Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Schöner sterben

Frau Bormann und Frau Fischer warten auf den Tod. Frau Fischer ist 84 Jahre alt, eine schöne alte Dame mit stahlblauen Mädchenaugen, die leuchten, wenn sie anderen Menschen in die Augen sieht. Frau Fischer hat ihren Frieden mit dem Leben gemacht und mit dem Tod auch.

Frau Bormann will ihm trotzen, dem Tod, und ihm sagen, dass sie das Leben noch braucht und das Leben sie, dass zu Hause ein Mann und zwei Kinder warten, dass sie sich um den Acker kümmern will, den sie ein Jahr zuvor zum ersten Mal bestellt hat mit Kartoffeln, Erbsen, Porree und Erdbeeren, nach 20 Jahren mit dem Krebs in ihrem Körper. Frau Bormann hat ihn schon mehrere Male besiegt. Früher haben ihr die Ärzte noch geholfen. Sie will ihm noch einmal trotzen, nun eben ohne Ärzte, aber mit den Sternen und dem Glauben an etwas, das größer ist als die Welt, in der wir leben. Sie ist 52 Jahre alt.

Frau Bormann und Frau Fischer sind Gäste im Elisabeth-Hospiz in Lohmar in der Nähe von Bonn. Hospize sind Orte für Menschen, denen die Ärzte sagen, dass sie nichts mehr für sie tun können, dass sie noch ein paar Tage, vielleicht Wochen zu leben haben. Es geht in einem Hospiz um einen besonderen Geist, es geht darum, todkranken Menschen auf ihrem letzten Weg ein Leben zu ermöglichen, das nicht in einem Krankenhaus stattfindet, umgeben von piepsenden Apparaten, die Signale in den Himmel funken, wie zum Zeichen, dass man noch da ist.

Was es auf sich hat mit diesem Geist und dem Versuch, ihn im deutschen Gesundheitswesen zu etablieren, erzählt Joseph Brombach, der das Elisabeth-Hospiz gegründet hat und bis 1970 katholischer Pfarrer war. Später studierte er Sozialwissenschaften, beteiligte sich an den damals obwaltenden studentischen Umtrieben, lernte seine heutige Frau Sybilla kennen und lieben und arbeitete fortan als Psychotherapeut. Brombach ist ein kleiner Mann mit grauem, im Wind zitterndem Haar, 70 Jahre alt, ginge aber auch als flotter Anfang-Sechziger durch. Um das Hospizwesen zu verstehen, lauscht man am besten seiner Geschichte des Elisabeth-Hauses, in dem er auch seine Privatwohnung hat.

Die Geschichte fing an, als Brombachs Mutter starb. Sie bat den Sohn darum, das zu Hause im Kreise der Familie tun zu dürfen. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, auf dem sich der Enkel in ihrem Bett an die kranke Oma kuschelt. Die Oma sieht glücklich aus darauf. In dieser Zeit kam regelmäßig die Landärztin Elisabeth Kuhl vorbei. Sie sagte damals, so wolle sie ihre letzten Tage auch erleben. Damals, das war 1983, wusste sie noch nicht, dass sie zwei Jahre später an einem Tumor sterben würde. In ihren letzten Wochen nahm Familie Brombach auch die kranke Ärztin auf wie zwei Jahre zuvor die Mutter.

Auf dem Sterbebett bat Elisabeth die Brombachs, die Idee zu bewahren. "Damals", sagt Joseph Brombach heute, "wussten wir nicht einmal, wie man das Wort Hospiz buchstabiert." Weil aber der Auftrag da war und Brombach die Idee gut fand, suchte er Mitstreiter und baute einen ambulanten Dienst auf, gut 30 Menschen, die Todkranke zu Hause besuchten. 1989 kaufte der gegründete Förderverein ein Haus und baute es zum ersten Hospiz in Deutschland um, das nicht in ein Krankenhaus integriert war. Sie benannten es nach der verstorbenen Ärztin.

"Es geht um ein Bewusstsein bei den Schwestern und Mitarbeitern: Da kommt nicht ein neuer Pflegefall, sondern da kommt ein neuer Schatz. Jeder Mensch birgt diesen Schatz: Charme, Witz, Erfahrung, Macken. Die Kranken verändern ihr Verhalten durch diese Wertschätzung, ihr Lebensgefühl verändert sich", sagt Brombach. Entscheidend sei in dieser Zeit, in der Palliativmediziner versuchen, den Patienten das Leiden zu erleichtern, weil sie nichts mehr heilen können, nicht die große Philosophie, die Fragen: Wo komme ich her, und wo gehe ich hin? Die entscheidenden Fragen seien: Wo bin ich jetzt? Wie spüre ich das? Spüren ist so ein Wort, das Brombach oft sagt.

