Ausgabe 08/2007 - Was Wirtschaft treibt

Die Reifeprüfung

- Dienstagmorgen, Stephan Kramer ist gerade mitten im Gespräch, als seine Sekretärin ihn zu einem dringenden Telefonat herausruft. Bei der Hamburger Kfz-Zulassungsstelle wartet ein Mann mit einem Renault, der bereits 185 000 Kilometer auf dem Tacho, aber angeblich trotzdem die Dekra-Prüfung anstandslos geschafft hat. Weil dem Angestellten der Prüfstempel seltsam vorkommt, fragt er bei Kramer nach. Minuten später hält der Leiter der Hamburger Dekra-Niederlassung eine Faxkopie des Prüfdokuments in der Hand, befindet: "Täuschend echt! Aber höchstwahrscheinlich eine Fälschung", und schüttelt den Kopf.

"Fälle wie der", erklärt der Diplom-Ingenieur Kramer, "kommen uns fast jede Woche unter." Für Autobesitzer sind die grünen Stempelaufdrucke der Dekra viel Geld wert, in wenigen Monaten hängt auch für Unternehmen viel von ihnen ab. Denn ab Januar will die Dekra ihren Stempel auch sogenannten "überwachungsbedürftigen Anlagen" wie Kompressoren oder Aufzügen aufdrücken, deren Inspektion bislang dem ewigen Konkurrenten TÜV vorbehalten war. Das ist ein Milliardengeschäft, das es zu erobern gilt, doch der Dekra geht es um weit mehr. Es ist nichts Geringeres als der Versuch, mit deutscher Prüftechnik den Weltmarkt zu erobern - und der Weg an die Weltspitze führt kurioserweise über deutsche Dampfkessel. Es ist ein Riesenschritt für einen Verein, der noch vor wenigen Jahren so gut wie pleite war. Ob er zu schaffen ist, wird von Leuten wie Walter Pelka abhängen.

Walter Pelka ist 53 Jahre alt und aus dem Stand in der Lage, Gedankengänge druckreif zu formulieren, was für einen Techniker nicht selbstverständlich ist. Pelka lebt in Hamburg, sein Schreibtisch steht in der Stuttgarter Dekra-Zentrale, aber die meiste Zeit ist der Bauingenieur ohnehin in der Republik unterwegs, um Produktionsstraßen und Industrieanlagen, Neubauten oder Feuerschutzeinrichtungen zu inspizieren. "Ich bin derjenige, der das Monopol brechen soll", sagt der Leiter der Dekra-Sparte "Industrieprüfungen". Das Monopol ist ein 136 Jahre altes Sonderrecht, wonach Fahrstühle, Druckbehälter wie Kompressoren sowie explosionsgefährdete Anlagen in der Chemie- oder Ölindustrie ausschließlich von den semistaatlichen Technischen Überwachungsvereinen, kurz TÜV, abgenommen werden durften.

Das klingt nach bürokratischem Kleinkram, steht aber für einen Umsatz von jährlich einer Milliarde Euro in Deutschland. "Allein hierzulande gibt es 600 000 Aufzüge, die wir bislang zwar in Betrieb nehmen, aber im laufenden Betrieb nicht prüfen dürfen", sagt Pelka. "Von dem Kuchen wollen wir uns in den kommenden vier Jahren ein Viertel holen. Mindestens." Für den Sturm auf den Monopolmarkt hat Pelka bereits knapp 70 Ingenieure angeworben und in 12- bis 18-monatigen Kursen zu Sachverständigen geschult. 100 weitere Stellen will er schnellstmöglich besetzen, außerdem hütet er eine gut gefüllte "Kriegskasse", wie er sagt, mit der er Speziallabors übernehmen und den Wachstumshunger der Industriesparte stillen soll. Mit dem Bochumer Exam-Ingenieurbüro hat die Dekra bereits die wichtigsten deutschen Spezialisten für Explosionsschutz geschluckt und sich in Frankreich mit Norisko die größte Industrieprüforganisation des Landes mit 2500 Mitarbeitern einverleibt.

Damit die Außenwelt von all dem etwas mitbekommt, wirbt die Dekra mit einem neuen Claim ("Alles im grünen Bereich"), einer kämpferischen Multimediakampagne (www.das-monopolfaellt.de) und Werbeveranstaltungen für Industriekunden, die vom kommenden Jahr an "Dekra" sagen sollen, wenn sie Industrieprüfung meinen. 50 bis 80 Millionen Euro wird das Unternehmen bis zum Stichtag 1. Januar in den Ausbau seines Industriegeschäfts stecken, bevor es auch nur einen einzigen zusätzlichen Auftrag übernehmen darf.

