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Ausgabe 02/2006 - Was Unternehmern nützt

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Ob der Wirt im "Fröhlichen Zecher" weiß, wie man einen Caipirinha mixt? Und dass in einen Mojito frische Minze gehört? "Hör auf", winkt Tommi ab, "die wissen doch nicht mal, was'n Latte Macchiato ist. Wenn du da reingehst und einen bestellst, kann's passieren, dass einer sagt: ,Ham wir nicht. Aber willste eine in die Fresse?'" Tommi lacht. Das mit der Faust ins Gesicht hat er nicht ernst gemeint, zumindest nicht ganz. Von der Theke seines Lokals " Feuerwasser" bis zum Tresen des Fröhlichen Zechers sind es nur wenige Meter einmal quer über die Kreuzung. 30 Schritte nur und doch Lichtjahre. Tommi zermalmt Limetten-Achtel, Rohrzucker und Minzblätter zur Cocktailbasis und schaut rüber zum Zecher, wo hinter nikotinbraunen Gardinen drei Gäste über ihrem Nachmittagsbier an der Theke kauern.

Thomas "Tommi" Belter, 35 Jahre alt, hat ein Experiment gewagt, fast eine Provokation. Vor acht Wochen hat er im Berliner Stadtteil Spandau das Feuerwasser eröffnet, seine erste eigene Kneipe. Freunde, die es gut mit ihm meinten, hatten ihn gewarnt: "Mach das nicht, Tommi, in der Ecke kannste so was nicht machen. Die Proletarier trinken keine Cocktails, und die gehen auch nicht essen." Das Feuerwasser liegt mitten in einem Viertel, das über die Jahre bedrohlich in Richtung Hartz IV abgerutscht ist. Einfache Wohnlage. Mietshäuser aus der Kaiserzeit reihen sich in langen Zeilen aneinander. Mit ihren Bewohnern ist die Gegend alt geworden und grau. Die Arbeitslosen des Viertels, es werden immer mehr, stehen schon morgens um neun vor Kaiser's Supermarkt im Schutz des Einkaufswagen-Unterstandes und lassen Sonderangebotsbier in sich hineinlaufen.

Als Tommi renovierte, den Gilb entfernte und das Interieur der vergangenen Jahrzehnte rausschmiss, gingen die Leute aus dem Viertel vorbei und guckten mitleidsvoll. "Drei Monate höchstens", sagten die einen. "Hier gehen nur Bierstampen", die anderen. Und nicht mal die: Die Vorgängerkneipe hatte zuletzt alle paar Monate den Pächter gewechselt. Miete wurde selten gezahlt, Gäste selten gesehen.

Tommi sagt auch nicht "Kneipe", sondern " Café-Bar". Kneipe, das klingt wie eine Stätte bleierner Tristesse, die ihrem Publikum allein der möglichst ungestörten Aufnahme von Alkohol dient, wie der "Fröhliche Zecher" und die " Groener-Stuben" und der "Mittelpunkt" und die "Spandauer Kirmes" und die "Wampe" .

So soll das Feuerwasser genau nicht sein. Also: kein Underberg-Gürtel hinterm Tresen. Keine Gardinen an den Fenstern, kein Wolfgang Petry aus der Anlage. Stattdessen viel Licht, heller Dielenboden, Cocktails von der Top-Ten-Liste und leckere kleine Gerichte. Wer im Zecher Hunger hat, kriegt bestenfalls Erdnüsse.

Fast acht Jahre hat Tommi in Spandau nach einem Standort gesucht. Hat er denn nichts Besseres gefunden? In hübscher Altstadtlage hätte er das Vierfache an Miete bezahlen müssen, erzählt er. 5800 Euro pro Monat wollte der Vermieter haben.

Aber er ist auch ganz bewusst in das eher schlichte Viertel gegangen. Erstens wohnt er nur ein paar Straßenzüge weiter, und zweitens, da ist er ganz sicher, "ist die Ecke besser als ihr Image". Ein schlechter Standort? Nur solange niemand versucht, das Gegenteil zu beweisen. Er ist jetzt der Erste, der sich traut, eine Alternative zu den umliegenden Saufkneipen zu bieten.

