Ausgabe 06/2006 - Was Wirtschaft treibt

Olkiluoto 3m

Am Ufer stehen Kiefern und Birken, vom Raureif gezuckert wie in einem Wintermärchen. Schilfgras leuchtet in der Mittagssonne. Ein silbriger Glanz über dem bottnischen Meerbusen. Einige 100 Meter daneben knirschen haushohe Lastwagen über Schotter und Schnee.

Da ist ein wuchtiger grauer Kessel, breit, lang und tief wie ein Schwimmbad. Da sind gewaltige blutrote Kräne, die ihre stählernen Arme in den strahlend blauen Himmel recken. Dazwischen mit Plastik verspannte Gerüste, Schluchten im gefrorenen Boden mit einem halben Dutzend moosgrüner Rohre, durch die man spielend aufrecht gehen könnte. "Alles ist größer hier", sagt Mikko Winter, "das Material, die Dimensionen, die Verantwortung." Mikko Winter ist Ingenieur bei Teollisuuden Voima Oy (TVO). Seine bislang größte Baustelle war ein Heizkraftwerk in Schottland. Kein Vergleich. Winter geht voran, vorbei an Bauzäunen, hinein in eine Halle. Dort deutet er auf ein sechs Meter dickes Betonfundament, das umwuchert wird von einem Dickicht aus meterhohen Eisenstangen. Winter: "Das ist das Herz der Nuklearinsel, wenngleich man schon Fantasie braucht, um sich das vorzustellen." So man sich das überhaupt vorstellen kann: 1000 Tonnen verbautes Material, eine 50 Meter hohe, zwei Meter dicke Kuppel aus Stahl und Beton über einem Reaktor mit 128 Tonnen Uran im Kern, deren Glut 290 Grad heißen Wasserdampf erzeugen, bei 154 Bar Turbinen antreiben und jährlich 1600 Megawatt Strom produzieren soll.

Olkiluoto 3. Neben den benachbarten Zwillingsklötzen Olkiluoto 1 und 2, die schon seit langem Atomstrom erzeugen, entsteht auf der gleichnamigen Halbinsel im Südwesten Finnlands das leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt. Und weil es das erste in der EU seit 16 Jahren ist, hat es international für Aufsehen gesorgt. Die "New York Times" titelte: "Finnland führt den Westen zurück zur Atomkraft." Großbritannien, die Schweiz, die USA und andere prüfen einen Wiedereinstieg. In Russland und Asien ist die Entscheidung gefallen. Indien, China und Taiwan bauen elf Kernkraftwerke. Südkorea plant nach Angaben der IAEA acht Atommeiler. Die Londoner Tageszeitung "The Observer" kommentierte: "Wenn man ein Atomprogramm haben will, dann zeigt Olkiluoto 3, wie es praktiziert werden sollte." Wem die Fantasie dafür fehlt, dem wird in Sichtweite der Baustelle geholfen. Im Besucherzentrum von TVO steht ein buntes Modell des Reaktors unter einer Glaskuppel, nebenan flimmert eine Animation über einen Bildschirm. Im Zeitraffer wächst Olkiluoto 3 (OL3) dort zu einer formschönen, imposanten Kathedrale des Fortschritts. In ihr fliegen, pulsieren und oszillieren Strahlen, glühen Leitungen, rasen Turbinen. Ulrich Giese von Framatome ANP, verantwortlich für die Koordination der Bauarbeiten, spricht von revolutionärer Technik, die der Evolutionary Pressurized Water Reactor (EPR) darstelle. Martin Landtmann, Senior Vice President bei TVO, spricht von gigantischen Mengen sauberer, billiger Energie, 2,5 Cent pro Kilowattstunde, halb so teuer wie bei Kohle, Holz, Wind, Wasser oder sogar Gas: "Die Menschen hier warten darauf, dass dieser Reaktor ans Netz geht." Framatome ANP ist ein Joint Venture des französischen Konzerns Areva, Marktführer in der Atombranche mit zehn Milliarden Euro Umsatz jährlich, und der Siemens AG. TVO hat das Projekt Framatome ANP zum Fixpreis von 3,2 Milliarden Euro übertragen. Finanziert wird es zu 25 Prozent von sechs Anteilseignem der TVO, allesamt finnische Unternehmen der Energie- und Holzindustrie, einem Kredit über 1,95 Milliarden Euro durch ein internationales Bankenkonsortium, das angeführt wird von der Bayerischen Landesbank, sowie 610 Millionen Euro Exportkredit der französischen Regierung. 2009 soll der Reaktor ans Netz gehen und 60 Jahre in Betrieb bleiben - fast doppelt so lange wie herkömmliche Druckwasserreaktoren.

