Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Hormon-Kunde

Heinrich Schulte, Vater von sechs Kindern, ist ein Unternehmer, wie ihn ein Betriebswirtschaftsprofessor nicht besser erfinden könnte. Etliche Unternehmen hat er gegründet, das wohl bekannteste darunter ist die Bio-Tech-Firma Evotec, die er gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Manfred Eigen aus der Taufe hob. Reich ist der begeisterte Kunstsammler Schulte damit geworden. So sehr, dass er im vergangenen Jahr die Privatbank Wölbern kaufte, um für seine vielen unterschiedlichen unternehmerischen Aktivitäten eine bessere Basis zu haben.

Schulte gibt sich allerdings nicht damit zufrieden, nur noch die Fäden in seinen Unternehmen zu ziehen - er ist nämlich auch leidenschaftlicher Mediziner. Deshalb hat er zusammen mit einigen Partnern das Endokrinologikum gegründet. Hinter dem zungenbrecherischen Namen verbirgt sich ein Verbund von mittlerweile neun Praxiszentren, die zwischen Hamburg, Berlin und München im Land verteilt sind.

Die Endokrinologie ist die Wissenschaft, die sich mit Hormon- und Stoffwechselvorgängen beschäftigt. Dem Laien besser bekannt als Drüsenkrankheiten. Was erst mal unspektakulär daherkommt, hat enormen Einfluss auf den menschlichen Körper. Schilddrüsenkranke, die an einer Unterfunktion leiden, werden zu dauermüden, immer erschöpften Menschen, die am liebsten nur noch im Bett blieben. Kinder mit endokrinologischen Störungen hören auf zu wachsen, bei Frauen ist der Zyklus gestört. Männer bekommen Probleme mit der Potenz. Wieder andere Patienten haben mit dramatischen Gewichtsproblemen zu kämpfen. Die Beschwerden füllen ganze Bücher. Man kann sie alle in einem Satz zusammenfassen: Wenn Stoffwechsel und Hormone verrückt spielen, fühlt sich der Mensch nicht mehr wie er selbst.

Und das versuchen die Endokrinologen zu verhindern. Das Geschäftsmodell des Endokrinologikums beruht auf drei Komponenten. Da sind zum einen die Praxen, in denen hauptsächlich Gynäkologen, Internisten und im Falle von Hamburg auch Kinderärzte arbeiten, also die Disziplinen vertreten sind, die vom Querschnittsfach Endokrinologie besonders profitieren. Hinzu kommt der Bereich Diagnostik, also die Labormedizin. Die dritte Säule ist die Forschung.

Das alte Modell: der Arzt als Einzelkämpfer Zusätzlich zu den neun bestehenden Zentren planen Schulte und seine Kollegen drei weitere: in Saarbrücken, Regensburg und Dresden. Dass es überhaupt möglich ist, mehrere Praxen zu betreiben und Kollegen anzusteuern, ist für Arzte ein Novum. Bislang ging die Gesundheitspolitik vom Arzt als Einzelkämpfer aus. Die Gemeinschaftspraxis, in der mehrere Kollegen an einem Ort auf gemeinsame Rechnung arbeiteten, war das höchste der Gefühle. Erst das Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) macht es seit 2004 möglich, so genannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) zu gründen. Auch das Werben mit einer Marke war Ärzten untersagt. Sie durften lediglich unter dem eigenen Namen firmieren. Das Endokrinologikum hieß deshalb noch bis vor zwei Jahren Praxis Schulte, Ludwig & Partner.

Die rechtliche Konstruktion der Einrichtung ist trotzdem keine einfache Übung. Da gibt es zum einen die Ärzte mit Kassenzulassung und die ohne. Letztere dürfen nur Privatpatienten behandeln und arbeiten in einer eigenen Gesellschaft. Weshalb Schultes Partner Bernard Frieling nicht nur Chef der kaufmännischen Seite des Endokrinologikums als Ganzem ist, sondern von insgesamt 20 Gesellschaften, die zum Netzwerk gehören. " Eigentlich ein einziger Albtraum", sagt er. Er meint damit nicht den Job an sich, sondern den administrativen Aufwand.

Andererseits ist er froh, dass das GMG und die neuen Berufsordnungen derlei Konstruktionen nun erleichtern. Visionär, wie sie hier nun mal sind, würden sie das Ganze nach dem Vorbild der Anwälte und Wirtschaftsprüfer allerdings am liebsten in einer bundesweiten Ärztesozietät bündeln. Am besten in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft, aber das ist Zukunftsmusik.

