Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

ECHTE HILFE

"Indem wir die Selbsthilfe, die Betätigung der eigenen Kraft, die Verantwortlichkeit für das eigene Geschick als Wirtschaftsprinzip proklamieren, stehen wir mitten in der Gesamtarbeit für die großen Aufgaben unserer Zeit." I. Die Rottweiler Der Psychiater, Therapeut, Berater und Hochschullehrer Fritz B. Simon hilft, wo er kann. Das ist sein Job, seit 30 Jahren. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. So führt bei Simon die schlichte Frage nach seinem Tagwerk, der Hilfe, zuerst zu einem Witz. "Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Rottweiler und einem Sozialarbeiter? Der Rottweiler lässt irgendwann wieder los." Das ist, nun ja, komisch, aber eigentlich kein Witz, eher eine realistische Zustandsbeschreibung. Der gute Mensch hilft immer und überall, gnadenlos und verbissen. Aber: Wem hilft das weiter? Nur selten dem, der's nötig hat. Seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der Helfer in allen Lebenslagen zu. Berater, Therapeuten, Sozialarbeiter, Katastrophen-Schützer und Lebenshilfe-Experten aller Art umzingeln uns regelrecht. Dicht an dicht wird interveniert, moderiert, vermittelt, ungefragt geholfen und - täglich neu - zum Mithelfen aufgerufen, also um Spenden oder Subventionen geschnorrt. Menschen, die bis vor kurzem noch gar nicht wussten, dass sie Hilfe brauchen, werden als Zielgruppe entdeckt - neue Leiden gibt es überall. Vor allem: Es gibt kein Entrinnen. Prominente und die, die man dafür hält, müssen helfen - öffentlich, wem und wobei auch immer. Deshalb reisen Fernseh-Sprecherinnen, wie Anne Will zum Beispiel, nach Afrika, per Jet und Hubschrauber, um live aus einer Leprastation zu berichten, in der es alles gibt, aber keine Leprakranken. Die nämlich können des schlechten Wetters wegen und mangels Hubschrauber die Hilfsstation nicht erreichen. Hauptsache, Frau Will ist da. Helfen ist halt grenzenlos. Nur bei den Ressourcen hapert es. So viele sind zu Opfern erklärt worden, dass der Nachschub nicht immer gesichert werden kann. Fritz B. Simon kennt Leute, denen man "im Bedarfsfall schon ein paar Opfer vorbeischicken müsse, weil die sonst völlig aus dem Ruder laufen". Profi-Helfer wollen Opfer, auf die man sich verlassen kann. Die immer da sind, wenn sie gebraucht werden. Wem hilft das? "Wenn wir helfen, tun wir etwas für jemand anderen, das der eigentlich für sich tun sollte. Die Paradoxie des Helfens ist aber: Ich muss dazu beitragen, dass die Selbstständigkeit, die Autonomie des anderen wiederhergestellt wird, so gut wie möglich, so schnell wie möglich", sagt Simon. Diese einfache, aber klare Definition hat natürlich für den professionellen Helfer einen Haken. Denn sie beraubt ihn seiner Existenzgrundlage. Ohne Opfer fühlt sich ein hauptamtlicher Helfer nicht gut. Und - noch wichtiger: Wovon soll der Helfer leben? So muss es immer einen Schwebezustand geben. Nichts darf ganz schlecht, nichts ganz gut werden. Wie heißt es so schön: "Zwei Ding' bedroh'n des Doktors Brot, a) die Gesundheit, b) der Tod." Zwischendrin gibt es immer etwas zu tun.

II. Entscheidungshilfe Dieses Gleichgewicht des Schreckens im Namen des Guten nährt sich aus vielen Quellen: Krankheiten, Naturkatastrophen, Unfällen und anderen Überraschungen, die das Leben bereithält. Es sind die Dinge, bei denen sich kein Opfer selbst helfen kann. Aber das ist noch lange nicht alles, was der Kosmos des Helfens bietet. Wer hilft, steht oben, und das ist ein verdammt gutes Gefühl. Wer hilft, ist klüger. So denken wir. Doch dahinter verbergen sich, so Simons Analyse des täglichen Helfens, "zuweilen schwachsinnige Konzepte, die nur überdecken sollen, worum es dem Helfer eigentlich geht". Um Macht zum Beispiel. "Von der Hilfe zur Entmündigung ist es nur ein Katzensprung - sehen Sie sich mal an, wie es in vielen Unternehmen läuft. Der Chef hilft ständig, allen, überall. In Wahrheit ist diese Form von Hilfe nichts weiter als der Versuch, seine Kontrollwünsche zu realisieren - er will sich eben einmischen, denn im Grunde hält er seine Mitarbeiter für blöd." Ganz ähnlich, so Simon, sei die "Hilfe" für die neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung gedacht worden. Wer denkt schon darüber nach, dass ausgerechnet die Wortschöpfung "Besserwessi" der erste populäre Begriff dieses neuen Deutschlands wurde? Und wer kennt sie nicht, die Wut der Westler, wenn ihre " Hilfe" auf taube Ohren stieß?

