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Ausgabe 10/2005 - Das geht

Ashoka

Ein Club von Verrückten

• „Menschen verschließen ihre Augen vor Problemen nur dann, wenn sie das Gefühl haben, dass sie nichts dagegen ausrichten können“, sagt der Ex-McKinsey-Berater Bill Drayton. „Wenn sie einmal wissen, dass ein Problem lösbar ist, dann gehen sie es auch an.“ Auf dieser Erkenntnis hat er eine Organisation aufgebaut: Ashoka, benannt nach einem indischen Herrscher, der sich für einen wirtschaftlich gedeihenden Sozialstaat einsetzte.

Seit der industriellen Revolution, stellt Drayton fest, haben sich der soziale und der Wirtschaftssektor voneinander entfernt. Unternehmerische Initiative blieb auf letzteren beschränkt, soziale Entrepreneure wie Florence Nightingale, Pionierin der Krankenpflege, blieben lange die Ausnahme. Seit den achtziger Jahren ist ihre Zahl laut Drayton aber stark gestiegen. Damals wurde auch Ashoka gegründet: Geprägt von der Bürgerrechtsbewegung in den USA und einer Reise nach Indien war Drayton schon als Student auf die Idee gekommen. Kernanliegen der Organisation ist es, Problemloser zusammenzubringen und ihre Lösungen zu verbreiten.

Alles begann 1982 mit 50.000 Dollar Startkapital und der Inderin Gloria de Souza. Sie gehört zu den ersten Ashoka-Mitgliedern und kämpfte dafür, dass Kinder in der Schule selbstständig denken statt auswendig zu lernen – und überzeugte die Lehrer davon. Ihr Lehrplan gilt heute in vielen Teilen des Subkontinents, Unicef hat ihn auf andere Länder übertragen. De Souza ist heute eine von mehr als 1500 sozialen Entrepreneuren, die Ashoka mittlerweile in mehr als 50 Ländern mit 17 Millionen Dollar jährlich unterstützen.

Die Kanadierin Mary Gordon fühlte sich wie Alice im Wunderland, als sie vor drei Jahren bei Ashoka aufgenommen wurde.

„Ich bin durch den Tunnel im Kaninchenbau gefallen, und auf einmal war ich in dieser neuen Welt. Plötzlich sprachen die Leute dieselbe Sprache wie ich.“ Die ehemalige Lehrerin hatte mit Roots of Empathy eine ungewöhnliche Idee gegen Gewalt in der Schule. Sie lädt Mütter mit ihren Babys in die Schule ein, damit die Schüler lernen, die Bedürfnisse der Kleinen zu verstehen, sich in andere einzufühlen und auch eigene Gefühle zu artikulieren. Der Erfolg des Programms ist durch Studien belegt, Anfragen kommen aus allen Teilen der Welt.

Bei Ashoka findet Gordon Gleichgesinnte, mit denen sie sich austauschen kann. Die Organisation hilft ihr bei der Verbreitung ihres Konzeptes, der PR und auch in rechtlichen Fragen. Zudem stellen verschiedene Unternehmen den sozialen Entrepreneuren ihre Dienste gratis zur Verfügung. Ashoka unterstützt seine Mitglieder bis zu fünf Jahre auch finanziell, wenn sie sonst nicht die Möglichkeit hätten, sich auf ihr Projekt zu konzentrieren.

Ashoka investiert in Köpfe, nicht in Krankenhausbetten oder Kindergartenplätze. Die Organisation fördert Menschen, die hinter einer Idee stecken, diese „Verrückten, die eine Verbindung schaffen wollen zwischen ökonomischem Denken und sozialem Auftrag“, wie Andreas Heinecke sagt. Als erstes und bislang einziges Ashoka-Mitglied in Deutschland gehört er zu diesem Club. Als die Organisation Kontakt zu ihm aufnahm – man kann sich nicht selbst bewerben, sondern wird von Experten vorgeschlagen – vermutete er hinter Ashoka ein Schokoladengetränk. Heute ist er begeistert: „Die Bezeichnung Social Entrepeneur hat mir eine berufliche Identität gegeben.“ Seit 1988 veranstaltet Heinecke den „Dialog im Dunkeln“ (siehe brand eins 04/2003), ein Projekt, in der Sehende die Welt der Blinden kennen lernen. Er will Toleranz für so genannte Randgruppen fördern – und Jobs schaffen. In den vergangenen fünf Jahren hat er bei seinem Projekt in Hamburg 500 Menschen mit verschiedenen Handicaps zeitweilig beschäftigt. Fast die Hälfte konnte an andere Arbeitgeber weitervermittelt werden.

„Dialog im Dunkeln“ war mittlerweile in 17 Ländern zu Gast und hat rund 4000 Leute beschäftigt. Nun sieht sich Heinecke mit den Problemen eines gedeihenden Unternehmen konfrontiert: „Wir wachsen zu schnell und können die Strukturen nicht nachbilden.“ Ashoka ist für Heinecke eine Art Gütesiegel: „Dadurch wird man in einen Kreis von Leuten eingeführt, an den man sonst gar nicht herankommt.“ Er hofft auf Beteiligung – in materieller oder ideeller Form – und auf viele Dialoge im Dunkeln.

Auch die Kanadierin Mary Gordon wünscht sich, dass ihr Programm einmal „jedem Kind in jeder Schule in jedem Land“ zugänglich sein wird – so pflügen die sozialen Unternehmer ihr Feld. „Irgendwann“, sagt Bill Drayton, „werden die Leute sich freuen, wenn sie auf ein Problem stoßen. Weil sie wissen, dass sie es lösen können und den Weg dorthin schon irgendwie finden werden.“ Ein Mann, der an das Gute im Menschen glaubt. Und damit schon weit gekommen ist. 

 

Kontakt:
Ashoka Deutschland GmbH
Taunustor 2
60311 Frankfurt/Main

Telefon: 069/7162-0
E-Mail: kfrischen(at)ashoka.org
www.ashoka.org

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