Ausgabe 10/2005 - Editorial

Lasst sie gut sein

• Die Bilder fallen jeden Tag aus dem Fernseher, aus Zeitungen und Zeitschriften in unsere Wohnzimmer: Erdbebenopfer in Pakistan, zerstörte Perspektiven in New Orleans, hungernde Menschen in Afrika. Und wer die Augen nicht verschließt, sieht das Elend längst auch vor der eigenen Haustür, in Fußgängerzonen, am Bahnhof. Da muss doch was zu machen sein! Da muss man doch helfen! Nur: wie?

Was hilft und was nicht – das ist eine Frage, die nicht nur aus mitleidigem Herzen beantwortet werden kann. Dass die Deutschen bei der Tsunami-Katastrophe alle Spendenrekorde brachen, ist einerseits eine schöne Leistung. Und andererseits ein Problem für die Hilfsorganisationen vor Ort: Denn mit dem vielen Geld ist auch der Anspruch verbunden, dass möglichst bald alles wieder gut sein soll – doch „bald“ ist ein relativer Begriff, wenn bis auf das Geld alles fehlt (S. 92).

Überhaupt verliert die Spende an Strahlkraft, wenn man sich mit dem Thema Hilfe erst einmal gründlich befasst. Zum Beispiel Armenien: Die kleine Republik und ihre Bürger haben im Lauf der Geschichte eine Menge mitgemacht, viele Armenier sind ausgewandert. Im Ausland machten sie ihr Glück, an dem sie die Zurückgebliebenen durchaus teilhaben lassen – per Spende allerdings, nicht, wie beispielsweise Exil-Chinesen, per Investition. Sie haben kein Vertrauen in die verlassene Heimat. Doch ohne Vertrauen wird Hilfe leicht zum Gegenteil (S. 112).

Wer hilft, ohne dem anderen eigene Leistung zuzutrauen, drückt ihn mit seiner Hilfe ins Elend zurück. Die Behinderten im Bremer Martinshof haben dafür ein sehr feines Gespür (S. 124). Und auch die Inder haben nicht zuletzt Spendengelder nach dem Tsunami abgelehnt, weil sie sich und der Welt zeigen wollten, wie stark sie heute sind – allen Problemen zum Trotz (S. 104).

Es könnte also ganz einfach sein mit der Hilfe; nur noch projektorientiert, fördernd und fordernd. Hilfe zur Selbsthilfe hieß das einmal. Doch auch, wer so weit ist, steht vor einem Berg von Problemen: Wo unterstützt man und wie lange (Rupert Neudeck, S.98)? Was packt man zuerst an und warum (Björn Lomborg, S. 80)? Und was kann noch helfen, wenn auf dem Weg nach unten jede Eigeninitiative verloren gegangen ist (S. 118)?

Mitleid ist eine wertvolle menschliche Eigenschaft, ein wichtiger Fortschritt in der Evolution. Doch noch entscheidender auf dem Weg zur Menschwerdung waren die Fähigkeiten zum Reden und zur Kooperation. Wer anfängt, bei Hilfe an Kooperation zu denken, an die Bündelung der eigenen mit der Kraft eines anderen, der ist nicht nur nah am alten und wieder modern werdenden Gedanken der Genossenschaft – der ist auch auf dem besten Weg aus der Spendenfalle, die aus Menschlichkeit Entmündigung macht (S. 68).

Nein, leicht ist das nicht. Doch dass es richtig ist, zeigt einem jedes Kind. Denn was sagen Kinder, wenn man ihnen Kompliziertes abnehmen will? „Kann ich alleine!“ ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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