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Ausgabe 03/2006 - Schwerpunkt Kapitalismus

Im Sog der Rendite

Nachdem Nikolaus Pöhlmann morgens um neun Uhr seinen Computer hochgefahren und die drei Bildschirme auf seinem Schreibtisch eingeschaltet hat, erlebt er den allmorgendlichen Daten-Dammbruch: Die ersten 200 bis 300 E-Mails sind schon da. Am Abend werden es gut 1500 sein.

Aber dafür ist nun keine Zeit, weil das Telefon läutet, auf dem Display eine Vorwahl aus London. Der Herr am anderen Ende der Leitung ist Broker bei einer großen amerikanischen Investmentbank. Er spricht atemberaubend schnell, ohne Pause, einen Text ohne Satzzeichen. Es geht um Marktdaten aus Japan und um Arbeitsmarktzahlen, die dort herausgekommen sind, in Argentinien ist der liberale Wirtschaftsminister Roberto Lavagna zurückgetreten und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat einen Artikel der Rating-Agentur Standard & Poor's gedruckt, in dem es um die Folgen eines potenziellen Austritts von Portugal und Griechenland aus der Europäischen Währungsunion geht. Und ach ja: Der Dollar werde wohl steigen.

Dass so viele Menschen Interesse daran haben, Nikolaus Pöhlmann ihre Sicht der Finanzmärkte im Besonderen und der Welt im Allgemeinen zu erklären, liegt daran, dass sie sein Geld wollen. Pöhlmann ist Fondsmanager bei der DWS Investment GmbH, dem Investment-Ableger der Deutschen Bank. Er verwaltet das Vermögen von tausenden Anlegern, die Geld für die Rente oder ihre Kinder sparen - insgesamt 350 Millionen Euro verwaltet Pöhlmanns Fonds. Die E-Mails und Anrufe kommen von Bankanalysten, die an Wertpapiergeschäften verdienen, oder Unternehmensvertretern, die die Nachfrage nach ihren Aktien ankurbeln wollen.

Fondsmanager gehören zu den wichtigen Akteuren auf den Kapitalmärkten, und ihr Einfluss nimmt zu, weil Investmentfonds boomen. Statt wie früher Sparbücher anzulegen oder in einzelne Aktien zu investieren, geben die Deutschen ihr Geld zunehmend in die Hände professioneller Vermögensverwalter, von denen sie sich hohe Renditen bei hoher Sicherheit erhoffen. Nach Angaben des Bundesverbandes Investment und Asset Management e.V. (B VI) waren es allein 2005 gut 545 Milliarden Euro, die bei den deutschen Gesellschaften und deren 2848 verschiedenen Publikumsfonds angelegt wurden. 1995 waren es nur 200 Milliarden Euro in 919 Fonds. Die Mittel fließen in Aktien, Anleihen und Immobilien. Es gibt Angebote für jede Risikoneigung und für regionale Präferenzen; sogar religiöse Motive werden berücksichtigt. So sollen sich Muslime bei den von Dow Jones entwickelten Islamic-Market-Indices darauf verlassen können, dass ihr Geld nur in Unternehmen investiert wird, die nach islamischem Recht wirtschaften und keine Einnahmen aus Zins-Einkünften beziehen.

Zu den Anbietern von Publikumsfonds kommen Spezialfonds institutioneller Anleger wie Versicherungen und Pensionsfonds hinzu, die Rentenbeiträge anlegen. Ende vergangenen Jahres verwalteten sie insgesamt 617,5 Milliarden Euro. Das entspricht 27,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2005. Ob Publikumsfonds oder institutionelle Anleger, sie alle haben ein Ziel: den Wert des eingesetzten Kapitals zu vermehren.

Und Menschen wie Nikolaus Pöhlmann entscheiden darüber, wie das gehen soll, wohin die Mittel fließen. Damit sind diese Experten für Unternehmen, deren Manager aber auch für die anderen Marktteilnehmer gleichermaßen wichtig. Schließlich sind Fonds Großanleger und ihre Vertreter haben Stimmrechte auf den Hauptversammlungen (HV) der Gesellschaften, deren Aktien sie halten. Vor allem aber kaufen und verkaufen sie Unternehmensanteile. Wenn sie das tun, kann das dazu rühren, dass der Aktienkurs sinkt, was in Zeiten des Shareholder Value eine Vorstandskarriere jäh stoppen kann. Denn die HV bestellt den Aufsichtsrat, der wiederum den Vorstand einsetzt oder abberuft. Im Ernstfall können Vertreter mehrerer Fonds, wenn sie sich denn einig sind, auf diese Weise Personalentscheidungen treffen. Und weil auf der HV die Mehrheit der anwesenden Stimmrechte entscheidet, reichen dafür schon mal 20 Prozent aller Anteile, wenn die anderen Aktionäre - wie in Deutschland häufig der Fall - nicht zur Versammlung kommen. Dabei ist für die Fonds vor allem entscheidend, wie sie die Entwicklung des Börsenkurses einschätzen. Das ist die eine Seite.