Nicht überall, wo Hilfe draufsteht, ist auch Hilfe drin. Unternehmensberater sind dazu da, ihren Kunden dabei zu helfen, ein Problem zu lösen. Vielfach nehmen sie aber den Managern, die sie beraten, die eigentliche Entscheidung ab - nicht aus böser Absicht, sondern weil die Hilfesuchenden das ausdrücklich so wollen. So entstehen Schattenkabinette der Abhängigkeit.

Schlecht, findet Simon, der als Profi-Helfer eine andere Sicht der Dinge hat: "Wenn jemand nicht weiterweiß, bringen wir eine Außensicht ein und unser Know-how darüber, wie soziale Systeme funktionieren. Das hilft dann dem Kunden, sich und seine Organisation in einem neuen Licht zu sehen und das zu tun, wofür er bezahlt wird: entscheiden." Entscheidungshilfe ist ein Angebot - aber nicht die Entscheidung selbst. Die muss immer beim Kunden, der Hilfe sucht, liegen. Er wird damit vom Hilfsbedürftigen zum Handlungsfähigen. Die Frage "Was hilft?" muss man zunächst mal anders denken: "Wer entscheidet letztlich, was getan wird und was richtig ist? Da ist die Musik drin." III. Die Erfindung des Hilfsbedürftigen Das ist eine nützliche Analyse. Was Hilfe ist und was nicht - das hängt also von der Perspektive ab. Doch was man auch noch wissen sollte, ist, wie sich das Lied vom Helfen durch die Zeiten verändert.

Dass Helfen an und für sich gut ist, wurde mit der Verbreitung des Christentums populär. Die Idee der Caritas, der Nächstenliebe, besteht in der Pflicht, Schwächeren zu helfen. Doch diese Caritas wagt nie den Sprung, aus Opfern handlungsfähige, gleichberechtigte Partner zu machen. Denn Armut und Krankheit sind, ebenso wie Reichtum und Gesundheit, der Ausdruck des göttlichen Willens. An den Ursachen darf der Mensch nicht drehen, das wäre glatte Blasphemie. Wohl aber darf er die Symptome behandeln - durch mildtätiges Samaritertum. Immerhin war diese Sozialpolitik des Durchwurstelns, als sie im späten Mittelalter populär wurde, eine kleine Revolution. Zuvor waren Arme und Kranke einfach links liegen gelassen worden. Nun errichteten wohlhabende Bürger Hospize, Spitäler, Armenküchen und Waisenheime. Gelegentlich nahm Mutter Kirche besonders begabte Kinder aus ärmlichsten Verhältnissen unter ihre Fittiche.

Ein Recht auf Hilfe aber hatte niemand - diese Idee wurde erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert geboren. Die Verfasser der Encyclopédie, dem Weißbuch der neuen Zeiten, machen aus der alten Caritas die bürgerliche Liebe zum Nächsten, die ihnen "von allen Gefühlen das gerechteste & nützlichste" ist. Die Liebe zum Nächsten, schreiben sie, "ist in der bürgerlichen Gesellschaft für das Glück unseres Lebens notwendig wie im Christentum für die ewige Glückseligkeit". Dahinter verbirgt sich ein Quantensprung des Helfens: Die ist jetzt notwendig, nicht mehr nur, wie nach christlichen Vorstellungen, wünschenswert. Notwendig für das neue Sozialwesen, das aus mündigen, freien Bürgern besteht. Auf diese Definition reagiert die königliche und kirchliche Macht in Frankreich besonders aggressiv: Sie wissen, was auf dem Spiel steht - ihr ungeschriebenes Recht, Hilfe willkürlich zu gewähren, nach Lust und Laune. Das Recht auf Hilfe war in der Welt. Man ahnte: Das wird teuer.

Nicht, dass sich die Verfasser dieser Hilfs-Revolution selbst unmittelbar betroffen gefühlt hätten. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts herrschten aus unserer Sicht barbarische Bedingungen. Etwa ein Drittel aller Kinder, so schätzt der Berliner Psychiater und Wissenschaftsautor Gerald Mackenthun, wurde damals in Waisenhäuser gesteckt - einfach deshalb, weil die Bälger lästig fielen. Auf diese Weise wusste sich auch der Vater der abendländischen Pädagogik, der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau, zu helfen: Alle fünf Kinder des durchaus wohlhabenden Gelehrten wuchsen im Waisenhaus auf.

