Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Warten auf Julius

Ein halbes Jahr lang kam Gerda Rose jede Woche ins Altenheim zu der Dame, Ende 80, die sich die Decke bis übers Kinn zog und nichts sagte. Dann fing Frau Rose an, am Bett der Dame Choräle zu singen. Die Decke rutschte vom Kinn hinab, und die alte Frau sang mit. Ein paar Wochen später spielten die beiden zusammen Halma.

Dann gab es da noch die Sensation mit dem Hund. Der alte Herr, Anfang 90, der in diesem Hamburger Altenheim lebte, hatte sich von der Außenwelt abgekapselt und sprach kein Wort. Dann kam Heide Mövius mit ihrem Belgischen Schäferhund. Der Mann streichelte das Tier und fragte irgendwann, was das für ein Hund sei und warum er so gut gehorche. Es waren nur zwei Fragen. Aber es war der reine Wahnsinn.

Sonst schon eine fröhliche Natur, grinst Heiko Stövhase noch etwas breiter, wenn er von diesem Erfolg seines Vereins berichtet. Der heißt Lichtblick. Und Stövhase ist dessen Vorsitzender. Die Mitglieder besuchen regelmäßig ältere Menschen, die allein zu Hause oder im Heim leben.

Stövhase hat dafür mittlerweile gut 40 ehrenamtliche Mitarbeiter gefunden, die zu mehr als doppelt so vielen Menschen gehen, die allein sind. Sie sprechen oder unternehmen etwas mit ihnen, hören sich ihre Sorgen an und das, was sie erlebt haben, als sie das Bett, das Haus oder die Stadt noch verlassen konnten.

Wie das aussieht, lässt sich in der Tanz-Gruppe von Gerda Rose im Altenheim der Ernst und Claere Jung Stiftung in Hamburg-Othmarschen beobachten. Getanzt wird im Sitzen, weil nicht alle Senioren so rüstig sind wie Frau Rose, die selbst schon in Rente ist. Tanzen im Sitzen sieht ein wenig aus wie entschleunigtes Aerobic zu Zithermusik. Aber entscheidend sind nicht die Bewegungen. Entscheidend ist, was sich in den Gesichtern der gut 20 Leute, die im Kreis sitzen, zeigt. Sie lachen. Sie singen mit. Und sie erinnern sich an Texte von Liedern aus ihrer Jugend. An den eines gewissen Schaffner-Liedes zum Beispiel, das schon bei der Ankündigung für fröhliches Hallo sorgt. Eine Dame, die früher als Ärztin arbeitete und vor ein paar Monaten ins Heim zog, lobt die Veranstaltung aufs Höchste. Die Leute wüssten gar nicht, was sie alles bewegen bei den Tänzen mit bunten Tüchern und weichen Bällen.

Dienstag ist Lichtblick-Tag in Othmarschen. Einige von denen, die am Nachmittag tanzen, waren auch am Vormittag schon da, als Gabriele Voerner mit dem Australian Shepherd Julius kam. "Ich rühre alle Bewerbungsgespräche mit Mitarbeitern. Nur die Hunde, das macht Frau Mövius", sagt Stövhase.

Dass Julius bei Frau Mövius durchfallen würde, stand aber nicht zu befürchten. Der Australian Shepherd ist ein Star in der Hamburger Hundesport-Szene und frisst sogar Kekse, die man ihm vor die Schnauze legt, erst auf Kommando. Weil seine Besitzerin sich für Lichtblick engagieren wollte, geht sie nun jeden Dienstag mit dem Hund ins Heim. Los geht es immer bei Frau Wermuth. Frau Wermuth ist Anfang 90 und hortet - nomen est omen - über die Woche Amaretto-Kekse, die es zum Kaffee gibt, damit Julius sie dann von ihrem Knie wegknabbern kann. Der Hund ist eines der Highlights in ihrer Woche neben den Besuchen der drei Töchter, die sich an den Samstagen abwechseln.

Es geht weiter über die Demenzstation in eine Art betreutes Wohnen im Heim. Frau Voerner freut sich immer auf den Moment, bevor Julius in den Raum kommt. " Gehen Sie scholl mal rein", sagt sie. Es ist still, so wie meistens über den Tag hinweg, die Menschen hocken in den Sesseln und sprechen nicht viel. In einer Ecke haben sich drei Frauen um die 80 schön frisiert nebeneinander auf die Couch gesetzt, die Szene wirkt wie von einem Maler inszeniert. "Wir warten auf Julius", sagt die Frau in der Mitte. Die links neben ihr lächelt still vor sich hin, eine alte Dame mit besten Umgangsformen und Perlenkette, die später leise sagt, dass sie hier eigentlich nicht wohne. Die anderen schweigen.

Worüber soll man reden, wenn man nichts mehr erlebt?

Auftritt Julius. Eine Seniorin eilt gerade noch rechtzeitig mit der Gehhilfe herbei. Alle rufen den Hund und wollen, dass er Hundekuchen von ihren Knien knabbert. In der halben Stunde mit Julius ist der Teufel los im Raum, und es wird viel gelacht.

