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Ausgabe 11/2006 - Schwerpunkt Vorurteile

Berufswunsch: Bürgermeister

Der neue Bürgermeister von Wennigsen empfängt im Wohnzimmer seiner Eltern bei Schokoladenkuchen, Kaffee und einem Handstaubsauger in Reichweite. Er muss sich noch eine eigene Wohnung suchen, weil der erste Mann der 15 000-Seelen-Gemeinde nicht mehr bei seinen Eltern wohnen sollte. Es ging nur alles zu schnell. Während der Wennigser Bürger Christoph Meineke 27 Jahre alt ist, bringt es der Politiker Christoph Meineke nämlich gerade einmal auf gut drei Monate.

Meinekes öffentliches politisches Leben passt in eine Mappe mit Artikeln der Lokalpresse, die er vorbereitet hat. Es beginnt mit einem Bericht am 15. Juli: " Junger Volkswirt fordert die Konkurrenz heraus." Schaukelt sich mit einem Artikel vom 11. September auf: "Sensation: Meineke vom, Ewert ist raus." Und erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt am 25. September, an dem eine Zeitung titelt: "Die Sensation: Meineke neuer Bürgermeister." Dabei ist Meineke in keiner Partei Mitglied und hatte auch keine, die ihn unterstützte. Am Anfang haben ihn alle ausgelacht. Aber da wussten sie noch nicht, dass er schon angefangen hatte, tektonische Verschiebungen vorzunehmen - die die Kandidaten der anderen Parteien später zu Fall bringen sollten.

Meineke arbeitete während der Schulzeit für die Lokalzeitung, machte seinen Wehrdienst beim Presse- und Informationsstab im Bundesverteidigungsministerium in Bonn und fand das so spannend, dass er später an so einer Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung und Medien arbeiten wollte. Also studierte er in Wien Volkswirtschaft, weil ihm das für solche Berufe sinnvoll erschien, forschte an verschiedenen Projekten im Ausland und begann, an der Universität Witten/Herdecke zu promovieren. Als heimatliebender Wennigser las er regelmäßig im Internet die Lokalnachrichten, und als es hieß, dass das Bürgermeisteramt in Zukunft mit dem Amt des Verwaltungschefs zusammengelegt werden solle, war Meineke klar: "Zwischen Schreibtisch und Straße, das ist der perfekte Beruf." So kehrte er nach acht Jahren zurück in die Heimat, um dort in den Wahlkampf zu ziehen.

Meineke schleppte einen Haufen Literatur in sein Wahlkampfbüro im Keller des elterlichen Hauses, ermittelte, was so ein Wahlkampf kostet, und plante die verschiedenen Stufen, die er zünden wollte: "Meine Chance war das Überraschungsmoment." Es sollte werden wie bei Tony Blair in Großbritannien 1997. In der Wahlkampfliteratur hatte er ein Zitat gefunden, wonach es sich bei dem Blair-Sieg weniger um einen Erdrutsch, denn um ein Erdbeben gehandelt habe. Da heißt es dann: " Wie bei richtigen Erdbeben vermutete niemand, dass sich die Erde plötzlich bewegen würde, während sie darauf saßen." Als ihm die anderen noch augenzwinkernd auf die Schultern klopften und sagten, es sei schön, was er da mache, aber eine Chance habe er natürlich nicht, hatte Meineke schon angefangen, die Plattentektonik unter Wennigsens Rathaus ein bisschen anzuschieben, indem er seine erste Regel beherzigte: "Sie müssen alle wichtigen Ereignisse auf Freitage legen, um am Samstag in der Zeitung zu sein. Das ist der beste Tag. Dann wird's auch gelesen." Wer nicht in der Zeitung steht, existiert bekanntlich als öffentliche Person nicht.