Den Romantikern und Aufklärern genügte die reine Beschwörung des Brüderlichen und Hilfreichen als geradezu menschlichen Grundtrieb. Am Ende des Jahrhunderts, das von der Französischen Revolution markiert wurde, war Brüderlichkeit zum Hauptwort des Helfens geworden. Und noch ein halbes Jahrhundert später, in der brutalen Welt des Industriekapitalismus, wurde das Recht auf Hilfe zum Kern eines neuen Weltbildes.

Die Poesie des Helfens, wie sie in der Romantik und in besseren Kreisen üblich war, half den Proletariern in den düsteren Fabriken des 19. Jahrhunderts nicht. Sie konnten sich nur selbst helfen, und sie orientierten sich dabei an einer soldatischen Tugend, die den Männern in den Armeen das Leben erleichterte: der Kameradschaft. Jene, die nicht auf Hilfe von oben, wer immer dort auch regieren mag, setzen können, müssen sich selbst helfen - und das nach klaren Regeln. Das war die Geburtsstunde der Solidarität.

Die Idee des Rechts auf Hilfe, wie sie die Aufklärer formulierten, brauchte fast ein Jahrhundert, um sich durchzusetzen - der Solidaritätsgedanke aber explodierte förmlich. In wenigen Jahren schuf er nicht nur neue Parteien, Gewerkschaften und Verbände. Mit der Solidarität wurde Hilfe institutionalisiert. Überall entstanden Versicherungen, die Menschen, die in Not geraten waren, kein Almosen mehr anboten, sondern ein Recht. Alle sorgten nach immer klarer ausgearbeiteten Regeln dafür, dass dieses Recht auf Hilfe auf die ganze Gesellschaft ausgeweitet wurde. Hilfe wird in immer feinere Details zerlegt. Es gibt Gesetze, die das Helfen zur Pflicht machen. Immer dicker wird das Buch der Sozialgesetze. Immer öfter sind es professionelle, hauptamtliche Helfer, die ihre Hilfe anbieten, Experten fürs Helfen also. Immer seltener ist es nötig, dass die Bürger einander selbst helfen.

Was hier geschieht, ist unübersehbar: Der französische Philosophie-Lehrer Emile Durkheim ist so fasziniert von dieser neuen Welt, dass er eine neue wissenschaftliche Disziplin begründet: die Soziologie. In der Welt der Industrie, schreibt er, wird alles, auch das Helfen, durch die Arbeitsteiligkeit bestimmt, und Arbeitsteiligkeit ist wiederum nichts anderes als das Aufeinander-angewiesen-Sein. In der alten Welt des Adels und der Landwirtschaft konnte sich ein Mensch durchaus noch selbst - oder in einer kleinen Gruppe - am Leben erhalten. Doch die modernen Zeiten schaffen einen Menschen, der in nahezu allem, was er tut, von anderen Menschen abhängt: Er hat nichts mehr von einem autonomen Selbstversorger an sich, er kann sich beim besten Willen nicht mehr selbst helfen. Er ist ein Hilfsbedürftiger, der ständig andere braucht, um die grundlegendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Das gesamte System muss sich helfen, um nicht zusammenzubrechen. Organische Solidarität nennt Durkheim diesen Zustand.

Die Pflicht, einander zu helfen, wird zum Recht, Hilfe zu bekommen. Und das Recht wird zum Zwang zu helfen. Wer welcher Hilfe bedarf, ist nicht mehr offensichtlich. Dafür gibt es Experten und Gesetze.

IV. Der große Sturm von New Orleans Wer sich nicht mehr hilft, verliert bald auch die Fähigkeit dazu. Das System der organischen Solidarität verbietet geradezu Entscheidungen und Handeln. Es untersagt die Selbstorganisation. Der Preis für diese scheinbare Sicherheit, die Gebühr für das Recht auf Hilfe heißt Abhängigkeit. Und manchmal kann es noch teurer werden. Dann wird die falsch verstandene Solidarität zur tödlichen Falle.

