Ausgabe 06/2006 - Schwerpunkt Gesundheitsmarkt

Die Medizin-Dienstleister

Besser als der Stephansplatz ist in Hamburg kaum ein Ort zu erreichen. Ziemlich genau in der Stadtmitte gelegen, ist er prima per Bus, S- und U-Bahn anzusteuern. Und wer von weiter her kommt, nutzt den Fernbahnanschluss zum nahe gelegenen Bahnhof Dammtor.

An der Ecke zum Gorch-Fock-Wall steht das Haus Nummer 5. Es ist ein großer Backsteinbau aus der vorigen Jahrhundertwende. Früher residierte hier die Oberpostdirektion. Die hellen Simse und die große Kuppel über dem Eingang lassen das Gebäude ziemlich prächtig wirken. Das Foyer ist bescheiden - die Etagen hingegen sind großzügig mit breiten, hohen Gängen, die sich um einen Innenhof ziehen. Zur Straße hin liegen hinter Arkadenbögen scheinbar endlos viele Zimmer.

"Als ich die Räume sah, wusste ich, die sind es", sagt Volker Steinkraus. Neun Jahre ist das her. Damals war er noch kommissarischer Ärztlicher und Geschäftsführender Direktor der Universitäts-Hautklinik in Hamburg-Eppendorf. Aber er wollte es nicht mehr lange bleiben. Er hatte eine Idee, mit der er schon seit längerem schwanger ging. Und die brauchte viel Platz. Deshalb waren die 800 Quadratmeter Fläche in der alten Oberpostdirektion genau das, was er brauchte.

Ein paar Monate nach dem Besichtigungstermin eröffnete die Hautarztpraxis Professor Volker Steinkraus. Das hört sich erst mal nicht nach einem großen Wurf an. Doch das Konzept, das ihm vorschwebte, war und ist bislang ziemlich einzigartig. Seine Idee: außerhalb der Universität einen Ort zu schaffen, an dem Dermatologie in ihren vielen unterschiedlichen Facetten auf hohem wissenschaftlichem Niveau betrieben wird. Und zwar nicht als Einzelkampfer - "das können Sie nicht schaffen", so Steinkraus -, sondern in einem großen Team von Spezialisten aus dem Fachgebiet. Dazu gehört auf der einen Seite natürlich die Praxis. Aber auch ein gut ausgestattetes Forschungslabor und dazu die Möglichkeit, an wissenschaftlichen Studien mitzuarbeiten. Schließlich der Bereich, der sich mit dem guten Aussehen der Haut beschäftigt - die ästhetische Dermatologie und Kosmetik.

Volker Steinkraus liebt sein Fach. Er sagt das im Gespräch auf die eine oder andere Art immer wieder. Wohl auch, um zu untermauern, wie ernst ihm sein Anliegen ist. Denn selbstverständlich gibt es in der Stadt den einen oder anderen Kollegen, der sich nicht damit anfreunden kann, dass sich einer, der für sich in Anspruch nimmt, ein ernsthafter Mediziner zu sein, auch mit eigentlich Überflüssigem wie Kosmetik befasst.

Unbestritten aber ist der Erfolg des Konzeptes: Bis zu 250 Patienten kommen jeden Tag in die mittlerweile auf 2500 Quadratmeter angewachsene Praxis, die inzwischen Dermatologikum heißt. Viele kommen von weit her. Aus Kiel, aus Frankfurt, manche sogar eigens aus dem Ausland. Durchschnittlich 30 neue Patienten sind darunter. Etliche haben es mit chronischen Erkrankungen wie Neurodermitis zu tun, sind bereits bei vielen Ärzten gewesen. Und ein großer Anteil der Menschen, die auf den farbig bezogenen, etwas unbequemen Stühlen im Wartezimmer Platz genommen haben, sind auf Empfehlung von Freunden oder Verwandten hier.

Die Kosten für die Behandlung im Dermatologikum bekommen nur Privatpatienten von der Krankenkasse erstattet. Die gesetzlich Versicherten müssen selbst zahlen. Dennoch nehmen das bis zu 40 Prozent der Patienten von Steinkraus und seinen Kollegen in Kauf.

