Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Lösung in Sicht!

Perfektion sieht anders aus. In der südindischen Stadt Madurai ist das Leben an diesem Vormittag so chaotisch wie an jedem Tag. Tropische Regenfälle haben die Straßen in schlammige Pisten verwandelt. Die Menschen waten durch knöchelhohe Pfützen. Überall Straßenhändler. Gewürze, Stoffe und Melonen quellen aus kleinen Läden, dazwischen bieten Friseure eine Freiluftrasur an. Motorisierte Rikschas quälen sich ständig hupend mit weniger als 20 Stundenkilometern durch die Menge. Man könnte glauben, die Zeit wäre stehen geblieben, vor etlichen Jahrzehnten. An das 21. Jahrhundert erinnert hier nichts.

"Wenn das allgemeine System chaotisch ist, muss man andere Wege zur Perfektion finden", sagt Govindappa Venkataswamy. Der Arzt sitzt in einer Seitenstraße in einem abgedunkelten Zimmer. Die Jalousien sind heruntergelassen, der Computer surrt leise. Um ihn herum stapeln sich Bücher und Magazine, Ausgaben des " Economist" liegen zwischen der amerikanischen " Business Week" und der "Business India". Für den 87-Jährigen "Quellen der Inspiration" .

Den bislang folgenreichsten Geistesblitz hatte der Inder Anfang der siebziger Jahre, als er erstmals über die Fastfood-Kette McDonald's las und sich dabei die Frage stellte; Wenn McDonald's Milliarden Burger auf den Markt bringen kann, warum sollte es mir nicht gelingen, Augenoperationen nach einem standardisierten Prozess zu organisieren? Die Idee zu Augenoperationen im Fließband-Stil war geboren. Anders als die Burgerkette ging es Venkataswamy jedoch nicht um maximalen Profit, sondern darum, so viele Patienten wie möglich zu operieren - und das wenn nötig auch gratis. "Mein Ziel war und ist die Bekämpfung unnötiger Blindheit." Die Mission des Inders hat Erfolg. Seit seiner Entdeckung der McDonald's-Philosophie hat Venkataswamy fünf seiner Aravind-Augenkliniken eröffnet. Die erste 1976 - elf Betten in dem Haus seines Bruders. Inzwischen betreuen die insgesamt 230 Aravind-Ärzte knapp 230 000 Patienten im Jahr. Während ein indischer Augenarzt im Schnitt 400 Fälle von Grauem Star, die häufigste Ursache für heilbare Blindheit, im Jahr behandelt, bringt es ein Aravind-Spezialist in der gleichen Zeit auf 2600 Operationen. Die Qualität der Eingriffe gilt als erstklassig.

Das Geschäft boomt. 2004 kam Aravind bei einem Umsatz von zehn Millionen US-Dollar und Kosten pro Operation von 20 US-Dollar auf eine Gewinnspanne von 52 Prozent. Und das, obwohl Aravind rund 70 Prozent seiner Patienten kostenlos behandelt. Nur die restlichen rund 30 Prozent, die Aravind unter verschiedenen privaten Anbietern aussuchen, zahlen für die Behandlung - abhängig von der Qualität ihrer Unterbringung zwischen 5000 und 12000 Rupien (rund 88 bis 212 Euro). Ein funktionierendes System.

Venkataswamy lächelt und sagt: "Wir sind nicht trotz, sondern aufgrund der nicht zahlenden Patienten erfolgreich." Die Vielzahl an Operationen brachte den Kliniken Erfahrung, Glaubwürdigkeit und Kompetenz. "Jemand, der 20 Operationen am Tag macht, ist im Allgemeinen kompetenter als jemand, der die gleiche Operation zweimal im Monat macht." Der gute Ruf zog auch immer mehr jener Patienten an, die für die Operationen zahlen konnten. Heute kommen sogar mehr dieser Patienten zu Aravind als in normale Kliniken. Ihr Geld ermöglicht die kostenlosen Behandlungen und sorgt zusätzlich für ausreichend Gewinn.

Damit nicht genug. "Den zahlenden Patienten kommt zusätzlich eine für das System lebenswichtige Funktion zu", betont Venkataswamy. Ihr Anspruch an eine hohe Qualität werde bei Aravind auch als Maßstab für die Behandlung der nicht zahlenden Patienten angesetzt. " So sichern wir einen hohen Standard." Ein Anspruch, auf dessen Einhaltung Venkataswamy streng achtet - er lässt die Ärzteteams regelmäßig zwischen der kostenpflichtigen und der Gratisbehandlung rotieren.

