Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

Komplizierter als Gentechnik

"Ich hab' die Schnauze voll von Baumwolle, das kannst du mir glauben. Mein Vater hat in den Sechzigern als Baumwollfarmer angefangen und richtig Geld verdient. Aber heute sind die Preise so niedrig, dass sich die Mühe kaum lohnt." Anfang September in Südafrika: Die Baumwollernte ist eingefahren, in wenigen Wochen beginnt die neue Aussaat. Doch die Bauern schimpfen: "Vergangenes Jahr haben wir noch vier Rand pro Kilo bekommen, dieses Jahr nur die Hälfte", sagt Jeremiah Mabika.

Dabei gehört der Mittvierziger mit seinen 60 Hektar Land zu den wohlhabenderen Bauern der Gegend. Er lebt mit seiner Frau und acht Kindern in Mboza, einer kleinen Gemeinde auf den Makhathini Flats in der Provinz Kwazulu-Natal im Osten des Landes. Die Makhathini Flats sind eine 60 Kilometer breite und 120 Kilometer lange Ebene am Fuße der Lebombo-Berge an der Grenze zu Swasiland. Rund 5000 Kleinbauern wohnen und arbeiten dort, sie alle leben hauptsächlich von der Baumwolle. Und sie alle leiden darunter, dass der Weltmarktpreis für das weiße Gold seit Jahren kontinuierlich sinkt. Den Baumwollbauern in Burkina Faso, Benin oder Mali geht es genauso, aber eines unterscheidet die südafrikanischen Bauern von ihren Kollegen in anderen afrikanischen Ländern: Sie verwenden als bisher Einzige auf dem Kontinent gentechnisch verändertes Saatgut, das die Pflanzen unempfindlich gegen Insektenschädlinge machen soll.

Fast alle Makhathini-Bauern sind im Laufe der vergangenen Jahre auf die Gen-Baumwolle des US-Saatgutkonzerns Monsanto umgestiegen. Mit dieser Entscheidung haben sie dafür gesorgt, dass die Makhathini Rats zu einem der wichtigsten ideologischen Schlachtfelder im Streit für oder gegen Gentechnik in der Landwirtschaft wurden. Die Gentechnik-Vertreter sehen sich darin bestätigt, dass auch Kleinbauern von genetisch veränderten Pflanzen profitieren können. Für Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen dagegen sind die Makhathini-Bauern Opfer skrupelloser Verkaufsstrategien der Industrie. Mit der Lebenswirklichkeit in Kwazulu-Natal hat diese Debatte allerdings wenig zu tun: Die Gen-Baumwolle trägt kaum zur Lösung der Probleme bei, die Jeremiah Mabika und anderen Bauern das Leben schwer machen. Andererseits schadet sie ihnen bislang auch nicht.

Südafrika ist das bisher einzige Land auf dem Kontinent, das den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zulässt. Außer Baumwolle wachsen zwischen Kapstadt, Durban und Johannesburg seit Ende der neunziger Jahre auch genveränderte Mais- und Sojasorten, die immun gegen Schädlinge oder herbizid-tolerant sind. Das große Geschäft machen Anbieter von Gen-Saatgut wie Monsanto oder Syngenta in Südafrika nicht: Gerade einmal eine halbe Million Hektar sind mit genveränderten Pflanzen bebaut, in den USA sind es fast 50 Millionen, in Argentinien mehr als 16 Millionen Hektar.

Aber der südafrikanische Markt ist von großer symbolischer Bedeutung. Denn auf dem schwarzen Kontinent könnte die Industrie zeigen, dass die Grüne Gentechnik wirklich zum Kampf gegen Hunger und Armut beitragen kann - was ihre Legitimität enorm steigern würde. "In Afrika entscheidet sich die Zukunft der Grünen Gentechnik", meint Rudolf Buntzel, Agrarexperte beim Evangelischen Entwicklungsdienst. Bei Monsanto ist man deshalb froh darüber, dass mittlerweile auf 90 Prozent der Anbaufläche auf den Makhathini Flats die genveränderte Baumwollsorte aus dem eigenen Hause wächst. "Wir wollen uns von Südafrika aus auf andere Länder des Kontinents ausdehnen. Und natürlich werben wir damit, dass unser Produkt auch bei Kleinbauern gut ankommt", sagt Andrew Bennett, der in der Monsanto-Zweigstelle in Johannesburg für Marketing zuständig ist.

