Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

Lass gut sein

Bitte hilf mir nicht Es ist auch so schon schwer genug.
Reinhard K. Sprenger Samariter-Blues

Er ist nett, keine Frage, und das kann man hören. Er zwitschert und quietscht. Nur: Das kommt selten vor. Weit öfter hört man ihn seufzen. Oder noch öfter klingt er wie ein Kamm, über den ein Daumen fährt. Das ist das Schnarchgeräusch von Ailuropoda melanoleuca, bekannter als der Große Panda. Müde ist er oft. Er hat viel hinter sich. Doch was, so muss man fragen, hat der Große Panda noch vor?

Den Großen Panda kennt heute jeder. Das bis zu 120 Kilo schwere Bröckchen wurde erst spät entdeckt, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, und steht seit 70 Jahren unter strengstem Artenschutz. Es gibt vielleicht noch 1000 Tiere, die sich auf einige unwegsame Gebirgszüge des chinesischen Hochlandes verteilen. Einsam ist er trotzdem nicht. Hinter jedem "frei lebenden" Bären steht eine Armada von Helfern. Allein der Wolong Panda Park in China, ein Naturreservat, beschäftigt pro Bär fünf Mitarbeiter. Dies aber ist nur das Epizentrum der globalen Pandophilen.

Im September verkündete die Chinesische Akademie der Wissenschaften und die Zoologische Gesellschaft von San Diego das bisher aufwändigste Panda-Kümmerer-Projekt. Alle noch frei lebenden Tiere sollen über ein GPS-Satelliten-Monitoring-System rund um die Uhr beobachtet werden. Dann wissen die Kümmerer gleich, was die Bären treiben. Oder besser: was nicht. Denn der Große Panda, ob luxuriös eingelocht in einem Zoo oder in GPS-überwachter "freier Wildbahn", ist ein bemerkenswert lustloses Vieh. Das Leben des Pandas besteht darin zu fressen, und zwar pro Tag und Bär nicht weniger als 35 Kilogramm von der schmackhaften Bambuspflanze. Dabei frisst er nicht wahllos alles: Nur die feinsten Stücke, die delikaten Bambusschößlinge, mag er.

Das aber ist nichts weiter als Genozid an der eigenen Art. Die Sprösslinge sind die Samenspender der Pflanze. Der Panda verfrisst seine Nahrungsgrundlage - und sich damit in eine evolutionäre Sackgasse. Überdies steht alle 70 Jahre eine Bambusblüte an. Danach stirbt die Pflanze. Dumm gelaufen.

Einst war dieser Bär noch das, wofür ihn Zoologen bis heute halten: ein Raubtier - Ordnung Carnivora, Überfamilie Canoidae, Hundeartige, Familie: Ursidae, also Bären. So genau wissen das die Experten, aber andererseits weiß jedes Kind, dass die Mindestanforderung an ein Raubtier darin besteht, dass es sein Essen erbeutet. Vor acht Millionen Jahren begann der Panda, sich neu auszurichten. Er wurde Veganer. Irgendwann fraß er nur noch Bambussprösslinge. Ein Treffer, voll ins Schwarze. Denn die Schößlinge sind der einzige Teil der Pflanze, der in ungekochtem, rohem Zustand, so also, wie es der Panda gern hat, hohe Mengen an Blausäureglykosid enthält. Bis zu acht Gramm pro Kilo Frischware, mehr als genug, um eine ganze Bundestags-Fraktion zum Schweigen zu bringen. Der Panda verdrückt im Laufe seines bis auf 16 Stunden täglich ausgedehnten Fressmarathons mehr als ein Viertelkilo dieses Giftes. Das haut ihn zwar nicht um, aber angepasst hat er sich der selbst gewählten Risiko-Nahrung bis heute nicht vollständig. Es geht ihm nicht gut. So benimmt er sich auch.

Ist das alles Zufall? Oder folgt es gar einem höheren Plan? Fest steht, dass der Große Panda nicht nur beim Fressen auf Nachhaltigkeit pfeift: Die Pandas vermehren sich kaum. Pandophile haben alles getan, um das zu ändern. Noch bevor die Lustpille Viagra für Hominide auf den Markt kam, buken Veterinärmediziner eine speziell für den Panda entwickelte Substanz in kleine Bambus-Cracker ein. Die aphrodisierende Wirkung des Snacks aber blieb aus. Die Pandas rührten die Kekse nicht an.

In Zoos, wo Pandas mit hängendem Kopf, unermüdlich mit Cyanid versetzte Sprösslinge in sich hineinstopfend, traurig melancholisch schnurren, wurde eine weitere Idee geboren, um der demografischen Katastrophe im Panda-Reich Einhalt zu gebieten. Aufklärungsfilme, die den regulären, aber selten geübten Geschlechtsakt der Pandas zeigten, wurden zur Vorrührung gebracht. Sex bei Pandas ist nicht komplizierter als bei anderen Wesen. Doch dieser Versuch, den Panda zu retten, ging nicht mal in die Hosen. Die Bären guckten erstaunt und gelangweilt, wandten sich alsbald ab und legten sich, seufzend, hin. "Sie wollen einfach nicht, genau wie der Deutsche", schrieb Hans Zippert in der " Welt", der die demografische Misere der Republik im Auge hatte.

So fanden die wahrscheinlich gar nicht schlecht gemachten Animationsfilme der Panda-Schützer nur in einschlägig interessierten Kreisen im Internet ein dankbares Publikum.

