Ausgabe 06/2006 - Kolumne

Das Problem ist die Lösung

"Paradise is exactly like where you are right now. Only much, much better." (Laurie Anderson, " Language is a Virus")

"Der perfekte Mensch" ist eines dieser kleinen Meisterwerke, von denen man nie etwas gehört hat, bis sie einen bei der ersten Begegnung mit freundlicher Selbstverständlichkeit umhauen: In dem 13 Minuten langen Schwarz-Weiß-Film gehen, tanzen, rauchen, essen zwei Personen in einem leeren Raum, sie tun alltägliche Dinge extrem stilisiert, während im Hintergrund eine Stimme einen Text spricht, der mit den Worten beginnt: "Dies ist der Mensch. Dies ist der perfekte Mensch. Wir werden sehen, wie der perfekte Mensch funktioniert." Es ist das Debüt des Dänen Jorgen Leth, der dieses filmische Gedicht 1967 gedreht hat und seitdem 29 weitere kurze und lange Filme sowie diverse Bücher veröffentlichte. Der ebenfalls dänische Regisseur Lars von Trier zählt "Der perfekte Mensch" zu seinen wichtigsten Vorbildern und ist außerdem mit dem heute 69-jährigen Leth befreundet. Zwei gute Gründe, um ihn im Jahr 2000 zu einem Spiel einzuladen, das in einem Film festgehalten wurde: " The Five Obstructions".

Von Triers Grundgedanke ist einfach: Er liebt Jorgen Leth und seine Arbeit, meint aber, Leth sei zu abgehoben und müsse, wie er im Film sagt, "vom Perfekten zum Menschen kommen", er müsse "banalisiert" werden. Deshalb beauftragt er Leth, neue Versionen von "Der perfekte Mensch" zu drehen - allerdings mit vorgegebenen, willkürlichen Hindernissen. "The Five Obstructions" zeigt über fast 90 Minuten, wie sich die beiden Männer immer wieder treffen, wie von Trier neue absurde Forderungen stellt, wie Leth nach jedem Gespräch verzweifelt erklärt, so könne er nicht arbeiten, wie er dann doch weitere Filme dreht, die alle wunderbar sind, und wie nach jedem dieser Filme von Trier verzweifelt, weil Leth nicht scheitert. Es ist ein Film über die Unendlichkeit der Kunst und der Poesie, aber es ist auch ein Film über den Wert von Grenzen. Und das gilt nicht nur für die Kunst.

Wüsste man nicht, dass sich hier zwei Regisseure unterhalten, könnte das Gespräch mit leicht geändertem Inhalt überall auf der Welt stattfinden, in jeder beliebigen Organisation, einer Firma, einer Behörde, einer Agentur. Auf der einen Seite erklärt ein Chef irgendetwas, das ihm gerade eingefallen ist, zur neuen Grundregel, während auf der anderen Seite der Befehlsempfänger im Boden versinkt, weil er weiß: So geht es nicht. Diese Situation hat wohl jeder schon erlebt, doch eines ist hier anders: Leth lässt sich nicht beirren. Doch zur Hierarchie gehört, dass der Untergebene Vorgaben nicht nur in ihrem Wortlaut, sondern auch in ihrer Intention akzeptiert. Von solcher Unterwürfigkeit ist Leth weit entfernt. Von Trier verlangt von ihm, dass sein erster Film zwölf Bilder pro Sekunde haben soll, (ein Film besteht normalerweise aus 36 Bildern pro Sekunde, um die Illusion fließender Bewegung zu erzeugen), und so dreht Leth mit genau zwölf Bildern pro Sekunde ein rhythmisiertes Stück filmischer Musik, das das Hindernis zum Stilmittel macht. Von Trier kommentiert völlig richtig: "Die zwölf Bilder waren kein Hindernis, sie waren ein Geschenk." Nachteile zu Vorteilen umzudeuten beziehungsweise Probleme als Stärken zu sehen ist eine Methode, die auch in den schmalsten Ratgeberkästchen nicht fehlt. Selten dagegen hört man von einer Dankbarkeit gegenüber Problemen. Im Gegenteil: Ein weit verbreitetes Fernziel ist die Problemlosigkeit, der perfekte Betrieb, die perfekte Beziehung, der perfekte Mensch. Das ist aber nicht nur unrealistisch, es ist auch nicht wünschenswert. Leth wäre nie auf die Idee gekommen, einen Film mit zwölf Bildern pro Sekunde zu drehen - erst das Hindernis machte die Arbeit möglich.

Ähnlich liegt der Fall bei Orson Welles: Man könnte das Leben des Regisseurs problemlos als die Tragödie eines Mannes erzählen, dem es zu Lebzeiten nie gelang, die Filme zu drehen, von denen er träumte, weil ihm stets das Geld fehlte und er deshalb einen Großteil seiner Zeit mit Reisen um die Welt verbringen musste, um Finanziers zu finden. Doch das wäre nicht mal die halbe Wahrheit: In der Dokumentation "Orson Welles - The One-Man Band", die gerade mit Welles' spätem Meisterwerk "F wie Fälschung" auf DVD erschienen ist, erzählt Welles' Witwe Ojar Kodar, mit welcher Freude der Filmemacher an jedem Ort gedreht hat, den sie passierten: hier eine Einstellung für das eine Projekt, dort eine Szene für ein anderes. Sicher, er stellte nichts mehr fertig, aber so ist das eben, irgendwann stirbt man, und dann bleibt was liegen. Doch die Fragmente zeigen, wie der Mangel an Möglichkeiten nicht nur die Kreativität förderte, sondern manchmal sogar zu ihrer Grundlage wurde: Von einem an Monty Python erinnernden Sketch über einen Schlossbesitzer hatte Welles über Jahre nur die Hälfte gedreht, einen Teil mit ihm als Hauptfigur. Als er schließlich etwas Geld hatte, um die andere Hälfte fertig zu stellen, war er bereits so alt, dass er völlig anders aussah und jetzt auch sein Gegenüber selbst spielen konnte - das ist vermutlich einmalig in der Filmgeschichte.

Klar, nicht jedes Problem führt zu einer Lösung - oft genug scheitern wir an sinnlosen Regeln. Und nein, ich will nicht die Menschen, die uns ständig Steine in den Weg legen, zu Heiligen erheben. Aber manchmal ist es erleichternd, die Dinge anders zu sehen, und vielleicht sollten wir schon deshalb wenigstens einmal im Jahr an unsere Vorgesetzten denken, die von uns dauernd irgendwas verlangen, das ihnen gerade eingefallen ist, an unsere Partner, deren Wünsche immer wieder zu groß sind, an unsere nervigen Freunde, die von uns so oft zu viel erwarten, und danke sagen: danke, dass ihr uns mit euren undurchdachten Ideen, übergeschnappten Vorstellungen und bodenlosen Ansprüchen etwas gebt, woran wir wachsen können. Danke, dass ihr uns wach haltet! Danke für die Herausforderung.

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