Andererseits sind Fondsmanager Getriebene eines Systems, in dem die Tagesleistung jeden Abend mit dem Schluss-Gong an der Börse auf den Bildschirmen einfriert. Wenn die nicht stimmt, dann kann es sehr ungemütlich werden. Denn der Anleger ist ein treuloses Stück. Wenn ein anderer Fondsmanager höhere Renditen erwirtschaftet, dann legt er sein Geld eben bei der Konkurrenz im In- oder Ausland an. Wenn das zu oft passiert, ist es schnell vorbei mit der Karriere. Auch das ist die Welt des Nikolaus Pöhlmann.

Er mag diese Welt. "Der wirkliche Erfolg des Fonds hängt von Entscheidungen unter Unsicherheit ab. Den guten Fondsmanager zeichnet aus, dass er auch in unperfekten Informationslagen Entscheidungen treffen kann", sagt er. Das Problem an der Informationslage ist indes meistens, dass sie überperfekt ist: Das System liefert Tag für Tag, Woche für Woche rund um die Uhr alle möglichen Arten von Daten. Deshalb ist es ein Teil von Pöhlmanns Job, dem Informations-Overkill standzuhalten und jene Daten herauszufiltern, die wichtig sind für seine Entscheidungen. "Wir handeln Erwartungen. Es spielt weniger eine Rolle, ob ein Unternehmen Verluste oder Gewinne gemacht hat, und auch nicht, wie es jetzt da steht. Es kommt darauf an, wie es sich entwickeln wird." Wenn Pöhlmann also glaubt, dass die Zukunft einer Firma rosig sein wird und die Anteile billig zu haben sind, greift er zu. Um ihn und seine Kollegen auf den richtigen Kaufgeschmack zu bringen, geben sich die Topmanager aus aller Welt die Klinke bei der DWS in Frankfurt in die Hand.

Die DWS ist Deutschlands größte Fondsgesellschaft im Publikumssektor, sie beherrscht knapp 24 Prozent des Marktes. Ihre 200 Finanzexperten verwalten rund 110 Milliarden Euro. Das ist so viel Geld, dass die DWS-Leute beinahe alle Aktien von Bayer, BMW, DaimlerChrysler und Volkswagen kaufen könnten. Sie arbeiten in einem Gebäudekomplex in der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Wer vor der Glasfassade steht, sieht drinnen junge Männer in weißen und hellblauen Hemden in Monitorbatterien schauen. Ihre Sakkos haben sie hinter sich gehängt.

Zwischendurch ziehen sich die Männer ihre Jacken an und gehen in Konferenzräume, um Vorstände von Unternehmen zu treffen und sie über deren Strategien zu befragen. 1800 Treffen dieser Art finden jedes Jahr in den Räumen der DWS statt. Beispielsweise im Raum "Aston Villa". Der Name steht mit einer Digitalanzeige an der Wand neben einer Tür im sechsten Stock. Außerdem steht dort, dass in diesem Raum nun Elias Fotiadis empfangen wird, der Finanzchef des griechischen Mobilfunkkonzerns Cosmote.

An einem ovalen Tisch haben an der einen Längsseite drei DWS-Leute Platz genommen, an der anderen sitzt Fotiadis mit zwei Mitarbeitern. Ralf Oberbannscheidt, wie Nikolaus Pöhlmann Fondsmanager bei der DWS, hat Herrn Fotiadis zehn Minuten gegeben, um die Unternehmensziele zu referieren, dann will er Fragen stellen. Die Szene wirkt wie eine mündliche Abiturprüfung.