Es habe, sagt Landtmann während eines Votrags im Auditorium des Besucherzentrums, "einen gesunden Wettbewerb gegeben, wir sind sehr zufrieden mit dem Paket, das wir schnüren konnten".

Das neue Atomkraftwerk soll super sicher sein. Und sogar dem Aufprall eines A-380 standhalten Nachher beim Mittagessen. Es gibt Suppe, Fisch, Kartoffeln und Gemüse. Landtmann, ein jovialer schlanker Herr, referiert weiter in ruhigem, sachlichem Ton, wiederholt sich bisweilen. Es sind ja überzeugende Argumente. OL3 werde den Anteil der Kernenergie an der finnischen Stromproduktion von 26 auf 37 Prozent steigern. Die Anlage sei so konstruiert, dass sie selbst eine Kernschmelze auffangen könne. Auch einer terroristischen Attacke, etwa dem Aufprall eines voll getankten Airbus A-380 könne sie standhalten. Dann kommt der Kaffee, dazu glasiertes Schokoladenkonfekt, das aussieht wie Kieselsteine.

Draußen vor dem Fenster thronen OL1 und OL2 im Nordlicht. Keine Fragen mehr? Doch. Was ist mit den Problemen, über die die finnischen Medien zuletzt berichteten? Giese wirkt etwas indigniert und sagt: "Wir haben es hier mit einer Technik zu tun, bei der man nicht einfach einen Knopf drücken kann, und dann ist es getan." Auf Seiten der Presse hatte man sich gewundert und unangenehme Fragen zu merkwürdigen Fakten gestellt: Außer ein paar Lastwagen bewegte sich lange wenig auf der Baustelle; nur im Herz der Reaktorinsel polierten ein Dutzend Arbeiter mit eigenartigen Maschinen den Beton. Grundsteinlegung für OL3 war im September 2005, sieben Monate später lagen sie sechs Monate hinter dem Zeitplan, möglicherweise mehr. Zunächst war der Beton des Reaktorfundaments porös. Dann bestand der in Japan entstehende Reaktorkessel mehrere Tests nicht. Undichte Schweißnähte. Schließlich rügte das finnische Strahlenschutzamt Stuk die Bauherren, einige ihrer Subunternehmer verstünden "die Qualität nicht, die ein Reaktorprojekt notwendig macht". Zuletzt kamen auch noch Diskussionen auf über die noch ungelöste Frage der Endlagerung des Atommülls, für den auf Olkiluoto ein unterirdisches Depot entstehen soll. Bis heute jedoch weiß niemand, wo genau und wann. Und vor allem, ob die Gesteinsformationen auf Olkiluoto dafür geeignet sind.