Christoph Meineke ging Klinken putzen - deshalb gaben ihm viele Wähler ihre Stimme Also gibt Meineke am Freitag, den 14. Juli bekannt, dass er Unterschriften für seine Kandidatur sammelt. Die "Calenberger Zeitung" titelt in ihrer Samstag-Ausgabe: "Die Zahl der Kandidaten steigt" - man kann das angesichts der Tatsache, dass es bis dahin drei Kandidaten gab, als süffisant bezeichnen. Auch andere Lokalzeitungen berichten. Eine Woche später gibt Meineke seine Unterschriften ab. Man ahnt es: an einem Freitag. Und die Zeitungen berichten - am Samstag.

Nun war der Wahlkampf eröffnet. Meineke hatte Flyer und Plakate drucken lassen. "Ich wollte Orange", sagt er. Dummerweise ist das die offizielle Wahlkampffarbe der Union. Aber die Meineke-Plakate waren etwas einfacher als die anderen, in Weiß und Orange mit Foto drauf, ein bisschen Grau dahinter, fertig. Auf die Flyer klebte er abends beim Fernsehen kleine Milka-Päckchen. "Ich konnte keine teuren Werbegeschenke kaufen." Mit den Flyern begann, was sich nach Ansicht der mit dem Wahlkampf befassten Lokalreporter von der "Calenberger Zeitung" sowie der "Deister-Leine-Zeitung", Jennifer Böhme und Heinz Mießen, als eine der erfolgreichsten Aktionen des Wahlkampfes erweisen sollte: Der Kandidat ging Klinken putzen.

Er hatte einen Plan mit den Straßen, die er abklappern wollte. Nach ein paar Tagen erkannte er an den Zeitungen, die in den Briefkästen lagen, wie die Menschen tickten, die in bestimmten Gegenden wohnten. Er kannte die Löcher in den Straßen, wusste, wo die Radwege schlecht sind, saß bei Menschen auf der Couch, die Stütze bekamen, mit Rentnern, die kaum genug zum Leben hatten, bekam die Tür von Frauen geöffnet, die ein blaues Auge hatten und neben denen Männer in Feinripp standen. Es waren fast 2000 Menschen, mit denen er an Haustüren und in Wohnzimmern sprach.

Als Familie Meineke auf den Paketmann mit den Plakaten wartete, waren alle ganz aufgeregt Die Leute erwarteten, dass er alles wusste, von der Hundesteuer bis zum Straßenbau. Eine Frau liebäugelte zum Beispiel mit einem Zweit- oder Dritthund. Christoph Meineke recherchierte die Steuersätze und rief am nächsten Tag an. Oftmals haben sie ihn beschimpft. "Das war eine Erfahrung, die mich sehr geprägt hat in diesem Wahlkampf. Ich wurde für alle möglichen Missstände in Berlin angegriffen. Was früher der Henker war, ist heute der Politiker", sagt er.

Manchmal tauchte er auch mit seinem Korb Flyer samt Schokolade vor dem Supermarkt auf. Da stand die Konkurrenz an einem Tisch und wartete darauf, dass der Bürger kommt. Man konnte bei der FDP Kochlöffel und eine gelbe Rose abholen. Bei anderen gab es Kugelschreiber. Meineke kam lediglich vorbei, um zu spionieren, wie der Zuspruch an den Ständen ist. Seine Recherche ergab: "Stände zu machen ist ineffizient." Meineke hängte Plakate auf. Die Ständer baute er aus Restholz, das es billig im Baumarkt gab. Um sich die besten Plätze zu sichern, stellte er sie zunächst ohne Plakate auf, weil die noch nicht fertig waren. Auf den Ständern klebten anfangs nur ein paar Slogans, kaum lesbar und im Copy-Shop vervielfältigt. "Da lachten natürlich erst mal wieder alle, weil das so unprofessionell war. Aber es ging nur um die Plätze. Wenn dann später richtige Plakate drauf sind, erinnert sich niemand mehr an die alten", sagt Meineke. Als Familie Meineke an einem Morgen im August auf den Paketmann mit den Plakaten wartete, war das wie Warten aufs Christkind, und alle waren ganz aufgeregt.