Das Gemochtwerden soll für die Gäste bei der Begrüßung an der Tür beginnen, und wenn es heißt zu gehen, soll auch jemand da sein, der mit dem Kranken lacht und weint. "Das Waschen beispielsweise soll ja kein Reinigungsvorgang sein, sondern eine intime Begegnung wie auch das Eincremen. Die Mitarbeiter hier haben Zeit, um sich mit den Patienten zu beschäftigen", sagt Brombach. "Mit den Gästen", korrigiert er schnell, wenn er seine Mitbewohner aus Versehen Patienten nennt.

Die meisten Türen im Elisabeth-Hospiz sind so breit, dass man die Betten in den Garten rollen kann. Es werden viele Feste gefeiert. Manche Gäste ziehen sich dann auch zurück. Aber für die meisten ist dabei sein alles.

Wer im Elisabeth-Hospiz zu Besuch ist, hört immer wieder Menschen, die lachen, nicht die schreiende, beklemmende Stille von Krankenhausfluren. Es gibt Zimmer für die Angehörigen, damit sie über Nacht bleiben können. Die Menschen, die hier im Hospiz arbeiten, sehen es auch als ihre Aufgabe, sich um die Angehörigen zu kümmern.

Da ist zum Beispiel diese Frau Ende 50, die still am Tisch im Gemeinschaffsraum neben der Küche ihr Essen zu sich nimmt. Irgendwann spricht Brombach sie an. Es ist ein sehr stiller Anfang, als wolle er tasten, um zu sehen, was passiert. Besuchen Sie jemanden? Ja, meinen Mann. Pause. Ich habe ihn heute gebracht. Pause. Die Frau sagt etwas von Tumor, isst einen Bissen, sagt etwas von Kalzium und Knochen und Krebs. Sie spricht nicht viel und berichtet doch von einer Zukunft, die nun eine andere ist. Sie hatte Altersteilzeit beantragt. Die hat sie nun rückgängig gemacht, seit sie im Februar erfahren hat, wie es um ihren Mann steht. Heute also Hospiz. Sie wirkt ein wenig wie unter Schock und auch ein wenig bitter. "Das haben wir uns anders vorgestellt", sagt sie und dass er sich weigere zu essen, dass er wie ein kleines Kind die Lippen aufeinander presse, wenn sie ihn füttern wolle. Dann steht sie auf, um zu schauen, ob er aufgewacht ist.

Mifühlen, nicht mitleiden "Das ist für viele Angehörige schwierig, wenn sich der Kranke mental verändert", sagt Brombach. Im Flur liegt ein Gästebuch, in dem sich Angehörige für das letzte gemeinsame Zuhause bedanken, dass ihnen und ihren sterbenden Freunden, Eltern und Partnern die Brombachs mit ihren Mitarbeitern gegeben haben. Sie schreiben wirklich von einem Zuhause. "Manchmal verlangt das Engagement für die Angehörigen mehr Zeit als für die Kranken. Die Kranken haben Schritte schon oft getan, die die Angehörigen noch mühsam lernen müssen." Natürlich kostet es Geld, so zu sterben wie in Lohmar. Geld, das ein normales Altenheim nicht hat. "Wir haben unabhängig von Wohlfahrtsmultis etwas geschaffen und dann erst um öffentliche Förderung gekämpft, die Finanzierung über Pflege- und Krankenkassen gab es damals noch nicht", sagt Johannes Brombach, der die Leitung des Hospizes mit 16 Einzelzimmern und 40 Mitstreitern vergangenen Monat abgegeben hat. Brombach ist ein wenig stolz darauf, auch darauf, dass er mit der Arbeitsgemeinschaft Hospize als einer der Ersten mit den entsprechenden Ministern verhandelte, damit die Sozialversicherungen die Kosten übernehmen. Mitte der neunziger Jahre ist das gelungen, auch wenn das Elisabeth-Hospiz jedes Jahr bis zu 250 000 Euro an Spenden sammeln muss, um die Mitarbeiter zu bezahlen.

Spätestens seit das Hospizwesen um Gelder aus den öffentlichen Gesundheitstöpfen konkurriert, ist die Bewegung aus der kleinen Intensivstation in Brombachs Wohnung in der Welt der organisierten Interessen angekommen. Und in der Welt der Zahlen. Ein Tag auf der Palliativstation im Krankenhaus kostet nach den Berechnungen der Patientenvertreter der Deutschen Hospizstiftung im Durchschnitt 400 Euro. Ein Tag im Hospiz kostet zwischen 200 und 250 Euro plus der ambulanten Versorgung durch einen Arzt - insgesamt weniger als im Krankenhaus. Zehn Prozent der Kosten müssen die Hospize und Patienten jeweils selbst aufbringen.