Viele Fragen, ungenügende Antworten. Warum hat TVO das Dilemma mit dem porösen Beton Stuk sechs Monate verschwiegen? Und wie ist der Bericht von Large & Associates, einem unabhängigen Berater der Atomindustrie, zu werten, der Stuk unterstellte, nicht die Kapazitäten zu besitzen, um ein Projekt der Dimension von OL3 beaufsichtigen und kontrollieren zu können? Das Betonfundament etwa wurde bei einem Besichtigungstermin abgesegnet. Augenschein statt Materialproben, Annahme statt Analyse. Und überhaupt: Wie lässt sich der Aufprall eines Passagierjets testen? Landtmann: "Da gibt es Methoden." Welche, muss geheim bleiben. Large & Associates monierten jedenfalls die Dauer des Genehmigungsverfahrens von nur einem Jahr und die Bauzeit von fünf Jahren. In den Vereinigten Staaten etwa werden dafür drei respektive sieben bis acht Jahre veranschlagt. Fazit: Stuk hätte unter diesen Umständen keine Baugenehmigung erteilen dürfen.

Die Sache mit dem finnischen Kernkraftwerk kommt etwas ungünstig - zum 20. Tschernobyl-Jahrestag Es sind für TVO und seine Partner die falschen Debatten zum ungünstigsten Zeitpunkt. Seit Beginn des Jahres beschäftigte sich die Journaille ausgiebig mit einem tragischen Jahrestag. Am 26. April 1986 um 1.23 Uhr kam es bei Sicherheitstests in Block 4 des Tschernobylskaja Atomnaja Elektrostanziya zu einem Turbinenstillstand. Kühlwasserzufluss eingeschränkt. Hitzestau. Innerhalb von Sekunden potenziert sich die Leistung des Meilers. Bei der Explosion zerbirst die 1000 Tonnen schwere Decke des Reaktors.

Das Thema legte sich jüngst über die Medien wie die radioaktive Wolke seinerzeit über Europa. Statistiken von Toten und Erkrankten. Bilder von krebskranken Kindern. Augenzeugenberichte, Analysen, Kommentare. Fakten, Fakten, Fakten. 25 Quadratkilometer Erdreich kontaminiert, 944 Orte und Dörfer evakuiert, 660 000 Menschen wurden für Aufräum- und Säuberungsarbeiten eingesetzt. Immer wieder dasselbe dramatische Szenario. Auch die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch kam zu Wort, die in ihrem Buch "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft" schreibt, Tschernobyl sei das "wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts, ungeachtet der schrecklichen Kriege und Revolutionen, die man einst mit diesem Jahrhundert verbinden wird ..." Wer nach Tschernobyl zum Sarkophag fährt, durch Heide und Moorlandschaft, abgeholzte oder verdorrte Wälder, fühlt sich wie in einer Mischung aus düsterem Film und schlechtem Traum. Erstorbenes Leben. Geschundene Natur. Im Sarkophag, der mit dem Gerippe seiner Stützpfeiler aussieht wie ein seltsames, monströses Tier, lagern noch 20 Tonnen Brennstoff, deren Strahlung durch die marode Konstruktion entweicht. Tschernobyl mag den Zerfall des Sowjetimperiums eingeleitet haben, es hat aber vor allem die Atomenergie zu einem hochgradig emotionalen Thema gemacht.

Wenn man Landtmann auf Tschernobyl anspricht, wirkt er erst recht indigniert und sagt: "So etwas könne mit westlicher Technik nicht passieren." Dass in Finnland auch zwei Reaktoren mit russischer Technik stehen, erwähnt er nicht. Wenn man anmerkt, selbst in westlichen Kernkraftwerken habe es dramatische Störfälle gegeben, in deutschen Anlagen werden fast jeden zweiten Tag meldepflichtige Vorfälle registriert, sagt Christian Wilson, Pressereferent bei Framatome ANP: "Wir gehen rational mit dem Thema um, im Prinzip ist das wie bei einem Großflughafen: Alle wollen ihn nutzen, aber keiner will ihn in der Nachbarschaft haben." Kann man einen Großflughafen mit einem Gebäude vergleichen, in dem Isotope entstehen, die Halbwertzeiten von bis zu 24000 Jahren haben und durch die etwa in Tschernobyl tausende von Menschen starben? Wilson: " Warum spricht man nur über uns und nicht über die Bergleute in China, die für Energie sterben?" "Atomenergie ist die einzige Kraft, die keine Treibhausgase freisetzt, fossile Brennstoffe effizient ersetzen und den globalen Bedarf befriedigen kann." Das sagt Patrick Moore, einst Gründer von Greenpeace und jetzt Chef der Organisation Greenspirit. Vor dem Hintergrund eines konstant steigenden Energieverbrauchs, explodierender Rohstoffpreise und beängstigenden Folgen des Klimawandels ist die Diskussion um Kernkraft durchaus nahe liegend. Gibt es eine Lösung ohne Kernenergie? Moore glaubt nein.