Nebenbei ließ Meineke keine Tür, kein Fest, keine Veranstaltung aus - vom Blutspenden bis zum Fußballspiel. Es gab Podien, auf denen er mit den Kandidaten von SPD, CDU und FDP saß. Sie sprachen über das neue Feuerwehrhaus, über den Verkehr auf der Hauptstraße und darüber, ob Wennigsen eine eigene Oberstufe bekommen soll. Inhaltlich gab es kaum Unterschiede, zumal alle Kandidaten das Problem haben, dass Wennigsen pleite ist. Seit Jahren muss die übergeordnete Region Hannover jede freiwillige Ausgabe genehmigen: Wennigsen hat mehr als zehn Millionen Euro Schulden. Der Kämmerer hat keinen Spielraum.

"Ich habe dann geschaut: Was kann man ohne Geld machen?", sagt Meineke. Er schlug vor, mit der Zeppelin University in Friedrichshafen zu kooperieren, an der sein Doktorvater Birger Priddat Professor für Politische Ökonomie ist. Die Partnerschaft sollte dem Ort Ideen liefern und der Wissenschaft die Möglichkeit geben, praxisnah zu forschen. Außerdem will Meineke mit dem Bund der Steuerzahler die Gemeindefinanzen durchleuchten. Eine Bürgerstiftung schwebt ihm vor, und überhaupt will er mehr Dialog mit den Bürgern, als das bislang der Fall war.

Meineke verrückte die Plattentektonik Wennigsens. Das erste Erdbeben kam am 10. September mit einer Stärke von 32,4 Prozent für Meineke und warf Michael Meißner von der FDP mit 9,9 Prozent und Kunibert Ewert von der CDU, der seit 24 Jahren die Verwaltung leitete, mit 27,2 Prozent aus dem Rennen. Bernd Köhne von der SPD bekam bei dieser ersten Wahl mit 30,5 Prozent die zweitmeisten Stimmen.

Meineke und Köhne mussten in die Stichwahl. Dies war der Zeitpunkt, an dem die anderen Parteien anfingen, Christoph Meineke ernst zu nehmen. Man merkte es daran, dass sie damit begannen, ihm abzusprechen, dass man ihn ernst nehmen könnte. Der politische Gegner versuchte Meineke als Anfänger abzuqualifizieren. Wenn Bernd Köhne noch eine Chance hatte zu gewinnen, hat er wohl spätestens hier verloren. Ein Symbol dafür ist ein Plakat, das Wochen nach der Wahl noch im Zentrum von Wennigsen steht.

Auf dem Plakat ist ein Foto von Bernd Köhne zu sehen. Und darunter stehen drei Argumente, warum man ihn wählen sollte: verwaltungserfahren, politikerfahren, lebenserfahren. Mehr steht da nicht. Bernd Köhne ist, das muss man wissen, Verwaltungsleiter an der Volkshochschule. Die drei Gründe zielten auf Christoph Meineke, der jung ist, kein Politiker und kein Verwaltungsmann. Dieser Dreiklang war nicht nur Köhnes Programm. Nebenbei sprach er damit mehreren Tausend Leuten, die Meineke im ersten Wahlgang ihre Stimme gegeben hatten, die Urteilsfähigkeit ab. Es war ein Spiegel dessen, was viele Menschen an der Politik nicht mehr sehen wollen: Ich bin besser als der andere, weil ich schon länger dabei bin. Der im Gremienmarathon wund gesessene Hintern als Qualifikationsprofil.

Meineke hat im Wahlkampf kein schlechtes Wort über seine Gegner verloren. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es Dinge gibt, die er lernen muss. Im Nachhinein gelingt es in einem langem Gespräch nur ein einziges Mal, ihm einen kritischen Kommentar zum Wahlkampf abzuringen: "Die SPD hat vor der Stichwahl keinen Aufbauwahlkampf für Könne geführt. Es war ein Abbauwahlkampf gegen mich." Er hat sich wissenschaftliche Literatur zu "Negative Campaigning" geholt - nicht, um sie einzusetzen, sondern um zu wissen, wie er reagieren sollte. Ein Freund hat ihm geraten, zu ähnlichen Waffen zu greifen und den Gegenkandidaten wegzuloben: "Wie bei William Shakespeare: Brutus ist ein ehrenwerter Mann", sagt Meineke. Er hat einen entsprechenden Brief aufgesetzt und ihn nie verteilt. Er fand das falsch. Er hat nicht einmal nach früheren politischen Fehlem seiner Gegner gesucht. Selbst als das Gerücht gestreut wurde, er sei Mitglied einer Sekte, und Parteimenschen ihn mit Zeitungsanzeigen zu beschädigen suchten. Er sagt, das dürfe man Köhne nicht anlasten. Die anderen Kandidaten seien fair gewesen ~ derlei sei aus den Parteien gekommen.

