Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

Letzte Hilfe

Methab Ahmad hat Glück gehabt. Er steht seit sechs Monaten Tag für Tag am Tresen in einer Berliner Wärmestube für Obdachlose. Dort schenkt er Kaffee aus, schmiert Brötchen, kocht, beruhigt Angetrunkene und macht sauber. Von draußen, durch das trübe Schaufenster, sieht die Wärmestube in der Kreuzberger Wrangelstraße wie eine verqualmte Höhle aus. Von innen auch. Sperrholzmöbel, schlechte Luft, ein Fernseher in der Ecke. Müde, vom Alkohol zerstörte Gesichter, brabbelnde Gespräche und viele Menschen, deren Kleidung aussieht, als wäre sie bei der letzten Altkleidersammlung übrig geblieben. Der Konsum von Alkohol oder anderen Drogen ist nicht gestattet, steht auf einem Schild an der Wand. Für Rucksäcke oder andere persönliche Habe wird keine Haftung übernommen, warnt ein anderes.

Wer hier seine Tage vertrödelt, hat wirklich nichts Besseres vor. Es ist kein schöner Ort. Doch für Methab Ahmad ist er ein Geschenk. "Für mich ist das okay hier. Man kann sich unterhalten, auch wenn man Probleme hat. Man fängt an nachzudenken. Das muss ja nicht so enden wie hier", sagt der 27-Jährige. Was " nicht so enden muss" ist sein Leben. Knapp vier Jahre Gefängnis hat Ahmad hinter sich: wegen Körperverletzung, Raub, Beleidigung, Diebstahl. "Meistens war ich bei den Straftaten betrunken oder auf Drogen. Ich habe auf der Straße gelebt. Zu Hause gab es immer Stress. Der Vater hat uns jeden Tag geschlagen." Ahmad ist staatenloser Palästinenser, geboren in Berlin. In Deutschland wird er nur geduldet, deshalb bekommt er vom Staat kein Arbeitslosengeld II, sondern nur eine Unterstützung von 154 Euro im Monat. Wegen Ahmads krimineller Vergangenheit will ihn die Ausländerbehörde ausweisen. Vor sieben Jahren hat sie ihm den Pass entzogen.

Kein Pass, keine Wohnung, kein Job, keine Perspektive. "Ich habe öfter gedacht, es geht nicht mehr weiter. Ich kriege mein Leben so oder so nicht in den Griff. Warum soll ich leben? Mit 13 habe ich zum ersten Mal versucht, mich umzubringen. Der letzte Selbstmordversuch war vor zwei Jahren. Nachts bin ich immer weggegangen in Diskotheken wie Tresor, WMF, SO 36, fünf Tage die Woche. Tagsüber habe ich geschlafen." Das klingt nach keinem guten Lebensrhythmus. Aber der hat sich mit dem unbezahlten Job in der Wärmestube verändert.

Methab Ahmad steht nicht freiwillig hinterm Tresen, er arbeitet eine Strafe ab: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ("Ich hatte keinen Bock, so mit Handschellen") und Beleidigung. Wenn Ahmad bei der Arbeit unentschuldigt fehlt, ist die Alternative klar: Haft. Die Monate in der Wärmestube sind aber nicht nur eine Strafe, sondern auch eine Chance: "Seit ich hier bin, kümmere ich mich mehr um meine Sachen, Ämter und so, pünktlich beim Arzt, pünktlich zur Arbeit. Früher war mir das alles egal. Wenn ich jetzt abends trinken gehe, weiß ich, dass ich früh nach Hause muss, weil ich am nächsten Tag arbeite." Ahmad ist jemand, der nur weiß, wie er auf der Straße überlebt, und jetzt darüber nachdenkt, wie es weitergehen soll. Mit weniger Bier. Ohne Drogen. Mit einem richtigen Job. Mit etwas Glück sogar irgendwann mit einer eigenen Wohnung. Vielleicht war die Verurteilung zu 275 Tagessätzen, die er in der Wrangelstraße abarbeitet, das Beste, was ihm passieren konnte. "Es gibt im Leben Situationen, da stehen die Chancen fifty-fifty, dass man es gut übersteht", sagt Patricia Jaufmann. "Es ist wie an einer Weggabelung, an der man in die eine oder in die andere Richtung gehen kann - nur dass einer der beiden Wege in den Abgrund führt. Das kann eine Scheidung sein, die man nicht verkraftet, eine schreckliche Kindheit, von der man sich nicht befreien kann, der Verlust einer Arbeit, ein Suchtproblem. Wenn man zu den 50 Prozent gehört, die es schaffen, hat man eine große Portion Glück gehabt, weil man Freunde hatte, eine Familie, Möglichkeiten. Aber dieses Glück haben manche nicht." Patricia Jaufmann ist eine von drei Sozialarbeitern, die in der Wärmestube arbeiten, eine gut gelaunte Frau Anfang 40, mit sehr blonden, energisch frisierten Haaren und lustig klimperndem Goldschmuck an den Handgelenken. Das Klischee des schwadronierenden Sozialarbeiters, der vor allem gelernt hat, eigene Ansprüche anzumelden und einen gut gepolsterten Job mit vielen psychosozialen Vokabeln zu sichern, erfüllt die Berlinerin absolut nicht.