Als im Sommer der Hurrikan Katrina die Region New Orleans verwüstete, zeigten die Fernsehbilder rund um die Uhr die Menschen, die von der Katastrophe besonders betroffen waren: die sozialen Unterschichten, meist Schwarze, die nicht mehr rechtzeitig aus dem Katastrophengebiet flüchten konnten. Schnell galt es weltweit als ausgemacht, dass wieder einmal die Ärmsten der Armen ihrem Schicksal überlassen worden wären. Der Psychiater Gerald Mackenthun, der die Tage von New Orleans analysierte, kann darüber nur den Kopf schütteln: "Allein der Vorwurf, dass Hilfe zu spät kam, ist angesichts des Ausmaßes einer solchen Katastrophe absurd. Da sind zunächst einmal alle hilflos - und Hurrikane arbeiten ohne Ansehen von Rasse und Religion." Man sollte, meint Mackenthun, schon eher die Frage stellen, weshalb sich zum Zeitpunkt des Gewaltsturms so viele Menschen - und vor allem eben Sozialhilfe-Empfänger - überhaupt noch in diesem Gebiet aufgehalten hätten. An mangelnden Fahrgelegenheiten kann es nicht gelegen haben - nahezu jeder der Betroffenen verfügte über ein Auto oder hätte sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Sicherheit bringen können. Während die Upperclass und die Mittelschicht sich zügig aus dem Staub gemacht hatten, blieben diese Menschen in ihren instabilen Häusern. Und die meisten von ihnen saßen dabei vor dem Fernseher, aus dem ununterbrochen die Aufforderung zu hören war, die Stadt zu verlassen.

Es war, glaubt Mackenthun, etwas anderes, was diese Menschen nicht handeln ließ: "Sie wurden zu Hilfsbedürftigen erzogen. Niemand hat jemals von ihnen verlangt, dass sie sich selbst organisieren, dass sie auch nur, wie das andere tun, auf Warnungen der Behörden und der Medien eingehen." Auch das geschah in New Orleans im Sommer des Jahres 2005: Aus falscher Hilfe wird Entmündigung. Hilflos ist, wer nicht mehr über sein Leben entscheiden kann. Das ist, egal ob im Hurrikan oder im Sozialstaat der Überkümmerer, das Ende.

V. Kooperation Sich und anderen zu helfen ist eigentlich ganz menschlich - aber nicht immer und zu allen Zeiten normal. Das fiel auch dem Philosophen und Psychotherapeuten Paul Watzlawick auf. In schlechten Zeiten, so wusste er, halten Menschen normalerweise stärker zusammen als in Wohlstandsgesellschaften. Außerdem scheint der Überlebenstrieb in Krisenzeiten deutlich ausgeprägter zu sein. Geht es allen gut, werden alle versorgt, sinkt das Interesse nicht nur an den anderen rapide. Der Einzelne mag sich selbst nicht mehr leiden. Nur so ist für Watzlawick zu erklären, dass in den Industriegesellschaften die Selbstmordrate fast parallel mit dem Wohlstand ansteigt.

Der Evolutionsexperte und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits hat darauf eine einleuchtende Antwort gefunden: "Seit mehr als drei Milliarden Jahren fördert die Selektion diejenigen Varianten der Lebewesen, die relativ optimale Strategien des eigenen Überlebens finden. Lebensformen, die sich keiner Herausforderung zu stellen haben, sozusagen im Schlaraffenland leben, sich um nichts kümmern, sich gegen nichts und niemanden zu verteidigen haben, sind erst mit dem späten Homo sapiens aufgetreten, genau gesagt mit jenen - statistisch nicht sehr häufigen - Varianten seiner Spezies, denen alles in den Schoß gelegt wird und die sich daher den Luxus leisten können, das Leben als sinnlos zu betrachten." Der Sinn des Lebens ist das Überleben, und zwar so gut wie möglich. Darauf baut jede Handlung, jede Entscheidung, jeder Instinkt. Diese Grundeigenschaft der Evolution ist schierer Egoismus, Eigennutz. Vom Einzeller bis zum Nachbarn handeln alle Lebewesen so, dass es ihnen nützt. Der Egoismus, das "egoistische Gen", wie es der Biologe Richard Dawkins nennt, treibt uns an. Und viele lesen, die Augen etwa auf New Orleans gerichtet, daraus: Der Stärkere gewinnt, der Schwächere verliert. Wozu helfen?

Manche Halbwahrheiten sind schlimmer als ganze Lügen. Sozialdarwinismus ist es nicht nur, wenn man glaubt, dass die Armen immer arm bleiben - und sich deshalb Hilfe für sie nicht lohnt. Sozialdarwinismus ist es auch, wenn man immer nur helfen will, aber nicht begreift, dass nur Hilfe zur Selbsthilfe nützt. Gut sein ist dann so, wie hart sein - einfach falsch und ungerecht. Denn weder reiner Egoismus noch Altruismus lösen allein auf sich gestellt Probleme.

