Ausgabe 08/2007 - Schwerpunkt Fehler

Die Abkürzungskönige

- Brasilianer machen keine Fehler. Das lässt ihre Sprache nicht zu, das afrikanisierte moderne Portugiesisch. Es gibt "omissão", die Unterlassung, "falha", den technischen Defekt, "juizo falso", die Fehleinschätzung und "erro humano", das menschliche Versagen. Der "erro humano" war vermutlich dafür verantwortlich, dass am 29. September 2006 über Amazonien ein Firmenjet ein voll besetztes Passagierflugzeug rammte und zum Absturz brachte. Die genauen Gründe dieses Unglücks hat eine Untersuchungskommission nicht herausfinden können. Allerdings wurden bei den Piloten der beiden Maschinen wie beim Bodenpersonal erstaunlich viele Schludrigkeiten aufgedeckt. Menschliche Schwächen eben - aber keine wirklichen Verfehlungen oder Fehler. Gewiss, der Mensch macht Fehler, aber das Wort "Fehler" hat für die Brasilianer ein viel zu schweres Gewicht. Im Deutschen haben finanzielle Schulden etwas mit der biblischen Schuld zu tun - und Fehler mit Verfehlungen. In Brasilien dagegen sind Schulden "dividas": Außenstände oder Teilsummen. Und Fehler sind Unaufmerksamkeiten oder Schwächen - aber keine Sünden.

Regeln zu beugen ist ein brasilianischer Volkssport. Ob im Straßenverkehr oder bei der Steuerhinterziehung, im Parlament oder bei der Polizei: Pausenlos werden Regeln verletzt oder ignoriert. Wer will sich schon einschränken lassen? Steht nicht das Individuum über den Vorschriften und Gesetzen? Brasilien war jahrhundertelang eine Nation von Sklaven und Sklavenhaltern.

Einen Fehler zu bekennen konnte für den Sklaven tödlich enden. Und der Patron hätte sich mit einem "mea culpa" lächerlich gemacht. Gibt Gott etwa Fehler zu?

Politiker oder Unternehmer geben in Brasilien keinesfalls Fehler zu. Stattdessen kultivieren sie das Florians-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an! " Wenn das nicht reicht, kann man immer noch Probleme aussitzen, was man dort "die Probleme mit dem Bauch vor sich herschieben" nennt. Aus politischer Verantwortung hat noch nie ein Minister in Brasilien seinen Hut genommen. Sie leugnen und lügen oder "frittieren" öffentlich Kollegen, Parteifreunde, die rachsüchtige Ehefrau und die verletzte Geliebte, den ehrgeizigen Reporter, den heimtückischen Detektiv und den geprügelten Dienstboten. Das Publikum erwartet von der Politik große Spektakel - was wäre ein Fernsehabend ohne einen neuen Skandal? Es ist doch herrlich, sich über "die da oben" zu ärgern und gleichzeitig damit zu prahlen, wie man die Autoversicherung betrügt.

Der Bürobote Ronaldo macht nach, was ihm seine Chefs vormachen. Eben noch hat er lautstark darüber lamentiert, dass der Bürgermeister Rio de Janeiro verkommen lässt - um sodann anzubieten, die Grundsteuer einer Immobilie zu drücken (er nennt es "anzupassen"), wenn man ihm nur ein paar Hundert Real oder Dollar mitgäbe, die er an seine Freunde in der Stadtverwaltung verteilen könne. Zwischen den Schlaglöchern auf der Straße und den Löchern in der Verwaltung sieht Ronaldo keinen Zusammenhang. Das eine sind echte Schäden, das andere nur weite Maschen in einem abstrakten Regelwerk.

Der Fußball hätte niemals in Brasilien erfunden werden können, so der Soziologe Roberto DaMatta. Auf dem Platz gibt es klare Regeln, sofortige Strafen bei Regelverletzungen, einen unparteiischen Schiedsrichter und einen Leistungswettkampf, ein Kräftemessen. Das alles sind Elemente, die der archaisch-kolonialen Gesellschaftskultur entgegengesetzt sind, in der die Regeln vom Patron gesetzt werden, der sie auch ungestraft brechen darf. Doch Nepotismus und Korruption sichern Pfründe, nicht aber Leistung. Das Spiel auf dem grünen Rasen ist dagegen eine reale Utopie.