Seit elf Jahren arbeitet Patricia Jaufmann in der Wärmestube. Sie mag ihre Arbeit, sie hängt an den abgestürzten Menschen, die hier ihre Tage verdösen, sich bei Briefen an Ämter helfen lassen, einen Alkoholentzug machen oder auch nicht. Jaufmanns Klientel: Menschen, die zum Teil seit Jahren auf der Straße sind, "Platte machen", in Wohnheimen oder bescheidenen Mietwohnungen leben. Viele müssen, wenn sie endlich eine eigene Wohnung finden, erst wieder mühsam lernen, normal zu leben. Etwa, dass man den Müll wegbringen muss. Oder dass es keine gute Idee ist, das gesamte Geld vom Sozialamt zu vertrinken, bevor Miete und Strom bezahlt sind. Auf dem Arbeitsmarkt hat keiner von ihnen die geringste Chance. Ein Leben auf Hartz-IV-Niveau, mit eigener Wohnung, krankenversichert und ohne sich zu Tode zu trinken oder das Hirn mit Klebstoff wegzuschnüffeln, ist für die meisten hier das Beste, was sie aus ihrem Leben machen können. Aber selbst das zu erreichen ist ein harter Kampf.

Jaufmann spricht mit echter Zuneigung von ihren Klienten. "Die haben eine große emotionale Intelligenz, von der sich viele draußen eine Scheibe abschneiden könnten. Es ist ihnen wirklich nicht egal, wie es dem anderen geht, da können sie selber noch so schlimme Probleme haben. Die helfen sich untereinander, allein schon, indem sie Verständnis aufbringen und aufeinander achten. Sie helfen sich auch bei Alltagsgeschichten, geben sich Tipps, besuchen sich im Krankenhaus. Einer traut sich nicht zum Amt zu gehen, also geht ein anderer mit. Die Selbsthilfe ist groß. Wir sagen ihnen auch: Hört mal, dem geht es heute nicht so gut, seid ein bisschen vorsichtig, keine dummen Sprüche, achtet auf ihn. Für meinen Begriff davon, wie Leben und Miteinander-Leben funktioniert, verhalten die sich hier zum Teil vorbildlich. Ich finde, dass es draußen kaputt und hart zugeht, aber hier drin nicht." Nach ihrem Studium hätte Patricia Jaufmann einen bequemen Job in der Sozialbürokratie haben können, in einem großen, hellen Büro. Sie hätte nicht dauernd mit angetrunkenen, schlecht riechenden, ab und zu reichlich aggressiven Problemfällen zu tun. Sie verdiente wahrscheinlich deutlich besser und hätte jeden Tag pünktlich Feierabend. Aber genau darauf hat Jaufmann nicht die geringste Lust. "Fürchterlich" findet sie die Vorstellung, in irgendeinem Büro zu sitzen und Fallgeschichten, Etatpläne und bürokratische Abläufe zu verwalten. "Was man nicht unterschätzen darf: Ich kriege hier wirklich was zurück. Und ich kann so sein, wie ich bin, ich muss mich nicht verstellen." Das reicht ihr als Argument für die Arbeit in der Wärmestube.