Bei Brombachs Abschiedsfeier als Leiter des Hospizes spricht Eugen Brysch, der Geschäftsführer der Deutschen Hospizstiftung. "Wir sind noch lange kein zentraler Bestandteil des Gesundheitswesens", sagt er vor gut 200 Gästen. Es geht in seinem Vortrag darum, dass in Deutschland Palliativmedizin und Hospizwesen zu wenig gefördert werden. Es geht um die Frage der aktiven Sterbehilfe, die kein Ausweg sei - es gelte, die Hospizbewegung und die Palliativmedizin zu unterstützen. Nur so seien sterbende Menschen auch wirklich die autonomen Patienten, welche die Befürworter der Sterbehilfe postulierten. Es geht um Bundes- und Landespolitik, um Moral und Geld. Und um einen Platz im deutschen Gesundheitswesen, in dem sich Lobbyisten eingerichtet haben wie sonst kaum wo in der deutschen Politik. Im Saal sitzen Menschen, die Angehörige im Hospiz haben sterben sehen, Ehrenamtliche und Angestellte. Ein Heimspiel für Brysch. Sie klatschen.

"Natürlich geht es um Macht und Einfluss", sagt Brysch, wenn man ihn anruft. "Das ist ein Markt. Sie konkurrieren mit Krankenhausmanagern, die am nächsten Tag einen Automobilkonzern lenken könnten. Unsere Aufgabe ist es, für die Patienten zu kämpfen. Denn der Patient ist schwach in diesem System." Eng verknüpft mit dem Hospizwesen ist das Ehrenamt. Zwischen 60 000 und 80 000 Menschen engagieren sich bundesweit in Hospizen. Sie gehen mit den Patienten spazieren, sprechen mit ihnen, pflegen sie und sind einfach für sie da. Einer von ihnen ist Karsten Fischer. 35 Jahre alt, ehedem Straßenbaumeister, Bauleiter, verheiratet. Die Liste lässt sich weiterführen: Frührentner, an multipler Sklerose erkrankt, Witwer. Und man könnte meinen, dass er ein Mann ist, mit dem es das Schicksal nicht gut gemeint hat. Er sieht das nicht ganz so dramatisch, das Sprechen über große Emotionen ist nicht Fischers Sache.

Ende 2003 starb seine Frau an einem Tumor. Da war sie 31 Jahre alt. Fischer leidet seit sechs Jahren an multipler Sklerose und ist seit fünf Jahren in Rente. Er hat vor dem Tod seiner Frau mit den Ärzten gesprochen, ein Pflege-Bett organisiert und sie in den letzten Wochen nach Hause genommen. "Wenn man eine chronische Krankheit hat, muss man das akzeptieren. So war meine multiple Sklerose auch ein Glücksfall, weil wir bei meiner Frau dann wussten, damit umzugehen." Er sagt wirklich Glücksfall. Und dass er sich statt eines Ehrenamtes auch in der Tankstelle hinter die Kasse stellen könne für ein paar Euro mehr. Aber Fischer meint, es sei falsch, das, was er bei seiner Frau gelernt hat, "verdampfen zu lassen. Die Menschen, die hier kommen, die leben ja, sie sind nicht tot".

Nun kommt Fischer zweimal die Woche ins Hospiz, um ehrenamtlich Kranke zu pflegen und Tote zu waschen. Er wahre schon auch Distanz, sagt Fischer und dass es nach dem Tod eines Gastes weitergehe. "Mich kann nicht mehr viel schocken." Es ist die nüchterne Variante der Haltung, die Brombach seinen Mitarbeitern empfiehlt: "mitfühlen, nicht mitleiden".

Hinter dem Haus lässt die Sonne die roten Fische unten im Teich leuchten, sodass Frau Fischer sie vom Balkon aus sehen kann. Frau Bormann muss sich sehr anstrengen. Die Metastasen haben den ersten und den zweiten Wirbel aufgefressen. Der Kopf muss ruhen. Vor einem Jahr noch bestieg sie den Sinai, der Fahrer wich auf dem Weg zum Berg den Schlaglöchern aus, weil die Wirbel schon nicht mehr stabil waren. Sie ging in diesem Urlaub tauchen, mit Brille und Schnorchel, und hat Korallen gesehen. Frau Bormann muss weinen, wenn sie davon erzählt, und lacht dann wieder, wenn Frau Fischer ihre Hand streichelt. Beide beginnen fast alle ihre Sätze, indem sie sich mit ihren Namen ansprechen.

"Frau Bormann, ich hab' gelebt. Aber Frau Bormann, Sie sind so jung." Frau Fischer streichelt die Hand von Frau Bormann. Die hält den Kopf gerade und dreht die Augen weit nach rechts, um Frau Fischer sehen zu können: "Frau Fischer, Sie haben so schöne, strahlende Augen." - "Die Nacht wird wieder lang, Frau Bormann." Und Frau Bormann sagt: "Ja, ich starre sicher immer wieder auf die Uhr. Sicher viermal. Ein Uhr. Zwei Uhr. Drei Uhr. Fünf Uhr." Frau Bormann lacht ein wenig. Frau Fischer auch. So, wie Menschen lachen, die nicht weinen wollen.

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