Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Warten auf die Zukunft - oder: Gesundheitslotto

Am Anfang gibt es hübsche Prospekte, und was in ihnen steht, ist wunderbar. Wenn Ihr Baby in Zukunft krank wird, kann es geheilt werden. Seine Stammzellen sind konserviert. Aus seinem Nabelschnurblut gewonnen. Klingt gut? Wer die hübschen Werbeprospekte der einen oder anderen privaten Nabelschnurblutbank durchblättert, kann dort Grafiken anschauen, und was da steht, klingt noch besser. Deutschlands Marktführer Vita 34 zum Beispiel: "2013 -2018: Ihr Kind ist 8 bis 13 Jahre alt. Komplizierte Verletzungen oder Unfälle ließen sich bereits mit den eigenen Stammzellen behandeln." Und "2018: Ihr Kind ist 13 Jahre alt. Jugendlicher Diabetes Typ I oder entzündliche Darmerkrankungen könnten mit den Stammzellen behandelt werden." Klingt toll.

Es geht dabei um ein Geschäftsmodell, das viel aussagt über den Kunden im Gesundheitssystem, der das Beste für sich und seine Kinder will. Über gar nicht so eindeutige Positionen, die Fachleute zum Thema Nabelschnurblut haben. Und über die Realität einer Zweiklassenmedizin, die große Teile der Gesellschaft nicht wahrhaben wollen. Denn Gesundheit aus der eigenen Stammzelle kann nicht jeder bezahlen.

Was ist wahr? Nabelschnurblut enthält eine hohe Konzentration an jungen Stammzellen, in die Wissenschaftler große Hoffnungen bei der Therapie von Krankheiten setzen. Aus ihnen entwickeln sich differenzierte Zellen, aus denen sich Organe, Nerven und der Rest unseres Körpers formen. Interessierte Eltern werden in einschlägigen Zeitschriften zur pränatalen Sinnstiftung schnell auf die Anzeigen privater Unternehmen wie Vita 34 in Leipzig oder Eticur bei München stoßen, die Nabelschnurblut-Konserven nach der Geburt eines Kindes speziell für dieses Kind einlagern. Bei Vita 34 kosten die ersten 20 Jahre eine Grundgebühr von 1950 Euro und pro Lebensjahr 30 Euro. Bei Bedarf sollen die Präparate aufgetaut und dem Kind die eigenen Stammzellen transplantiert werden. Dieses Verfahren nennt man autologe Transplantation.

Die wunderbare Welt der Stammzellen-Therapie steckt voller Konjunktive Doch nach dem Blick aufs Konto und dem Entschluss, es dem Kind an nichts fehlen zu lassen, kommt der erste Störenfried daher: ein Hinweis auf öffentliche Nabelschnurblut-Banken. Die nehmen die Präparate als Spenden an und verteilen sie an andere Menschen, die krank sind und das Präparat brauchen. Werden einem Menschen fremde Stammzellen transplantiert, so nennt man das Verfahren allogen. Spätestens hier wird die Entscheidung für die Eltern eine schwere Geburt. Denn nun ist die Frage da: autolog oder allogen?

Beispiel Leukämie. Schon heute verwenden Ärzte aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen, um Knochenmarktransplantationen nach einer Chemotherapie zu ersetzen. Ulrich Martin, Stammzellforscher und Professor an den Leibniz Forschungslaboratorien für Biotechnologie und künstliche Organe in Hannover, sagt, hier sei eine Therapie mit eigenen Stammzellen, also das autologe Modell, meist wenig hilfreich, weil die Krankheit schon im Blut angelegt sein könnte. Eine geeignete Fremdspende aus einer öffentlichen Bank sei sinnvoller.

Beispiel Organzüchtung. Befürworter der privaten Lagerung wie der Vorstandsvorsitzende der privaten Nabelschnurblut-Bank Vita 34, Eberhard Lampeter, argumentieren: Falls es möglich sein sollte, Organe zu züchten, wären eigene Spenden, also die autologe Variante, immer besser, weil der Körper diese nicht abstoße. Gleiches gelte für andere Stammzelltherapien, die allerdings noch in der Erforschung steckten.

"Dass es bisher kaum Fälle von Therapien mit eigenen Stammzellen gibt, liegt auch daran, dass erst seit wenigen Jahren eingelagert wird und die entsprechenden Erkrankungen erst später auftreten", sagt Susanne Engel-Hömke, Kommunikationschefin von Vita 34. Das alles spricht also für Lampeter: Geld bezahlen für die Chance, dass bald Organe gezüchtet werden können. Alles klingt so, als seien die Nabelschnurblut-Zellen die einzige Möglichkeit.

