Ausgabe 06/2006 - Das geht

Die sichere Nummer

Alles begann mit Mode und einem großen Namen. Karl Lagerfeld nahm Michael Kramer Anfang der achtziger Jahre in seiner Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien auf. Dorthin brachte der junge Student aus München nicht nur kreatives Potenzial, sondern auch eine gehörige Portion unternehmerischen Ehrgeiz mit. Frisch von der Uni gründete er 1984 ein Unternehmen für Damen-Oberbekleidung. Und das startete auch unversehens durch.

Doch eine der Grundregeln des Modemarktes lautet: Wenn ein Kleiner Erfolg hat, schluckt ihn bald ein Großer. "Im Grunde haben alle ungefähr gleichwertige Produkte. Über Markterfolg entscheidet vor allem Kapital für Produktion und Marketing", weiß Kramer heute. Damals, Ende der Achtziger, wurde sein Start-up von einem italienischen Modekonzern übernommen. Kramer verdingte sich einige Jahre als Turnaround-Manager für angeschlagene Textilunternehmen, war wieder erfolgreich und dennoch bald wieder unzufrieden.

1999 nahm er ein Sabbatical, denn er spürte: "Mein Leben ist reif für einen Turnaround. Ich brauche ein neues Ziel." Am Ende des Jahres war das Ziel definiert - Kramer wollte ein Unternehmen aufbauen, das als Technologieführer einen Markt erobert und nicht so leicht verdrängt werden kann. Allein die konkrete Geschäftsidee fehlte noch.

Schließlich half der Zufall.

Kramers Kreditkartennummer wurde im Internet abgefischt. Die digitalen Diebe gingen auf Einkaufstour und verursachten einen Schaden von 7000 Dollar. Davon blieb die Hälfte an Kramer persönlich hängen. Der war maßlos verärgert, hatte aber nun eine Idee. Im Jahr 2000 gründete er in München die Voice-Trust AG. Geschäftszweck; Internet und Firmennetzwerke mithilfe von Stimmvergleichen sicherer zu machen.

Die Gedanke ist im Prinzip simpel, in der technischen Umsetzung jedoch aufwändig. Keine Stimme ist wie die andere: 1200 Vektoren entscheiden über die Charakteristik unserer gesprochenen Sprache. Eine Software vergleicht die gespeicherte Stimmprobe (Voice-Print) mit der des Anrufers. Das Programm kann ihn anhand seiner biometrischen Daten zweifelsfrei als authentisch identifizieren und Zugang zu einem Netzwerk gewähren oder Transaktionen (zum Beispiel Bank-Überweisungen) erlauben - oder eben ablehnen. Auch Stimm-Imitatoren haben nicht die geringste Chance, das System zu überlisten. Die besten wie der Gerhard-Schröder-Imitator Elmar Brand bringen es gerade mal auf zwei Prozent Übereinstimmung.

Mit Fingerabdruck-Scannern ließe sich zwar eine ähnliche Sicherung einbauen. Doch der Stimmenvergleich hat einen gewichtigen Vorteil: Er kann durchgeführt werden, wo ein Telefon vorhanden ist. Im Handy-Zeitalter also fast überall. Darin sah Kramer, heute 44 Jahre alt, die große Chance.

Mit sechs Mitarbeitern, darunter zwei " Greencard-Indern", fing Voice-Trust an. Ein Jahr später hatte das kleine Team sein erstes Produkt am Start, ein vollautomatisiertes Passwort-Set-System für die Allianz-Gruppe. Wenn ein Allianz-Mitarbeiter sein Passwort für seinen Firmenrechner vergessen oder verloren hatte, musste nicht mehr ein Systemadministrator den Zugang für den schusseligen Kollegen neu einrichten. Das Reset-System erkennt die Stimme des Anrufers zweifelsfrei und teilt ihm automatisch einen neuen Zugang zu. Das spart Zeit und Kosten.

Auf dieser Technik aufbauend, hat Voice-Trust über die Jahre verschiedene Stimm-Authentifizierungs-Systeme für alle möglichen IT-Infrastrukturen entwickelt. 35 Großkonzerne nutzen inzwischen die patentierten Stimmerkennungs-Systeme aus München. IBM hat sie zu ihrem weltweiten Standard für sich und alle bestehenden Kunden erhoben. In der Summe sind das eine Million Nutzer. Im kommenden Jahr soll ein geschäftlicher Quantensprung folgen. Zusammen mit Ebay, Skype und Paypal arbeiten die Münchener gerade an der stimmbasierten Doppelsicherung für die Kaufabwicklung im Internet.

Mit diesen Ideen lässt sich gut wirtschaften. Bislang konnte die Voice-Trust AG ihren Umsatz jährlich fast immer verdoppeln. 2005 setzten die 30 Mitarbeiter drei Millionen Euro um. Dieses Jahr sollen es laut Kramer sechs Millionen werden, bei angepeilten 1,5 Millionen Euro Gewinn. Das freut die Kapitalgeber, darunter der Gründer und mehrere Risikokapitalisten, die insgesamt 15 Millionen Euro in die Entwicklung steckten. Besonders stolz ist Kramer jedoch auf seine jüngste Auszeichnung. Das World Economic Forum in Davos wählte Voice-Trust zu einem von weltweit 36 "Technology Pioneers 2006" . Der Preis würdigt bahnbrechende Innovationen, die unsere Welt ein Stück verbessern.

In diesem Fall heißt das wohl: die vernetzte Welt ein Stück sicherer machen. Mit Damen-Oberbekleidung wäre Kramer diese Ehre nicht zuteil geworden. Kontakt: Voice-Trust AG, Geisenhausenerstraße 15, 81379 München Telefon: 0 89/12 71 60, www.voicetrust.de

Mehr aus diesem Heft

Gesundheitsmarkt

Die Heilung der Hypochonder

Gesundheit ist das höchste Gut. Wenn das stimmt, wird es Zeit, sich auch so zu verhalten. Denn Illusionen machen krank.

Lesen

Gesundheitsmarkt

Näher am Patienten

Aller Forschung zum Trotz ist Krebs noch immer eine der häufigsten Todesursachen. Wo stehen wir im Kampf gegen diesen mächtigen Gegner? Ein Gespräch mit Karl H. Schlingensief, bis vor wenigen Wochen Vorstandsvorsitzender der Hofmann-La Roche AG in Grenz

Lesen

Idea
Read