Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

„Die humanitäre Hilfe hat ihre Unschuld verloren“

brand eins: Leiden Sie unter einem Helfersyndrom?

Neudeck: Das ist ein typisch deutsches Wort: Wir mögen es nicht gern hören, dass Helfen eine tolle Sache ist. Viele assoziieren damit eine Art Ablasshandel: Wer Geld gibt, beruhigt sein schlechtes Gewissen. Mir ist das wurst. Wenn ich so etwas höre, sage ich: Geben Sie mir ganz schnell das Geld, ehe Sie sich's anders überlegen. Mit Ihrer Spende kann ich vielen Menschen helfen.

Spenden tun viele – Sie haben mit Cap Anamur gleich eine Hilfsorganisation gegründet. Wie kam es dazu?

Ich denke, das hat mit einem Schlüsselerlebnis in meiner Kindheit zu tun. Als ich Ende der achtziger Jahre Bilder von vietnamesischen Flüchtlingen im Südchinesischen Meer gesehen habe, musste ich an den 30. Januar 1945 denken. Ich war fünf Jahre alt, als ich mit meinen Geschwistern, Mutter, Tante und Oma an einem klirrend kalten, sonnigen Tag nach der Flucht aus Danzig endlich gegen Mittag das damalige Gotenhafen erreichte. Gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die später torpedierte „Wilhelm Gustloff“ ablegte – um ein Haar wären auch wir mit diesem Flüchtlingsschiff untergegangen.

Vor der Küste Vietnams sind viele Menschen ertrunken. Ich war damals in Frankreich, und meine Freunde dort hatten gerade ein Schiff organisiert, mit dem sie ins Südchinesische Meer fuhren, um Flüchtlinge aufzunehmen. Ich hatte nur einen Gedanken: Wie kann man Geld für die Rettungsaktion besorgen? Ich war damals nur Journalist und hatte keine Verbindungen zu Geldgebern – aber ich wusste, wir brauchen eine starke Figur. Also schrieb ich an Heinrich Böll. Und der sagte: „Ich bin dabei.“ So ging's los, spontan und ungeordnet.

Das ist heute anders. Hilfsorganisationen sind organisiert wie Konzerne - humanitäre Hilfe ist eine Industrie geworden.

Leider. Die humanitäre Hilfe hat ihre Unschuld verloren. Ich kann mich noch an 1980 in Somalia erinnern. Da waren Leute vom Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, die selbst Zelte aufgebaut haben. Das macht heute in diesen Organisationen keiner mehr, sie haben die Verbindung zur Basis verloren.

Gerade die so genannten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben sich durch den Einfluss von EU-Mitteln sehr verändert. Durch die großzügige Finanzierung wurden die Grenzen zwischen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen verwischt. Es entstanden Quasi-NGOs, ich nenne sie Quangos. Positiv ist immerhin, dass es nun ganz viel Geld gibt.

Das überrascht – wir dachten, es gebe zu wenig Mittel.

Das offen auszusprechen dürfen sich hier zu Lande nur die zwei oder drei Organisationen erlauben, die ausschließlich von dem Geld leben, das sie von der Bevölkerung bekommen. Offiziell gibt es immer zu wenig Geld – aber glauben Sie mir, die Budgets sind mächtig. Und die Zahl der Organisationen hat sich verzigfacht.

Heißt das, dass Hufsorganisationen vornehmlich an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert sind?

Nein, sie tun durchaus Gutes. Allerdings werden Regierungsgelder heute oft leichtfertig vergeben. Die EU finanziert beispielsweise auch die Werbung der Organisationen. Das finde ich fragwürdig. Manche Quangos werben zwar noch Mittel bei der Bevölkerung ein, bräuchten das aber eigentlich nicht mehr, weil die staatliche Förderung voll und ganz ausreicht. Nun könnte man sagen: Ist doch egal, woher das Geld kommt. Hauptsache, es wird dazu eingesetzt, die Not zu lindern.