Als TVO im November 2000 im finnischen Parlament einen Antrag für den Bau eines Kernkraftwerks einbrachte, dem fünften des Landes, bestimmte nicht mehr Tschernobyl die Debatte. Das Land hat kein Öl, keine Kohle, die Sonne scheint selten, der Wind weht nur im Sommer, für Wasserkraft ist die Landschaft meist zu flach. Der Strom kommt daher überwiegend aus Schweden und Russland. Finnlands Industrie braucht viel Strom. Neben Schwermetallen dominiert die Holzverarbeitung, 18 Prozent der Arbeitsplätze hängen davon ab - so viele wie in Deutschland von Autos und Elektronik zusammen. Die Wirtschaft fürchtete um ihren Standort im globalen Wettbewerb. Die Bevölkerung fürchtet sich von jeher vor Dunkelheit und Kälte.

Die Entscheidung fiel im Januar 2002. Die Bevölkerung war gespalten, obwohl die Medien sich beinahe geschlossen für OL3 stark gemacht hatten. Auch das Parlament zerfiel in etwa zwei gleich starke Lager. Das Ergebnis der Abstimmung: 107 Abgeordnete dafür, 92 dagegen. Die Befürworter ließen sich letztlich davon überzeugen, dass TVO bis zu 13 500 neue Arbeitsplätze versprach und in den Antrag eine Klausel zur parallelen Förderung von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz eingebaut wurde.

Juha Rantanen, CEO von Outokumpu, einem der größten Edelstahlproduzenten der Welt, sagte: "Die einzige lebensfähige Alternative, wenn wir die Struktur unserer Wirtschaft erhalten und die Ziele von Kyoto erreichen wollen, ist Kernenergie. Wir haben gewaltige Herausforderungen vor uns, etwas musste getan werden." Eine Einschätzung, die auch die Gewerkschaften teilten, die OL3 ebenfalls massiv unterstützten. "Alle Fakten", so TVO-Vizepräsident Anneli Nikula, "lagen auf dem Tisch." Im Besucherzentrum von TVO auf Olkiluoto sitzt man nach dem Kaffee noch lange zusammen. Es geht weiter um Zahlen. Etwa die laut Wilson hohen Investitionen bei anderen Energiequellen oder den prognostizierten Zuwachs des Stromverbrauchs in Finnland, der bis 2020 um 75 Prozent steigen soll, weshalb ein OL4 ins Auge gefasst werden müsse. Auf Bildschirmen in der Empfangshalle leuchtet die aktuelle Leistung von OL1 und OL2 auf: 850 Megawatt und 835 Megawatt. Darunter die Leistung einer Windturbine, die vor dem Besucherzentrum steht: 0 Megawatt. Aber ist nicht eine Prognose von fünf Prozent mehr Stromverbrauch jährlich ein bisschen hoch gegriffen? Hat nicht Finnland das Kyoto-Protokoll vergangenes Jahr ohne OL3 schon beinahe erfüllt? Wilson: "Es kommt darauf an, welche Statistiken man liest." In einer TVO-Broschüre liest man, das Universum entstand durch unzählbare stellare Nuklearreaktionen. Die Broschüre trägt den Titel: " Energy for life - wellbeing for Finland". Das jedoch nehmen die Finnen TVO nicht mehr so bereitwillig ab wie vor vier Jahren.

