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Ausgabe 02/2006 - Schwerpunkt Leadership

Norwegian Psycho

Der Fjord schimmert so blau, als sei bereits dies das Design des neuen Jahrhunderts: kühl, glatt, unergründlich. Die Scheiben des Taxis sind beschlagen; man muss mit der Hand über das Glas wischen, um das Wasser sehen zu können, die flachen Inseln, die Reste der Hafenanlagen. Fünf Minuten vor der Hauptstadt, von Osten her kommend, hat die Fjordwelt ein Ende. Schnellstraßen, Häuserzeilen, Eisenbahnschienen. Oslos Postkartenmotive liegen woanders, nicht hier, wo alte Festungsmauern abrupt in Beton und Asphalt übergehen.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in diesem toten Winkel der Hauptstadt, in einer unauffälligen Lagerhalle, ein Architekturbüro seinen Sitz hat, das den Schnee im Schriftzug und den Sozialismus im Herzen trägt. Wenn bei internationalen Architekturwettbewerben die Sieger verkündet werden, stehen fast immer einzelne Architekten wie Norman Foster oder Daniel Libeskind im Rampenlicht. Das Architekturbüro Snohetta aber ist die Ausnähme. Es will die Ausnahme sein. Fast jeder im Snohetta-Team gerät in Rage, wenn Fotografen bei Gruppenaufnahmen einzelne Gesichter heranzoomen, weil sie nicht glauben können, dass hier der Name eines Kollektivs jenen der Fosters und Libeskinds der Welt gegenübergestellt wird.

Ist das bloß eitler Avantgardismus? "Sie stellen Ihre Fragen, als ob Snohetta ein russisches Sozialisten-Kollektiv wäre", schrieb einer der Architekten per E-Mail. "Dabei bauen wir doch eher auf Freiheit und Eigeninitiative und versuchen, Ideal und Realität in Einklang zu bringen." Liberal und sozial. Starke Individuen und flache Hierarchien. So klingt der Aufbruch in Norwegen.

Flach sind auch die meisten der Gebäude, die Snohetta entwirft. Es war das norwegische Büro, damals winzig und wagemutig, dem Ägypten 1989 den Neubau der Bibliothek von Alexandria anvertraute. Das in Berlin das norwegische Haus der Nordischen Botschaften baute. Das den Wettbewerb für das Kulturzentrum gewann, mit dem Manhattan auf dem Ground Zero an die Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnern will.

Anfangs stand noch der Zusatz "Arkitektur og landskap" im Firmennamen. Architektur sollte es sein, die sich in die Umgebung hineinbohrt, als wäre sie ein ihr entwachsenes Stück Fels. Heute verweist der Firmenname nur noch auf Snohetta, den schneebedeckten Berggipfel des Dovre-Gebirges, einen der geheimnisvollsten One der nordischen Sagenwelt. Architektur als Spiel mit den Zeichen, mit sichtbaren und unsichtbaren.

In der alten Lagerhalle am Vippetangen stehen sie Schlange am Kaffeeautomaten: junge Leute, modisch gekleidet, modisch frisiert, bestens gelaunt. Sie arbeiten in einem Großraumbüro, dessen Glasfront zum Fjord hinausgeht, und sie sitzen auf hellem Holz. Die Betonstützen der Halle sind kahl. Neonröhren hängen senkrecht und schimmern weiß. Die Computer surren, vor einer Sitzgruppe steht das Modell der Oper, die Snohetta für Oslo baut - die Hauptstadt, die gern Weltstadt wäre. In der Halle ist viel Platz. Scheinbar endlos läuft ein Tisch auf die Leinwand und einen Videobeamer zu. Fin junger Mann wartet auf Holztreppen, die zu Konferenzräumen führen. Er ist aufgeregt. Vielleicht hat er gleich ein Bewerbungsgespräch. Zehn Bewerbungsmappen bringt die Post täglich zum Vippetangen. Sie kommen wie die rund 60 Architekten, die derzeit am Vippetangen arbeiten, aus der ganzen Welt.