Den russischen Schriftsteller Peter Kropotkin kennen die meisten heute als Vordenker eines modernen Anarchismus. Der Russe war aber auch einer der weitsichtigsten Naturwissenschaftler seiner Zeit. Im Jahr 1902, der Sozialdarwinismus war allgegenwärtig, schrieb er sein Buch "Gegenseitige Hilfe", in dem er die geschichtlichen Errungenschaften der sozialen Kooperation unter Menschen hervorhebt. Acht Jahre hat er seine Studien auf das Tierreich ausgeweitet. "In sehr weiten Teilen des Tierreichs ist gegenseitige Hilfe die Regel", schreibt er. Eines Tages werde man auch feststellen, dass selbst Mikroorganismen zusammenarbeiten würden, um zu ihrem Ziel zu kommen. Was damals fantastisch und unglaublich klang, ist durch die Wissenschaft längst bestätigt.

Egoismus und Hilfe, ein anderes Wort für Kooperation, sind die Seiten ein und derselben Medaille. Sie sind allein nicht vorstellbar, sondern aufeinander angewiesen. Kein Ding kommt ohne das andere zurande. Weshalb, so fragt der amerikanische Kooperationsforscher Robert Axelrod ganz zu Beginn seines Buches "Die Evolution der Kooperation", ist das so? "Wir alle wissen, dass Menschen keine Engel sind und dass sie dazu neigen, in erster Linie für sich selbst und ihre eigenen Interessen zu sorgen. Wir wissen jedoch auch, dass Kooperation vorkommt und dass sie die Grundlage unserer Zivilisation bildet." Das Ich und die anderen sind eben kein Widerspruch. Franz M. Wuketits löst ihn auf: "Grundsätzlich bedeutet Kooperation, dass zwei oder mehrere Individuen ihr Verhalten koordinieren, aufeinander abstimmen, und auf diese Weise ein bestimmtes (gemeinsames) Ziel erreichen. Der biologische Zweck des Verhaltens ist klar: Alle Beteiligten ziehen einen Nutzen daraus, jedes Individuum muss sich, wenn auch andere Individuen das gleiche Ziel erreichen wollen, weniger anstrengen und trägt ein geringeres Risiko (...) Mit anderen Worten: Kooperation kostet kaum etwas und bringt viel." Das nun ist die echte Hilfe: die Kooperation. Ihre Formel lautet: Wer anderen hilft, hilft sich selbst. Helfen ist gut, weil es was bringt. Nichts ist eigennütziger.

VI. Das Wesen der Wirtschaft Wirtschaft ist pure Kooperation.

Praktisch nichts von dem, was wir erfinden, erdenken und produzieren, wäre zu etwas nütze, gäbe es nicht welche, die dieser Produkte und Ideen bedürfen. Weder Handel noch Märkte sind ohne Kooperation vorstellbar. So stiftet der Eigennutz durch Kooperation ständig Nutzen für andere. In den 1940er Jahren entwickelten die Mathematiker John von Neumann, der übrigens auch der Vater des modernen Computers ist, und Oskar Morgenstern ein wissenschaftliches Modell der Kooperation, das sie Spieltheorie nannten. Für sie war es gleichsam die Theorie des "ökonomischen Verhaltens", und das trifft den Nagel auf den Kopf. Die Spieltheorie will herausfinden, wo sich im menschlichen Handeln Konflikte und Kooperationsmöglichkeiten ergeben. Es geht also um das, was - ganz weit oben - Fritz B. Simon als das Wesen des Helfens beschrieben hat: Entscheidungen und Handeln möglich zu machen.

In diesem Jahr wurden die Nobelpreise für Wirtschaftswissenschaften zwei Spieltheoretikern verliehen, dem Israeli Robert J. Aumann und dem US-Amerikaner Thomas C. Schelling. Damit führen die Spieltheoretiker die Charts der wissenschaftlich erfolgreichsten Ökonomen an. Vor elf Jahren erhielt der Deutsche Reinhard Selten für seine Arbeiten zum Thema Konflikt und Kooperation die Auszeichnung, gemeinsam mit seinen Kollegen John Harsanyi und dem Ausnahme-Mathematiker John Forbes Nash jr., dessen Leben Hollywood unter dem Titel "A Beautiful Mind" verfilmte. Es ist kein Zufall, dass die Methoden der Kooperationsforscher so respektiert sind. Hinter ihnen steckt ein Bild der Ökonomie, das nun langsam, aber sicher, in die Köpfe kommt.