Für viele Patienten sind Einrichtungen wie das Endokrinologikum Hoffnung auf Besserung oder Heilung ihrer Krankheiten. Im Falle der Endokrinologie und anderer medizinischer Fachgebiete aber stellen sie auch eine Form der Lebensversicherung dar. Denn immer mehr Uni-Kliniken betrachten Disziplinen wie die Endokrinologie zunehmend als Kostgänger. Die Kliniken stehen unter erheblichem Kostendruck. Und da sie nach den neuen Abrechnungsmodalitäten vor allem an stationären Behandlungen verdienen, also an Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, kaprizieren sie sich mittlerweile lieber auf gut planbare Eingriffe, bei denen wenige Komplikationen zu erwarten sind -Gallenblasenoperation etwa.

Ein Fach wie die Endokrinologie hat es da schwer. Die meisten Patienten gehen nach dem Arztbesuch gleich wieder nach Hause. Die wenigsten Beschwerden werden operativ behandelt. Das freut zwar die Patienten, bringt aber kein Geld in die Kassen der Universitätskliniken. Zumal die Konsultationen zeitaufwändig sind, weil die Symptome akribisch erfragt werden müssen und die Diagnose oftmals erklärungsbedürftig ist. Der fachärztliche Rat aber wird so gut wie gar nicht mehr bezahlt. Also trennen sich immer mehr Universitätskliniken von diesen Bereichen oder lassen sie austrocknen, indem sie frei werdende Stellen nicht mehr besetzen. Und so fristen viele Endokrinologen ein eher freudloses Dasein.

Professor Rolf Peter Willig hatte genug davon. 35 Jahre am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf hat er hinter sich.

Zum Schluss hatte er den Eindruck, "lästig zu fallen". Willig ist ein ruhiger Mann, er macht nicht den Eindruck, als neige er zu Übertreibungen. Man kann also davon ausgehen, dass die Zustände ziemlich unerträglich gewesen sein müssen. Zum Schluss habe man ihn gebeten, aus Kostengründen doch bitte nur noch so wenige ambulante Patienten wie möglich zu betreuen, er solle sich lieber mit Lehre, Forschung und Stationsarbeit beschäftigen. Für den Kinderarzt "kein haltbarer Zustand". Also nahm er das Angebot seines Kollegen Schulte an. Und nicht nur er. Zwei seiner Kollegen und eine Diabetesberaterin brauchten ebenfalls nicht lange zu überlegen, sie kündigten, um im Endokrinologikum arbeiten zu können.

Noch immer erzählt er mit spürbarem Staunen davon, dass ihn die Kollegen an seiner neuen Arbeitsstätte tatsächlich fragten, was er denn bräuchte. Ein kleines Zimmer irgendwo war sein Wunsch. Er bekam einen ganzen Trakt. Mit Empfang, Wartezimmer, einem hellen Arztzimmer und Behandlungsraum. Das sei wunderbar. Vor allem aber: "Wir fühlen uns willkommen, und unsere Arbeit wird wertgeschätzt." Was auch im Sinne der Patienten ist.

Willigs Erfahrungen decken sich mit denen von Michael Ludwig. Der Professor für Gynäkologie leitete an der Universitätsklinik Lübeck den Bereich Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Am Endokrinologikum ist er nun Chef der Gynäkologie und gemeinsam mit Professor Schulte ärztlicher Leiter. Mit der Kinderwunschbehandlung beschäftigt er sich immer noch, aber sein medizinischer Bereich hier ist nun erheblich breiter, und das macht ihm sichtlich große Freude.

Und obwohl er einer derjenigen ist, die sich im Endokrinologikum um Verwaltungsfragen kümmern und damit die Kollegen weitgehend von derlei Lästigkeiten befreien, hat er dank effizienter Organisation immer noch mehr Zeit, sich um seine Patienten zu kümmern. Was ihn erst recht freut: "Deshalb bin ich schließlich Arzt geworden." Der Unterschied: die gebündelte Erfahrung Was Willig und Ludwig aber besonders schätzen, "ist der rege Austausch mit den Kollegen" (Ludwig). Schließlich bringen sie alle ein gerüttelt Maß an Erfahrung in der Endokrinologie mit. Allein 30 Ärzte arbeiten in Hamburg. 40 weitere in den anderen Zentren. Regelmäßig diskutieren sie ihre Fälle. Und ebenso regelmäßig werden schwierige Sachverhalte als Test verschickt, den die Fachleute lösen müssen - das ist nicht nur interessant, es dient der Qualitätssicherung. Und der Kooperation der Arzte untereinander, wovon wohl vor allem die jüngeren Kollegen profitieren.