Der Blick der Sozialarbeiterin auf das Elend ist unsentimental und nüchtern. Über die Chancen der harten Trinker unter ihren Klienten macht sie sich keine Illusionen - und harte Trinker sind hier die meisten. "Es gibt Leute, bei denen wir am Ende nur eine Sterbebegleitung machen. Das kann sich über Jahre hinziehen. Aber wenn einer sein Leben nicht ändern will, will er eben nicht. Der soll hier wenigstens in Ruhe sitzen können. Außerdem trinkt er in den Stunden, in denen er hier sitzt, wenigstens nicht. Andere haben Angstzustände oder schwere Depressionen. Die schaffen es gerade noch, aus ihrer Wohnung hierher zu kommen, weil sie sich hier aufgehoben fühlen. Es kommt schon mal vor, dass einer eine Stunde im Kreis rumrennt und singt - dann sagt man vielleicht, sing doch mal ein bisschen leiser. Aber hier ist erst mal jeder willkommen, die Leute akzeptieren sich." Patricia Jaufmann macht ihren Job, ohne hart oder zynisch zu werden. Das hat auch mit ihrem Verständnis von Erfolg zu tun: "Für mich ist es ein Erfolg, wenn jemand menschenwürdig behandelt wird, zumindest in der Zeit, in der er hier ist. Weil er daraus ein Selbstbewusstsein entwickeln und anders auftreten kann, um draußen nicht wie der letzte Dreck behandelt zu werden. Einer, der öfter hierher kam, hat in den ersten Monaten nur auf den Boden gesehen. Irgendwann hat er mich angeschaut und "hallo" gesagt. Auch das ist ein Erfolg, finde ich. Letztlich ist das, was wir hier machen, Beziehungsarbeit." Und die lohnt sich für die Gesellschaft. "Wir können es uns nicht leisten, diese Leute völlig abstürzen zu lassen. Das führt automatisch zu neuen Problemen - und Vandalismus, Körperverletzung, Gefängnis kosten Geld." Glück ist, wenn sich jemand für einen entscheidet Auf das Bild mit der Weggabelung, an der eine Biografie kippen kann, kommt die Sozialarbeiterin mehrfach zurück. Methab Ahmad steht gerade an so einer Kreuzung. Wenn er Glück hat, stabilisiert sich sein Leben durch den Job in der Wärmestube. "Jeder hat sein Schicksal in der Hand", sagt Jaufmann. " Das vermittle ich den Leuten auch. Ich bin niemand, bei dem man jammern kann, wie schlimm alles ist. Einfach nur nett zu jemandem zu sein hilft niemandem. Ich finde das auch demütigend." Die Obdachlosen sind Opfer der Konkurrenzgesellschaft: zu schwach, zu ungebildet, zu empfindlich, zu verstört, zu süchtig, um im gesellschaftlichen Wettbewerb mitzuhalten. Weshalb sollte die Sozialarbeiterin ihnen ihre verwüsteten Biografien vorwerfen? "Mein eigenes Leben hätte ganz anders verlaufen können", sagt Patricia Jaufmann. " Hätte ich nicht so einen wunderbaren Vater, vielleicht würde ich jetzt selbst als Klientin hier in der Wärmestube sitzen. Das ist so. Ich habe wirklich Glück gehabt." Als Patricia Jaufmann acht Jahre alt war, ist ihre Mutter gestorben. Sie hatte aus einer früheren Beziehung drei Kinder in die Ehe mitgebracht. Plötzlich musste der Vater, ein einfacher Mann, von Beruf Schulhausmeister und Heizer, allein für vier Töchter sorgen. "Er hätte sich entscheiden können, mich in ein Heim zu geben, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen." Damals hat sich ihr Leben entschieden, denkt Jaufmann heute. Vielleicht ist sie deshalb so von dem Bild der Weggabelung fasziniert: Sie weiß, dass auch ihre eigene Biografie einmal auf der Kippe stand. Und dass es in solchen Momenten um Glück und die Entscheidung eines einzigen Menschen gehen kann.