Während ein Patient operiert wird, wartet der nächste bereits auf dem zweiten OP-Tisch Der hohe Anspruch ist auch Motor für Innovationen. Als es etwa üblich wurde, nach der Entfernung des Grauen Stars eine Kunstlinse einzusetzen, war das ein Qualitätssprung: Bis dato hatten die Operierten anschließend starke Brillengläser tragen müssen. Doch waren die importierten Kunstlinsen mit einem Stückpreis von 30 Dollar sowohl für die Armen als auch für Aravind viel zu teuer. "Nur die zahlenden Patienten konnten sich diese Operation leisten", sagt Venkataswamy. Deshalb beschäftigte man sich bei Aravind mit der Technik der Kunstlinsen-Herstellung. "Wir stellten fest, dass der hohe Preis vor allem mit Faktoren wie der Farbe und der Form der Linse zu tun hatte, nicht aber mit ihrer Funktionalität." Aravind beschloss, eigene Kunstlinsen zu fertigen.

Heute produziert das Unternehmen in seinem Labor Aurolab knapp 700 000 Kunstlinsen im Jahr für weniger als fünf Dollar das Stück, 35 Prozent werden exportiert, seit 1992 hat Aurolab über 5,2 Millionen Linsen verkauft, mehr als zwei Millionen davon an Wohltätigkeitsorganisationen in mehr als 85 Länder.

Venkataswamy strebt in chaotischen Verhältnissen nach Perfektion. Rund 21 Millionen Inder leiden am Grauen Star, einer Trübung der Augenlinse, die die wahrgenommene Welt immer unschärfer werden lässt. Der Kranke nimmt sein Umfeld nur noch neblig wahr. Kontraste und Farben verblassen; das Auge wird empfindlich gegen Blendung. Im Spätstadium kommt es fast zur kompletten Erblindung - ein Zustand, in dem heute neun Millionen Inder leben.

"Eine zehnminütige Operation reicht, um die Blindheit zu beheben", sagt Venkataswamy "Nach einer Woche kommen die Verbände ab, die Sicht ist wieder da." Das ist die Theorie. In der Praxis, so der Augenspezialist, fehle es jedoch an Ärzten. Die Konsequenz für Venkataswamy: "Diejenigen, die es können, müssen so viele Operationen wie möglich schaffen." Augenoperationen am Fließband. " Schauen Sie sich erst mal an, wie das funktioniert." Der Weg zur Perfektion führt über lange Krankenhausflure, deren Anblick deutsche Krankenhausmanager an den Rand des Wahnsinns triebe. Menschentrauben auf den Gängen. Hunderte hocken in Wartezimmern, auf verschlissenen Holzbänken, auf dem Boden, stehen in Gruppen beieinander.

Dann plötzlich konzentrierte Ruhe im OP. Am Kopfende eines Operationstisches beugt sich eine Ärztin über ihr Mikroskop und schaut in das vergrößerte Auge eines Patienten. Ein präziser drei bis fünf Millimeter langer Schnitt in die Hornhaut des betäubten Augapfels: Mit wenigen Handgriffen beseitigt die Ärztin die getrübte Linse und setzt an ihre Stelle eine Kunstlinse. Nach rund zehn Minuten ist die Operation beendet.

Während Assistentinnen den eben behandelten Mann am Arm aus dem Zimmer rühren, beugt sich die Ärztin bereits über den nächsten Patienten, der auf einem zweiten Operationstisch liegt, rund einen Meter vom ersten entfernt. Hinter ihrem Rücken führen weitere Schwestern Patient Nummer drei, der bis eben auf einer Seitenbank gewartet hat, zum frei gewordenen Operationstisch und bereiten ihn auf den Eingriff vor. Nur wenige Schritte entfernt operiert ein Kollege an zwei weiteren Operationstischen. Es wird kein Wort gesprochen, einzig das Surren der Klimaanlage ist zu hören. Jede Bewegung ist Routine, jeder Schritt greift in den nächsten.

Die Praxis in den Aravind-Krankenhäusern ist nicht unumstritten. In vielen Ländern ist es verboten, zwei Operationstische dicht nebeneinander aufzustellen. Die Infektionsgefahr sei zu groß. Für Venkataswamy kein Argument: "Wir haben mit Infektionen keine Probleme." Mit vier von 10 000 Fällen lag die Infektionsquote bei Aravind jüngst unter der in Großbritannien veröffentlichten Quote von sechs auf 10 000 Fälle.