Fotiadis hat einen Schnauzbart und spricht Englisch mit griechischem Akzent. Es geht um das Geschäft mit Mobiltelefonen, und es gibt ein Wort, das sehr oft fällt in diesem Vortrag: Es ist das Wort confident. Einmal ist Fotiadis sogar "very very confident". Er will Oberbannscheidt für seine Firma begeistern, einen Mann, der die Zukunft handelt. Und darum geht es: um Zukunft. Um Zuversicht. Um Hoffnung. Um Funknetze, die noch nicht stehen, die aber profitabel sein sollen, wenn sie einmal da sind. Elias Fotiadis findet, dass die Zukunft in Albanien, Rumänien und Bulgarien liegt. Denn die Menschen dort brauchen Handys.

Willi Bender argem solche Gespräche ein bisschen. Bender war selbst einmal Fondsmanager. Heute lebt er im bayerischen Nußdorf, ist Pensionär und ehrenamtliches Vorstandsmitglied in der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), was besser klingt als Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre, wie die Vereinigung früher einmal hieß. "Das Prinzip, nach dem alle Aktionäre immer gleich behandelt werden müssen, wird in der Wirklichkeit nicht gelebt. Die Vorstände erzählen Fondsmanagern viel über die Struktur und Funktionsweise des Unternehmens. Das ist dann zwar noch keine widerrechtliche Insider-Information. Aber es ist ein Graubereich, weil die Fondsmanager allgemein zugängliche Informationen so besser einordnen können." Nun ist Bender kein Mann, der ein Problem mit Fondsmanagern an sich hat. Ihm wäre es nur lieber, wenn sie ihr Wissen so einsetzten, wie er es von anständigen Kapitalisten erwartet: "Wir Aktionärsschützer sagen: Fondsmanager sollten sich verhalten, wie das für Eigentümer und Treuhänder in einer Marktwirtschaft üblich ist. Sie sollten alles tun, damit das Unternehmen wächst und gedeiht." Das aber täten die Fonds nicht immer. Viele nähmen etwa ihre Stimmrechte auf Aktionärsversammlungen nicht ernst genug, beklagt Bender. Was auch daran liege, dass sich Fondsmanager eben vor allem dafür interessierten, wann sie welche Aktien kaufen oder verkaufen sollten. Und derlei wiederum lässt sich nun mal vor allem aus den Zukunftsprognosen ableiten, bei der HV aber geht es oft darum, das vergangene Geschäftsjahr zu diskutieren. Doch das lässt die meisten Fondsmanager kalt. Was offenbar nichts Neues ist: "In der Beziehung, meine Stimmrechte wahrzunehmen, war ich als Fondsmanager leider auch nicht besser", so Bender.

An das viele Geld gewöhnen sich die Profis schnell Nikolaus Pöhlmann sagt: "Mein Selbstverständnis als Fondsmanager ist schon das des Investors. Ich bin kein Händler." Pöhlmann ist 34 Jahre alt, verheiratet, hat eine Tochter. Er ist ein Mann mit einem jungen Gesicht und einer ruhigen, sanften Stimme. Gerade hat er mit seinem Kollegen Michael Sieghart, der ihm gegenübersitzt, Anteile der italienischen Bank Uni Credito gekauft. Die Münchner Rück hatte morgens einen Teil ihrer Aktien auf den Markt geworfen. Darauf hatten Pöhlmann und Sieghart schon länger gewartet. Für rund zehn Millionen Euro haben sie Aktien gekauft. Nun halt die DWS gut ein Prozent an UC IM Equity.

Pöhlmanns Unternehmen bestehen alle aus solcherlei Abkürzungen. UC IM Equity für Uni Credito, RBS LN Equity für Royal Bank of Scotland und GS US Equity für Goldman Sachs. Wenn er die Unternehmenskürzel ins System eingibt, leuchten auf dem rechten Monitor Informationen über Kursverläufe auf, aber auch die Meldungen von Nachrichtenagenturen über Geschäftszahlen und Personalien. Der linke Bildschirm stellt in Tabellen dar, welche Aktien Pöhlmann gerade verwaltet und was sie in diesem Moment wert sind. Die Uni Credito ist eines von 65 Unternehmen, an denen er beteiligt ist, und eines von gut 400 Unternehmen, die er beobachtet und die er sein " Universum" nennt. Zu diesem Universum saugt er Informationen auf wie ein schwarzes Loch.

