Ausgabe 10/2005 - Schwerpunkt Hilfe

Der Wohltätige Teppichhändler

• Knallgelbe Stretch-Hummer-Geländewagen, so lang wie die löchrigen Straßen breit sind. Konvois, die mit getönten Scheiben und einheitlichem Kennzeichen bei Rot über die Ampel brausen. Luxus-Supermärkte, in denen es russischen Wodka in gläsernen Kalaschnikows zu 150 Euro das Stück gibt. Die Statussymbole, mit denen in Eriwan die Neureichen Armeniens protzen, erinnern an das XXL-Gehabe von HipHoppern.

James Tufenkians Sache ist das nicht. Der Mann aus New York bewegt sich so diskret wie möglich. Auch im eigenen, hoch über Eriwan gelegenen Hotel. Das Frühstück nimmt er am hintersten Ecktisch ein – wie ein scheuer Tourist, der sich des Alleinreisens schämt. Und weil er auch diesmal nur 14 Tage Zeit hat, bevor er nach Manhattan zurückkehrt, steht Tufenkian früh auf. Zwei Wochen sind schließlich wenig Zeit, wenn es um eine Mission geht: den Menschen in Armenien zu helfen, indem er, Tufenkian, dort Geschäfte macht.

Tufenkian ist einer von zirka einer Million US-Bürgern mit armenischen Wurzeln. Seine Großeltern wanderten 1895 aus Anatolien in die USA aus. Und ersparten damit sich und ihren Nachkommen „jede Menge übler Geschichte”, sagt Tufenkian: immer wiederkehrende Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich, den türkischen Genozid im Jahr 1915, gefolgt von Leninismus, Stalinismus, Zweitem Wehkrieg und dem Erdbeben von 1988, bei dem in Nordarmenien 25.000 bis 30.000 Menschen starben.

Ein armes Land, aus dem viele Menschen auswandern. Und es weit bringen Die Tufenkians lebten in den USA den American Way of Life in Frieden und Wohlstand. Familienbilder in Tufenkians Teppichkatalogen zeigen die Normalität der amerikanischen Mittelklasse: respektable Menschen in gediegener Kleidung, zwei ältere Geschwister und ein kleiner James, der in einem Suburbia-Vorgarten im aufblasbaren Kinderbecken planscht. In dieser Welt ist die alte Heimat der Großeltern fern. Erst spät sei er sich seiner armenischen Wurzeln bewusst geworden, sagt Tufenkian. Er wächst an der amerikanischen Westküste auf und geht zum Studium nach New York. Er entscheidet sich für Jura, weil er damals glaubt, mit Rechtskenntnissen die Welt verbessern zu können.

Mindestens so wichtig wie Gesetze und Urteile sind im Leben von Tufenkian Teppiche. Vor dem Studium hat er bereits bei einem Großhändler gejobbt, später finanziert er sich sein Studium durch den Kauf und Verkauf von Teppichen. Und schon bald treibt ihn der Gedanke, viel Geld zu verdienen. Geld, mit dem sich die Welt verändern lässt.

Um Teppiche und ein bisschen Weltverbesserung geht es auch, als Tufenkian nach dem Ende seines Studiums 1986 nach Nepal reist. Die Teppiche, die Exil-Tibeter dort in reiner Handarbeit aus der Wolle von Himalaya-Schafen fertigen, faszinieren ihn. Bei einer Niederlassung der Weltbank in Katmandu erkundigt er sich nach einem möglichen Geschäftspartner. Er lernt Tsetan Gyurman kennen, einen Exil-Tibeter und Teppichknüpfer, dem es wie Tufenkian um mehr als ein Geschäft geht. Gyurman möchte die Situation tibetischer Flüchtlinge verbessern.

Gemeinsam bauen sie die Marke Tufenkian Tibetan Carpets auf, unter der Teppiche in Nepal hergestellt und in den USA vertrieben werden. Eigentlich war Tufenkians Plan, erst Geld zu verdienen, um anschließend als reicher Philanthrop die Welt zu verbessern. In Nepal erkennt er, dass sich beides verknüpfen lässt. Er nimmt sich vor, „die Orte, wo wir tätig sind, ein bisschen besser zurückzulassen, als wir sie vorgefunden haben”.

