Ausgabe 08/2005 - Schwerpunkt Die Mitte

Die Schattenklasse

• Ihre Kontaktlinsen sind katzengrün, ihre goldblond getönte Dauerwelle hat 180 Dollar gekostet, sie raucht Salem light und heißt Olga: „Klar gibt es bei uns eine Mittelklasse“, sagt sie lächelnd, „ich gehöre selber dazu. Ich verdiene genug, um nicht mehr von der Hand in den Mund leben zu müssen. Und mit meinen Kenntnissen finde ich in Moskau immer einen Job.“ Olga, 32, geschieden, verdient als Finanzmanagerin in einer Moskauer Bank 2400 Dollar monatlich, besitzt eine Zweizimmerwohnung in der Moskauer Vorstadt Chimki und stürzt sich täglich in einem Peugeot 307 in den Moskauer Dauerstau. Ihre erklärten Ziele: weiter Karriere machen, irgendwann 4000 Dollar verdienen, die Wohnung in Chimki gegen eine in Moskau tauschen und ihre Tochter Mascha, elf, später auf die Universität schicken. Was das Private angeht: vielleicht ein neuer Mann.

Olga steht für das junge, aufstrebende, selbstsichere Russland, das in den russischen Medien seit den späten neunziger Jahren als Beweis für neuen Wohlstand und Stabilität vorgerührt wird. Auch Politiker, die modern sein wollen, strapazieren den Begriff „Mittelklasse“ permanent, ähnlich wie die Wörter „Menschenrechte“ oder „Zivilgesellschaft“.

Aber wer gehört zu dieser Mittelklasse? Nach Angaben des Staatskomitees für Statistik beträgt das Durchschnittseinkommen in Russland zurzeit 7713 Rubel, umgerechnet 220 Euro. Das heißt, angesichts von Lebenshaltungskosten, die sich immer mehr dem Westen angleichen, ist der mittlere statistische Russe arm bis bettelarm. Zur Mittelklasse zählen russische Statistiker trotzdem die 24 bis 29 Prozent der Russen, deren Einkommen zwischen umgerechnet 200 Euro und 1200 Euro liegt. Andere gehen von 500 bis 15.000 Euro im Monat aus, das wären immer noch 15 bis 18 Prozent der Bevölkerung.

Doch Geld sagt in Russland wenig über Lebensstandard und Lebensgefühl aus. In Moskau, der zweitteuersten Stadt Europas, kostet ein Cocktail „Sex on the Beach“ oft mehr, als ein Kolchosbauer in Sibirien im Monat verdient – auf dem Land gelten Lehrer mit einem Monatsgehalt von umgerechnet 90 Euro als wohlhabend. Auch Dorfschullehrer, Landärzte oder Kolchosingenieure leben konservative Mittelstandsideale. Und ihre Zukunftssicherung setzt darauf, dass die private Kuh glücklich kalbt und der selbst gezogene Knoblauch bösen Krankheiten vorbeugt. Alle hoffen naiv, die Kinder könnten so gut lernen, dass es für einen kostenlosen Studienplatz reicht. Das russische Dorf hat seine eigene Soziologie: Unterklasse, das sind heutzutage die Alkaschi, die Säufer, je nach Gegend 10 bis 30 Prozent. Die Übrigen betrachten sich als der ärmste Mittelstand der Welt.

Andererseits mähen viele Großstädter auf ihren Datschengrundstücken inzwischen wirklich Rasen, statt Gemüse und Kartoffeln anzubauen. Vor allem was Moskau angeht, verweisen die vaterländischen Statistiker zu Recht darauf, dass Unternehmer und Beschäftigte tatsächlich viel mehr als statistisch erfassbar verdienen. Zum Beispiel Olga. Von ihren 2400 Dollar Monatsgehalt bekommt sie offiziell 70 Dollar, den Rest gibt es schwarz auf die Hand. Auf diese Weise sparen sich hunderttausende von Arbeitgebern Steuern und Rentenbeiträge. Nur: Kann sich eine Mittelklasse mit Schwarzgeld finanzieren? Wenn Olga versucht, den Arbeitgeber zu wechseln, riskiert sie, dass sie von ihrem letzten Gehalt nur die offiziellen 70 Dollar sieht.

Mittelstand sollte eigentlich Sicherheit bedeuten. Russlands Mittelständler haben aber eher etwas von Drahtseilartisten. Olga ist über ihren Arbeitgeber privat krankenversichert, ihre Mutter nicht. Was macht Olga, wenn sich der Verdacht auf Leberkrebs bei ihrer Mutter erhärtet? Die fällige Operation würde mindestens 8000 Dollar kosten – mehr als drei Monatsgehälter.