Könnte man. Aber durch die Quangos haben sich auch die Beziehungen zu den Empfängerländern verändert. Die Regierungen dort haben genau beobachtet, dass es die strikte Trennung zwischen NGOs und Regierungsorganisationen vielfach nicht mehr gibt. Und entsprechend verhalten sie sich. Ein Beispiel: Früher war es selbstverständlich, dass Helfer gratis Visa bekamen. Heute müssen sie zahlen, um überhaupt ins Land zu kommen. In Afghanistan kostet allein die Registrierung an die 2000 Dollar.

Was ist überhaupt der Unterschied zwischen staatlicher und nichtstaatlicher Hilfe?

Echte NGOs halten sich nicht an politische Vorgaben. Sie sind frei, fragen nicht um Erlaubnis, gehen einfach los. Viele Quangos kommen dagegen nie über die großen Städte hinaus. Ihre Arbeit besteht vielfach darin, ein Büro aufzubauen oder auch zwei. Damit ist das Entscheidende für viele getan.

Schwingt in Ihrer Kritik nicht auch Romantik mit?

Nein, es geht um Erfolg oder Misserfolg. Die Entwicklungshilfe ist unter anderem daran gescheitert, dass sie das Entscheidende nicht getan hat und auch nicht tun wollte - nämlich den ländlichen Raum zu bearbeiten.

Weil die Helfer es lieber bequemer haben?

In den Städten ist es für die Helfer angenehmer – vor allem scheint es ihnen dort sicherer zu sein. Aber wenn man wirklich helfen will, muss man aufs Land gehen und die Bedingungen dort akzeptieren. Das erscheint vielen mit unserer Sozialisierung offenbar als unzumutbar: Es soll überall so sicher sein wie zu Hause – am besten noch sicherer. Das führt dazu, dass sich die Helfer immer weniger aus ihren Wagenburgen heraustrauen.

Ist das Projekt Entwicklungshilfe Ihrer Ansicht nach gescheitert?

Die Form großer staatlicher Hilfe der vergangenen 30 Jahre ist gescheitert. Es gab und gibt tolle Projekte, aber der große Plan ist gescheitert. Jedenfalls gilt das für Afrika, wohin die meiste Hilfe geflossen ist. In Südamerika ist der Plan zwar auch gescheitert – aber diese Staaten scheinen mittlerweile aus eigener Kraft so stabil, dass sie nicht mehr scheitern werden. Und um Asien müssen wir uns gar nicht mehr kümmern, so gut läuft das. Stellen Sie sich vor: Südkorea und Ghana waren in den fünfziger Jahren auf einer Stufe. Das eine ist heute ein Wirtschaftswunderland, das andere immer noch bitterarm.

Warum sind die Ergebnisse so unterschiedlich?

Zu Beginn braucht es einen starken Staat – das hat der Westen lange nicht sehen wollen. Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben von den Entwicklungsländern immer weniger Staat verlangt. Hier zu Lande mag das richtig sein, dort war es grundfalsch.

Wie sollte Entwicklungshilfe künftig aussehen?

Wir müssen bescheidener werden und zugleich konsequenter. Deutschland sollte sich gezielt um einige wenige Länder kümmern, fünf oder sechs. Auf die müssen wir uns konzentrieren. Und nicht wie bisher alle 52 Staaten Afrikas unterstützen. Man sollte mit den Hilfeempfängern Ziele festlegen, die man gemeinsam erreichen möchte. Dazu bräuchte es einen knallharten Vertrag, der bei Nichteinhaltung gekündigt wird.

Klingt gut – aber wäre das politisch durchsetzbar?

Alle sagen mir: nein. Aber es gibt keinen anderen Weg.

Wäre das auch eine Chance für NGOs, sich zu profilieren?

Ja – und es gibt dafür auch ein leuchtendes Beispiel: Karlheinz Böhm. Der wurde von uns allen anfänglich heftig kritisiert, weil er sich mit seinem Hilfsprojekt nur in Äthiopien engagiert. Nun sehen wir die Erfolge.