Nach dem Ende der UdSSR versinkt Armenien im Chaos. Glücklicherweise helfen die Exilanten Die Geschäftsphilosophie, mit der Gyurman und Tufenkian sozialen Wandel durch wirtschaftliche Entwicklung bewirken wollen, nennen die beiden „Necessarily Ethical Economic Development” (Need). Unter dem gleichnamigen Label richten sie eine Montessori-Schule ein, lassen eine Kläranlage und Häuser bauen, sorgen für medizinische Versorgung und eine Gewinnbeteiligung der Teppichknüpfer in Nepal.

Edel-Kaufhäuser wie Harrods und Bloomingdale's verkaufen seine von „Interior Design” und „Elle Decor” hochgelobten Teppiche, als Tufenkian Anfang der neunziger Jahre Armenien für sich entdeckt. Wie bei so vielen anderen ist es zunächst der Schock über das Erdbeben von 1988 und die sich anschließenden Katastrophen, die den Armenier in ihm wachrütteln: das Auseinanderbrechen der Sowjetunion; Armeniens Unabhängigkeit, verbunden mit dem Kollaps der Planwirtschaft; der Krieg gegen Aserbaidschan um die mehrheitlich armenisch besiedelte Region Berg-Karabach; und die Wirtschaffsblockade, mit der sich die Türkei auf die Seite Aserbaidschans stellt.

Tufenkian fühlt sich verpflichtet zu helfen: „Ich saß in meinem teuren Apartment in New York und dachte mir: Wie kannst du den Erfolg deines Unternehmens genießen, wenn zur gleichen Zeit die Menschen in Armenien keinen Strom haben und ihre Bücher und Möbel verbrennen, um zu heizen?” Von der kleinsten, was die Wirtschaftsleistung angeht, aber enorm wichtigen Sowjetrepublik bleibt in diesen Jahren wenig übrig. Das Erdbeben und das Ende der Planwirtschaft, in die Armenien integriert war, reißt ganze Industriezweige und Städte in den wirtschaftlichen Abgrund. Hinzu kommen der Krieg mit Aserbaidschan und die von neuen Grenzen unterbrochenen Verkehrswege; zu allem Überfluss wird das Land auch noch von einer Energiekrise gebeutelt. Zwischen 1991 und 1993 halbiert sich sein Bruttoinlandsprodukt.

Sowjet-Armenien, mit seinen gut ausgebildeten Menschen, seinen Forschungseinrichtungen und Universitäten, einst so etwas wie ein Think Tank im militärisch-industriellen Komplex der UdSSR, geht unter. Übrig bleibt eine auf sich allein gestellte unabhängige Republik. Ein Armenhaus mit rund drei Millionen Menschen, deren jährliches Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1991 und 1993 von 1800 auf 560 Dollar schrumpft.

In dieser Situation richten sich die Hoffnungen der Armenier auf die Landsleute im Ausland. Fast überall auf der Welt leben Menschen, deren Vorfahren wie Tufenkians Großeltern einst vor Armut und Verfolgung geflohen sind.

Nach Schätzungen des armenischen Außenministeriums gibt es heute weltweit rund 5,5 Millionen Exil-Armenier, von denen zwei Drittel in den USA und Russland leben. Sie sind nicht nur zahlreicher, sondern vor allem wohlhabender als ihre Landsleute im Mutterland. Allein die rund eine Million US-Armenier, die in Kalifornien lebt, bringt es auf ein jährliches Einkommen, das nach Schätzungen der Weltbank im Jahr 2002 etwa 15-mal so groß war wie das Bruttoinlandsprodukt Armeniens.

Die Armenier in der Diaspora sind gut vernetzt, politisch organisiert, und sie helfen gern: Seit Armeniens Unabhängigkeit 1991 mobilisierten die 14 größten Diaspora-Organisationen 900 Millionen Dollar. Kirk Kerkorian, ein amerikanischer Aktien-Tycoon armenischer Abstammung, machte zwischen 2001 und 2003 über seine Lincy Foundation allein knapp 170 Millionen Dollar locker – für Straßen- und Wohnungsbau, die Renovierung der Hauptstadt und den Erhalt von Museen. Auch sonst fließen die Mittel reichlich: Armenien ist, unter anderem dank der starken Lobby-Arbeit von Exil-Verbänden etwa in den USA, einer der größten Empfänger internationaler Finanzhilfe.