Die Baumwolle der Sorte Bollgard enthält ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt), das ein für Schädlinge tödliches Gift produziert. Die Vorteile für die Bauern: Sie sparen Insektizide, haben geringere Verluste durch Schädlingsbefall und können mit höheren Ernteerträgen rechnen. Fünf Jahre nach Einführung der Sorte auf den Flats im Jahre 1998 kamen britische und südafrikanische Wissenschaftler in einer Studie zu dem Ergebnis, dass der Anbau von Bollgard den Bauern deutliche Gewinne bringe: In guten Jahren könnten sie damit bis zu 30 Prozent mehr verdienen als mit konventionellen Sorten. Dehnte man den Anbau von Bollgard-Baumwolle auf ganz Afrika aus, könnten die ärmsten Farmer der Welt ihre Einkommen zusammen um bis zu 600 Millionen Dollar steigern, rechneten die Wissenschaftler vor.

Gentechnik-Kritiker taten sich lange Zeit schwer damit, diese Zahlen in Zweifel zu ziehen. Erst im April dieses Jahres legte die südafrikanische Umweltorganisation Biowatch eine Untersuchung vor, die zeigen soll, dass die Erfolgsgeschichte der Makhathini Flats gar keine ist. Das Gen-Saatgut sei den Bauern mehr oder weniger aufgezwungen worden, heißt es darin. Nach anfänglichen Gewinnen seien die Erträge aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen deutlich zurückgegangen - und die Schulden der Bauern wegen des teuren Saatguts drastisch gestiegen.

Das Problem der Bauern ist nicht die Gentechnik, sondern die Agrarsubventionen reicher Länder Vor Ort hört man etwas anderes. Selbst die von Biowatch zusammengetrommelten Bauern benutzen das manipulierte Saatgut -und alle scheinen damit zufrieden zu sein. " Der größte Vorteil ist, dass ich weniger Pestizide sprühen muss als bei herkömmlichen Sorten", sagt Jeremiah Mabika. Niemand sei gezwungen, das Gen-Saatgut zu kaufen - sie könnten aus fünf Sorten wählen, erzählen die Bauern: zwei genveränderten und drei konventionellen. Zwar kostet das Gen-Saatgut fast doppelt so viel. "Aber mit der Bt-Baumwolle kann ich auch viel mehr ernten: bis zu elf Ballen pro Hektar. Bei den anderen Sorten sind es nur drei bis vier Ballen", sagt Petrus Mkanini, der über fünf Hektar Land verfügt.

Die Einführung der Gen-Baumwolle habe keinen einzigen Nachteil gebracht, sagt Jeremiah Mabika. Es stimme zwar, dass viele der Kleinbauern auf den Makhathini Flats verschuldet sind. "Aber das hat mit der Bt-Baumwolle nichts zu tun. Die Schulden sind viel älter", sagt Joshua Mabika, ein Bruder von Jeremiah.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass die Gen-Baumwolle den Bauern auch nicht hilft, ihre Schulden loszuwerden - anders, als es die Hochrechnungen der Wissenschaftler und so manche Versprechung der Industrie erwarten ließen. Denn mit Baumwolle - ob genverändert oder nicht - kann man in Südafrika seit einigen Jahren kaum noch Geld verdienen. Grund ist der Weltmarktpreis, der seit Mitte der neunziger Jahre um fast 50 Prozent gefallen ist. Dafür verantwortlich sind vor allem die Subventionen, die die USA und Europa, aber auch China ihren Bauern zahlen und die bewirken, dass diese Länder ihre Baumwolle weltweit zu Schleuderpreisen verkaufen können.

In Südafrika ist der Baumwollanbau wegen des enormen Preisverfalls in den vergangenen zehn Jahren um drei Viertel zurückgegangen. 1995 wuchsen am Kap auf 100 000 Hektar Baumwolle, sechs Jahre später waren es noch knapp 57 000 Hektar und in der Anbausaison 2004/2005 nur noch gut 20 000 Hektar. Professionelle Farmer, die auf großen Flächen Bewässerungslandbau betreiben, sind auf Mais, Soja, Weizen oder Sonnenblumen umgestiegen.