Generell gilt aber: Hilfe hat ihre Grenzen. Wir können Schulen und Kliniken bauen, uns um Aufforstung kümmern. Dann aber kommt die entscheidende Frage: Schafft es ein Land, sich selbst zu ernähren? Wir Helfer können nur die Vorhut sein.

Manche Staaten scheinen sich allerdings darauf eingerichtet zu haben, ewig Hilfe zu bekommen.

Das ist verhängnisvoll. Bundespräsident Horst Köhler hat Mut bewiesen, als er während seiner Afrikareise sagte, dass es Entschuldung nur einmal gibt, dass daraus kein Abonnement werden kann. Genau das ist der Punkt.

Das heißt auch: Die Helfer müssten konsequenter sein.

Und das sagt sich leichter, als es ist. Das haben wir selber erlebt. Ende 1997 ließ Nordkorea erstmals Helfer einreisen. Das Land litt damals unter einer besonders schlimmen Hungersnot. Wir sind also hin, auch andere Organisationen wie die Deutsche Welthungerhilfe engagierten sich. Aber die Bedingungen, auf die wir Helfer uns einlassen mussten, verlangten eigentlich danach, auf der Stelle umzukehren. Eine war: kein Kontakt mit der Bevölkerung. Außerdem stand ständig ein Überwacher hinter einem. Einige von unseren Leuten haben das System ein bisschen ausgetrickst, sind doch mal allein unterwegs gewesen. Wir fanden das damals toll – so kann man sich selbst betrügen.

Nach fünf Jahren hatten wir acht Krankenhäuser in zwei Provinzen aufgebaut. Aber an der grundsätzlichen Lage – die Menschen vegetierten am Rande der Mangelernährung vor sich hin – haben wir nichts verändern können. Die Machthaber diktierten die Bedingungen und spielten die Organisationen gegeneinander aus. Nach fünf Jahren haben wir uns dann zurückgezogen.

Das hieß, in Kauf zu nehmen, dass Menschen sterben.

Wenn man in einem Land dafür sorgen kann, dass Menschen nicht verhungern, dann muss man das tun, ganz gleich, wie das Regime ist. Das ist meine tiefe Überzeugung. Nur muss man nach fünf Jahren auch differenzieren können. Die Frage war: Was erreichen wir wirklich, wenn wir auf diese Art weitermachen?

Die anderen Hilfsorganisationen fanden es übrigens gut, dass endlich einer Nein sagte. Darin sehe ich auch eine Aufgabe, die nur NGOs übernehmen können. Und diese Erfahrung zeigt deutlich, dass Hilfe allein mit staatlichen Geldern nicht gut ist. Da kann man nämlich nicht Nein sagen. Da steckt man in Programmen, die etwa von der EU auf zehn Jahre angelegt sind. Deshalb brauchen wir sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Hilfe.

Demnach ist Hilfe immer auch politisch?

Humanitäre Hilfe ist Teil der Diplomatie geworden – und kann in eine Sackgasse führen. Am Beispiel Simbabwe wird das am klarsten. Der Diktator Robert Mugabe enteignet Farmer, überlässt deren Höfe unfähigen Gefolgsleuten und verlässt sich anschließend offenkundig auf Hilfe von außen. Dann lässt er 500.000 Häuser von vermeintlichen politischen Gegnern zerstören, mitten im Winter, und auch darum sollen sich dann die Helfer kümmern.

Und warum tun die ihm den Gefallen?

EU-Hilfsprogramme werden nicht einfach so abgebrochen, das zeigt die Praxis. Letzlich führt das aber zum Verkauf humanitärer Hilfe an die Diplomatie. Mugabe weiß genau: Die Uno bettelt und bittet, ins Land zu dürfen, und hat alle Hilfsgüter bereits hinter der Grenze in Sambia. Nur für den Fall, dass der Staatspräsident gnädig sagt: „Jetzt kommt mal.“ Und wenn er das sagt, läuft die Maschinerie an.

Das ist kein schönes Bild, das Sie da zeichnen. Warum engagieren Sie sich dann immer noch?

Weil Helfen etwas Tolles ist. ---

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