Viel schien Anfang der neunziger Jahre dafür zu sprechen, dass Armenien von seinen Emigranten in ähnlicher Weise profitieren würde wie China von den Exil-Chinesen oder Israel von den in der Diaspora lebenden Juden. Doch Investitionen, Joint Ventures und Exportgeschäfte, die zur Modernisierung des Landes und seiner Integration in den Weltmarkt hätten beitragen können, blieben aus. Der Grund: Die meisten Exil-Armenier spendeten lieber als zu investieren. Doch Spendengelder bringen kein Managementwissen, kein technisches Know-how und keine Exportkontakte.

Experten der Weltbank wie Lev Freinkman und Victoria Minoian, die sich mit der Transformation Armeniens befasst haben, sehen in der fehlenden Bereitschaft zu Investitionen den Grund dafür, dass das Potenzial der Diaspora nicht ausgeschöpft werden konnte. Der „Akt des Gebens” sei für die Emigranten oft wichtiger gewesen als der tatsächlich erzielte Effekt. Freinkman macht sogar nachteilige Folgen des überwiegend humanitären und wenig nachhaltigen Engagements aus. Ein Überfluss an Hilfsgeldern, an „soft money”, dessen Verwendung zum Teil kaum überprüft wurde, habe in den Neunzigern die Konzentration wirtschaftlicher Macht in Armenien verstärkt. Notwendige Reformen wurden verschleppt.

Humanitäre Hilfe, die nicht an Bedingungen geknüpft war, habe Druck aus dem dringend modernisierungsbedüftigen System genommen. Eben deswegen und wegen der grassierenden Korruption hätten die Exil-Armenier gezögert, sich geschäftlich im Land zu engagieren. Dies war der Elite dort nicht Unrecht, die Spenden und billige Kredite wirklichem Engagement von Investoren vorzog.

Die Bilanz der großzügigen humanitären Hilfe für Armenien ist katastrophal So fiel die Bilanz nach zehn Jahren Unabhängigkeit ernüchternd aus: Das armenische Bruttosozialprodukt war 2001 um ein Drittel niedriger als zu Sowjetzeiten. Knapp die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, innerhalb von zehn Jahren war ein Fünftel der Armenier ausgewandert. Viele Menschen kommen nur über die Runden, weil ihnen Freunde und Verwandte aus dem Ausland Geld überweisen.

Wahrscheinlich wäre die Bilanz anders ausgefallen, wenn es mehr Tufenkians gegeben hätte.

1993 beginnt er, sich in Armenien zu engagieren. Er investiert früh, weil er allen Schwierigkeiten zum Trotz möglichst früh „einen sozialen Impact” – Tufenkians Lieblingsvokabel – auf Land und Leute haben wollte. Und er fängt mit dem an, was er am besten kennt und was einst armenische Handwerkskunst ausmachte: Teppiche. Außer der Wolle armenischer Schafe und zwei alten Damen, die sich noch erinnern können, wie die teuren Textilien früher geknotet wurden, findet er nichts vor; „Es gab nichts, was man Wirtschaftsleben hätte nennen können. Es gab kein nachvollziehbares System für irgendetwas. Wir mussten alle Voraussetzungen für die Teppichherstellung schaffen: die Herstellung von Garn, das Waschen der Wolle, das Design und den Transport.” Aus Nepal lässt er zwei Exil-Tibeter kommen, um Armenier im Handspinnen von Wolle anzulernen. Und er bringt Frauen das bei, „was ihre Großmütter über das Teppichknüpfen einst wussten, in der Sowjetunion aber vergessen hatten”.

Mit vier armenischen Mitarbeitern fing Tufenkian an, mittlerweile sind es rund tausend. Designer verdienen bei Tufenkian zwischen 100 und 150 Dollar im Monat, Teppichknüpferinnen mit einem Tages-Akkord von 6000 Knoten zwischen 30 und 40 Euro. Zum Vergleich: 2004 betrug das monatliche Durchschnittseinkommen in Armenien etwa 63 Euro.