Und danach? Wird sich für Kunden zunächst nicht viel ändern, wie Pelka einräumt. Nicht bei der Qualität und Präzision der Prüfungen, denn da lassen die Vorschriften den Prüfern von TÜV oder Dekra kaum Spielräume. Und nicht bei den Preisen, schließlich "kostet die Ausbildung eines Sachverständigen 100 000 Euro und mehr; da muss man gewisse Kosten einfach weitergeben".

Die Konkurrenz beobachtet Pelkas Angriffsvorbereitungen mit Gelassenheit. "Wir betreiben das Geschäft, in das die Dekra im kommenden Jahr einsteigen will, seit mehr als 140 Jahren", sagt Rainer Strang vom TÜV Süd in München, der neben dem TÜV Nord mit Sitz in Hannover und dem Kölnischen TÜV Rheinland nach einer Fusionswelle unter den ursprünglich 16 Überwachungsvereinen übrig geblieben ist. "Wir haben mit unseren Kunden gelernt und dabei sehr viel Know-how erworben. Klar ist aber auch: Der Markt wird kaum wachsen. Wir werden daher alles tun, um Umsatzverluste so gering wie möglich zu halten."

Gut 400 Millionen Euro Umsatz macht der TÜV Süd derzeit im Industriegeschäft. Um den Markt zu verteidigen, hat das Unternehmen mit der TÜV Süd Chemie Service GmbH kürzlich eine Tochter als Dienstleister für die Chemiebranche gegründet. Erstmals in der Unternehmensgeschichte leistet sich der TÜV Süd zudem eine internationale Werbekampagne, die unter anderen in der "Süddeutschen Zeitung" und im "Focus" erscheint. Claim: "Mehr Sicherheit. Mehr Wert." "Wir müssen den Entscheidern in der Wirtschaft klarmachen, dass wir nicht nur prüfen", sagt Strang, "sondern auch für Beratung, Begleitung und Mehrwert stehen."

Es ist, in anderen Worten, dasselbe Angebot, das die Dekra der Industrie unterbreitet. Warum sollte ein Kunde dann überhaupt von den "Blauen" (wie die TÜV-Konkurrenz intern genannt wird) zu den Dekra-Prüfern mit den grünen Kitteln wechseln?

"Jede Monopolsituation", erklärt Dekra-Mann Pelka, "erzeugt naturgemäß Unzufriedene. Was wir heute im deutschen Industrieprüfgeschäft haben, ist eine Art , DDR-light'-Feeling: Niemand hat wirklich die Wahl." Ab kommenden Januar aber werden Deutschlands Industrielle das Volk sein und zu der Prüforganisation wechseln können, die sie sich selbst ausgesucht haben. Auf bis zu 30 Prozent schätzt Pelka den Anteil der TÜV-Kunden, die nur noch den Fall des Monopols abwarten wollen, um die Seiten zu wechseln.

Eckhard Röder, Technischer Leiter im Hansapark Sierksdorf, ist einer von ihnen. Im großen Vergnügungspark am Ostseestrand laufen jede Menge Fahrtreppen und Aufzüge, Looping- und Wildwasserbahnen, die regelmäßig offiziell abgenommen werden müssen. Nachdem Röder vor einigen Jahren die Dekra bereits mit der Prüfung der Fahrtreppen beauftragt hat, will er zum 1. Januar auch das Aufzugsgeschäft an den neuen Wettbewerber vergeben.

"Die begreifen uns wirklich als Kunden. Wenn man da eine Frage hat, kommen die gleich vorbei, und zwar kostenlos", erzählt Röder, der zudem auf wechselbedingte Einsparungen "um die 20 Prozent" spekuliert. Seine Entscheidung sei keine gegen den TÜV, eher für die Dekra, deren Prüfer er als unkompliziert und flexibler erlebt habe. "Wir waren schon immer Herausforderer", erklärt Walter Pelka, "nicht Verteidiger. Wir haben eine andere Mentalität als die Kollegen vom TÜV. Das erklärt sich schon aus unserer Geschichte."

Die Geschichte der Dekra beginnt 1925, als auf Anregung des Großindustriellen Hugo Stinnes eine Handvoll Fuhrunternehmer den Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungsverein, kurz Dekra, ins Leben rufen. Seine Aufgabe: den Fuhrpark der Mitglieder fit halten, damit Geschäft und Gefährte ungehindert weiterrollen können. Deshalb reisen die Dekra-Prüfer notfalls am Wochenende an, wenn die Lastwagen ohnehin stillstehen. "Dieses Arbeitsethos", behauptet Pelka, "prägt uns bis heute."

