Ausgabe 06/2006 - Editorial

Leben und leben lassen

Meine beiden Großväter hatten nicht viele Gemeinsamkeiten, bis auf eine kleine Holztafel auf der Fensterbank: "Rauchst', stirbst'. Rauchst' net, stirbst a'", stand darauf. In Holz geschnitzter Ausdruck eines Fatalismus, der einer Generation angemessen war, die auf Trümmern saß und gerade den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte.

Seither hat sich viel getan. Im Land und im Bewusstsein für Gesundheit und Krankheit. Die Menschen erfreuen sich eines immer längeren Lebens, die Wellness-Industrie boomt (S. 134). Ein Kind hat heute in Deutschland vor seiner Geburt schon mehr Arztbesuche hinter sich als die Nachkriegsgeneration im ganzen Leben. Das könnte ein gutes Gefühl von Sicherheit befördern. Tatsächlich belegen unterschiedlichste Studien wachsende Unzufriedenheit (S. 74). Und auch wenn die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen allein in den vergangenen zehn Jahren um gut 40 Prozent gestiegen sind: Subjektiv sehnen sich viele Menschen in das vermeintliche Versorgungs-Paradies der sechziger Jahre zurück, als sich das Risiko Krankheit noch guten Gewissens an den Sozialstaat delegieren ließ.

Inzwischen aber ist das Geld knapp und der deutsche Gesundheitsapparat nach einhelligem Urteil der Experten besonders teuer und besonders ineffizient (S. 52). Und alle Versuche, an ihm herumzudoktern, haben nur dazu geführt, dass sich inzwischen nahezu alle Interessengruppen auf der Verliererseite sehen.

Dafür gibt es mehr Gründe als Medikamente. Da ist zum Beispiel der Patient, der - verunsichert von immer neuen Möglichkeiten - die Antwort auf die Frage, wie es ihm geht, lieber an den Arzt weitergibt. Da ist eine Industrie, die immer neue Möglichkeiten ersinnt und dafür belohnt werden will (S. 76, 90 und 118). Da ist der Arzt, der neuerdings Unternehmer sein und gleichzeitig sparen soll (S. 110). Und da sind immer mehr alte Menschen, die, von der Gesellschaft vergessen, im Arzt den letzten verfügbaren Gesprächspartner sehen (S. 100,102).

So ist die Diagnose klar, über die Therapie wird gestritten. Politiker fordern, wenig originell: "Es muss mehr Geld ins System!" Ohne auf die alarmierenden Rechnungen von Experten auch nur zu reagieren: Danach stiege der Anteil der Krankenversicherungsbeiträge an den Lohnkosten, wenn wir weitermachten wie bisher, bis 2030 auf 26 Prozent.

Was also tun? Das Erste ist wohl, sich von der Idee zu verabschieden, dass es auch nur eine annähernd perfekte Lösung geben wird. Und dann, im zweiten Schritt, hilft Pragmatismus: Alles geht nicht - also was wollen wir wirklich? Und was geht? Wollen wir ein Ärzte-Paradies wie in Finnland, in dem der Patient allerdings Abstriche machen muss (S. 84)? Wollen wir Ärzte, die wirklich unternehmerisch denken - und nutzen wir die Fortschritte, die dadurch entstehen (S. 94,124 und 128)? Oder wollen wir eine Rationierung von Gesundheit, wie sie bei Organ-Transplantationen längst üblich ist (S. 68)?

Nicht länger leisten können wir uns jedenfalls, die Verantwortung für Gesundheit und Krankheit zu delegieren. Denn die wichtigsten Fragen betreffen jeden selbst: Was ist mir meine Gesundheit wert? Wann hoffe ich auf die Solidargemeinschaft? Und vor allem: Was kann ich tun, damit sie weiterhin funktioniert?

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