"Obwohl wir gar nicht so hohe Gehälter zahlen können wie andere Architekturbüros", sagt Ole Gustavsen. Bei ihm, den man zweimal fragen muss, um zu erfahren, dass er den Titel Managing Director trägt, laufen viele Fäden zusammen, was er in den Satz packt: "Ich muss dafür sorgen, dass wir keine Verluste machen und die Gehälter trotzdem anständig bleiben." Man trägt Schwarz. Man spricht gedämpft. Man will zeigen, dass die Uhren bei Snohetta anders ticken als in den Büros, wo der Boss Federstriche in jedem einzelnen Projektpapier hinterlassen will.

Das architektonische Ideal: Einzigartiges scharfen, das sich natürlich aus den Gegebenheiten ergibt Unter aufstrebenden Architekten gäbe es einige, die schon der demonstrativen Gelassenheit wegen auf dem Absatz kehrt machten, weil sie gutmenschelnde Träumerei fürchteten. Doch wer sich bei Snohetta bewirbt, sucht genau das: einen Arbeitgeber als gesellschaftliches Gesamtkunstwerk - volle Gleichberechtigung, vollen Respekt, vollen Ausblick auf den Fjord. Und am Jahresende wird der gemeinsam erzielte Gewinn auch gemeinsam unter allen Angestellten verteilt.

"Eigentlich ist es leicht, Architekten so arbeiten zu lassen", sagt Gustavsen, "denn das ist genau das, was sie haben wollen und brauchen, um kreativ zu sein." Freiraum. Fairness. Reichlich Kaffee. Snohetta setzt ganz auf die Energie, die starke Individuen im Team hervorbringen. Snohetta-Architekten wollen, so hat es einer der beiden Besitzer, Kjetil Thorsen, unlängst in New York gesagt, "etwas Einzigartiges schaffen, das sich aber wie natürlich aus den Gegebenheiten ergibt".

Das gilt für die Architektur wie für die Arbeitsweise. Aus der kreativen Arbeit einzelner Projektgruppen suchen sich die Eigentümer weitestgehend herauszuhalten. Sie ziehen lieber Projekte an Land, sitzen lediglich gemeinsam mit Gustavsen und je einem Vertreter der Architekten, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten in der so genannten Ressourcengruppe, die immer wieder freitags die Entwicklung der Projekte durchspricht, den Finanzrahmen und die Personalausstattung abgleicht und das finanzielle Risiko im Auge zu behalten sucht.

Und wenn ein neues Projekt ansteht? "Wie von selbst", sagt Gustavsen, bilden sich im Büro Gruppen, die sich für einzelne Projekte interessieren und Verantwortung "ganz automatisch" demjenigen übertragen, der das Vertrauen der anderen und offenkundig Erfahrung besitzt. "Das funktioniert nur, weil so im Prinzip jeder die Möglichkeit hat, mit dem Einverständnis der anderen auch einmal die Führung zu übernehmen." Das klingt verwegen, tatsächlich fast so, als würde bei Snohetta mit Hammer und Sichel am Reißbrett gearbeitet. Individuelle Erfolgshonorare gibt es nicht, Projekt- und Zeitverträge auch nicht. Stattdessen glaubt man bei Snohetta fest daran, dass die Leute Energie in ihre Arbeit stecken, weil das Büro viel in ein harmonisches Umfeld und einen sicheren Arbeitsplatz (auf 37,5-Stunden-Basis wie überall in Norwegen) investiert. "Wenn es so etwas gibt wie ein Erfolgsrezept, dann ist es unsere Fähigkeit, positives Denken zu fördern, positive Spannung zu erzeugen", sagt Gustavsen. "Finanzielle Anreize hingegen sind sehr gefährlich, erzeugen Neid und Streit und können nicht den Zeitvorteil ersetzen, den eine Firma hat, in der man sich gut miteinander versteht." Das politische Ideal: die Verbindung von Individualismus, Gemeinsinn und Poesie Dabei hat auch Gustavsen gemerkt, dass sich unter solchen Voraussetzungen nicht mit allen Architekten arbeiten lässt. Zwar kommt mehr als ein Drittel der Belegschaft aus dem Ausland. Je größer aber die Entfernung vom egalitären Norden zur jeweiligen Heimat sei, das konnte Snohetta bei zahllosen Bewerbungsgesprächen feststellen, umso geringer sei die Bereitschaft, sich auf flache Hierarchien einzulassen. Das gelte bereits für Bewerbungen aus Deutschland, noch stärker freilich für junge Architekten aus den Vereinigten Staaten oder Japan. "Vielleicht liegt das Geheimnis unseres Erfolges darin, dass wir nur Leute einstellen, die Geheimnisse teilen können. Wer dazu nicht fähig ist, wird hier sehr schnell frustriert sein." Es soll Snohetta-Kooperationspartner geben, die rasend vor Ungeduld wurden, weil sie ein Detailproblem lösen wollten, aber ständig neue Ansprechpartner finden mussten. Es soll Konkurrenten geben, die das Kollektiv-Prinzip für Humbug halten, weil auch sie erwiesenermaßen kreativ arbeiten. Es wird immer wieder Mitarbeiter geben, die von einem Chef eine klare Ansage erwarten. Snohetta lässt das kalt. Hierarchien, so das Credo, haben etwas mit Kontrollbedürfnis und Herrschaftswissen zu tun. Wer das braucht und das verlangt, ist andernorts besser aufgehoben.