Allerdings hat auch Köhne auf den letzten Metern nicht ganz glücklich agiert. So führte der SPD-Kandidat, der aus einem Nachbarort kommt, nicht nur die Erinnerung an seinen Großvater ins Feld, der ein Gasthaus in Wennigsen hatte. Er plakatierte an der Hauptstraße auch neben Patina-Bildern aus der Kaiser-Wilhelm-Zeit Sätze wie "Meine Mutter hielt sich in ihrer Jugend oft in Wennigsen auf", um dem Lokalkolorit Leuchtkraft zu verleihen.

Das alles half Köhne nicht. Die Tektonik unter Wennigsen war nach dem ersten Beben so in Bewegung gekommen, dass der Begriff Nachbeben für die Stichwahl am 24. September ein Euphemismus wäre: Meineke bekam 68,68 Prozent der Stimmen, Köhne 31,32 Prozent.

Meineke sagt: "Ich hatte auch Rückenwind aus Berlin. Was da abläuft, ist der beste Grund, einen Parteilosen zu wählen." Der Wahlkampf hat ihn keine 1500 Euro gekostet. Die Lokalreporter Böhme und Mießen sagen, dass die Menschen in Wennigsen keine Lust mehr gehabt hätten auf Parteien. Aber auch wenn die Wahl zu einem Gutteil eine Absage an die Etablierten gewesen sein mag, so war sich Mießen schon nach seinem ersten Interview mit Meineke im Juli sicher, was passieren würde. Damals kam er in die Redaktion und sagte: "Ich habe gerade mit dem neuen Bürgermeister gesprochen." Die Kollegen lachten ihn aus.

Am 1. Januar wird Meineke sein Amt antreten. Auf die Frage, ob er sich nicht als Politiker fühle, ist er vorbereitet und macht eine längere Pause: "Nein, das echte Politiker-Feeling habe ich nicht. Politiker werden doch meist so wahrgenommen: viel reden, wenig tun. Die Frage stelle ich hinten an. Ich bin ja noch nicht im Amt." Er fremdelt mit der Bezeichnung auch, weil es ein schlimmes Erlebnis im Wahlkampf war, "zu erkennen, dass die Politiker durchweg in einen Topf geworfen werden. Das Wort Arschloch habe ich oft gehört, dann knallte die Tür zu. Das ist eine Bankrotterklärung für die bisherige Weise der politischen Kommunikation. Die Kluft zwischen großer Politik als Show und örtlicher Politik, in der man ohne Inszenierung etwas erreichen muss, ist tief." Anfragen von Fernsehleuten, die eine Boulevard-Geschichte über Niedersachsens jüngsten Bürgermeister machen wollten, lehnte er ab: "Ich sehe darin keine Notwendigkeit und auch nichts, das der Gemeinde etwas bringen würde. Selbstdarsteller haben wir genug." Es ging ihm darum, ein Amt zu bekleiden, und nicht darum, durch ein Amt bedeutsam zu werden.

Meinekes Doktorarbeit behandelt übrigens den Übergang vom Feudalstaat zur kapitalistischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Er untersucht die Frage, wie die ökonomischen Denker ihn reflektiert und gestaltet haben. "Viele von ihnen saßen in der Verwaltung. Sie war Triebkraft der Modernisierung", sagt Meineke, ein ökonomischer Denker, der bald die Verwaltung in Wennigsen führt.

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