Ausgabe 08/2007 - Schwerpunkt Fehler

Die Sache mit dem Gesicht

- Gegen Ende des dritten vorchristlichen Jahrhunderts begegneten sich in einem chinesischen Kleinstaat namens Zhao zwei Pferdewagen. In dem einen saß der Dichter und Denker Lin Xiangru, den der König zum Premierminister ernannt hatte, nachdem er dem aggressiven Nachbarstaat Qin einen Nichtangriffspakt und ein großes Stück Jade abhandeln konnte. Die andere Kutsche gehörte Lins größtem Neider, General Lian Po. Die Straße war schmal, einer musste ausweichen, und weil der Klügere nachgibt, lenkte der Premierminister in eine Seitengasse. "Wenn wir unsere Rivalitäten und Eitelkeiten nicht überwinden, wird unser Land untergehen", erklärte er seinen indignierten Begleitern. Als der General das hörte, schämte er sich, ging mit nacktem Oberkörper zum Palast, überreichte dem Premier einen dornigen Ast und bat um eine Tracht Prügel.

Ob Lin ihm den Gefallen tat, ist nicht überliefert. Es spielt auch keine Rolle, denn Lians Einsicht kam zu spät. Trotz des Friedensvertrags griff Qin kurze Zeit später an, eroberte Zhao samt seiner Jade und gründete das chinesische Kaiserreich. Lians melodramatischer Auftritt hat jedoch alles überlebt. Bis heute legt in China das Sprichwort "eine Dornenkeule tragend um Verzeihung bitten" das moralische Maß für den Umgang mit Fehlern fest.

Wie viele Sinnsprüche hat auch dieser mit der Realität wenig zu tun. Fehler sind allgegenwärtig, aber in der Regel bleibt der Mensch auf seiner Schande sitzen. Um das erträglich zu machen, hat sich in China ein Sozialkodex entwickelt, der Spott und Schuldgefühle auf ein Minimum reduziert: "Lianmian" - das be-rühmt-berüchtigte chinesische "Gesicht". Einige Chinesen sehen darin eine große Errungenschaft, gar einen Beweis für die Überlegenheit ihrer Kultur. Andere halten es für ihre größte Schwäche.

Das Gesicht ist die chinesische Version der Menschenwürde und wie diese unantastbar, zumindest im Prinzip. Doch während die westliche Moralphilosophie den Begriff der Menschenwürde mit wohlmeinendem Idealismus aufgeladen hat, machen sich die Chinesen keine Illusionen: Gesicht kann man haben oder nicht, bekommen oder verlieren, geben oder nehmen.

"Der Mensch braucht Gesicht wie der Baum die Rinde", lautet ein chinesischer Spruch, mit dem chinesische Kinder von klein auf ein Bewusstsein für das eigene Gesicht und das der anderen entwickeln sollen. "Wenn du jemanden für ein Chi (33 Zentimeter) respektierst, respektiert er dich für ein Zhang (3,3 Meter) zurück", heißt ein anderer. Oder: "Wenn man jemanden schlägt, schlägt man ihn trotzdem nicht ins Gesicht." Das ist sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne gemeint.

Der Respekt vor dem Gesicht ist größer als der vor vielen anderen Werten. Etwa der Wahrheit. Viele Chinesen finden es unnötig, für jedes Problem einen Grund zu suchen, für jeden Schlamassel einen Urheber zu finden und für jedes Missgeschick eine Entschuldigung einzufordern. Der Preis des Gesichtsverlustes steht für sie häufig in keinem Verhältnis zu dem Nutzen, der sich aus einer schonungslosen Offenlegung ziehen ließe. Statt zwischen Richtig und Falsch eine scharfe Grenze zu ziehen, reicht es aus, sich über "unterschiedliche Sichtweisen" zu verständigen, es sonst aber bei subtilen Andeutungen zu belassen und nach vorn zu schauen. Im Idealfall entsteht so konstruktive Kritik: Vorschläge statt Vorwürfe, Wünsche statt Forderungen, Teamgeist statt Ausgrenzung. Gesicht zu geben heißt, tolerant zu sein, verständnisvoll und diskret, es ist eine Mischung aus Alltagsdiplomatie und zwischenmenschlichem Nichtangriffspakt.