"Mit Tieren sind beeindruckende Effekte möglich, die man anders nicht erreichen kann", sagt der Berliner Psychiatrieprofessor Hans Gutzmann, der sich mit der Erforschung der Psyche älterer Menschen beschäftigt. An seiner Klinik hatte er zeitweise einen Streichelzoo mit Schafen, Kaninchen und Ziegen eingerichtet. " Patienten, die den Kontakt zur Außenwelt eingestellt haben, fangen im Kontakt mit den Tieren auf einmal wieder an zu lächeln." Der emotionale Zugang funktioniere über das Tasten oder Riechen. Außerdem fördere der Umgang das Selbstwertgefühl kranker Menschen: Jemand, der an Demenz leidet, kontrolliert endlich wieder einmal eine Situation, wenn er einem Tier etwas zu fressen gibt. Das kann viel bedeuten für einen Menschen, der sonst stets auf Unterstützung angewiesen ist. Zur Jung-Stiftung in Hamburg kommen regelmäßig drei Hunde. "Die Hunde schaffen einen Bezug zum Leben", sagt Udo Wunderlich, der ein Heim leitet, das zu den besseren gehört. Aber auch dort sprechen die Bewohner nicht sehr viel. "Worüber sollen sie sich auch unterhalten, wenn sie nichts erleben?", fragt Wunderlich, der versucht, vom Candle Light Dinner bis zum Konzertabend Abwechslung zu bieten.

Was es heißt, etwas zu erleben, wird sehr relativ, wenn man mit Maria Foß zu Ursel Weinand, genannt Uschi, fährt. Frau Foß ist eine liebenswerte Frau Anfang 30, eine Psychologin, die als Marktforscherin arbeitet und in ein paar Wochen ihr erstes Kind bekommen wird. "Ich habe vor drei Jahren eine kleine Sinnkrise gehabt, als ich merkte, dass ich Unternehmen, die viel Geld verdienen, dabei helfe, noch mehr Geld zu verdienen, ohne dass mich das voll ausgefüllt hätte." Also antwortete sie auf eine Anzeige des Vereins Lichtblick und schaut nun regelmäßig bei Frau Weinand vorbei.

Frau Weinand lebt in einer Wohnung, deren Wände sie mit Fotos von Mitgliedern ihrer Familie tapeziert hat. Ihre Familie, das sind Menschen, bei denen sie immer mal wieder für ein paar Wochen lebte in den vergangenen 30 Jahren, ihre Pflegefamilie. Heute sieht sie sie manchmal an Feiertagen, und ein Bruder wohnt ab und an bei ihr, wenn er in Hamburg arbeitet. Auf anderen Fotos ist ihr Hund mit seinem Spielkameraden zu sehen, und in Vitrinen stehen mehrere 100 Kerzen, allesamt Tierfiguren. An diesem Tag hat Frau Foß ihr nachträglich zum 62. Geburtstag einen Bären mitgebracht. Aus seinem Kopf wächst ein Docht.

Frau Weinand spricht etwas verwaschen wegen des Muskelschwundes. Als sie auf die Welt kam, war das eine Zeit, in der man Menschen wie sie in Heime abschob. Frau Weinand hat damals einen starken Willen entwickelt, den man sicher braucht, wenn alle in der Welt denken, man sei nicht gescheit, und wenn man nicht ausdrücken kann, was man Gescheites denkt.

Persönliche Wertschätzung. Die hilft den Besuchten wie den Besuchern Frau Weinand erzählt von den Schwangeren in der Gegend, von einer Freundin, die im Rollstuhl eine Zoohandlung betrieben hat und nun nach einem Schlaganfall alles aufgeben musste. Die Welt von Frau Weinand ist ihr Haus, in dem sie seit 20 Jahren lebt, ein wenig die Gegend drum hemm und ein paar Mal im Jahr Orte, an die sie fährt, um den zweiten Weihnachtsfeiertag bei der Pflegefamilie zu feiern. Alle paar Jahre geht es zum Segeln. In den vergangenen Jahren wurde diese Welt etwas kleiner, seit Frau Weinand nicht mehr laufen kann. Sie besteht aber darauf, allein aus dem Rollstuhl aufzustehen und möglichst alles ohne Hilfe zu machen.

Der Psychiater Gutzmann sagt, dass ein solcher Besuchsdienst Menschen, die allein sind, gesünder mache. Im Gegensatz zur professionellen Zuwendung durch Pfleger erführen sie dort persönliche Wertschätzung. "Sie haben dann etwas, worauf sie sich manchmal eine ganze Woche freuen können", sagt er. Und dass es Studien gebe, dass Menschen, die andere betreuten, sich weniger einsam fühlten als solche, die das nicht tun.

Frau Weinand spricht vom Segeln und von all den Ereignissen, die alle paar Monate passieren oder einmal im Jahr, wie andere Menschen von ihrem Beruf, der sie jeden Tag begleitet. Sie lebt für das Warten auf solche Momente, und danach zehrt sie davon. Die Momente konserviert sie als Fotos an der Wand. Frau Foß und ihr Freund hängen auch schon dort. Frau Weinand wirkt relativ zufrieden mit der Welt, wie sie ist. Sie ist eine starke Frau.

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