Wann Ralf Guderians Leben kippte, ist nicht ganz klar. Es muss vor sehr langer Zeit gewesen sein. Guderian sieht aus wie Mitte 50, ein untersetzter freundlicher Mann, der nur schleppend und etwas verwaschen sprechen kann. Guderian ist 36 Jahre alt.

Wann er anfing mit dem Trinken, weiß er nicht mehr genau. Eigentlich hat er immer getrunken, zuletzt jeden Tag fünf große Flaschen Schnaps. Guderian hat vieles vergessen, zum Beispiel wo seine Geschwister wohnen oder in welchem Jahr er keine Wohnung mehr hatte und anfing, in Parks, auf der Straße oder in U-Bahnhöfen zu schlafen. Er weiß aber noch genau, wann Patricia Jaufmann als Sozialarbeiterin in der Wrangelstraße angefangen hat: "1. Oktober '94". Es ist ein wichtiges Datum für ihn. Seit diesem Tag hat er jemanden, mit dem er sprechen kann.

Guderian hat einen langen Weg hinter sich, erkämpft in vielen kleinen, zäh erkämpften Schritten. Er hat gelernt, welche Ämter für was zuständig sind. Vor 15 Jahren, nach der Wende, hatte er davon keine Ahnung. In der DDR war Guderian Transportarbeiter. Nach dem Mauerfall ging er in den Westen, erst nach Bayern, dann nach Berlin. Der Westen hatte keine Verwendung für ihn, irgendwann verlor er seine Wohnung. "Als ich Platte gemacht habe, habe ich nur gesoffen." Vier Jahre lang.

Die nächsten Stationen: Wärmestuben, Notübernachtungen, ein Obdachlosenwohnheim. Als er von einer leeren Wohnung hört, fährt er einmal die Woche zu der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft und bewirbt sich um die Wohnung. Vier Monate lang, jeden Dienstag. "Mehr als hingehen und mich auf die Hinterbeine stellen, kann ich nicht." Während der ganzen Zeit hat er ununterbrochen hart getrunken. "Wenn ich anfange, mein Geld selbst einzuteilen, saufe ich wieder, das weiß ich. Die Wärmestube hier verwaltet mein Geld auf einem betreuten Konto. Die Miete und das Geld für den Strom wird gleich überwiesen, das Geld bekomme ich nicht in die Hände, das ist besser für mich. Ich habe schon zwei Wohnungen verloren wegen Saufen." Seit vielen Jahren arbeitet Ralf Guderian in der Wärmestube. Für 1,50 Euro die Stunde gibt er Essen aus und hilft anderen Obdachlosen. Er ist stolz auf seine Freundschaften, stolz darauf, "was ich mir hier aufgebaut habe". Und er weiß, wie sehr er dieses Umfeld braucht. "Ich habe Angst, dass ich wieder auf der Straße lande. Deswegen habe ich mich darum gekümmert, dass ich eine Aufgabe habe, dass ich nicht ans Saufen denke. Ich muss irgendwas zum Arbeiten haben, damit ich zurechtkomme." In diesem Jahr landete er dreimal wegen einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse auf der Intensivstation. Beim dritten Mal sagten ihm die Ärzte, dass er nicht mehr lange leben wird, wenn er weitertrinkt. Seit einem Monat ist Guderian trocken. Es sieht ganz gut aus für ihn.

Letzte Frage an Patricia Jaufmann: Werden Sie noch in 20 Jahren in dieser Wärmestube arbeiten? "Hoffentlich. Ich kann mir keine bessere Arbeit vorstellen." Letzte Frage an Methab Ahmad: Was wäre für Sie ein schönes Leben? "Eine gute Beziehung, eine eigene Wohnung, ein normaler Job, dann wäre ich glücklich." Letzte Frage an Ralf Guderian: Was würden Sie anders machen, wenn Sie Ihr Leben neu beginnen könnten? "Alles."

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