Das würden auf den Makhathini Flats viele Bauern auch gern tun. Doch dazu fehlt ihnen vor allem Wasser. Jeremiah Mabika, sein Bruder Joshua sowie Petrus Mkanini betreiben alle Trockenlandwirtschaft, das heißt, sie sind auf den Regen angewiesen. Und der fällt in Kwazulu-Natal seit einigen Jahren viel zu selten. Auf den knochentrockenen Böden der Makhathini Flats wächst nur eine genügsame Pflanze wie die Baumwolle.

Zudem lässt sich auf den Flats nur Baumwolle sicher verkaufen. "Bei Bohnen und Mais weiß ich nie, ob ich sie überhaupt loswerde", sagt Joshua Mabika. Zuckerrohr bringt schlechte Erträge auf dem trockenen Boden und müsste außerdem mehr als 50 Kilometer zur Weiterverarbeitung transportiert werden - viel zu weit für die Kleinbauern. Für Baumwolle dagegen gibt es einen garantierten Abnehmer gleich in der Nähe: Makhathini Cotton Limited. Das mit südafrikanischem und dänischem Kapital geführte Unternehmen kauft den Bauern die Baumwolle ab, entkernt sie und verpackt die gereinigten Fasern für den Weitertransport in eine Baumwollspinnerei.

Auch Maria Kumete beliefert seit einem Jahr die Fabrik. Vergangene Saison ist sie mit einem Hektar in die Baumwollproduktion eingestiegen - obwohl der Preis so schlecht ist. "Was soll ich machen?", fragt die junge Mutter einer Tochter. "Natürlich weiß ich, dass das Risiko groß ist. Aber was ich für die Baumwolle kriege ist besser als nichts. Bisher habe ich von der Fürsorge für meine Großeltern gelebt." Ihre Schulden verdanken die Bauern nicht den Konzernen, sondern der Apartheids-Regierung Die Abhängigkeit von der Baumwolle hat eine Vorgeschichte. Anfang der Siebziger nahm die südafrikanische Regierung im Süden der Makhathini Flats einen Staudamm in Betrieb, mit dessen Hilfe das Wasser des Pongola-Flusses in ein Bewässerungssystem geleitet werden sollte. Bis dahin hatten die Bauern vor allem von Subsistenzlandwirtschaft und Viehzucht, aber auch vom Fischfang gelebt. Der Staudamm und das Bewässerungssystem machten dem ein Ende, weil sie den natürlichen Wechsel von Überflutungen durch den Fluss und Trockenzeiten durchbrachen.

Eigentlich sollten weiße Zuckerrohrbauern das bewässerte Land erhalten. Die hatten daran aber kein Interesse, und so siedelte die Regierung schwarze Bauern an, die Baumwolle und Reis anbauen sollten. Offizielles Ziel war es, das als Homeland für Schwarze ausgewiesene Zululand wirtschaftlich selbstständiger zu machen. Mithilfe der südafrikanischen Unternehmen Clark Cotton und Tongaat Cotton trieb die Regierung in den Achtzigern das Geschäft mit der Baumwolle voran. Anfang der Neunziger errichteten die beiden Unternehmen auf den Flats eine Anlage zur Baumwollentkernung - Vunisa Cotton. Die Bauern erhielten Kredite, Saatgut und Pestizide. Im Gegenzug bekam Vunisa Cotton die gesamte Baumwollernte zur Weiterverarbeitung.

Nach und nach wurden auch die Bauern außerhalb des Bewässerungssystems mit Krediten angelockt und in die Baumwollproduktion einbezogen. Finanziell war das Geschäft ein Desaster: Die Bauern häuften Schulden an, und die Regierung pumpte immer mehr Geld in die Region. Teilweise konnten die Bauern nicht zahlen, weil die Ernteerträge nicht ausreichten, um die Schulden zu tilgen, teilweise weigerten sie sich schlicht.

Das Gen-Saatgut, das der von Monsanto lizenzierte Saatguthersteller Delta & Pine Land 1998 auf den Makhathini Flats einrührte, hat an dieser Lage nichts geändert - es hat das Schuldenproblem weder gelöst noch verschärft. Die Bauern auf den Makhathini Flats leiden unter der Monokultur, die die Apartheidsregierung in den siebziger Jahren durchgesetzt hat, und unter dem niedrigen Weltmarktpreis für Baumwolle. Grüne Gentechnik bietet da keinen Ausweg.