Damit kann das Dermatologikum als Beleg dafür gelten, dass Gesundheit hier zu Lande zunehmend als Wert betrachtet wird, für den viele Menschen bereit sind, notfalls auch aus eigener Tasche zu zahlen. Sofern sie davon überzeugt sind, dass es sich lohnt. Nun kann man natürlich einwenden, dass es Hautärzte wie Steinkraus und Kollegen leichter haben als andere medizinische Disziplinen. Die Haut ist nicht nur das größte Organ des Menschen, sie ist auch das sensibelste. Ein Hautausschlag ist nicht nur quälend, er drückt auch auf das Selbstwertgefühl, nicht minder als ein entstellendes Muttermal. Eitelkeit mag für den Erfolg des Dermatologikums also durchaus eine Rolle spielen. Aber vor allem, wer ernstlich krank ist, etwa Hautkrebs hat, ist offenbar bereit, selbst für seine medizinische Betreuung zu bezahlen, wenn er sich in guten Händen weiß.

Selbstverständlich wird am Dermatologikum keine Wundermedizin betrieben. "Auch wir kochen nur mit Wasser", sagt Steinkraus. Die Frage aber scheint zu sein, wie. Möglicherweise fängt es bei ganz einfachen Dingen an. Da ist zum einen die gute Verkehrsanbindung der Praxis. Wenn man so will, ist das Teil des Services des Dermatologikums. Auch sonst setzen die insgesamt 19 Arzte und 100 Mitarbeiter konsequent auf gute Erreichbarkeit. Nehmen wir die Öffnungszeiten. Von 7.30 Uhr bis 19.30 Uhr ist in der Woche Sprechstunde. Besonders Beschäftigte können samstags zwischen 10 Uhr und 16 Uhr kommen.

Wer erst mal da ist, der hat es mit außerordentlich freundlichen Menschen zu tun. Am Empfang werden die Patienten behandelt wie in einem gut geführten Hotel. Damit jeder weiß, was gemeint ist, organisiert Steinkraus schon mal einen Betriebsausflug ins feine Hotel "Vier Jahreszeiten", um guten Service dort aus nächster Nähe zu beobachten. Dazu gehört, dass jeder Patient mit Namen angesprochen wird, nicht aufdringlich, wie ein Vertreter frisch aus der Schulung das macht, sondern ganz selbstverständlich. Wie das gelingt, bleibt ein Geheimnis. Aber es klappt. Auch unter den Mitarbeitern scheint der Ton entspannt. Überhaupt wird viel gelächelt. Kurzum: Der Patient fühlt sich bereits gut aufgehoben, bevor er überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommen hat - was in der Regel ziemlich pünktlich der Fall ist.

Einer von ihnen ist Professor Kristian Reich. Er kam im vergangenen Jahr von der Universität Göttingen nach Hamburg, wo er zuletzt als leitender Oberarzt an der Hautklinik arbeitete. Er ist einer der fünf Partner - also Gesellschafter - des Dermatologikums, von denen jeder sein persönliches Spezialgebiet betreut. Reich etwa gilt Fachleuten als einer der führenden Wissenschaftler im Bereich der Psoriasis- und Neurodermitis-Forschung.

Wenn er über Medizin und Patienten spricht, leuchtet sein Gesicht. Trotz aller Liebe für sein Fach, an der Uni mochte er nach 15 Jahren nicht mehr bleiben. Dabei sei die Arbeit dort "eigentlich wunderbar" gewesen, sagt der 40-Jährige: das globale Netzwerk von Fachleuten, der Austausch, so viel zu erforschen.

Uneigentlich war er oft frustriert. Über den Apparat, darüber, dass er auch als leitender Arzt kaum Gestaltungsmöglichkeiten hatte. Wenn Reich das erzählt, spricht ein Mann mit gebrochenem Herzen. Aber auch einer, der sich neu verliebt hat. Hier am Dermatologikum, sagt er, könne er seine Liebe zum Fach nun wieder ausleben. Er hätte auch anderswo hingehen können. Ins Ausland. Oder in die Pharmaindustrie. Er entschied sich für Hamburg. Weil er sich an einen Ort wünschte, an dem er als behandelnder Arzt Forschung und Lehre miteinander verbinden konnte. "Das funktioniert hier gut", sagt er. Selbstverständlich forsche er nicht mehr so viel wie an der Uni. Natürlich gehe es hier mehr ums Geldverdienen. Dafür aber habe er mehr Freiheiten und mehr Zeit für die Patienten. Außerdem gehe hier alles "viiiiel schneller - wenn ich entscheide, dass wir einen neuen Laser für die Behandlung brauchen, kann ich ihn gleich morgen bestellen".