Das System Aravind basiert auf Qualität und Effizienz. Erfahrene Arzte übernehmen grundsätzlich alle komplizierten Operationen und behandeln leichte Fälle des Grauen Stars, wenn der Patient sein Sehvermögen auf dem zweiten Auge bereits endgültig verloren hat. Die Ergebnisse aller Operationen werden kontrolliert; rund 90 Prozent aller Patienten erscheinen zu Nachuntersuchungen. Bei Komplikationen lässt sich jederzeit zurückverfolgen, welches Team den Patienten operiert hat. Aravind analysiert monatlich die Leistung jedes Arztes. Probleme werden besprochen, Ärzte wenn nötig zu Nachschulungen geschickt.

Für Effizienz im System sorgt eine perfekte Arbeitsteilung. Ärzte machen das, wozu nur sie qualifiziert sind. Alles andere erledigen Assistenten und Schwestern. Die Patientenmassen sind im strukturierten Fluss. Nach einer elektronischen Registrierung übernehmen Assistenten verschiedene Voruntersuchungen, nur die letzte Untersuchung macht ein erfahrener Mediziner. Patienten, bei denen die Ärzte Grauen Star diagnostizieren, empfehlen sie eine Operation in den folgenden drei Tagen. Wem mit einer Brille geholfen ist, kann sie günstig in den Läden des Krankenhaus-Komplexes kaufen. Das Schleifen der Gläser sowie das Anpassen der Brille übernehmen die Mitarbeiter, während der Kunde wartet - in normalen indischen Optikergeschäften dauert allein das in der Regel einige Tage. "Die meisten unserer Patienten kommen von weit her", erklärt Venkataswamy. "Wir wollen, dass sie so schnell wie möglich in ihre Dörfer zurückkehren können." Seine Leistungen werden inzwischen international beachtet. Etliche Wirtschaftsexperten, wie etwa der angesehene amerikanische Marketing-Guru C. K. Prahalad, halten Venkataswamy für einen visionären Manager, der gezeigt hat, mit welchen neuen Geschäftsmodellen sich Märkte in Entwicklungsländern profitabel erobern lassen - während sie gleichzeitig die Situation der Armen verbessern. Seit 1982 hält Venkataswamy eine außerordentliche Professur an der University of Illinois in Chicago.

Der 87-Jährige sagt bescheiden: "Anerkennung war nicht mein Ziel, sondern Millionen Menschen zu helfen." Venkataswamy treibt das Streben nach Perfektion und die Überzeugung, dass sie auch dann möglich ist, wenn die Voraussetzungen alles andere als perfekt sind. Dazu reicht ein Blick auf seine Hände und Finger, die wie starre Sprungschanzen in verschiedene Richtungen weisen. Als junger Mann erkrankte Venkataswamy an chronischem Gelenk-Rheumatismus. Da hatte er sich gerade zum Geburtshelfer spezialisiert. Und beobachtete hilflos, wie sich seine Finger verdrehten, störrisch, krumm und starr verharrten, wie einzelne Glieder einer verbogenen Greifzange - unbrauchbar, um bei der Geburt von Babys zu helfen.

Er blieb über ein Jahr im Krankenhaus, ans Bett gefesselt. "Als ich schließlich das erste Mal wieder stehen konnte", sagt er, "fühlte ich mich wie auf dem Gipfel des Himalayas." Jahrelang musste er sich anschließend beim Gehen quälen, das Hocken auf dem Boden - in Indien die rituelle Haltung beim Essen -schmerzte. Er konnte seine Finger kaum zum Essen benutzen, keinen Stift greifen.

Was ihn vor der Verzweiflung rettete, sagt Venkataswamy heute, war die Begegnung mit dem indischen Philosophen Sri Aurobindo - ein Rebell in der indischen Befreiungsbewegung, der im südlichen Indien einen Ashram eröffnet hatte. Dort lernte Venkataswamy die Kunst der Meditation und fand seinen Lebenssinn: die Überzeugung, dass der Mensch und sein Geist noch nicht das höchste Evolutionsniveau erreicht haben. Er schloss Frieden mit seinem Leben - und zog Konsequenzen aus den spirituellen Lehren. "Ich bin kein Mann der Ideen, darum lautet die Aufgabe nicht, nach irgendeinem Himmel zu streben, sondern vielmehr, das tägliche Leben göttlich zu gestalten." Über sein Handicap spricht Venkataswamy in der distanzierten Art des Wissenschaftlers. "Die krummen Finger gehören zu mir, spielen aber keine Rolle mehr." Und fast als wolle er etwas demonstrieren, drückt er eine Klingel, bittet um Getränke, hält wenig später etwas umständlich eine Tasse Tee in der Hand und sagt, dass manches mühseliger sei. Und dennoch - die Präsenz, mit der er den Raum füllt, seine Haltung, seine Bewegungen sagen: Ich habe hier alles im Griff.