So geht es bereits auf dem Campus nicht mehr zu. "Wenn ich die Seminararbeiten meiner Studenten korrigiere, muss ich höllisch aufpassen, sie nicht zu verletzen", stöhnt Geologie-Professor Detlef Walde von der Universität in Brasília. "Ich darf nicht sagen: Das ist falsch! Ich kann höchstens sagen: Man könnte es auch anders sehen. Oder: Erweitern Sie mal diesen oder jenen Aspekt." Wenn er mit anderen deutschen Kollegen diskutiere, glaubten die Brasilianer jedes Mal, die Deutschen würden sich an die Gurgel gehen. Dabei gehe es nur laut und deutlich zu. "Ironie und Zynismus kommen bei den Brasilianern überhaupt nicht an. Und Selbstkritik schon gar nicht", resümiert der angegraute Geologe.

Dass die Brasilianer angeblich keine Fehler machen, heißt nicht, dass sie sich mit Fehlern abfinden. Nur analysieren sie sie nicht, sondern fangen wie Sisyphos von vorn an. Der Hafen von Rio de Janeiro wurde unter dem Filz von Unterwelt und Politik zugrunde gewirtschaftet. Statt die Ursachen zu beseitigen, baut man in Sepetiba einen neuen Hafen. Da fängt dann alles von vorn an.

Auch mit gottgegebenen Defekten wie einer krummen Nase oder einem zu kleinen Busen finden sich die Brasilianer nicht ab. Für die "bella figura" ist die Schönheitschirurgie da. Der schnelle Schnitt zum vermeintlichen Körperglück sei in der Ober- und Mittelklasse bei Frauen und Männern fast so selbstverständlich wie der Gang zum Coiffeur, bemerkt das brasilianische Nachrichtenmagazin "Veja". Nach Auskunft der brasilianischen Gesellschaft für plastische Chirurgie haben sich im Jahr 2003 etwa 621 200 Personen einer kosmetischen Operation unterzogen. Mit mehr als 300 Eingriffen pro 100 000 Einwohner hätte damit Brasilien die USA (185 Schönheitsoperationen auf 100 000 Einwohner) überholt und Länder wie Deutschland oder England (40 von 100 000) längst abgehängt. 3500 Spezialisten für korrigierende Chirurgie praktizieren in Brasilien (USA: 5000), Rio de Janeiro und São Paulo sind ihre Hochburgen.

Die Schönheitskönigin wurde von der plastischen Chirurgie erschaffen. Betrug? Nein, ehrlich

Vor 15 Jahren waren es gerade 60 000 Personen, die ihre Nase richten, den Busen heben, verkleinern oder vergrößern und sich Fett absaugen ließen. Inzwischen gehört ein Drittel der Kundschaft zum männlichen Geschlecht, Jugendliche unter 18 Jahren machen 13 Prozent der Klientel aus. Alle diese Zahlen beziehen sich auf rein kosmetische Eingriffe - nicht etwa auf eine notwendige Operation nach einem Unfall. Ewige Jugend, erotische Ausstrahlung und die schnelle Beseitigung von vermeintlichen Defekten sind, in dieser Reihenfolge, die Wünsche der Kunden. Bei jedem fünften Opfer der kosmetischen Chirurgie könnten die gleichen Ziele auch mit Fasten und Gymnastik erreicht werden, doch die Brasilianer suchen, wie in finanziellen Dingen, auch hier die Abkürzung des beschwerlichen Weges. Außerdem ist der äußere Schein im körperbewussten tropischen Brasilien wichtiger als im kalten Europa, in dem die Menschen dicke Textilien tragen.

Deshalb gibt es hier auch noch die guten alten Schönheitswettbewerbe. Die nun allerdings ausgerechnet von denen bedroht werden, die als Geburtshelfer der Schönheit gelten: den plastischen Chirurgen. Juliana Borges, 22 Lenze jung und Miss Brasil 2001, hat als erste Elevin 19 chirurgische Eingriffe gestanden. Sie ließ hier ein wenig Fett wegnehmen, dort ein Schuss Silikon zufügen, ein paar Falten bügeln, den Schmollmund aufblasen, die Nase ein wenig abschleifen. Unglaublich! Betrug! So wurde geschimpft. Doch so einfach darf man es sich nicht machen. Im Reglement der Miss-Wahlen steht nichts über angeborene oder erworbene Schönheit. Und außerdem: Entscheidend ist, was hinten rauskommt (Helmut Kohl). Das gilt auch in Brasilien: Das Ziel ist alles, die Mittel sind freigestellt. Wer spricht da von Fehlern? -

Mehr aus diesem Heft

Fehler

Fehlanzeige

Irren ist menschlich. Irrsinn auch. Wer nichts versucht, wird auch nicht klug. Nur Doofe glauben, perfekt zu sein.

Lesen

Fehler

Das letzte Glied in der Kette

Immer und überall geht etwas schief. Auch im Krankenhaus. Nur tut man sich dort schwer, aus Fehlern zu lernen. Aus kulturellen Gründen.

Lesen

Idea
Read