Mit dem Feuerwasser will der rundliche Wirt den Standort "machen". ,Jedes Angebot schafft sich selbst seine Nachfrage" - das Saysche Theorem aus der Wirtschaftswissenschaft gilt nach Tommis Überzeugung auch in seiner kneipentheoretischen Variante. Schließlich gibt es auch in diesem Teil der Stadt eine gut verdienende Mittelschicht. Und junge Leute, die abends gern was trinken gehen, bisher aber immer woanders hingefahren sind, weil sie sich vor Kaschemmen vom Schlage Fröhlicher Zecher grausen. Diese Leute will Tommi aus ihren Wohnungen in sein Feuerwasser lotsen. Außerdem steht er seit 16 Jahren hinter Spandauer Tresen, da hofft er natürlich auf den Persönlichkeitsfaktor.

Tommi hat seine Entscheidung letztlich aufgrund seines festen Glaubens an das Potenzial des Standortes getroffen. Das schien ihm verlässlicher als einem Unternehmensberater viel Geld für eine Mappe mit voll bedrucktem Papier zu bezahlen, beim Hotel- und Gaststättenverband und der Industrie- und Handelskammer um Rat zu bitten oder eine der ungezählten Standort-Checklisten aus dem Internet herunterzuladen. "Persönliche Beobachtung der Passantenströme?" , wird da abgefragt. Was soll Tommi da beobachten? Er kennt hier fast jeden Bewohner und jeden Köter. " Luftverkehrsverbindung?" Nun ja, die ist in diesem Fall wohl eher unerheblich, genauso wie die Nähe zu Forschungseinrichtungen. "Kulturelles Angebot?" Im Herbst und im Frühjahr ist zwei Straßenzüge weiter ein Rummel. Aber ist das Kultur? "Medizinische Versorgung?" Irrelevant, die Gäste sollen sich weder prügeln noch ins Koma trinken. "Kann vorhandenes Inventar übernommen werden?" Um Himmels willen, nur das nicht!

Hat Tommi nun eine gute Wahl getroffen? Macht es für eine Coffeeshop-Kette wie Balzac Sinn, zwei Cafés direkt vis-à-vis zu betreiben? Warum eröffnet H&M drei Läden in fast unmittelbarer Nachbarschaft? Die Suche nach dem richtigen, dem besten Nistplatz ist es, die hinter diesen Fragen steht, das komplexe Geflecht von Kriterien für oder gegen einen Standort, unterfüttert mit Kaufkraft-, Potenzial-, Frequenzanalysen. Oder mit langjähriger Erfahrung als Tresenmann.

Denn manche Fragen kann das penibel erhobene und sorgsam gewichtete Zahlenwerk nicht beantworten: Warum kommt eine Ecke einfach nicht auf Touren, obwohl es links und rechts brummt? Und warum startet ein Standort nach Jahren der Agonie plötzlich durch, obwohl sich an den grundlegenden Daten nichts zum Besseren gewendet hat?

Ob sein Konzept der Standortkreation aufgeht? "Keine Ahnung", sagt Tommi. Der Anfang lief vielversprechend. Im ersten Monat, dem grauen November, konnte er einen kleinen Gewinn verbuchen, immerhin.

Und im leicht grottigen Umfeld sieht er eher eine Chance als einen Nachteil. Mit Zecher & Co. in der Nachbarschaft wird das Feuerwasser unterscheidbar, es kann sich absetzen. "In einer hippen Ecke in Schöneberg oder Mitte mit Cafés und Szenebars in Hülle und Fülle hätte ich es mit so einem Konzept ganz, ganz schwer." Die Trinker sollen ruhig weiter im Fröhlichen Zecher dahindämmern. Werden sie wohl auch. "Bei mir kostet das Bier 30 Cent mehr", sagt Tommi, der Stratege. "Außerdem fühlen die sich bei uns nicht wohl. Denen ist es hier einfach viel zu hell." Vom Luxus ins Mittelmaß: die Fasanenstraße Die Standort-Scouts hatten einen neuen Standort in Berlin gefunden: die sorgfältig restaurierte Fasanenstraße, eine kleine Nebenstraße, die vom Kurfürstendamm abgeht. Ihre steile Karriere als Lieblingsstandort für Luxusmarken begann in den achtziger Jahren. Cartier und Bulgari nahmen in der Straße Quartier - und in ihrem Gefolge viele andere Nobelmarken. Die neuen Mieter bescherten der Fasanenstraße anderthalb Jahrzehnte Luxus-Kaufrausch und machten sie zum Star unter den Off-Ku'damm-Locations. Der Kurfürstendamm selbst galt damals als out. Wer auf sich hielt, ging in die Fasanenstraße.