Es ist keineswegs paradox, dass die Norweger gleichzeitig wie kaum ein anderes Büro auf Wettbewerb setzen und Risiken eingehen, weil sie global in der ersten Liga der Architektur-Stars mitmischen möchten. Das eine bedingt das andere. Snohetta denkt groß, so wie es der norwegische Schriftsteller Henrik Ibsen einst gefordert hat. Das Unternehmen nimmt an 15 bis 20 internationalen Ausschreibungen im Jahr teil, es ist stolz darauf, " Wettbewerbe zu können", wie Gustavsen sagt. Wettbewerbe, sagt er, seien eines der Erfolgsrezepte. "Wir wissen, dass unsere Leute die besten Ideen haben, wenn wir einen Wettbewerb gewinnen wollen. Und bleiben dabei. Obwohl wir eigentlich eine unglaublich schlechte Trefferquote haben." Er blättert durch Architektur-Fotografien, zeigt auf die klaren Formen der Snohetta-Großprojekte, monumental und glatt zugleich, auf Parkanlagen und Straßen und ein winziges Fischerei-Museum. Snohetta bekommt nur eines von zehn Projekten, für die es sich interessiert. "Aber die Freiheit, sich diese Projekte selbst auszusuchen, und damit genau das, was wir können, wollen und finanziell erwarten, ist das Risiko wert." Wettbewerb schafft Ideen. Adrenalin treibt an. Erfolg verleiht Selbstbewusstsein.

Als Snohetta 1989 den Zuschlag für die Bibliothek von Alexandria erhielt, soll die Telefonverbindung so schlecht und das Team so aufgeregt gewesen sein, dass nach dem Auflegen keiner so recht wusste, ob die Jury "First" oder "Third Prize" gesagt hatte. Eine Sensation. Dass es auch Durststrecken gab und viele Wettbewerbe nur durchzustehen waren, weil bei norwegischen Ausschreibungen bereits die Teilnahme bezahlt wird, versucht niemand zu verheimlichen. Das ist halt so.

Die einst verlorene Bibliothek von Alexandria. Das verlorene Herz Manhattans. In Berlin die Botschaft eines Landes, aus dessen Stein Hitlers Architekt Albert Speer die Monumentalgebäude von "Germania" bauen wollte. Das waren Projekte, die reizvoll erschienen. Die Mythen und Geschichten, die sich um sie ranken, werden die von Snohetta bebauten Plätze nie loswerden - sie sollen es ebenso wenig, wie man Mythen pathetisch zum Kern erheben möchte. Keine Denkanleitungen. Auch bei der Planung nicht. Nur ein zeitweiliges Büro in Alexandria, eine Gruppenreise zum Ground Zero. Ein Trip in die Galerien der britischen Insel, um Ideen für das Turner-Museum für zeitgenössische Kunst zu sammeln, das Snohetta dem englischen Margate ins Küstenwasser legen wird. So sammelt Snohetta Ideen.