Framatome ANP kooperiert mit Subunternehmen aus 20 Ländern, für Finnen fallt dabei nur ein Bruchteil der Jobs ab; wenn OL3 in Betrieb ist, beschäftigt es 150 Leute. Die Klausel zur parallelen Förderung von regenerativen Energien und Energieeffizienz war nicht verbindlich, die Arbeitsgruppen im Parlament haben sich inzwischen ergebnislos vertagt. Und wie kann es sein, dass Befürworter des Kyoto-Protokolls während der OL3-Debatte sich inzwischen gegen dessen Auflagen aussprechen? Die finnischen Gewerkschaften haben nun angekündigt, TVO für weitere Atomprojekte nicht mehr zu unterstützen.

Harri Lammi von Greenpeace in Helsinki sagt: "Die Leute fühlen sich betrogen." Der Strom, den OL3 produzieren soll, wird hauptsächlich an die TVO-Anteilseigner zum Selbstkostenpreis abgegeben, 60 Kommunen, die ebenfalls als Abnehmer vorgesehen sind, zahlen den Marktpreis. Lammi: "Und der wird nicht von den Herstellungskosten, sondern von der Börse bestimmt." Das Thema ist komplex. Und die Frage, ob OL3 nun ein Modell für die Zukunft der Kernenergie ist, ein finnischer Sonderfall oder doch ein Muster ohne Wert, ist so einfach nicht zu klären. Fest steht, dass die Atomindustrie hart um eine Trendwende und ein Vorzeigeprojekt in Europa gekämpft hat; nun soll der EPR weltweit verkauft werden. "3,2 Milliarden Euro sind ein Dumping-Preis", sagt Christian Küppers, Mitarbeiter der Abteilung Nukleartechnik und Anlagensicherheit des Öko-Instituts in Darmstadt. Für den EPR, der in der Nähe von Cherbourg entstehen soll, werden bereits 500 Millionen Euro mehr veranschlagt.

In Finnland ist sogar ein Hersteller von Windkraftanlagen für Atomkraft Dass TVO angesichts des Fixpreises kein Risiko trägt, ist keinesfalls der Normalfall. Wie auch ein Zinssatz von 2,6 Prozent für ein Unternehmen, das bei Standard & Poor's über ein mäßiges Rating (BBB) für langfristige Finanzierung nicht hinauskommt. Standard & Poor's stellte zudem unlängst fest, das Kreditrisiko für Kernkraftwerke sei aufgrund schwer prognostizierbarer Kosten, unberechenbarer Gefahren und schlechtem Image der Branche nach wie vor zu hoch.

Wenn OL3 zeigt, wie es gemacht werden soll, dann könnte die Kreditgarantie für TVO von der französischen Regierung - immerhin mit 610 Millionen Euro die zweithöchste aller Zeiten - eindeutig gewertet werden: Ohne staatliche Subventionen lässt sich Kernenergie offenbar immer noch nicht finanzieren. In diesem Fall zahlt der französische Steuerzahler mit. Der finnische Steuerzahler könnte ebenfalls zur Kasse gebeten werden. Finnlands Energiepolitik basiert auf OL3, weshalb das Land bei verspäteter Inbetriebnahme und Nichterfüllung der Kyoto-Vorschriften CO2-Emissionen reduzieren oder Emissionszertifikate für schätzungsweise 300 Millionen Euro kaufen müsste.

Warum, so die Kritiker, nicht stattdessen Kohlekraftwerke umrüsten und mit einer Technik zur Abtrennung und Deponierung von CO2 ausstatten? Warum nicht mehr auf Energieeinsparung setzen? Warum nicht verstärkt in regenerative Energien investieren, die, so Küppers, "angesichts der Gefahren der Kernenergie und der Problematik des Atommülls langfristig besser abschneiden"? Wenngleich das nur eine deutsche Perspektive wäre.