Heute bietet die Straße auf ihrer gesamten Länge ein Bild der Tristesse. Leere Schaufensterfronten und Schilder mit der Aufschrift Räumungsverkauf künden vom Exodus der Luxusmarken. Chanel ist weg. Gucci ist weg. Cartier ist weg. Bulgari ist weg. Und das sind nur die prominentesten Abgänge der vergangenen drei Jahre. Offiziell stehen zwar nur 15 Prozent der Ladenfläche leer, aber der gefühlte Leerstand liegt eher bei 50 Prozent.

Dabei ist die Haute Couture nicht aus dem Viertel geflohen, sondern nur ein Stück weitergezogen, um die Ecke. Ausgerechnet auf dem einstmals geschmähten Kurfürstendamm haben sich die großen Namen der Branche auf einem 300 Meter langen Abschnitt zu einem Luxusmarken-Cluster zusammengeballt. Zwischen Knesebeckstraße und Olivaer Platz residieren Jil Sander, Louis Vuitton, Prada, Cartier, Hermès, Cerutti, Gianni Versace, Chanel und Bulgari dicht an dicht. Dieser Teil des Boulevards verspricht dem Flaneur konzentrierte Luxus-Kompetenz - und kann das Versprechen auch einlösen.

Der Standort Fasanenstraße ist, rein für sich betrachtet, keinen Deut schlechter geworden. Die Kaufkraft der Bewohner liegt traumhafte 40 Prozent und mehr über dem Berliner Durchschnitt; nirgendwo in der City West haben die Leute mehr Geld zur Verfügung. Allerdings sind für Gucci & Co. die Shopping-Touristen - allein schon zahlenmäßig - weitaus interessanter als die paar Mieter in den schicken Altbauwohnungen und Anwaltskanzleien.

Kenner der alten West-Berliner Hautevolee glauben, der Niedergang habe vor ein paar Jahren mit dem Wegzug des Szene-Griechen "Fofis" aus der Fasanenstraße begonnen. Wer angesagt war oder glaubte, es zu sein, pflegte dort zu speisen und zu zechen. "Auf dem Weg zu Fofis und zurück klebten die Frauen geradezu an den Schaufenstern", sagt Gottfried Kupsch, einer der Großen im Berliner Immobiliengeschäft, "und am nächsten Morgen gingen ihre Ehemänner dann mit der Kreditkarte auf Einkaufstour." Etwa zur gleichen Zeit vollzogen die meisten Luxusmarken einen Schwenk in ihrer Standortstrategie. 1a-Lagen mussten es nach wie vor sein, aber jetzt rief der Zeitgeist nach großen Flagship-Stores. 500 Quadratmeter Verkaufsfläche statt bisher 100. Für derart große Ladenlokale bietet die Fasanenstraße keinen Platz. Also begab man sich auf die Suche - und wurde einen Straßenzug weiter fündig, wo gerade die Mieten - leerstandsbedingt -kräftig ins Rutschen geraten waren. Weil die meisten Hauseigentümer in der Fasanenstraße zunächst nicht über einen Mietnachlass verhandeln wollten, wurde die Straße - relativ gesehen - teurer und unattraktiver.

Sobald die ersten Ladenlokale leer standen, begann sich der Exodus zu beschleunigen. Was anfangs noch als Delle in der Luxus-Konsumkonjunktur abgetan wurde, entwickelte sich zu einem massiven Standortproblem. "Je weiter die Cluster-Bildung am Kurfürstendamm voranschritt, desto stärker wurde der Druck auf die in der Fasanenstraße Verbleibenden", sagt Stefan Heerde von Engel & Völkers Gewerbeimmobilien Berlin, die ein Konzept zur Revitalisierung der Straße erstellt haben.

Jetzt will man inhabergeführten Geschäften und Existenzgründern die Fasanenstraße wieder schmackhaft machen, zur Not auch mit einer Mietsubvention. " Selbst das ist nicht einfach", sagt Heerde, "das Image des Standortes hat nachhaltig gelitten. Damit hat sich die Qualität des Standortes letztlich verschlechtert, obwohl er objektiv eigentlich gar nicht schlechter geworden ist." Tolle Gegend, viel Geld - aber gastronomiefreie Zone: Neubabelsberg Die fahle Vormittagssonne hat ein Loch in den zähen Nebel über dem Griebnitzsee gebrannt. Weiße Segelboote, winterfest gemacht, schimmern durchs Gartengrün der Villen am See, in den Einfahrten Autos der 50 000-Euro-plus-Geländeklasse.