Pöhlmann spricht unaufgeregt von den vielen Daten, beim Blick auf die Zahlenkolonnen auf seinem Monitor guckt er wie ein Vater, der seinen Kindern beim Spielen zuschaut. Fast lächelt er, wenn er erklärt, wie diese ganzen Zahlen, Firmen und Indizes zusammenhängen. Was aber nicht heißt, dass er seinen Job leicht nimmt: "Ich drehe jeden Euro um. Das ist ja nicht mein Geld, sondern das der Anleger, die es sich teilweise mühsam absparen. Aber man gewöhnt sich an die vielen Nullen. Ob es um zehn Euro oder um zwei Millionen Euro geht, das ist das Gleiche, man muss immer rechnen. Aber es darf keine Selbstverständlichkeit sein. Es geht um viel Geld. Es darf nichts passieren." Das viele Geld wird von den Büros hinter den DWS-Glasfassaden in Wertpapiere überall auf der Erde gelenkt. Weil jeder Ort in dem investiert wird, sein Gegenstück in Frankfurt hat, ist die DWS so etwas wie die Welt in ein paar Großraumbüros. Länder und Kontinente sind hier Tische, die zu Gruppen zusammengestellt sind. Die Experten für die Wertpapiermärkte in bestimmten Regionen sitzen zusammen. So lassen sich Informationen schneller austauschen. Es gibt allerdings auch Tische für bestimmte Branchen, das hat sich ebenfalls bewährt.

Während sich Nikolaus Pöhlmann mir seinem Schwerpunkt auf Finanzmarkttitel hauptsächlich durch Bilanzen quält und mit Analysten spricht, die in einen der Besprechungsräume kommen und aussehen, als seien ihnen die Trolleys, die sie hinter sich her ziehen, an den Händen angewachsen, fährt sein Kollege Michael Sieghart auch schon mal zu Unternehmen, um sich deren Produktionsstätten anzuschauen. Sieghart ist 31 Jahre alt, ein freundlicher junger Mann, der mit dem Akzent seiner österreichischen Heimat spricht und seinen Kollegen und Besuchern nach dem Mittagessen Mohrenköpfe an den Tisch bringt. Er redet in kurzen, klaren Sätzen, und wer im Internet seinen Namen eingibt, kann dort unter anderem einen Experten-Chat finden, in dem er auf Fragen tatsächlich immer nur mit einem oder zwei klaren Sätzen antwortet und zu jedem großen Unternehmen eine Einschätzung parat hat.

"Dass wir so etwas in unserem relativ zarten Alter beurteilen können, liegt daran, dass wir die Dinge mit einem sehr speziellen Blick betrachten. Wir maßen uns allerdings nicht an, zu wissen, wie man eine Bank führt", sagt Sieghart. Einmal fuhr er beispielsweise zu einem Unternehmen nach Großbritannien, um es sich anzusehen. Das waren Leute, die in Biotech machten und DNS sequenziellen. "Die Labors waren in den besten Vormittagsstunden leer. Die haben mit dem bloßen Auge Proteinstrukturen verglichen. Mehr nicht", erzählt Sieghart. Er fand nicht, dass er dort investieren sollte.

Für den durchschnittlichen Kleinanleger ist das alles kaum durchschaubar. Er kann zwar jeden Tag die Kurse checken, aber was hinter den Kulissen passiert, bleibt ihm verborgen. Deshalb hat Wolfgang Gerke mit anderen Finanzexperten einen freiwilligen Verhaltens-Kodex ausgearbeitet, der unter anderem vorsieht, dass Kapitalanlage-Gesellschaften auch unabhängige Mitglieder in ihre Aufsichtsräte berufen und nicht nur Entsandte der Mutterkonzerne, die oft genug Banken sind. Wolfgang Gerke ist Professor für Bank- und Börsenwesen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und oft im Fernsehen zu sehen, wo man ihn am besten an seiner Fliege erkennt. Seinen Corporate-Governance-Kodex für Kapitalanlage-Gesellschaften hat bisher allerdings noch keine Gesellschaft unterschrieben. "Das spricht für die Qualität des Kodex", sagt Gerke tapfer. Immerhin hat der BVI seinen Mitgliedern mittlerweile Wohlverhaltensregeln empfohlen, die Forderungen Gerkes aufgreifen - allerdings zu unverbindlich, findet der Professor. Die Gerke-Version gefällt auch dem Aktionärsschützer Bender, weil sie unter anderem ein transparenteres Abstimmungsverhalten der Investmentgesellschaften auf Hauptversammlungen fordert.

Fonds haben Einfluss. Haben sie auch Macht?