Doch ein Gespräch mit Professor Anthony Ho, Stammzellen-Forscher an der Universität Heidelberg, führt zu schneller Ernüchterung. Bald Organe züchten? Da können Jahrzehnte vergehen, sagt er. Und wenn es so weit sein wird, dann erwartet Ho nicht, dass die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut der Schlüssel sein werden. Ähnlich sieht das der Stammzellen-Forscher Ulrich Martin: "Ich persönlich glaube, dass uns mittelfristig andere Zellquellen zur Verfügung stehen." So gebe es erste Erfolge dabei, adulte Stammzellen in einen embryonalen Zustand zu bringen. Gerade wartet er auf die Veröffentlichung seiner Abteilung zu einer Herzklappentransplantation, die seinem Team gelungen ist - nötige Zellen hat sie mit endothelen Vorläuferzellen aus dem Blut des behandelten Kindes gewonnen. Allerdings stehe die klinische Anwendung am Anfang.

Martin ist skeptisch, was den Markt der privaten Nabelschnurblutbanken anbelangt: "Bei den Firmen stehen kommerzielle Aspekte im Vordergrund." Unklar sei auch, ob das eingelagerte Blut nach 20 Jahren Kühltank noch wirksam ist.

Andererseits: Können 35 000 Elternpaare irren? So viele Präparate lagern nämlich in den Kühltanks von Vita 34, das in Leipzig in einem modernen Glasbau residiert. Weltweit sind es Schätzungen zufolge zwischen einer und anderthalb Millionen.

Wenn Zeitungen und Wissenschaftler unken, ihr Unternehmen spiele mit der Angst der Eltern, dann ärgert das Kommunikationschefin Engel-Hömke. Gleichwohl regieren auf den Prospekten und Internetseiten emotionale Superlative: lachende Babys und schöne runde Frauenbäuche. Am Tag gehen gut 200 Anfragen von Eltern ein, die ihren Kindern die Zukunft nicht verbauen wollen. Und auch bei einem Gang mit Susanne Engel-Hömke über die Flure zwischen den Verwaltungsräumen wird deutlich, dass der Kampf um Eltern nicht nur mit wissenschaftlicher Information ausgefochten wird: "Die haben Susan Stahnke", sagt Engel-Hömke einmal, als sie von einem Konkurrenzunternehmen spricht, das den Beinahe-Hollywood-Star abgenabelt hat. Neulich konnte Vita 34 beinahe ein Popsternchen für sich als Testimonial ins mediale Getümmel schicken - allerdings fand die Plattenfirma das blutige Geschäft nicht so gut und intervenierte. Auch das spanische Königshaus ist schon vom Markt: Die haben den blaublütigen Nabelschnurinhalt leider nach Übersee verschifft. Dennoch habe die Aktion dem wichtigen Thema Öffentlichkeit gegeben, sagt Engel-Hömke, die ihre Botschaften gern in Frauen- und Elternzeitschriften liest.

Vor ein paar Monaten vermeldete das Unternehmen: " Erstmals erfolgreich Nabelschnurblut von Vita 34 eingesetzt." Und Bild.de setzte nach: "Mein kleiner Bruder rettete mir das Leben." Der Junge litt an schwerer aplastischer Anämie. Das Knochenmark - die Blutfabrik des Körpers - versagt bei dieser Krankheit, und das Immunsystem funktioniert nicht mehr. Die Arzte suchten weltweit erfolglos in Datenbanken nach einem Spender. Als die Mutter des Jungen schwanger wurde, konnte dem kranken Kind ein Gemisch aus den Stammzellen des Nabelschnurbluts und dem Knochenmark des Bruders injiziert werden, nachdem eine Chemotherapie das kranke Immunsystem zerstört hatte.

Also doch! Promis lagern ein. Ein krankes Kind wurde geheilt. Das muss gut sein! Aber auch hier ist die Sache nicht so einfach: Für ein bereits krankes Geschwisterkind versenken auch öffentliche Nabelschnurblut-Banken wie die in Düsseldorf das Präparat kostenlos in Flüssigstickstoff, wenn ein Brüderchen oder Schwesterchen auf die Welt kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Transplantation wie in diesem Fall bei Geschwistern möglich sei, liege bei 25 Prozent, sagt der Heidelberger Professor Ho. Ganz zu schweigen von der Wahrscheinlichkeit, an einer Erkrankung zu leiden, die mittels autologer Transplantation zu heilen wäre: Ho schätzt sie auf geringer als 1:80 000. "Nabelschnurblut für das eigene Kind zur autologen Transplantation einzulagern, das lohnt sich überhaupt nicht", sagt er.