Aber funktioniert Forschung in einer Einrichtung wie dieser überhaupt? "Die Bedingungen sind sogar besser als an der Uni", sagt Reich. Die Mitarbeiter seien bestens qualifiziert - vom bestens ausgestatteten Labor ganz zu schweigen.

Das Forschungslabor SIT (Skin Investigation and Technology) gehört zu den Dingen, die die Patienten nicht zu Gesicht bekommen. Sowohl Steinkraus als auch Reich sind davon überzeugt, dass "man ein Fach im Sinne der Patienten ohne Forschung nicht vorantreiben kann". Genau das wollen sie. Schließlich befriedigen solche Studien nicht nur die wissenschaftliche Neugier, sie festigen auch das Renommee.

Für Steinkraus und Co. ist Forschung aber auch ein interessantes Geschäftsfeld. 2005 Jahr gründeten sie SCIderm. Das Institut macht Studien im Auftrag von Dritten. Für Pharmaunternehmen, aber auch für Kosmetikfirmen. "Dabei ist nahezu alles möglich. Wir machen kleinere Beratung, aber auch global angelegte Untersuchungen", sagt Ina Zschocke. Sie ist die Leiterin der neuen Firma, die inzwischen 15 Mitarbeiter zählt. Die Psychologin kam aus Freiburg nach Hamburg. Im Süden hatte sie bereits viele dermatologische Studienprojekte durchgeführt. Was sie lockte, war vor allem "die Kompetenz der unterschiedlichen Disziplinen, die hier zusammenkommen".

Die Kompetenz ist es, die das Dermatologikum nicht nur für Patienten zur Anlaufstelle macht. Mittlerweile hat sich auch unter Studenten herumgesprochen, dass sich hier einiges lernen lässt: Steinkraus hat eine Ermächtigung zur Weiterbildung von Ärzten zu Haut- und Allergiespezialisten. Daneben schreibt er Stipendien für Arzte aus dem Ausland aus, die für drei Monate von überall auf der Welt herkommen, um sich weiterzubilden.

Das Erfolgskonzept: Wissen, Zeit, Zuwendung Was die Studenten hier lernen, ist nicht nur das rein Fachliche. Es ist auch die Philosophie des Hauses im Umgang mit Patienten. Und der, sagt Steinkraus, sei neben der Medizin der Grund für den Erfolg des Dermatologikums. Für ihn steht fest, dass es dazu einen Arzt braucht, "der sich mit besonders viel Zeit und Zuwendung um seine Patienten kümmert. Einen, der ihnen zuhört und nach den Lebensumständen fragt". Gerade bei Hautkrankheiten sei das letztlich für den Behandlungserfolg entscheidend. "Vor allem aber muss der Patient das Gefühl haben, in diesem Moment der wichtigste Mensch für den Arzt zu sein." Und zwar unabhängig davon, ob er nun ernsthaft krank sei oder - aus medizinischer Sicht - mit einer Bagatelle komme. Klingt zu schön, um wahr zu sein. Aber die Patienten im Wartezimmer bescheinigen Steinkraus und Kollegen genau das.

Die Zeit, die das kostet, muss sich ein Arzt allerdings auch leisten können. Und das geht mit Privatpatienten und Selbstzahlern natürlich sehr viel leichter. Mit Fallpauschalen um die 34 Euro, die die gesetzlichen Krankenkassen je nach Region pro Quartal und Patient einem Hautarzt erstatten, ist eine solch intensive Betreuung schwerlich zu leisten. Streng genommen ist sie sogar existenzgefährdend. Vor allem, wenn die Patienten mehrmals im Quartal kommen.

Steinkraus hat sich gegen dieses System entschieden und seinen eigenen Ausweg gesucht. Denn: "Ich wollte Patienten so behandeln, wie ich selbst gern behandelt werden würde, wenn ich Patient wäre." Also entschied er sich dafür, einen weiten Bogen um die gesetzlichen Krankenkassen zu machen. Ein Konzept übrigens, das damals, als er anfing, nicht mal Kollegen und Freunde verstanden. Der Einzige, der es verstand, war ausgerechnet sein Bankberater, der ihm prompt eine Vollfinanzierung verschaffte.