Es kommt ohnehin nur auf die Perspektive an. Eine Vereinigung von Produzenten regenerativer Energie (EREF) hat bei der EU-Kommission Klage gegen OL3 eingereicht wegen illegaler Subventionen durch die Finanzierung. Ein Sprecher des finnischen Herstellers von Windturbinen, WinWinD, sagt dagegen: "Wir fühlen uns durch Olkiluoto nicht benachteiligt, wir brauchen Kernenergie, wir brauchen Windenergie, beides sind komplementäre Faktoren im Energiemix." Ein Sonntag im März. In einer Plattenbauwohnung in Slawutitsch, 50 Kilometer östlich von Tschernobyl, sitzt ein kleiner, kräftiger Mann mit kantigem Kopf und Schnurrbart. Michail Feschtschenko ist Heizungsmonteur. Schon als Teenager arbeitete er im Kernkraftwerk Tschernobyl, heute ist er immer noch da. Am Morgen des 26. April 1986 stand er vor dem Werkstor und blickte auf das Inferno über Block 4. Feschtschenko sagt, man habe sie nicht reingelassen, sie seien wieder heimgefahren. Damals wohnte er noch in Pripjat, der Schlafstadt hinter dem Kernkraftwerk. Pripjat wurde evakuiert, als Ersatz wurde innerhalb eines Jahres Slawutitsch im Akkord betoniert von Arbeitern aus allen Sowjetrepubliken. Noch heute sind in Tschernobyl 3500 Menschen mit Reparaturen und Wartung beschäftigt, und es wird bereits die Konstruktion einer Schutzhülle für den vom Einsturz bedrohten, von Rissen durchzogenen Sarkophag vorbereitet. Eine Milliarde Dollar soll sie kosten.

Ob er denn gesund sei, der Kolonnenführer Feschtschenko? "Ach, ihr Deutschen", sagt er und lacht, " ihr seht überall Gefahren und Monster. Woanders sterben die Leute auch." Njet, ganz bestimmt, er sei gesund, und er habe auch keine Angst. Die Radioaktivität werde ständig gemessen, es gebe medizinische Tests, bei zu hohen Werten gebe es "Korrekturen".

Der Kolonnenführer Feschtschenko hat wichtigere Probleme als über Klimawandel, Energiedebatten und Kilowattpreise nachzudenken: "Das Wichtigste für mich ist, dass ich Arbeit habe." 2000 Grivna verdient er, 317 Euro sind das umgerechnet, dreimal mehr als in einem vergleichbaren Job in der Privatwirtschaft. Nur deshalb könne er sich seinen Lebensstandard leisten, auf den er stolz sei. Im Wohnzimmer eine massive Schrankwand, daneben eine Stereoanlage, schwere Polstersessel. Feschtschenko zeigt Fotos von Tschernobyl. Fotos von Slawutitsch. Und dann sagt er: "Was soll das Reden?" Michail Feschtschenko tut sich schwer, Worte für seine Gefühle zu finden. Er holt eine Flasche Wodka, Speck und Käse. Auf das Kennenlernen, nasdrowje. Dann zeigt er Fotos seiner Kinder. Die Tochter studiert schon in Kiew. Sein Igor sei erst 13, für den müsse er noch durchhalten. Seine Kinder sollen es einmal besser haben. Noch ein Wodka. Auf die Kinder. Und einen auf die Liebe hinterher, das dritte Glas trinkt man immer auf die Liebe. Es werden noch viele Gläser, und es bleibt nicht bei einer Flasche.

Irgendwann, als die Augen schon glasig sind, erzählt Feschtschenko, dass früher alles besser war und es gut sei, dass die Ukraine elf neue Atomkraftwerke plane. "Die Kernkraft ist unsere Hoffnung." Jetzt also prost auf die Kernkraft. Und einen auf seine tapferen Kameraden, die Kollegen, die das strahlende Inferno bekämpften und starben. Noch immer sterben viele, sagt Feschtschenko, "die meisten zwischen 40 und 50". Er ist 40. Wir stoßen noch einmal an zum Abschied. Wir trinken auf das Leben.

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