Dass eine große Wand der norwegischen Botschaft in Berlin von einem 120 Tonnen schweren Fels abgeschlossen wird, der eigens von Südnorwegen an die Spree gekarrt werden musste, ist eine davon. Der Fels muss nicht zwangsläufig ein Verweis auf den Nationalsozialismus sein, so wie ihn der Schriftsteller Kjartan Flogstad deutete, der aus eigenem Antrieb für Snohetta den Text zu einem Bildband verfasste. Man darf ihn aber durchaus so verstehen, wenn man will. Keine Denkverbote.

Das Konzept für die Oper in Oslo soll innerhalb weniger Stunden bei einem gewaltigen Brainstorming entstanden sein, untermalt von Musik aus dem " Dschungelbuch".

Am Vippetangen sind sie stolz darauf, mittlerweile Architekturstudenten und Kollegen bei Seminaren erklären zu dürfen, wie wichtig für den Erfolg eines guten Büros der Wettbewerb bei innerbetrieblicher Gleichberechtigung, Fairness, Anerkennung und Geduld ist. Sie sind stolz auf ihren Ruf einer fortschrittlichen Betriebspolitik. In Oslo konnten allein im vergangenen Jahr 15 neue Architekten eingestellt werden. Derzeit eröffnet Snohetta ein ständiges Büro mit sechs Mitarbeitern in New York, um sich stärker dem amerikanischen Markt widmen und den Rückenwind des International Freedom Centers in Manhattan nutzen zu können. "Dank der Prinzipien, nach denen wir arbeiten", sagt Gustavsen und entschuldigt sich, weil eine Besprechung ansteht, "müsste das alles machbar sein." Draußen, im Frost, keinen Kilometer Luftlinie vom Vippetangen entfernt, arbeiten Baumaschinen und Kräne auf Hochtouren. Sie haben eine Betonrampe gegossen, die sich aus dem Fjord emporschiebt, und sie haben in diesen künstlichen Berg hinein das Stahlskelett eines monumentalen Gebäudes gesetzt. Dort, inmitten einer See und Stadt verbindenden Landschaft, soll eines Tages die norwegische Nationaloper ihren Vorhang heben.

Die Oper, um die in Norwegen ein langer, bitterer Streit geführt wurde, weil sie als das nationale Prestigeprojekt schlechthin gilt, wird der neue Blickfang einer wie besessen um Korrekturen und Aufräumarbeiten bemühten Stadt sein. Großprojekte wie dieses hat das Land der Stabkirchen seit dem Bau des Nidaros-Domes in Trondheim vor 700 Jahren nicht erlebt. Selbst die Schnellstraßen in Oslo sollen verschwinden.

Vielleicht ist die Oper, trotz der Projekte in Alexandria und New York, das wichtigste aller Snohetta-Projekte. Auch andere Architekten sind beim Umbau Oslos zur Fjordstadt dabei, allen voran das Büro von Niels Torp, der Oslos Gesicht im Westen modelliert und vor Jahren durch seine Olympiahalle in Hamar weltweit im Gespräch war. Abgesehen vom alten Rathaus und der Festung Akershus aber, die beide am Wasser stehen, wird künftig kein Gebäude die Fähren und Segelschiffe, die durch den Fjord auf die Hauptstadt zukommen, mit einer solchen monumentalen Wucht begrüßen wie die von Snohetta gebaute Oper.

So wie das Rathaus mit seinen Türmen, Fresken und Skulpturen das Symbol des Arbeiterpartei-Staates war, wird die Nationaloper das Markenzeichen Norwegens im 21. Jahrhundert sein. In ihr wird der Betrachter die Zugkräfte und Bezugspunkte wiederfinden wollen, die das Selbstverständnis und das Problem eines im Ölrausch reich und etwas übermütig gewordenen Landes am Rande Europas ausmachen.

Wie lassen sich Individualismus, die Tradition des Wohlfahrtsstaates und die Sehnsucht nach Poesie verbinden? Das ist die norwegische Frage, Norwegian Psycho. Derzeit ist es Snohetta, dem die Antworten zugetraut werden. Craig Dykers, einer der Gründungs-Architekten, fasste in einem Interview die Grundidee in die schlichten Worte: "Here's a place to stop and think about where you are." Stoppen. Nachdenken. Orientierung finden.

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