Allmählich lernen wir, die Dinge als Ganzes zu sehen. Auch bei der Evolutionstheorie verstanden die meisten zunächst nur eine Botschaft - den Egoismus - und lernen erst jetzt, dass der ohne Kooperation nichts bringt. Wir leben in Systemen, nicht auf Inseln, wir handeln und entscheiden in Netzwerken, nicht in Schubladen. Aus der Schubladenperspektive sicht Evolution aus wie Sozialdarwinismus. Der gleiche Blickwinkel erklärt Wirtschaft auch heute noch zur Domäne der brutalen Ellenbogen-Egoisten, einer Welt, in der Gemeinsinn nichts verloren habe. Einzelkämpfer, so scheint es, sind die Helden auf diesem Parkett. Der Schein trügt.

Wie sehr, weiß etwa Theresia Theurl. Sie ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster. Und natürlich kann sie aufzählen, dass Genossenschaften, die man früher Hilfsgemeinschaften und heute noch gelegentlich Kooperationen nennt, höchst erfolgreiche Unternehmen sind. Edeka. Datev. Intersport. Und natürlich, klar, die Volks- und Raiffeisenbanken, die teilweise heute noch den Namen des Ideengebers des deutschen Genossenschaftswesens, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, tragen. "Für die einen riecht das nach verzopften alten Ideen aus dem 19. Jahrhundert, andere sehen irgendwo Ökos durchs Bild latschen, und wer aus dem Osten kommt, denkt mit Grauen an die LPG", sagt Theurl. Freunde des egomanen Unternehmerbildes zucken bereits beim Wort "Genossen" zusammen. Schwierig. Oder auch nicht.

Denn die Grundidee, sagt Theurl, die kann jeder verstehen: "Es geht um Helfen als Kooperation, als egoistischer Akt. Viele schaffen mehr als einer. Und das nützt jedem Einzelnen." Der "Homo oeconomicus", darauf besteht sie, kommt vor dem "Homo cooperativus", und das, so setzt sie bestimmt fort, "ist auch gut so. Denn nur wer sich selbst helfen kann, wird auch für andere etwas tun können".

Kein bisschen moralinsauer ist das, sondern einfach logisch. Vor allem, sagt Theurl, wenn man sich mal überlegt, wohin die Reise geht. Der Sozialstaat sei in allen entwickelten Industrieländern seit Jahren auf dem Rückzug, auch wenn das einige noch nicht bemerkt hätten. Das hat wenigstens zwei Konsequenzen: Zum einen verschiebt sich die organische Solidarität, wie sie der alte Sozialstaat hatte, in Richtung des Subsidiaritätsprinzips. Das ist, einfach gesagt, die Haltung, dass sich der Einzelne zunächst mal selbst hilft, bevor institutionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Damit aber scheint auch die Kultur der sozialen Marktwirtschaft, auf der das demokratische Deutschland beruht, quasi wie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet zu werden. Keine Hilfe für die, die zu schwach sind, mit den Starken mitzuhalten. Dahinter verbergen sich weitere Ängste, die heute so viele plagen: vor der Globalisierung, vor dem Großen, dem Ganzen.

"Genossenschaften erfüllen in dieser Situation eine ökonomische Funktion, die ihnen noch eine wichtigere Rolle geben wird als im 19. Jahrhundert", meint Theurl. Die Selbsthilfe-Unternehmen waren damals angetreten, um die Kräfte der Einzelnen gegen die Gewalt der Monopole zu bündeln. Im 21. Jahrhundert heißt das vielleicht etwas anders: "Die Kraft der Kooperationen, das sind heute Netzwerke. Es geht nicht mehr darum, dass man materiell in einer Einheit der Größte ist. Man muss virtuell der Größte sein, also zu einem bestimmten Zweck zusammenarbeiten." Genau das war und ist die Funktion, die Genossenschaften stets anboten.

VII. Was beim Geldverdienen hilft Handwerker beispielsweise verfügen über Kernkompetenzen, und zwar jeder für sich: Maurer, Zimmerleute, Elektriker, Klempner, Innenausstatter und viele andere mehr sind Inseln. "Wenn sie sich aber zu einem Projekt in einer Genossenschaft zusammenfinden, dann sieht die Welt deutlich anders aus", sagt Theurl. "Sie gewinnen an Schlagkraft und Stärke, sie schaffen sich eine deutlich bessere ökonomische Basis. Und sie müssen lernen, demokratisch miteinander umzugehen." Das sind, nun ja, keine leichten Übungen, aber doch welche, die dem entsprechen, was viele heute fordern: gemeinschaftliche Arbeit in einem eigenen Unternehmen, ohne starre Hierarchien.