Das Endokrinologikum ist nämlich inzwischen zu einer Art Treffpunkt für Experten des Faches an der Altersgrenze geworden. 20 Habilitierte arbeiten für das Endokrinologikum - viele davon sind um die 60 Jahre alt. Etliche von ihnen verließen die Uni, weil sie unter den herrschenden Bedingungen schlicht keine Lust mehr hatten. Vor allem die Älteren definieren im Endokrinologikum den Standard. Denn das Fach ist eine so genannte konservative und primär diagnostische Disziplin, bei der es auf Erfahrung ankommt. Je mehr Patienten ein Arzt gesehen hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er auch mit den Ausnahmefällen, den Seltenheiten in Kontakt gekommen ist. "Diese Erfahrung zu bündeln und dafür zu sorgen, dass sie nicht verloren geht, sondern an den Nachwuchs vermittelt wird, das ist eines meiner großen Anliegen", sagt Schulte. Und dazu brauche es eben "spezialisierte Zentren mit großen Fallzahlen, wie wir sie betreiben".

Die ökonomische Basis: das Labor und der Rat Klar, gibt Schulte zu, profitiere seine Einrichtung vom Exodus aus den Universitäten. Kritiker glauben allerdings, es sei umgekehrt. Sie werfen Schulte und Kollegen vor, sie ließen die Unis noch schneller ausbluten. Geschäftsführer Bernard Frieling lässt das nicht gelten: "Das machen die Uni-Kliniken und die Gesundheitspolitik schon selbst, wir fangen lediglich die Reste auf und überführen sie in zukunftsfähige Strukturen. Im Übrigen würden wir gerne mit den Unis zusammenarbeiten. In Göttingen und Frankfurt haben wir bereits damit begonnen." Zudem, sagt Frieling, im früheren Leben ebenfalls Arzt, sei man hier bemüht, das Fach auch voranzubringen. Unzählige Vorträge halten die Kollegen vom Endokrinologikum, sie veranstalten auch im eigenen Hause immer wieder Kongresse, um ihr Wissen weiterzugeben. Und sie leisten sich sogar eine eigene Forschungseinrichtung. Am Falkenried in Hamburg Eppendorf betreiben Schulte und Co. ein eigenes Forschungslabor. Dabei geht es auch um Grundlagenforschung. Etliche der Projekte werden von der Deutschen Forschungsgesellschaft und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Das finanzielle Rückgrat des Endokrinologikums allerdings liegt woanders: Es ist das so genannte Einsendegeschäft, das nicht zuletzt auch die Expansionspläne finanziert. Das Endokrinologikum unterhält eines der größten Labore für Hormonuntersuchungen des Landes. Von überall in der Republik schicken Arzte Blutproben nach Hamburg, um sie hier untersuchen zu lassen. Dabei geht es vor allem um Hormonbestimmungen, aber mittlerweile auch um nahezu alle anderen Blutuntersuchungen. Natürlich machen das auch andere Labore. Das Besondere hier aber ist die so genannte Befundung: 500 Befunde werden jeden Tag von den Ärzten diktiert. Und das auf Wunsch sehr ausführlich. Das ist es aber nicht allein, was das Labor beliebt macht.

Im Unterschied zu den allermeisten anderen Laboren werden die Befunde im Endokrinologikum nämlich von Ärzten diktiert, die klinisch tätig sind. Sie haben praktische Erfahrung, sehen jeden Tag selbst Patienten. Und dieses Wissen fließt in die Befunde mit ein. Damit alle 70 Kollegen daran mitarbeiten können, investierte das Endokrinologikum in ein aufwändiges Computernetzwerk. So können sich die Ärzte von überall einen Ergebnisbogen ansehen, die entsprechenden Befunde diktieren und via MP3-File nach Hamburg schicken.

Das Endokrinologikum versteht sich als Partner der Ärzte, die ihm Patienten überweisen oder Laborproben schicken. Die Arzte hier sind Spezialisten, sie unterstützen und ergänzen die Behandlung, wollen aber nicht den betreuenden Kollegen ersetzen. Wobei die vertretenen Fachrichtungen von Zentrum zu Zentrum leicht variieren. In Frankfurt etwa gehört auch eine Rheumatologin zum Team.

Genügend Bedarf für endokrinologische Versorgung gebe es, sagt Schulte. Daher auch die Pläne für die neuen Einrichtungen. Plant er ins Ausland zu gehen? " Solange das Gesundheitswesen innerhalb der EU nicht harmonisiert ist, werden wir uns dort nicht engagieren", sagt er. Das kann naturgemäß dauern.

Schulte beschäftigt ohnehin etwas ganz anderes. " Wir müssen erst mal hier zu Lande genügend qualifizierte Leute finden, das ist unser größter Engpass", sagt er. "Und dann dafür sorgen, dass es geeignete Nachfolger gibt." Denn das ist sein Ziel: Das Endokrinologikum soll noch "lange, lange bestehen bleiben, auch wenn ich mal weg bin".

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