In der Villenkolonie Neubabelsberg, vor mehr als hundert Jahren nahtlos in das weitläufige Potsdamer Ensemble aus Gärten, Schlössern und Seen hineinkomponiert, mit breiten, von Platanen, Linden und Ahorn gesäumten Straßen, konnte sich einst die junge Elite der Architekten und Baumeister ausprobieren, darunter Ludwig Mies van der Rohe und Hermann Muthesius. Sie schufen Wohn-Kunstwerke für das im Boom der Gründerjahre reich gewordene Großbürgertum. Heute residiert dort "die erste Riege der Republik", wie es der Geschäftsführer der vor Ort führenden Maklerfirma Engel & Völkers formuliert.

Läge Neubabelsberg in München und nicht in Potsdam, hätten die örtlichen Edelgastronomen längst das Seeufer gesäumt mit kulinarischen Tempeln. Eine sahnigere Lage als die in der ersten Reihe am Griebnitzsee ist kaum erträumbar, ringsherum wohnen und arbeiten (Anwaltspraxen, Publikumsverkehr!) Menschen mit Sinn fürs Schöne und (wichtig!) mehr als auskömmlichem Monatssalär. Auch die Erreichbarkeit ist vorbildlich; sogar ein öffentlicher Fußweg führt - auf privatem Grund - am See entlang.

Trotzdem findet man in der Villenkolonie auch im Jahr 15 nach der Einheit weder Restaurant noch Café. Das Viertel ist gastronomiefreie Zone. Liest man alte Chroniken, war das auch früher schon so, aus verständlichen Gründen. Die Bewohnerschaft der Vorkriegszeit - Fabrikherren, Bankiers, Verleger und Ufa-Filmstars -ließen alles, was zum Verzehr bestimmt war, nach Hause liefern. Wozu hatte man schließlich einen Koch?

Fehlendes Immobilienangebot kann nicht der Grund sein für die heutige kulinarische Diaspora. Villen in passender Größe sind immer wieder auf dem Markt. 250 oder 1200 Quadratmeter, top-saniert, halb verfallen, Seelage oder zweite Reihe, 450000 oder 2,4 Millionen Euro - alles da.

Genau genommen, ist der Standort einfach zu gut. Genauer: Er ist zu teuer für die Nobel-Gastronomie, die zwei ungünstige Eigenschaften bündelt: hohe Investitionskosten und unsichere Umsatzentwicklung. Die Kosten eines Standortes am See, mit Garten, wo man beim Weißwein aufs Wasser schauen kann, sind abschreckend. 8000 bis 10 000 Euro müsste ein Betreiber allein für die monatliche Miete erwirtschaften, alle anderen Kosten nicht mitgerechnet. Also traut sich niemand.

Gottfried Specker, Chef von "Speckers Gaststätte zur Ratswaage", dem wohl besten Restaurant Potsdams, hat das grob durchgerechnet: "Pro Tag müsste ich in so einer Lage, bei den Pachten, mindestens 2000 Euro Umsatz machen. Dafür brauche ich im Jahr 3000 Stammgäste. Habe ich aber abends nur vier Gäste, mache ich pro Abend 1000 Euro minus." Letztlich gibt die Gegend wohl nicht genug Feinschmecker her, die bereit sind, 20 Euro und mehr für einen Hauptgang auszugeben. "Selbst unser Ministerpräsident isst ja bei einem einfachen Italiener." Das bekamen auch die Neubabelsberger Villen-Eigentümer mit. Entsprechend gering ist ihr Interesse an unsicheren Kantonisten: Gastronomen stehen als Mieter auf der schwarzen Liste ganz oben.

Wenn überhaupt, ließe sich ein Restaurant in Neubabelsberg nur mit Gästen aus Berlin betreiben. Zehlendorf, Grunewald und Dahlem, die einkommensstärksten Gegenden der Hauptstadt, liegen nur 10, 15 Kilometer entfernt; da wohnen Leute, die genug Geld für ein edles Abendessen hätten. Aber hier kommt ein limitierender Standortfaktor ins Spiel, mit dem niemand gerechnet hätte: die Promillegrenze. Auf beiden Einfallstraßen von Berlin nach Potsdam überwacht die Polizei abends penibel die Einhaltung des 0,5-Promille-Gebots. "Da gibt es Kontrollen ohne Ende", sagt Specker, "überall lauert die Polizei." Und so gehen die Dahlemer doch lieber weiter zum Italiener um die Ecke. Ohne Seeblick zwar. Aber dafür mit einer Flasche Brunello Montalcino auf dem Tisch.

