn Kreative, aber verachten die Routine. Russische Schachspieler oder Sinfonieorchester sind Weltklasse, russische Straßen eine Katastrophe.

„Hör auf zu nerven, wozu brauchen wir ein schriftliches Konzept?“, fragen meine Moskauer Kollegen Sascha und Wanja, die ein neues Männermagazin auf den Markt bringen wollen. „Wir fühlen, wie das Blatt gemacht werden muss.“ Wer die eigene Großartigkeit verwirklicht, denkt nicht ans Versagen. Und wenn dem Genie Fehler passieren, kämmt es sie wie Schuppen aus der Mähne.

Im Gegensatz zum Westen gilt es in Russland als Zeichen von Kleinmut, einen Fehler einzugestehen. Russische Erfolgsmenschen delegieren ihr Missgeschick: Fehler sind das Fallobst der Hierarchie, sie landen meist ganz unten. So wie die barsche Zahlungsaufforderung der Moskauer Finanzinspektion, die vergangenen Oktober in meinem Briefkasten steckte. Eine fünfstellige Euro-Summe, längst bezahlt. Ich reichte die Quittung ein, doch statt sich zu entschuldigen, verlangte die Finanzinspektion nun den Zahlungsnachweis für das Jahr zuvor.

Die Obrigkeit mag schlampen – ausbaden müssen es die Untertanen. Wenn ein russischer Feldherr seinen Offizieren einmal befohlen hat, eine feindliche Stellung frontal zu nehmen, müssen die Soldaten eher bis zum letzten Mann stürmen, als dass die Unfehlbarkeit des Kommandeurs angezweifelt wird. So wie in der Neujahrsnacht 1995, als Jelzins Verteidigungsminister Pawel Gratschow im Wodkarausch der eigenen Geburtstagsfeier den Angriff auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny befahl.

Wer den Fehler benennt, riskiert, ihn zu verantworten. Also reicht man ihn weiter, schweigt ihn tot, sitzt ihn aus. Deshalb führen russische Fehler oft zu Katastrophen. Wie der Untergang des Atom-U-Boots „Kursk“ im August 2000: Die Admiralität schwieg anfangs, dann log sie, man versorge die „Kursk“ mit Strom und Luft. Ausländische Hilfsangebote wurden erst angenommen, als es viel zu spät war. Alle 118 Besatzungsmitglieder kamen um, mindestens 23 hatten noch tagelang unter Wasser auf Rettung gewartet. Danach machten die Russen erst eine alte deutsche Weltkriegsmine verantwortlich, dann ein amerikanisches Geister-U-Boot und erklärten schließlich, eine Übungsrakete im Boot sei explodiert. Es gibt auch Gerüchte, ein eigenes Kriegsschiff habe die „Kursk“ versehentlich mit einem Manövergeschoss versenkt.

Welchem Fehler die „Kursk“ zum Opfer fiel, ist bis heute ungeklärt. Drei Jahre nach dem Unglück kam der Spielfilm „72 Meter“ in die russischen Kinos, eine teure Produktion mit großen Stars, in der das Atom-U-Boot nach einer Kette unglücklicher Zufälle fehlerfrei sinkt. Mehrere Dutzend Helden überleben und harren unter Wasser tapfer auf Rettung. Ende offen, aber hoffnungsvoll. Die Russen neigen zur heroischen Deutung.

Die Trägheit der Russen, ihre Unlust, den Alltag zu systematisieren, und ihre geografischen Verwirrungen treiben mich manchmal in den Zynismus: „Wie habt ihr im Zweiten Weltkrieg nur nach Berlin gefunden?“, frage ich dann. Die Russen grinsen und antworten: „Wir sind einfach hinter euch hergelaufen.“ ---

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