Als in den sechziger Jahren das TÜV-Monopol auf Kfz-Hauptuntersuchungen aufgeweicht und Ende der Achtziger vollends abgeschafft wird, gehen die Dekra-Prüfer auch zu Privatkunden. Bundesweit vereinbaren sie Kooperationsverträge mit Autowerkstätten, was zur Folge hat, dass Deutschlands Autofahrer nicht mehr vor zugigen TÜV-Hallen auf ihre Plakette warten, sondern sie sich bequem beim Händler um die Ecke abholen können. Auf diese Weise profitieren alle: Autofahrer, Werkstätten (die anfallende Reparaturen gleich selbst übernehmen) und die Dekra, die im Auto-Prüfgeschäft einen echten Boom erlebt. Einzige Verlierer sind die regionalen TÜV-Organisationen, die zusehends Marktanteile und nach dem Mauerfall auch das Prüfgeschäft in den neuen Bundesländern an die Dekra verlieren.

Nebenbei und fast zufällig wachsen überall dort, wo Rechtslage und TÜV-Konkurrenz Raum zum Wachstum lassen, weitere Geschäftsbereiche heran. So schult die Dekra in ihrer Akademie zunächst nur eigene Mitarbeiter, dann auch die von fremden Firmen und geht schließlich dazu über, die Ausgebildeten bei Kunden in Lohn und Brot zu bringen. Heute ist die "Dekra Personnel" mit rund 5000 Mitarbeitern und 260 Umsatzmillionen pro Jahr einer der größten Personaldienstleister des Landes. Die Sparte Industrieprüfungen wiederum entsteht, weil die Dekra-Prüfer in den Autowerkstätten nicht nur Fahrzeuge, sondern häufig auch gleich die Hebebühnen und sonstiges Equipment der Autohändler mitprüfen.

Zehn Millionen Fahrzeuge untersuchen Dekra-Ingenieure heute Jahr für Jahr auf Verschleiß und Mängel, weitere zwölf Millionen sind es im Rest Europas, was den Deutschen KraftfahrzeugÜberwachungsverein zum europäischen Marktführer macht. Die obligatorische, alle zwei Jahre fällige und landläufig immer noch TÜV genannte Hauptuntersuchung für Pkw ist in Wirklichkeit längst eine Domäne der Dekra.

Wachstum à la Dekra: Wenn man etwas kann, kann man daraus auch ein Geschäftsfeld machen

Heute beraten Dekra-Experten deutsche Unternehmen in Südafrika bei der Aids-Prävention, checken die Eichenfassaufzüge in französischen Cognac-Destillerien, kontrollieren als Testkäufer die Niederlassungen asiatischer Bosch-Händler und stehen in den Auslandswerken deutscher Automobilhersteller am Band, wo sie die Qualität der Neufahrzeuge begutachten. Fahrer des hauseigenen Personaldienstleisters Dekra Personnel steuern Brummis der Lkw-Vermietung Charterway durchs Land; sie kutschierten auch die Staats- und Regierungschefs während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft von Konferenz zu Konferenz. Im Stuttgarter Labor für Umwelt- und Produktanalytik der Dekra prüfen Chemiker Weihnachtskerzen auf Schadstoffe, Holzbauklötze auf Speichel- und Schweißechtheit und die Raumluft des Brüsseler EU-Parlaments auf Umweltgifte. Bausachverständige der Dekra fahnden in Altbauten nach Asbest, bewerten Immobilienportfolios von Großunternehmen und die Qualität von Fertighäusern.

Die Öffentlichkeit bekommt von all dem höchstens dann etwas mit, wenn die Prüfer der Dekra, wie im vergangenen Jahr, Alarm schlagen, weil nach ihren Recherchen 14 000 Straßenbrücken in Deutschland so baufällig sind, dass sie eigentlich sofort gesperrt werden müssten. Sonst ist der 17 000-Mitarbeiter-Konzern ein überaus unauffälliger Riese. Spektakulär ist lediglich sein Firmensitz in einem Gewerbegebiet in Stuttgart-Vaihingen. Draußen sprudelt ein voluminöses Wasserspiel, glänzen großflächige Glasfronten. Drinnen leistet sich die Dekra einen eigenen Business-Club, eine wurzelholzvertäfelte Vorstandsetage und ein Foyer aus Granit, Spiegelglas und Marmor. Den Dekra-Leuten ist der prätentiöse Palazzo sichtlich peinlich, schließlich stammt er aus einer Ära, in der ihr Unternehmen alles Mögliche sein wollte, nur nicht mehr ein schnöder technischer Verein.