Allerdings ist der oft so unsicher wie die Waffenruhe zwischen Zhao und Qin. Friedfertigkeit verleitet zum Missbrauch. Wo Fehler bereitwillig vergeben werden, ist es leicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Außerdem kann wohl kein Wertesystem den menschlichen Profilierungsdrang unterdrücken. Nur wenige Chinesen widerstehen der Versuchung, ihre Macht über das Gesicht ihrer Mitmenschen bisweilen auszukosten. Denn wer die Fehler anderer aufzeigt, demonstriert damit eigene Makellosigkeit.

Eine Anarchie der Schuldzuweisungen vermeidet ein weiterer sozialer Mechanismus, der wie das Gesicht als beste wie schlechteste Errungenschaft der chinesischen Kultur bezeichnet wird: die Hierarchie. "Der Fürst steht über den Beamten, der Mann steht über der Frau, der Vater steht über dem Sohn", lehrte Chinas Nationalphilosoph Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.). Was offen zur Sprache kommt, entscheiden die Höheren, ohne den unteren Rängen dafür Rechenschaft schuldig zu sein. "Wenn der Kaiser einem Untergebenen Selbstmord befiehlt, hat der ihn bedingungslos auszuführen", heißt ein altes Sprichwort. Ein anderes: "Ein Gouverneur kann es sich erlauben, in einer Stadt einen Großbrand zu verursachen, aber die Bürger dürfen keine Kerzen anzünden."

Das klingt harsch, doch im Alltag lässt sich mit diesen Regeln gut leben. Viele Fehler sind zu unbedeutend, als dass es ein Unterschied wäre, ob man sie vermeidet oder nur ignoriert. Doch die blinden Flecken des Systems sind groß. Wenn Angestellte ihrem Vorgesetzten nicht sagen können, dass seine Vorgaben unrealistisch sind, oder Beamte in blindem Gehorsam eine Politik umsetzen müssen, von der sie wissen, dass sie mehr Schaden als Nutzen bringt, gerät das System ins Wanken. Dynastie um Dynastie ist zugrunde gegangen, weil die Kaiser nicht merkten, wie außerhalb der Palastmauern ihre Macht bröckelte. Solange die nächsten Herrscher wieder Chinesen waren, galt dies als historischer Zyklus. Doch als im 19. Jahrhundert fremde Mächte China innerhalb kurzer Zeit in die Knie zwangen, begannen Chinas Intellektuelle, ihre Kultur auf den Prüfstand zu stellen.

Schnell wurde es Mode, alles Chinesische zu verneinen: die Gesichtswahrung, die Hierarchie, den Kaiserhof. Doch was als reinigendes Gewitter gedacht war, entwickelte sich zum Orkan, als 1949 die Kommunisten an die Macht kamen. Nach ihrem marxistischen Weltbild war die gesamte chinesische Geschichte eine historische Fehlentwicklung, die es zu korrigieren galt. Alle existierenden Werte wurden in ihr Gegenteil verkehrt: Ein Bauer war plötzlich mehr wert als ein Grundbesitzer, ein Arbeiter mehr als ein Intellektueller, ein Junger mehr als ein Alter. Öffentliche Kritik und rituelle Selbstbezichtigungen sollten den Menschen ihre traditionellen Respektvorstellungen austreiben. Wer sich keiner Fehler bewusst war, musste sich etwas einfallen lassen.

Der Spuk dauerte knapp 30 Jahre und endete mit dem Tod Mao Zedongs im September 1976. Danach suchten viele Chinesen Zuflucht bei ihren Traditionen, auch Maos Nachfolger Deng Xiaoping. Obwohl er selbst unter Maos Willkür gelitten hatte, verkniff er es sich, mit seinem Vorgänger ins Gericht zu gehen. Deng hatte kein Interesse daran, die Unfehlbarkeit der Herrschenden infrage zu stellen. Mit der knappen Feststellung, der Große Vorsitzende habe "mehr Erfolge als Fehler" vorzuweisen, war die Aufarbeitung der Mao-Zeit beendet.

Auch Dengs eigenes politisches Versagen, das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens, ist bis heute nicht zur öffentlichen Diskussion freigegeben. Stattdessen verfolgt die Regierung weiter das Ideal einer fehlerfrei funktionierenden Gesellschaft. "Wissenschaftliche Entwicklung" heißt das im Parteijargon, der unterschlägt, dass das Prinzip "trial and error" auch in der Forschung gilt. Doch für einen Herrscher, der zu seinen Fehlern steht, gibt es in China kein historisches Vorbild. Auch das Sprichwort von der Dornenkeule handelt von einem Untergebenen, der um Prügel bittet, nicht von einem Oberen. Dabei hätte es auch dafür in der chinesischen Geschichte reichlich Anlass gegeben. -

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