Ausgabe 10/2005 - Kolumne

Lärm

• Wenn du stirbst, wirst du auf dem Rücken liegen und in den Himmel sehen. Der Himmel wird blau sein, die Farbe der Unendlichkeit wird deine Augen erfüllen, und es wird sein, als sähest du nicht hinauf, sondern hinab, hinab in den Himmel. Du wirst Gesichter sehen, Menschen, die du geliebt hast, und Augenblicke, schöne, schwere, traurige Momente. Dann wirst du wissen, dass dein Leben gut war, Teil eines größeren Lebens, des Atems dieser Welt, du wirst es spüren, und es wird dir die Angst nehmen. Du wirst auf dem Rücken liegen, und einen Moment später wirst du dort nicht mehr liegen, nur noch ein leerer Körper, und das wirst du wissen, doch es wird keine Sorgen mehr geben. Alles wird vollkommen in Ordnung sein.

Ich war fort. Nicht lange und nicht weit, aber es hat gereicht, um dahin zu kommen, wo ich am liebsten bin: bei mir. Ich weiß, dass das ein Klischee ist. Alle wollen zu sich kommen, gehen in Yoga-Klassen oder Schwitzhütten, versuchen von Indianern, Clowns oder Tieren zu lernen, bemüht sich selbst zu entdecken. Aber davon rede ich nicht. Ich meine das einfache Selbst, das Ich im Alltag, das „Guten Tag, ich bin der Horst, ich gehe gern zum Fußball, mag Bier, und wenn ich mich mit meinen Freunden treffe, hören wir immer laute Musik, also zum Beispiel Motörhead, Motörhead finde ich echt geil“-Ich. Dieses Ich mag ich, und es war erstaunlich einfach, zu ihm zu gelangen: Ich habe eine Woche lang keine Zeitung gelesen und kein Fernsehen gesehen, habe niemanden getroffen, der sich für Wirtschaft oder Politik interessiert, und nie über die gerade angesagten, angeblich ach so wichtigen Themen gesprochen.

Habe ich etwas verpasst? Ich glaube nicht. Was musst du wissen? Dass es irgendwo ein Erdbeben gegeben hat? Eventuell, falls du helfen möchtest – aber wolltest du wirklich helfen, wäre es sinnvoller, das vor einem potenziellen Beben zu tun. Was dann? Dass ein Politiker keine Idee hatte? Oder schlimmer: dass ein Politiker eine Idee hatte – um über Wochen zu beobachten, wie die Idee zerredet wird, bis sich alle auf sie einigen können, weil sie nun nichts mehr ändert? Wozu willst du das wissen?

Die Nachrichten sind überbewertet. Früher waren sie interessant: Da wurde alles von Königen oder Präsidenten beschlossen, Kriege, Amnestien, Steuern, und jeder Beschluss veränderte unmittelbar das Leben jedes Einzelnen – besser, man wusste rechtzeitig Bescheid. Heute dagegen verändert sich die Welt nicht in den Nachrichten, sondern davor, dazwischen, danach, daneben, dahinter. Alles bewegt sich, und die Medien rennen hinterher, brüllen „Hier! Wichtig!“, wenn endlich eine Bewegung sichtbar wird, wenn Flugzeuge in Hochhäuser rasen. Doch selbst dann geht es nur um den Lärm, „da war ein Kreischen, es war furchtbar, und jetzt sind alle tot“, nicht um das, was vor den Flugzeugen war und nach ihnen kam, um die Verbindung zu unserem Leben. In den Medien geht es nur noch um den Lärm geht es nur noch um die Medien.

Und das gilt nicht nur für die Nachrichten. Alles muss überlebensgroß sein, jede Reportage und jeder Film, denn warum sonst sollten sich die Menschen dafür interessieren? Nur: Warum sollten sich die Menschen überhaupt dafür interessieren? Unterhaltung war einst Ablenkung von einem eintönigen Alltag: Die Menschen arbeiteten sechs Tage die Woche zwölf Stunden, reisten kaum und erlebten wenig – Goethe schätzte, man lerne in seinem Leben etwa 200 Menschen kennen.

Das schaffen heutzutage manche in einer Woche. Und auch sonst gibt es genug zu tun: Wir haben Zeit und Möglichkeiten, die Welt ist bunt, und das Leben kann gut sein. Also versucht die Unterhaltung wilder zu werden, um ihr Publikum zu halten. Das ist verständlich, hat aber zu einem weit verbreiteten, schiefen Weltbild geführt: Weil wir Sensationen gewohnt sind, sehen wir nicht mehr das Großartige unserer Normalität und leiden an unserer Gewöhnlichkeit. Die anderen sind reicher, schöner, schneller, wichtiger, entscheiden in großen Häusern über unser Schicksal, verschieben täglich viele Millionen Dollar, verlieben sich in Supermodels, fliegen um die Welt, leben in 30-Zimmer-Villen an einsamen Stränden, und nebenan wohnt immer Bill Gates. Minderwertigkeitsgefühle. Ratlosigkeit. Angst.

„Ja, aber Moment mal, das ist doch richtig! Also ich bin der Horst und höre gern Motörhead, aber Angst habe ich trotzdem, weil: Das Leben ist hart! Arbeitslosigkeit, Terror, Hartz IV, Nazis, Globalisierung, Drogen, Kriminalität, Fundamentalisten, Gewalt! Alles furchtbar!“ Da hast du einerseits Recht, Horst. Aber guck dir mal Lemmy an (wer ihn nicht kennt, das ist der Sänger von Motörhead): Der wird dieses Jahr 60, führt seit 30 Jahren die härteste Band der Welt, und für den ist die Welt nicht weniger gefährlich als für dich oder mich. Und darum geht's: Die Welt ist für alle gleich. Aber einige machen was draus, während andere darauf warten, dass die Welt besser wird, damit sie endlich womit auch immer loslegen können. Und die warten schon immer! Die haben bereits auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges gewartet, auf das Ende der Kaiserzeit, auf das Ende des Faschismus, und jetzt eben auf das Ende von ... Keine Ahnung!

Mir ist es doch egal, wie du lebst. Es ist dein Leben, mach, was du willst. Mehr mache ich auch nicht. Ich bin hier, ich tue, was ich tue, und das so gut wie möglich. Wenn mir etwas begegnet, was ich verbessern kann, versuche ich, es zu verbessern, und wenn es viele braucht, etwas zu verbessern, versuche ich, einer von vielen zu sein. Denn ich glaube, es ist ganz einfach: Entweder bist du ein Teil der Lösung, oder du bist ein Teil des Problems. Und letztlich gibt es für mich nur eine Lösung.

 

Es gibt den Glauben, jedes einzelne Leben sei nur ein elender, mühseliger Teil eines unendlichen Rades, in das der Mensch immer und immer wieder hineingeboren wird, bis er etwas gelernt hat. Das zu Lernende nennt man die Erleuchtung, und sie soll von dem Zwang zur Wiedergeburt befreien, den Weg ebnen in ein ewiges Licht. Es heißt allerdings, einige Menschen kehren trotz allem auch nach ihrer Erleuchtung noch einmal freiwillig in den Abgrund des Lebens zurück – sie wollen denen, die sie im vorigen Leben verließen, ebenfalls zur Erleuchtung verhelfen. Das ist eine Entscheidung, die weit über den Einzelnen und sein kleines Leben hinausreicht. Und sie wird getrieben von einer Kraft, die in jedem existiert. Mehr weiß ich nicht. ---

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