Damals, Anfang der neunziger Jahre, verdiente die Firma viel Geld mit der Übernahme des Kfz-Prüfgeschäftes in Deutschlands Osten - und gab es mit vollen Händen wieder aus. Der damalige Dekra-Chef Rolf Moll legte unter anderem "Dekratel"-Telefonkarten auf und beteiligte sich an desaströsen Engagements wie dem Baden-Badener Festspielhaus oder der Rennstrecke Lausitzring, die mit Millionenverlusten beendet wurden. Als 1996 der heutige Vorstandsvorsitzende Klaus Schmidt ins Unternehmen kam, stand die Dekra kurz vor der Insolvenz. "Keine schöne Zeit damals", sagt Schmidt. "Wir mussten tiefe Einschnitte vornehmen, um das Unternehmen zu retten."

"Wir", das waren der charismatische Vorstandschef Gerhard Zeidler und sein Finanzvorstand Schmidt, die den Verein sanierten und ihm eine AG angliederten, die seither fürs operative Geschäft zuständig ist. Einziger Aktionär ist der Dekra-Verein selbst, eine kuriose Konstruktion, dank derer die Dekra ungehindert am Kapitalmarkt operieren und Unternehmen schlucken kann, ohne befürchten zu müssen, jemals selbst übernommen zu werden.

Für Klaus Schmidt ist das die bestmögliche Ausgangsposition für eine Expansion im In- und Ausland. Der 49-jährige Kaufmann, der vor zwei Jahren auf den Chefposten der Dekra AG aufrückte und in einem Vorstandsvorsitzendenbüro residiert, in dem man ein Tennisturnier ausrichten könnte, spricht fließend Englisch und Französisch, ist aber bei der schwäbischen Dekra-Zentrale hörbar daheim. Schmidt spricht von "inderneddgeschtützter Ferdigung" und dem "glassroom", in dem Mitarbeiter lernen sollten. Eines seiner Lieblingswörter lautet: Mehrwert.

Mehrwert bedeutet für Schmidt, dass Industriekunden der Dekra nicht nur eine Inspektion ihrer Anlagen, sondern auch eine Beratung erwarten dürfen, um diese sicherer und effizienter betreiben zu können. "Wir können einem Kunden beispielsweise ganz schlicht mitteilen, ob sein Aufzug betriebsfähig ist oder nicht. Aber wir können ihn bei der Gelegenheit auch gleich darauf hinweisen, dass wir Verschleißerscheinungen festgestellt haben, die in einem bestimmten Zeitraum behoben werden sollten, um Schäden vorzubeugen. Das ist Mehrwert."

Weil Mehrwert für Dekra-Mitarbeiter zuallererst mehr Leistung bedeutet, hat Schmidt die 500 Dekra-Niederlassungen als eigenverantwortliche Profit-Center organisiert und die Gehälter der Inspektoren um erfolgsabhängige Bestandteile ergänzt. Seit er am Ruder ist, wird außerdem einmal jährlich der unternehmensinterne "Dekra Management Award" für gewinnträchtige Ideen verliehen. "Wir setzen auf den Unternehmergeist unserer Mitarbeiter, denn wir wollen unsere Kunden künftig ganzheitlich und über verschiedene Bereiche hinweg begleiten. Und zwar überall auf der Welt, wo ihr Geschäft sie hinführt."

Im Klartext: Dekra-Emissäre sollen künftig nicht mehr nur prüfen, sondern ihre Kundschaft umfassend beraten und coachen, Dienste leisten und vermitteln, und zwar weit über das klassische technische Geschäft hinaus. Deshalb hängt für die Dekra am Service der Industrieprüfungen weitaus mehr als eine potenzielle Umsatzmilliarde: Es ist ein Brückenkopf, um mit Unternehmen umfassend ins Geschäft zu kommen. "Industrieprüfungen sind die Königsdisziplin", erklärt Walter Pelka. "Solange wir die nicht hatten, kamen wir bei vielen Firmen nicht so richtig rein. Die mussten zwangsläufig den TÜV rufen, und wenn der im Hause war, hat er alles Mögliche gleich mitgemacht."