Bisweilen aber zeigen Fondsmanager auf den Hauptversammlungen doch Flagge, auch ohne einen Kodex unterschrieben zu haben. Zu beobachten war das beispielsweise im Frühjahr, als bei DaimlerChrysler alles drunter und drüber ging und dem damaligen Vorstandschef Jürgen Schrempp seine Strategie um die Ohren flog und die Unterstützung seiner Anteilseigner gleich mit. Einer der lautstärksten Kritiker war Klaus Kaldemorgen, einer der DWS-Starmanager.

Kaldemorgen hat sein Büro in einem Glaskasten gegenüber den Tischen von Asien und Osteuropa, und wenn Kollegen mit Besuchern auf dem Gang von ihm sprechen, dann nennen sie ihn manchmal auch den Guru, weil er so erfolgreich ist mit seinen Anlagen. Kaldemorgens Auftritt ist umso erstaunlicher, wenn man die Hintergründe kennt. Im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler sitzt nämlich Hilmar Kopper, der frühere Vorstandssprecher und Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank. Kopper hatte Schrempp gegen alle Attacken immer vehement verteidigt. Die Deutsche Bank wiederum ist Eigentümerin der DWS, also Klaus Kaldemorgens Arbeitgeber. "Man muss schon sehr stark sein, um so etwas machen zu können", sagt Börsen-Professor Wolfgang Gerke.

Dies ist die eine Version der Geschichte. Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, dass Kaldemorgen nicht so stark war: "Kaldemorgen hat gegen Schrempp gesprochen. Aber wir vermuten, dass er für ihn gestimmt hat", sagt Bender. Und dass die Schelte nur eine Marketing-Aktion für die DWS-Fonds war.

DWS-Sprecher Thomas Richter bringen solche Vermutungen auf die Palme. Die DWS kommuniziere ihr Abstimmungsverhalten offen, zum anderen habe die DWS Schrempp auch auf der Hauptversammlung die Entlastung verwehrt. Zumal die Zeiten, in denen es sich Vorstände leisten konnten, Anleger wegen kritischer Stimmen schlechter zu behandeln, vorbei seien: "Der Wettbewerb um Kapital ist doch viel zu wichtig geworden", sagt er.

Und so bleibt die Frage, ob die Beteiligungen von Fonds so problematisch ist, wie die Kritiker Glauben machen wollen: Selbst die riesige DWS hielt während der Schrempp-Krise gerade mal ein Prozent der Aktien am DaimlerChrysler-Konzern.

Wenn es um Beteiligungen an kleineren Unternehmen geht, kann das natürlich anders aussehen. So sorgten in den vergangenen Jahren auch Fonds für Schlagzeilen, die weniger zurückhaltend sind, als man das bisher in Deutschland gewohnt war. Vor allem bei Fondsmanagern aus Großbritannien und den USA, die sich seit geraumer Zeit mit Beteiligungen an deutschen Unternehmen eindecken, beobachten die Börsenkenner Gerke und Bender eine andere Haltung: "Die mischen sich traditionell ein in die Besetzung der Aufsichtsräte." Wohin das führen kann, war zu beobachten, als eine Gruppe Hedge Fonds die HV der Deutschen Börse dominierte und der Führungsriege nahe legte, sich einen neuen Wirkungskreis zu suchen.

Solche Einmischung muss nicht unbedingt schlecht sein. Jedenfalls nicht für die restlichen Anleger. "Der Einfluss von Fonds ist oftmals kein Nachteil für die anderen Aktionäre, weil ihre Manager Profis sind und die Leistungen des Managements viel besser beurteilen können, als das Kleinanlegern möglich ist", sagt Professor Gerke.

Der Einfluss der Großanleger ist aber nicht nur auf die einzelnen Unternehmen beschränkt, sie prägen und verändern auch die Strukturen, in denen sie sich bewegen, kurz: den Markt. Verlässt man einmal das Bankenviertel in Frankfurt und schaut sich nicht mehr den Schreibtisch von Herrn Pöhlmann an, nicht mehr die Konferenzen im Raum "Aston Villa", nicht mehr die Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften, sondern stellt man sich beispielsweise auf den Mond, um das Gewusel auf der Erde von dort zu betrachten, dann ist das Milliarden-Dickschiff DWS nur einer von ganz vielen kleinen Punkten auf der Welt, und Herr Pöhlmann wäre einer von vielen in einem Fußballstadion voller Fondsmanager.