Die Sache mit den Privatpatienten und Selbstzahlern ist vielen ein Dorn im Auge. Etliche Arzte halten es schlicht für unethisch, nur solche Patienten zu versorgen, die sich das auch leisten können. Kristian Reich hält dagegen, dass es nun so viel Geld auch wieder nicht sei, was die Behandlung koste. "Wir machen schließlich keine Herztransplantationen. Für den Gegenwert von ein paar Monatsbeiträgen im Fitness-Studio kann man sich auch beim Hautarzt behandeln lassen", sagt er. Es sei eben eine Frage der Prioritäten. Wobei zu hören ist, dass man im Dermatologikum in bestimmten Fällen durchaus Ausnahmen mache. Und von einer Rechnungsstellung absieht.

Steinkraus wird trotzdem mit Kritik leben müssen. Auch, weil er für die rund 120 Dermatologen ein ungeliebter Wettbewerber ist. Viele Kollegen leben vor allem von den fünf bis zehn Prozent Privatpatienten, die sie in ihrer Praxis behandeln. Die aber können im Gegensatz zu den gesetzlich Versicherten ohne Zuzahlung ins Dermatologikum wechseln. Manche tun das durchaus, wenn sie die langen Wartezeiten satt haben oder ein Bekannter rät, das Hautproblem mithilfe der neuesten Hightech-Geräte am Stephansplatz behandeln zu lassen.

Kathi Turnbull kann bei Bedarf allein zwischen sechs verschiedenen Lasertypen wählen. Die 33-jährige Spezialistin für ästhetische Dermatologie behandelt beispielsweise Feuermale, gutartige Hauttumore und Narben mit der Technologie. Aber auch Falten und Tätowierungen. Viele ihrer Behandlungen werden allerdings auch von den privaten Krankenkassen nicht bezahlt. Trotzdem hat sie mehr als gut zu tun. 60 Stunden in der Woche arbeitet sie. Die Weiterbildungsveranstaltungen und Beratungen, die sie in den umliegenden Krankenhäusern macht, nicht mit eingerechnet.

Sie war eine der Ersten, die das Team um Steinkraus verstärkten, als sie 1999 frisch von der Universität kam. Nach einem dreijährigen Ausflug an die Charité in Berlin, wo sie als Stationsärztin arbeitete, kam sie ans Dermatologikum zurück. "Wo sonst hätte ich solche Möglichkeiten?" Sie meint damit die vielen Fortbildungen, die sie macht, die Reisen in die USA und überall dort hin, wo sich interessante Neuerungen in ihrem Fach ergeben. "Das muss ich auch, denn meine Patienten sind sehr gut informiert", sagt sie.

Neben ihrer Arbeit am Laser ist sie am Dermatologikum zusammen mit einer Kollegin für die so genannte Pro-Youthing-Sprechstunde zuständig. Ihre Kunden möchten sich etwa vor vorzeitiger Hautalterung schützen. Oder bereits entstandene Schäden beheben, durch ein Fruchtsäure-Peeling oder eine Botox-Injektion beispielsweise.

Es ist nicht zuletzt dieses dritte Standbein, das Wasser auf die Mühlen der Kritiker ist. Zumal Steinkraus seit einem Jahr mit SBT Skin Biology Therapy nun auch noch eine von ihm entwickelte Hautpflegeserie auf dem Markt hat. Ihn lässt die Kritik inzwischen kalt. Er habe schon immer von einer Hautpflege geträumt, deren Inhaltsstoffe er genau kenne. "Wäre ich Orthopäde, hätte ich vermutlich ein Hüftgelenk entwickelt." Wahrscheinlich steckt in diesem Satz sein eigentliches Erfolgsgeheimnis: Der Mann ist ein Getriebener, ein Perfektionist. Und einer, der das Glück hat zu lieben, was er tut.

Mehr aus diesem Heft

Gesundheitsmarkt

Die Heilung der Hypochonder

Gesundheit ist das höchste Gut. Wenn das stimmt, wird es Zeit, sich auch so zu verhalten. Denn Illusionen machen krank.

Lesen

Gesundheitsmarkt

Hormon-Kunde

Ärzte verstehen sich gemeinhin nicht als Unternehmer. Falls doch, kann das nicht nur ihnen, sondern auch der Wissenschaft nützen, wie der Hormon- und Stoffwechsel-Experte Heinrich Schulte beweist.

Lesen

Idea
Read