Dass bei diesem Geschäftsmodell Interessenkonflikte automatisch eingebaut sind, weil man Kunden einerseits unabhängig überprüfen soll, ihnen andererseits aber auch Beratungsleistungen verkaufen will, mag Pelka nicht sehen. "Das muss unabhängig voneinander organisiert sein, dann stellt sich das Problem nicht", sagt er. Viel mehr Sorgen macht dem Dekra-Mann der Mangel an Prüfpersonal, denn Inspektoren müssen nicht nur technisch und verkäuferisch kompetent sein, sondern auch mobil. In 27 Ländern von Brasilien bis Südafrika ist die Dekra bereits vertreten, in Zukunft werden es vermutlich weitaus mehr sein. Denn viele der 75 000 Industriekunden der Dekra arbeiten zunehmend international. Und die Dekra gleich mit. "Wir sind klassische Gewinner der Globalisierung", erklärt Schmidt. "Je feiner Wertschöpfungsketten aufgespalten und Produktionsprozesse über die ganze Welt verteilt werden, umso mehr Schnittstellen gibt es. Wir sorgen dafür, dass sie passen."

Man könnte auch sagen: Je kleiner und verstreuter die Puzzleteile sind, die zu Produkten und Prozessen zusammengefügt werden, umso größer der Markt für Prüfer und Zertifizierer. Für das Kernkraftwerk beispielsweise, das die französische Areva derzeit im südfinnischen Olkiluoto errichtet, hat die skandinavische Betreiberfirma die deutsche Dekra als Prüfer für die drucktechnischen Komponenten verpflichtet. Das bedeutet, dass derzeit drei Dekra-Ingenieure nonstop auf Inspektionstour zwischen 400 beteiligten Herstellerfirmen unterwegs sind, wo sie von der Herkunft des Rohmaterials über die Qualifikation des beteiligten Personals bis zur Verwendung der richtigen Schweißzusätze alles unter die Lupe nehmen, was einen Einfluss auf die Qualität haben könnte.

Zuverlässigkeit, Ingenieurskunst, Tüftlergeist: Mit deutschen Tugenden erobert die Dekra die Welt

Aufträge wie diese helfen der Dekra nicht nur beim Wachsen, sie zwingen sie auch dazu. Denn statt mit verschiedenen Spezialisten für verschiedene Märkte und Disziplinen zu sprechen, verhandeln die Kunden lieber mit einem globalen Generalisten, der sie weltweit und bei möglichst vielen Aufgaben begleitet. "Wir knacken jetzt das Monopol", lautet Schmidts Strategie. "Dann gehen wir entlang der Wertschöpfungskette weiter und bieten unseren Kunden ein ganzheitliches Dienstleistungspaket."

Dabei sei es ein "Riesen-Wettbewerbsvorteil" (Schmidt), als deutsches Prüfunternehmen in der Welt unterwegs zu sein. Nirgendwo sonst kommt es auf tatsächliche oder unterstellte deutsche Tugenden wie Zuverlässigkeit, Ingenieurskunst, Tüftlergeist und Präzision so an wie im Prüfgeschäft. "Deutschland hat die Fahrzeugprüfung erfunden, Europa hat sie übernommen, und jetzt geht sie von hier aus um die Welt."

Als größte europäische Sachverständigen-Prüforganisation fallen der Dekra auf diese Weise viele Geschäfte geradezu in den Schoß. In Marokko hat sie kürzlich den Zuschlag für den Aufbau der nationalen Prüforganisation erhalten. In der Ukraine und in Weißrussland gründet sie gerade Fahrzeugprüfzentren. Vor wenigen Wochen war der bulgarische Ministerpräsident in Schmidts wurzelholzvertäfelter Vaihinger Vorstandsvorsitzendenwelt zu Gast: Der Mann wollte wissen, wie man als EU-Neumitglied eine flächendeckende Fahrzeugprüfung auf die Beine stellen kann. Selbstverständlich konnte Schmidt ihm helfen.

Das Schöne für die Dekra ist: Was die Sachverständigenorganisation in etablierten Märkten erprobt hat, kann sie nahezu unverändert in Nachzüglermärkte exportieren. Denn auf dem Weltmarkt muss sich jeder, der als Lieferant oder Sublieferant, Dienstleister oder Servicepartner mit anderen ins Geschäft kommen will, den gleichen Regeln unterwerfen. Und in puncto Prüfen und Zertifizieren wurden diese Regeln nun einmal in Europa definiert. Daheim in Stuttgart wird daher in vielen Managementsitzungen bereits Englisch gesprochen, was "für viele Führungskräfte eine große Umstellung bedeutete" (Schmidt).