Im Prinzip kaufen Eltern mit dem Platz im Kühltank ein Spekulationsobjekt Es ist fraglich, ob werdende Eltern angesichts der von "Bild" dazu gelieferten Fotos von sich umarmenden Brüderchen in statistischen Kategorien denken. Oder so wie Sachverständige, die im Auftrag der Europäischen Kommission im März 2004 in einer Studie zu dem Ergebnis kommen: "Indikationen, um Nabelschnurblut bei der Geburt für künftige Eigenspenden einzulagern, existieren derzeit nahezu keine." Die Bundesärztekammer wird in ihren Richtlinien noch deutlicher: Nabelschnurblut für den künftigen Eigenverbrauch einzulagern sei "zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht notwendig".

Professor Gesine Kögler, Leiterin der Düsseldorfer José Carreras Stammzellbank, hält auch nicht viel von der privaten Konkurrenz: "Weltweit lagern mehr als 1,5 Millionen Nabelschnurblut-Präparate in privaten Banken. Dabei gibt es gerade einmal 20 bekannte Fälle, in denen sie genutzt wurden, um sie dem Spender selbst zu injizieren." Dass die Werbebroschüren der privaten Banken manchmal anders ankommen, merkt sie, wenn Eltern anrufen, die verzweifelt sind, weil ihr Kind an Diabetes erkrankt ist und das eigene Nabelschnurblut nicht hilft. Das Verkaufsargument beruht eben nur auf der Möglichkeit, dass es Heilung geben könnte. Das ist noch lange keine Garantie.

Köglers Stammzellbank ist an das Netcord-Projekt angeschlossen. Auf dessen Datenbank, in der bis März 109 771 Spenden registriert waren, von denen 4240 transplantiert wurden, können Arzte auf der ganzen Welt zugreifen. Einer von ihnen ist Karl-Walter Sykora, Oberarzt am Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Hannover. Wenn er keine andere Therapiemöglichkeit für ein Kind sieht, das er behandelt, greift er auf die Präparate zurück, meistens arbeitet er aber weiterhin mit Knochenmarktransplantationen. Er plädiert wie Martin und Ho dafür, das Blut, zumal ob der geringen Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich gebraucht wird, an öffentliche Nabelschnurblut-Banken zu spenden.

Der Gynäkologe Volker Jacobs, der an der Technischen Universität München an einem Stammzellforschungsprojekt beteiligt ist, kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass es in den Jahren 1993 bis 2004 erst zu 52 Anwendungen aus privaten Quellen kam, darunter auch Transplantationen an Verwandte des Spenders. Mit Sicherheit erfolgreich verliefen der Studie zufolge 34 Fälle - langfristig lässt sich noch nichts sagen. Jacobs, der in der Vergangenheit kleinere Aufträge von Vita 34 angenommen hat, sagt, es gebe definitiv Anwendungen von aus privat eingelagertem Nabelschnurblut gewonnenen Zellen. Er hofft auf Fortschritte der regenerativen Medizin: "Jeder muss für sich selbst beantworten, ob er dafür eine langfristige Vorsorge betreiben will." Gleichwohl spricht auch er von geringen Chancen und Vielleicht-Möglichkeiten.

Im Prinzip kaufen Eltern mit dem Platz im Kühltank ein Spekulationsobjekt, so etwas wie eine Option an der Börse: Die Käufer erwerben das Recht auf etwas, von dem kein Mensch weiß, ob dieses Recht später etwas wert ist. Vielleicht kann ein Kind gerettet werden. Vielleicht kommen neue Organe dabei heraus. Vielleicht gar nichts. Oder es ist so, wie Professor Ulrich Martin es erwartet: dass es andere und bessere Quellen für Stammzellen geben wird. Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, weil nicht einmal die Doktoren und Professoren wissen, was kommt.

Doch während eine so vage Option an der Börse nicht allzu viele Spekulanten für sich gewinnen könnte - wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, glaubt jeder gem. Und bezahlt für eine Option, von der werdende Eltern hoffen, dass sie sie nie ziehen müssen.

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