Triste Lage, fragwürdiges Ambiente, Gäste in Hülle und Fülle: Möbel-Olfe Zurück an den Kneipentresen. In diesem Fall ist er aus dünnem Sperrholz. Die Flaschenregale sind gnädig mit Holzimitatfolie überzogen, das Speisenangebot beschränkt sich auf das Wesentliche: Bulette mit Senf und Fünf-Minuten-Terrine in allen Sorten, im Regal zu einer kleinen Pyramide aufgeschichtet.

Ins "Möbel-Olfe" geht ohnehin niemand, um lecker zu essen. Dort feiert sich die Kreuzberger Boheme mit polnischem Bier und polnischem Wodka.

Olfe-Chef Wolfgang Maack findet sich und sein Kneipengeschöpf so toll, dass er am liebsten gar nicht mehr darüber reden möchte. Wie er es geschafft hat, diesen Laden zum Brummen zu kriegen, in einem der verrufensten Winkel der Stadt, wo die Gewerbemieter in monatlichem Takt ein- und ausziehen? "Dazu möchte ich mich nicht äußern. Wir haben kein Interesse, in einem Magazin zitiert zu werden. Diese Art von Werbung brauchen wir nicht. Wir arbeiten anders." Wie denn? Aber Maack hat schon aufgelegt.

Die soziale Wahrheit um das Möbel-Olfe herum ist statistisch belegt: Beim Vergleich der sozialen Situation zwischen allen 171 Wohngebieten Berlins landete das Viertel auf Platz 171. Dort hausen also die Armseligen, die Habenichtse.

Möbel-Olfe residiert in der Ladenpassage Zentrum Kreuzberg, einem Wohnlindwurm für tausend Menschen, der wie ein Riegel quer über der Straße liegt. Der Platz im Schatten des Beton-Wohnbandes ist im Laufe der Jahre zur Niststätte des Elends verkommen. Er dient den neonbleichen Heroinsüchtigen vom Kottbusser Tor als Unterschlupf. Morgens tritt man auf den Treppen in Kot und Erbrochenes.

Wer will hier Bier trinken? Möbel-Olfe, benannt nach einem Einrichtungshaus, das dort vor Jahren seinen Sitz hatte, hat sich optisch dem Ambiente angepasst und vermittelt die Gastlichkeit eines leeren Bunkers. Von den Decken und Wänden strahlt karge Beton-Ästhetik herab, die Wand hinter der Theke ist weiß gefliest wie in der Gerichtsmedizin. Ein kleines Ensemble fragwürdiger Sammlerstücke vermittelt einen Schuss gruseliger Behaglichkeit: ein Hirschgeweih, ein Kuhschädel, ein Hundeskelett, eine ausgestopfte Ente und ein präparierter Hecht.

Während Thomas Belter sein Spandauer Feuerwasser mit dem Etikett Café-Bar aufzuwerten versucht, trägt das Möbel-Olfe den schlichten Zusatz Trinkhalle. Eine Klarheit, die ankommt. Das Möbel-Olfe hat sich seit der Eröffnung vor zwei Jahren zur In-Location der Kreuzberger Szene entwickelt. "Alle pilgern zu Möbel-Olfe", schrieb die Wochenzeitung " Freitag", "Berlin schminkt sich den Mitte-Chic wieder ab und kehrt zurück zum alternativen Urschlamm." Für manchen Beobachter sind auch das triste Sozialzahlenwerk und die Wodka-Konjunktur im Möbel-Olfe kein unauflösbarer Widerspruch. Die Wirklichkeit sei ganz anders, glaubt Peter Ackermann, der Verwalter des Zentrums Kreuzberg. "Mein Kiez ist der reichste in Berlin", sagt er. Bares gebe es in Hülle und Fülle. Viele seiner Gewerbemieter hätten nicht mal eine Registrierkasse, trügen aber dicke Geldbündel mit sich herum. "Die bezahlen ihre Miete für ein halbes Jahr in bar." Die Statistik stimmt - und auch Ackermann hat Recht. Eine Miete von fünf Euro kalt pro Quadratmeter in hübsch sanierten Altbauten ermöglicht einer bestimmten Klientel einen einigermaßen gemütlichen Lebensstil jenseits der 40-Stunden-Woche. Man kauft getrocknete Tomaten bei "Knofi", den Wein bei "Suff" und Salami bei Feinkost Hillmann. In den Cafés sitzen mittags um zwei viele Leute, die ausgiebig frühstücken. Vielleicht waren sie nachts zuvor im Möbel-Olfe.

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