Alle Welt fragt sich: Was rettet den Panda? Seine traurigen Augen sagen uns: gar nichts Was tun? Oder besser gesagt: Was nicht tun? Der Panda, besser erforscht als mancher Menschenstamm, umhegt und gepflegt wie kein anderes Lebewesen auf diesem Planeten, der Panda mag nicht mehr. Er will keine Pornos, keine Ernährungstipps, kein Aufwachen aus dem Dämmerzustand, den er selbst gewählt hat, und keine Animateure, die unermüdlich versuchen, den trägen Schnarchsack zum Spielen zu bringen. Panda-ABM funktioniert nicht. Könnte es nicht sein, dass die Evolution im stillen Einvernehmen mit manchen Tierarten sagt: Komm, lass es sein, es war schön, aber es genügt?

Ist es unmöglich, dass die Frage: "Was hilft?" eine so einfache Antwort hat wie "gar nichts"? Weiß Gott, der dröge Bär hat viel getan, um sich aus dem Verkehr zu ziehen. Doch so einfach ist das heute natürlich nicht mehr. Artenschutz ist eine ernste Sache und gestattet keine Ausnahme.

Doch vor wem muss der Große Panda geschützt werden? Er hat keine natürlichen Feinde, und Menschen stellen ihm schon lange nicht mehr nach. Sein Fell taugt bestenfalls, um stachelige Matratzen zu befüllen. Sein Fleisch essen dank des satten Blausäureanteils nur Verrückte, sehr reiche Japaner zum Beispiel, aber die essen bekanntlich alles, was selten, gefährlich und vom Aussterben bedroht ist. Davon abgesehen, will dem Bären niemand an den Kragen. Und er braucht auch niemanden, der das wollte. Aussterben kann er ganz allein - das heißt, er könnte, wenn man ihn nur ließe. Während die ganze Welt das Recht auf aktive Sterbehilfe diskutiert, hat der Panda nicht mal einen Anspruch auf die passive Variante. Und einen Strick können sich die tapsigen Vierbeiner nicht nehmen. So wird der Bär missbraucht, zum Beispiel für die so genannte große Politik. Im Jahr 1972 besuchte der damalige US-Präsident Richard Nixon zum ersten Mal das kommunistische China. Als Gastgeschenk überreichte ihm Mao Tse-Tung zwei Pandabären. Die Amis fanden das unheimlich nett, der Siegeszug des Dämmerbären im Westen begann. Chinesischer Humor ist ein wenig eigen. So erzählte man sich, die Pandabären für die Amerikaner seien als Gleichnis dafür zu verstehen, dass die Supermacht USA gegen die schon damals mehr als eine Milliarde Chinesen - Stichwort: Lendenstärke - keine Chance habe. Der impotente Bambusbär passt, so die Pointe, gut zum niedergehenden Imperialismus, den können die gern haben.

1979 bekam Helmut Schmidt zwei Pandas mit ins Reisegepäck, und parallel begann die bis heute schwelende Debatte ums Aussterben der Deutschen. Ein Zufall? Und erst vor kurzem schickte Peking zwei Pandas nach Taiwan, dem brüderlichen Erzfeind der kommunistischen Großmacht, eine Insel, die noch dicht besiedelt ist - aber das muss ja nicht so bleiben. Wer weiß, was eben jetzt im Pekinger Zentralkomitee besprochen wird. Was kriegen die Japaner zum Neujahrsfest? Holt mal zwei Pandas!

Das erklärt, warum die Chinesen den Panda verhätscheln. Aber auch bei uns hat der traurige Bär seinen Wert.

Die weltweit größte Umweltschutzorganisation, der World Wide Fund for Nature (WWF) führt den Panda als Wappentier. Als die Spenden für Umwelt und Artenschutz in den vergangenen Jahren zurückgingen, hielt der WWF stolz die Stellung - 23 Millionen Euro sammelte er allein im Jahr 2003 in Deutschland im Zeichen der Bärenvariante der endogenen Depression. Mit einem Spendenplus von 13 Prozent im Rücken titelten die Umweltschützer damals stolz: "Der Panda trotzt der Flaute." Der Panda? Ach ja, der Panda. Nicht etwa die zehntausenden hauptamtlichen Panda-Kümmerer, die sich mit dem Coaching rund um das Raubtier a. D. ihr Brot - und noch ein bisschen was drauf - verdienen, die Satelliten ins All schießen, um festzustellen, dass der Panda beharrlich nicht kopuliert und weiterhin frisst, was ihn auf Dauer umbringt. All das dient - ja wozu und wem eigentlich?

Oder tun wir dem Panda das an, was wir an unseresgleichen täglich üben: Arbeitslose, für die es keine Arbeit gibt, zur Arbeit verpflichten, auch wenn das Blödsinn ist. Vom Untergang des Abendlandes und von demografischer Katastrophe faseln, nur weil sich nicht jeder fortpflanzen will wie ein Karnickel. Allem und jedem Vorschriften machen, damit es andererseits allen und jedem recht gemacht werden kann. Wir überkümmern den Panda, weil wir auch unsere Kollegen, unsere Nachbarn, unsere Mitbürger nicht in Ruhe lassen können, uns ständig einmischen in Dinge, die uns nichts angehen, nicht das Geringste. Das tun so viele, weil es eine sichere Bank ist, sich nicht um den eigenen Kram kümmern zu müssen.

Der kleine Bär ist eine arme Sau, aber nur eine unter vielen.

Lasst ihn schlafen.

Helft euch lieber selbst.

Mehr aus diesem Heft

Hilfe

Komplizierter als Gentechnik

Die Makhathini Flats sind ein Vorzeige-Projekt der Grünen Gentechnik in Südafrika. Und ein Dorn im Auge der Gentechnik-Gegner. Die Bauern haben andere Probleme.

Lesen

Hilfe

Erben bringt Ärger

In Deutschland werden derzeit viele Menschen ganz plötzlich reich. Und bekommen deshalb Probleme. Dagegen lässt sich etwas tun. Hier ein paar Anregungen.

Lesen

Idea
Read