Wenn diese Manager nun alle ihre Schiffe in die gleiche Richtung steuerten, könnte das den Markt ziemlich durcheinander bringen und die Kurse heftig auf- und absteigen lassen, warnte die Deutsche Bundesbank bereits in einer Studie aus dem Jahr 2001, in der sie sich allerdings nur mit den deutschen Fondsmanagern befasst hat. Man muss sich das vorstellen wie eine Regatta, bei der es darum geht, so weit wie möglich aufs Meer zu fahren. Wer am weitesten kommt, hat gewonnen. Natürlich glauben alle Kapitäne, sie seien schlauer als die anderen und würden rechtzeitig merken, wenn der Wind dreht. Dass der Wind ausgerechnet dann nachlassen könnte, wenn der eigene Segler schon so weit draußen ist, dass er nicht mehr zurückkommt und die Besatzung auf dem offenen Meer verhungern könnte, daran denken bei dieser Wettfahrt die wenigsten. Und wenn das nun vielen Teilnehmern gleichzeitig passiert, weil sie sich gegenseitig angestachelt und aufs offene Meer getrieben haben, dann ist das in etwa jenem Punkt vergleichbar, an dem auf dem Aktienmarkt die Blase platzt und die Kurse abstürzen.

Die Käufer haben die Preise der Aktien dann so hoch getrieben, dass der Wert der Aktien nichts mehr mit dem Wert der Unternehmen zu tun hat, für die sie stehen. So konnte es auch passieren, dass kleine Internet-Klitschen im New-Economy-Hype an der Börse mehr wert waren, als so mancher Großkonzern. Als den Börsianern bewusst wurde, dass diese kleinen Unternehmen auch in der Zukunft mit dem Bau von Internetseiten nicht so viel verdienen werden wie DaimlerChrysler mit dem Bau von Autos, verkauften sie panisch ihre Anteile, und die Kurse fielen. Diejenigen, die nicht mehr rechtzeitig verkauft hatten, verloren das investierte Geld. Sie waren diejenigen, die zu spät merkten, dass der Wind drehte. Weil Fonds große Aktienpakete halten, können sie solche Entwicklungen, die die Bundesbank "Instabilitäten auf den Aktienmärkten" nennt, auch beschleunigen, eben wenn sie alle in die gleiche Richtung fahren.

Andererseits sieht die Bundesbank ihrer Studie zufolge in Fondsmanagern einen Gewinn für den Markt, weil sie die Preisbildung effizienter machten und weil sie Unternehmensdaten und die der Gesamtwirtschaft besser analysierten, als das Nichtprofis tun. Soll heißen: Fondsmanager sind trotz allem die besseren Steuermänner. Sie müssen nur aufpassen, dass sie nicht blind den anderen hinterherfahren oder alle die gleichen Routen segeln.

Neben Pöhlmann stapeln sich zwölf Ablagefächer mit Papier, das bedruckt ist mit Navigationsdaten, die professionelle Steuermänner besser beurteilen können als Schönwetterkapitäne wie der gemeine Kleinanleger. Auf dem Boden liegen drei Stapel mit Analystenberichten, Büchern und Bilanzen. Einmal rollt Pöhlmann mit seinem Stuhl zu weit nach rechts, der Stapel fällt um, und die Berichte, Bücher und Bilanzen liegen da wie ein aufgefächertes Kartenspiel, ein Rahmendaten- und Bilanzpoker.

Herr Pöhlmann, haben Sie manchmal schlaflose Nächte? Das viele Geld, die Benchmark, fällt im Traum der Dax über Sie her - haben Sie manchmal Angst? "Ein Fondsmanager ist schon eher Optimist", sagt Nikolaus Pöhlmann. "Aber 2001 war sehr belastend", sagt Michael Sieghart. 2001. Das war die Zeit, in der den Internet-Klitschen gezeigt wurde, dass DaimlerChrysler doch größer ist, in der es an der Börse nur bergab ging. Die Charts sahen aus, als würden die Kurven zu schwer, als zeigten die Anzeigetafeln in den Handelssälen die Äste von Trauerweiden. Der Dax kam nur selten freundlich aus dem Wochenende. Die Kurse fielen und fielen und fielen. Fondsmanager hatten sich nicht daran zu messen, ob sie mehr erwirtschaftet hatten als die Benchmark, sondern daran, ob sie weniger viel verloren hatten.

"Stimmung und Spaß sind schon eng korreliert mit Performance", sagt Pöhlmann. Dann schaut er seinen Kindern auf dem Monitor beim Spielen zu. Ein guter Tag. Sie sind um 0,5 Prozent gewachsen.

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