Damals, kurz nach dem Ausbruch der unheilbaren Krankheit, begann Venkataswamy von vom. Er studierte Augenheilkunde und entwickelte ein Chirurgen-Skalpell, das seine gespreizten Finger mit viel Training greifen konnten. Nach einigen Jahren konnte er den ganzen Tag stehen und schaffte mehr als 50 Operationen am Stück. Er stieg auf. Bis zum Leiter der Augenheilkunde-Abteilung an der staatlichen Universitätsklinik von Madurai. Er wurde zum verehrtesten Katarakt-Chirurgen Indiens (so nennt man die operative Behandlung des Grauen Stars). Viele Inder kennen ihn, sie nennen ihn ehrfürchtig Dr. V. Als er mit 57 Jahren in Pension ging, eröffnete er sein erstes eigenes Krankenhaus. Die Fortführung seiner "Suche nach Perfektion im Kampf gegen unnötige Blindheit" .

Zu diesem Kampf gehört, andere von der Wichtigkeit seines Ziels zu überzeugen. Und sich damit letztlich den eigenen Markt zu schaffen. Viele der potenziellen Aravind-Kunden müssen nämlich nach wie vor von einer Augenoperation überzeugt werden.

Nachfrage schaffen für ein Produkt, das nichts kostet? Für Venkataswamy scheint die Frage ein wenig naiv. " Eine Behandlung im Krankenhaus ist für viele Inder außerhalb ihrer Möglichkeiten. Wir müssen sie besser informieren, ihnen anfangs unser kostenloses Angebot andienen." Viele können sich die Reise in die Klinik nicht leisten? Dann holen wir sie eben ab!

Dazu organisierte Aravind allein im vergangenen Jahr mehr als 1300 Augen-Camps auf dem Lande, wo Ärzte die Menschen untersuchten und ihnen für einen symbolischen Preis von ein paar Rupien Brillen anboten. "Manche Patienten können so das erste Mal in ihrem Leben klar sehen." Jenen, die am Grauen Star leiden, bietet Aravind die kostenlose Operation in Madurai an.

"In den ersten Jahren nahmen trotzdem nur 15 Prozent aller Patienten das Angebot an", erinnert sich Venkataswamy. Besorgt ließ er eine Auswahl jener befragen, die in den sechs Monaten nach der ersten Untersuchung nicht ins Krankenhaus kamen. Das Ergebnis: 35 Prozent gaben an, sich die Reise nicht leisten zu können oder keine Begleitung zu haben. Aravind reagierte prompt. Busse bringen die Patienten heute direkt im Anschluss an die Camps für eine Operation nach Madurai und nach drei Tagen wieder zurück in ihre Dörfer. Sponsoren übernehmen die Finanzierung und Organisation des Transports.

Es klingt ganz einfach, wenn Venkataswamy erzählt. Auch, wenn er anschließend über seinen Traum erzählt, die McDonald's-Idee weiterzuspinnen, indem er - fast wie ein Franchise-System - noch mehr Filialen nach Aravind-Vorbild in anderen Entwicklungsländern gründet. "Mein Ziel ist immer noch, die heilbare Blindheit weltweit zu bekämpfen." Bereits seit mehr als zehn Jahren bietet Aravind für Kollegen aus Afrika, Südostasien, Südamerika und Osteuropa Kurse zu sozialem Marketing und Krankenhausmanagement an. Mehr als 190 Krankenhäuser hat Aravind bereits beraten. Im Durchschnitt verdoppelten diese anschließend die Zahl ihrer Patienten.

In einem benachbarten Gebäude sitzen auch an diesem Tag einige Ärzte aus dem Ausland in einer Schulung. Über eine große Leinwand flimmert der Film "Infinite Vision - unbegrenzte Sicht", eine Dokumentation über Aravind und Venkataswamy. Direkt daneben steht an der Wand des Schulungsraums in großen Buchstaben ein Gandhi-Zitat: "Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt zu sehen wünschst."

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