Stelle schöne Dinge her. Mache damit Gewinn. Verbessere damit das Leben In Tufenkians Auftrag knüpfen täglich tausende von Händen tausende von Knoten, aus denen irgendwann ein Teppich wird. Frauenhände wie die von Lusine Sanayan, 33, die am Nordwestufer des Sewan-Sees lebt. Seit drei Monaten knüpft sie zusammen mit 59 anderen Frauen neun Stunden täglich Teppiche. Ihr Arbeitsplatz ist eine riesige alte Lagerhalle in einem post-sowjetischen Ödland am Rande der Stadt Sewan. Sanayan verdient zwar nicht so viel, wie ihr Vorarbeiter behauptet („60 bis 80 Dollar"). Aber die 30 bis 40 Euro Akkordlohn, auf die sie tatsächlich im Monat kommt, sind der einzige Verdienst ihrer dreiköpfigen Familie. Sie kann sie damit gerade über Wasser halten kann.

Ihr Mann ist arbeitslos – wie 50 Prozent der Bevölkerung in dieser Region. Früher hatte er am Bahnhof gearbeitet, dort, wo jetzt nur noch rostige Gleise vom Gras überwuchert werden. Wenn Lusine Sanayan flott arbeitet, schafft sie im Monat einen Quadratmeter Teppich. Einen Quadratmeter, der gewaschen und gekämmt, je nach Qualität 250 bis 450 Dollar in Armenien kostet. Und das Dreifache in New York.

Seit 2001 arbeitet der Teppichhändler Tufenkian auch als Hotelier. Er setzt dabei nicht nur auf die boomende Haupt- und Millionenstadt Eriwan, sondern auf das flache Land, das sich vom wirtschaftlichen Kollaps in den neunziger Jahren bis heute nicht erholt hat: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, wer kann, zieht weg. Und das sind vor allem die Jungen. Die, die bleiben, müssen oft von dem leben, was der eigene Garten hergibt.

Mit drei aufwändig ausgestatteten Hotels und drei weiteren, die in Planung sind, versucht Tufenkian sein Teppich-Geschäftsmodell auf den Tourismus zu übertragen. Alle seine Unternehmungen beruhten auf Design, auch seine Hotels, sagt der Mann, der in seinen Broschüren gern Merksätze formuliert wie: „Stelle schöne Dinge von bleibendem Wert her. Mache einen Gewinn aus deren Verkauf. Nutze diesen Gewinn und die entstandenen Arbeitsplätze, um das Leben der Arbeiter und Angestellten zu bereichern.” Die Hotels liegen in Dörfern, in denen bislang niemand auf die Idee gekommen ist, eines zu eröffnen. Beim Bau sollen möglichst lokale Arbeitskräfte, armenische Handwerker und lokale Materialien verwendet werden. Die Gäste sollen Leute wie Tufenkian sein, Exil-Armenier mit Sehnsucht nach der alten Heimat. Seine Vision: „Wenn Armenien sich zu einer Art kulturellem und touristischem Spielplatz für die fast doppelt so große Diaspora entwickelt, hat das Land ausgesorgt.” Eine wohltätige Stiftung hat er auch gegründet. Dabei lehnt Tufenkian milde Gaben ohne Gegenleistung ab (außer für diejenigen, die wegen ihres Alters oder wegen Krankheit darauf angewiesen sind). Er sagt: „Projekte, die nur bezuschußt werden, entwickeln keine wirtschaftliche Eigendynamik. Das ist wie bei einem Koma-Patienten: Sobald die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet werden, ist es aus.” Viele Projekte der Stiftung – Jahresbudget 300.000 Dollar -sind deswegen unternehmerisch gedacht. Tufenkian legt für die Auswahl Maßstäbe wie ein Risikokapitalgeber an: „Finanziere Projekte, die andere nicht fördern, weil sie nicht ausreichend clever oder fähig sind, dieses Projekt zu einem Erfolg zu führen. Finanziere Projekte, die neu und risikoreich, aber viel versprechend sind”, heißt es im „Mission Statement” der Stiftung.

 

Viel versprechend erscheinen etwa Schafe. Familien, die am kargen Ostufer des Sewan-Sees leben, erhalten von der Stiftung 250 der Tiere und 4500 Dollar. Innerhalb von fünf Jahren müssen sie 250 Jungschafe bei der Stiftung abliefern und einen Teil des Kredits zurückzahlen. Die Wolle – jährlich drei Kilo pro Schaf im Wert von 3,60 Euro, also rund 900 Euro pro Herde – können sie an Tufenkian verkaufen, der immer Bedarf hat. Sie müssen aber nicht. In diesem Jahr etwa zahlte die Konkurrenz 40 Cent je Kilo mehr. Die Schäfer verkauften an die Konkurrenz. ---

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