Harald Witt befürchtet sogar das Gegenteil. "Die Gen-Baumwolle macht den kommerziellen Bewässerungsanbau lukrativer. Damit verstärkt sie die einseitige Fixierung auf Baumwolle auf den Makhathini Flats", sagt der deutschstämmige Wirtschaftshistoriker, der an der Universität von Durban seit Jahren über die Flats forscht. Auch Monsanto räumt das ein: "An dem Argument, dass der Erfolg unserer Baumwolle und die Debatte darüber den Blick auf Alternativen vernebeln, ist was dran", sagt Andrew Bennett von Monsanto Südafrika.

Zwar startet die Regierung immer mal wieder Versuche, den Anbau anderer Produkte zu fördern, schreckt aber vor den Investitionen zurück, die dafür nötig wären - zum Beispiel um die Bewässerung auszubauen. "Der Staat will damit eigentlich nichts mehr zu tun haben und wartet auf private Investoren", sagt Witt. Dieses Jahr gab es seit längerer Zeit mal wieder eine Geldspritze für die Makhathini Flats: gut zwei Millionen Euro von der Provinzregierung Kwazulu-Natal. Doch davon ist mehr als ein Drittel für die Förderung des Baumwollanbaus reserviert.

Den dänischen und südafrikanischen Investoren von Makhathini Cotton kommt das durchaus gelegen. Das Unternehmen schreibt am vorerst letzten Kapitel der Geschichte des Baumwollanbaus auf den Flats: Vor vier Jahren nahm es seine Entkernungsanlage in Betrieb und durchbrach damit das Monopol von Vunisa Cotton, der bis dahin einzigen Fabrik. Innerhalb eines Jahres kollabierte die bisherige Produktionsweise, denn Makhathini Cotton bot den Bauern höhere Preise und kaufte große Teile der Ernte 2002. Vunisa Cotton machte erhebliche Verluste und zog sich ein Jahr später von den Makhathini Flats zurück. Auch die Regierung stellte die Kreditvergabe an die Bauern ein.

Jetzt hat Makhathini Cotton das Monopol. Aber anders als Vunisa versorgt es die Bauern nicht mit Krediten und Saatgut. Stattdessen bietet es ihnen an, ihr Land zu mieten und sie selbst gegen Lohn auf den Feldern zu beschäftigen. Derzeit baut das Unternehmen auf rund tausend Hektar bewässertem Staatsland Baumwolle an, dazu kommen einige hundert Hektar Land von Bauern, die das Angebot bereits angenommen haben.

Makhathini Cotton hat ehrgeizige Pläne, um den bewässerten Baumwollanbau auf den Flats deutlich auszuweiten. Dabei spekuliert das Unternehmen auch auf die guten Ergebnisse der Gen-Baumwolle. "Die können es kaum erwarten, dass die Regierung endlich unsere neue Sorte zulässt, die sowohl insekten-resistent als auch herbizid-tolerant ist", erzählt Monsanto-Mitarbeiter Shadrack Mabuza.

Makhathini Cotton sieht seine Strategie als eine Art Entwicklungsprojekt: Man wolle für eine befristete Zeit das Land übernehmen, in Bewässerung und andere Ausstattung investieren, selbst ein paar Jahre gutes Geld mit der Baumwolle verdienen und dann den Bauern das Land zurückgeben. "Warum nicht?", meint Marnus Gouse, Agrarökonom an der Universität Pretoria. " Sie wollen die Region fördern, und das ist eine großartige Sache." Doch viele der Bauern sind skeptisch. Moses Kumete, einer von ihnen, möchte seine 26 Hektar Land jedenfalls lieber selbst bewirtschaften. Er befürchtet, dass die von Makhathini Cotton geplante Intensivierung des Baumwollanbaus die Böden auslaugt. "Ich würde doch auch nicht dabei zusehen, wie jemand meine Kuh mästet, sie schlachtet und auffrisst - und mir dann die Reste hinwirft." Die Bauern auf den Makhathini Flats blicken in eine ungewisse Zukunft - mit oder ohne Gen-Baumwolle.

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