Neulich sind in der Hauptverwaltung die ersten chinesischen Mitarbeiter eingezogen. Sie sind zuständig fürs "business development". Schmidt braucht sie, weil er bis 2010 den Umsatz auf zwei Milliarden Euro steigern will, was einer glatten Verdopplung in weniger als fünf Jahren gleichkäme - aber nichts ist im Vergleich mit dem, was als potenzieller Markt auf die Dekra wartet.

Je reifer eine Gesellschaft, sagt Schmidt, "umso größer ist ihr Bedürfnis nach Sicherheit". Während die Chinesen noch nicht an systematische Industrieprüfung denken, bauen die Bulgaren mithilfe der Dekra bereits ihr Fahrzeugprüfgeschäft auf. Frankreich wiederum hat all das natürlich längst, dafür zertifiziert die Dekra-Tochter Norisko dort inzwischen die Makler. Und die Deutschen, sagt ein Dekra-Ingenieur, verfügten über eine "geradezu brutale Vorliebe" für Zertifikate und Siegel aller Art.

Weil das so ist, weiten TÜV und Dekra ihr einstmals technisches Prüfgeschäft immer weiter aus. Während der TÜV sein Urteil über das Online-Banking der Postbank, die Preisstruktur von Duty Free Shops oder Fonds der Commerzbank abgibt, untersucht die Dekra inzwischen unter anderem die Servicequalität von Hotels und Parkettverlegern, die wissenschaftliche Qualität von Meinungsforschungsinstituten, das Wohlverhalten einer Firma im Sinne des "Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes" und sogar die ethische Orientierung von Unternehmen.

Doch die Fantasie der Prüfer reicht noch viel weiter. Geht es nach Klaus Schmidt, könnte seine Firma in Zukunft auch Siegel für die Bordverpflegung auf Flugreisen, für Heilpraktiker oder Finanzberater vergeben. "Schließlich tummeln sich da heute alle möglichen Leute, von denen niemand weiß, für welche Qualifikationen und Standards sie eigentlich stehen."

Das allerdings könnte in Zukunft auch für die Prüfsiegel selbst gelten. Zwar schenken gut 72 Prozent der Deutschen dem TÜV-Siegel "volles Vertrauen". Drei Viertel der Befragten würden für mit dem TÜV-Siegel geadelte Produkte bis zu fünf Prozent höhere Preise akzeptieren, wie die Infratest-Marktforschung ermittelte (siehe brand eins 02/2005, "Geschäftsfeld Mensch"). Doch diese Stärke der Prüfmarken ist das Erbe einer Zeit, in der sie noch für eindeutig festgelegte Leistungen in einem klar definierten Markt standen: Ein Wagen, an dem eine TÜV- oder Dekra-Plakette klebte, brachte einen mit hoher Wahrscheinlichkeit sicher über die Runden. Darauf war Verlass.

Ganz so sicher kann man sich bei den neuen Prüffeldern nicht mehr sein. Denn meist bestätigen die Prüfer mit ihrem Stempel keine Bestleistungen, sondern lediglich die Einhaltung gewisser Standards. So garantiert das TÜV-Siegel auf den Commerzbank-Fonds nicht etwa gute Renditen, sondern lediglich, dass die Bank bei der Auswahl ihrer Fonds qualitativ hochwertige Produkte ins Portfolio nimmt. Ein Hotel mit dem Dekra-Siegel kann eine lausige Herberge sein und eine Dekra-geprüfte Firma ein mieser Arbeitgeber, solange sie bestimmte Managementsysteme installiert und gewisse Prozesse berücksichtigt haben.

Es ist wie bei den Tests der Stiftung Warentest, über die auf der Verpackung mitunter steht, dass die Testnote "sehr gut" lediglich für eine abseitige Produktkategorie gilt. Kein Mensch liest all das Kleingedruckte. Aber er merkt es sich, wenn er ein paarmal zu oft enttäuscht wurde - und genau das könnte für TÜV und Dekra zum Problem werden. Je inflationärer sie ihre Siegel verteilen, umso stärker gerät der Wert jenes Produktes in Gefahr, mit dem sie mächtig und groß geworden sind: Vertrauen. -

Dekra AG:

Umsatz im vergangenen Jahr: 1,3 Milliarden Euro
Zahl der Mitarbeiter: mehr als 16 000
Die Technischen Überwachungsvereine veröffentlichen keine detaillierten Zahlen

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