Dass Genossenschaften in Zeiten, in denen die Kooperation, die Idee des Netzwerks zur Selbsthilfe, so auf der Hand liegt, immer noch in manchen Kreisen einen verstaubten Ruf haben, ist seltsam. Immerhin sind mehr als 40 Prozent der Bundesbürger Mitglied in irgendeiner Genossenschaft - auch wenn viele das gar nicht bewusst wahrnehmen. Und in den Kreisen von Wissensarbeitern genießen Genossenschaften noch einen exotischen Ruf.

Doch die Menschen, die mit ihrem Kopf arbeiten, lernen schnell dazu. Reinhard Hoffmann kann darüber einiges erzählen. Er ist Vorstand der Towerbyte e.G. in Jena, die ihren Sitz in einem der bekanntesten Gebäude der Stadt hat: dem gläsernen Hochhaus, das als Sitz der Intershop AG zu einem Symbol der deutschen New Economy wurde. Das war in einer Zeit, in der manche besonders Fitte dachten, sie könnten auch prima ohne Kooperation überleben. Als die Realität sie einholte, war Reinhard Hoffmann ganz vom mit dabei. Er war Personalleiter bei der Intershop AG. Entlassungen und Umstrukturierungen, so ging das von morgens bis abends. Und wieder 100 Leute entlassen. Anfang 2003 reicht es ihm. "Was müssen wir denn tun, damit dieser Wahnsinn aufhört?", fragt er sich, "da werden hoch qualifizierte Leute rausgeschmissen, die wir heute in Jena nicht vermitteln können." Hoffmann war schlau genug, um zu wissen, dass sich das auch mal wieder ändern würde. Doch so lange warten konnte natürlich niemand. Mit Gleichgesinnten überlegt Hoffmann, was er tun kann, "um diese Menschen in die Selbstständigkeit zu bringen, und zwar nicht jeden einzeln für sich, sondern so, dass alle voneinander den größtmöglichen Nutzen haben". Es sind aber recht unterschiedliche Experten, um die es sich hier dreht. Manche sind Cracks für Datenbanken, andere anerkannte Sicherheitspezialisten. Irgendwie vereint sie, dass sie alle Software entwickeln, warten, vertreiben und vermarkten.

Sieben Firmen mit insgesamt 16 Mitarbeitern gründen Anfang 2004 die Towerbyte e. G. Die Genossenschaft erweist sich als "prima Instrument, um das Geldverdienen für alle leichter zu machen", sagt Hoffmann. Und sie blüht. Zum Jahresende 2005 sind bereits 13 Firmen mit insgesamt 70 Mitarbeitern Genossenschafter der Towerbyte e. G. Genossenschafter können natürliche und juristische Personen sein. Bei der Towerbyte e. G. gibt es ganz unterschiedliche Teilhaber - GmbHs, AGs, aber auch Einzelunternehmer, Selbstständige, Freiberufler. Gemeinsam nutzen sie alles, was sich jeder für sich nicht leisten könnte: eine hochwertige EDV zum Beispiel. Und, noch teurer, noch wertvoller, für kleine Firmen praktisch nicht erschwinglich: hochwertiges Expertenwissen. "Der eine ist ein Sicherheitsexperte, der andere ein brillanter Java-Programmierer, der dritte weiß, wie man Software optisch umsetzt oder vermarktet. Keines der Unternehmen wäre in der Lage, die teuren Experten, die man vielleicht einmal im Monat braucht, dann aber wirklich, so vorzuhalten." Das alles zusammen schafft Kostenstrukturen, bei denen Einzelkämpfer nicht mitkommen.

Schon lange lacht keiner der alten New-Economy-Kumpel mehr über Hoffmann. Die Genossenschaft ist zum Herzstück des alten New-Economy -Turms in Jena geworden, nicht nur Ex-Intershoppler sind jetzt Mitglied der Genossenschaft. Es ist ein Modell, das den ruhigen, sachlichen Hoffmann begeistern kann. Die Genossenschaft ist ideal für Wissensarbeiter und Gründer. Nicht nur, aber vor allem in den neuen Bundesländern, wo es viele Menschen mit guten Ideen und viel Ehrgeiz, aber wenig Kapital gibt.

VIII. Die Autonomie der Stärke Dort wie auch im Norden der Republik, der sich mit Genossenschaftswesen bisher etwas schwerer tat als der Süden, trifft man Andreas Eisen. Der gebürtige Schwabe ist sozusagen Entwicklungshelfer für die Genossenschaftsidee. Von der Berliner Geschäftsstelle des Norddeutschen Genossenschaftsverbands aus ist er meist irgendwo unterwegs, wo sich neue Kooperativen gründen. Das sind Zusammenschlüsse von Bürgern, die ihre Wasser- oder Stromversorgung in die eigene Hand nehmen. Oder Genossenschaften von Unternehmens- und Steuerberatern. Apothekern. Ärzten. Möglich ist alles. Er reist und arbeitet, sagt Eisen, unter der Flagge des " kooperativen Individualismus".

Gelegentlich erkläre er Neulingen im Genossenschaftswesen dann auch, was das bedeutet, nämlich "dass es nicht darum geht, dass wir uns alle lieb haben. Es geht darum, dass wir etwas machen, was uns nützt". Altruismus, ergänzt er, sei zwar nicht ausdrücklich verboten, aber "man muss sich nichts mehr einreden. In einer Genossenschaft ist man solidarisch, weil es vernünftig ist. Man bricht ja auch keinen Krieg vom Zaun, um Kameradschaft zu erreichen" . Und allmählich bekämen er und seine Mitstreiter die Genossenschaft aus der ideologischen Falle heraus, an der so viele, die nur halb hinhören, so lange gegraben haben. Zu wenig Wissen um die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft stecke dahinter, dass Gründerberater diese Unternehmensform Einsteigern bis heute kaum empfehlen. Dabei sind die Hürden zur Gründung einer Genossenschaft überwindbar.

Abgesehen von der Sieben-Mann-Quote, die bald schon auf drei Gründungsgenossenschafter reduziert werden könnte, schreibt der Gesetzgeber relativ wenig Bürokratie vor. Als abschreckend gilt einigen aber, dass die Genossenschaft nur nach vorhergehendem Prüfgutachten durch den Deutschen Genossenschaftsverband ihre Tätigkeit aufnehmen darf. So ein Gutachten kostet zwischen 1500 und 3000 Euro. "Das klingt nach Zugangsbeschränkung, ist aber genau das Gegenteil. Natürlich kann ich eine GmbH ohne Businessplan gründen, vorausgesetzt, ich habe das Kapital dafür in der Tasche. Aber nur mal so unter uns: Keine Rank gibt Ihnen auch nur einen Euro ohne Businessplan." Banken sind, nun ja, nicht gerade die DIN-Vorlage für kooperatives Verhalten. Eisen und Kollegen hingegen sehen ihre Aufgabe bei der Prüfung darin, dass Fehler vermieden werden. "Wir sagen unseren Leuten, was man besser machen kann, was man tun, was man lassen soll. Da arbeiten wir uns schon gemeinsam hin", erzählt der Kooperatist.

Und dann geht es um die Vorzüge des Alltags, den Genossenschaften bieten. Darum, dass man, wie Eisen sagt, genauso leicht reinkommt, wie man rauskommt. "Jeder, der nützlich ist, kann aufgenommen werden. Wenn jemand wieder raus will, gefährdet das nicht das Ganze. Er bekommt seinen Genossenschaftsanteil nominell, unverzinst, zurück. Das war's dann." Damit ist die Unternehmensform auch ideal, um die unternehmerischen Kräfte auf eine bestimmte Zeit und mit einem bestimmten Ziel zu bündeln - die Definition dessen, was Netzwerker "das virtuelle Unternehmen" nennen. Innerhalb dieser Verbünde hat jeder Genossenschafter das gleiche Stimmrecht. Das verhindert, dass sich Spekulanten eine Mehrheit gegen den Willen der übrigen Genossenschafter sichern können. Eisen nennt das "hundertprozentig heuschreckensicher".

Die Unternehmer, nicht die Kapitalisten, haben das Sagen, Die "Autonomie der Stärke" ist das, sagt Eisen. Klare Interessen, der gute alte Eigennutz.

Und vor allem geht es um logische Motive, sagt er. Wenn Unternehmen keinen Nachfolger mehr finden: Wer habe denn mehr Interesse daran, dass der Betrieb erhalten bleibt, als die Menschen, die dort arbeiten? Und logisch auch das Interesse, dass der Betrieb dort bleibt, wo er ist. Genossenschaften haben einen integrierten Standortschutz. Sie nützen den Regionen, den kleinen, überschaubaren Märkten, in denen Kooperation und Solidarität nicht Begriffe von einem fremden Stern sind. Dort, wo es um die geht, die man kennt.

Die also, die sich selbst helfen und nicht darauf warten, dass ihnen irgendjemand helfen wird. Menschen, die entscheiden, was getan wird und wie es richtig ist für sie.

Da ist, es stimmt, jede Menge Musik drin. Das einleitende Zitat auf Seite 68 stammt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, 1818 bis 1888

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