Außerdem sollte die Mittelklasse ein Markt der Talente sein, eine Schicht mit Aufstiegschancen. Doch Olga weiß, wie Millionen anderer studierter Fachleute, dass sie es nie in die Chefetage schaffen wird. Um in Moskau Karriere zu machen, musst du, wie zu alten Sowjetzeiten, mit dem Boss verwandt oder verkumpelt sein. „Mein neuer Abteilungsleiter ist 23, er kommt gerade vom Studium aus der Schweiz“, erzählt Olga seufzend. „Er ist ein Neffe des Direktors.“ Bildung ist wichtig, aber nichts im Vergleich zu Beziehungen – eine russische Wahrheit, die auch der Mittelstand immer wieder schlucken muss.

Russland ist in zwei Klassen geteilt: Die eine zahlt Schmiergeld, die andere kassiert es Olga hat es vergleichsweise gut: Sie verdient ordentlich und hat nur eine Tochter. Aber was soll Marina machen? Marina, 36, verheiratet, drei Kinder, ist promovierte Historikerin in St. Petersburg. Sie verdient 1500 Dollar im Monat, 1300 davon schwarz. Ihr Gatte ist charmant, aber ein Taugenichts, der für umgerechnet 180 Euro als Nachtwächter in dem Institut arbeitet, in dem er früher Theaterwissenschaften studiert hat. Der älteste Sohn ist gerade mit der Schule fertig, er will Wirtschaft studieren, doch er fiel bei der Aufnahmeprüfung durch – wie die anderen Kandidaten, deren Eltern niemanden an der Fakultät bestochen hatten. Jetzt steht die Familie vor der Wahl, jährlich 2000 Dollar für einen kostenpflichtigen Studienplatz zu bezahlen – oder 5000 Dollar Schmiergeld, damit er an einem anderen Institut umsonst studieren kann. So oder so werden sie sich das Geld bei Freunden leihen müssen. „Es wird jetzt schon am Ende jedes Monats knapp“, klagt sie. „ Wie sollen unsere anderen Kinder studieren? Und wir sollen zur Mittelklasse gehören?“ Marina hat sich mit vielen unbezahlten Überstunden zwei Gehaltserhöhungen erarbeitet. Wie Olga weiß sie: Ihr einziger Kündigungsschutz ist die eigene Arbeitskraft. Olga hat fünf Jahre lang bei einem staatlichen Energiekonzern gearbeitet und sich nie gewehrt, wenn ihr Chef ihre Urlaubsanträge grinsend in den Papierkorb geworfen hat: „Nein, Oljuscha, wir brauchen dich hier.“ Russlands Mittelklasse fehlt das Klassenbewusstsein. Alle Sorge gilt der Familie und dem engen Freundeskreis. Auf die Idee, sich mit anderen Arbeitnehmern zu solidarisieren oder auf ihre gesetzlich verbürgten Rechte zu pochen, käme Olga nie. „Beim ersten Mal würden sich die Vorgesetzten krank lachen, beim zweiten Mal würden sie mich feuern.“ Auch der Rechtsweg ist ihr zu riskant: Die Richter seien alle bestochen.

Russlands Bürgertum hat keine Zivilcourage. Die Seele des Mittelstandes ist ängstlich und steht einem autoritären, misstrauischen Staatsapparat gegenüber. Wo sich Gewerkschaften, Soldatenmütter, Autofahrer oder Rentner versuchen zu organisieren, bedrängt der Staat die Anführer. Oder korrumpiert sie. Sämtliche politischen Parteien, die seit 1993 in der Staatsduma vertreten waren, predigten gegen die Korruption – doch die Mehrzahl ihrer Abgeordneten kassierte schamlos. Auch die wachsende Beamtenschaft, anderswo staatstragender Kern des Mittelstandes, bessert ihre 200-Euro-Gehälter parasitär auf. Statt in Mittelstand, Ober- und Unterklasse kann man die russische Gesellschaft auch in die Schamlosen und die Dummen teilen: Die einen kassieren Schmiergeld, die anderen müssen es zahlen.

Was bleibt dem Mittelstand übrig, als ebenfalls zu versuchen, hintenrum erfolgreich zu sein? Journalisten schreiben bestellte Lobeshymnen, lizensierte Zobeljäger verkaufen den Großteil ihrer Beute an Schwarzhändler statt an den Staat, Autofahrer mit Studienabschluss buckeln vor geldhungrigen Verkehrspolizisten, die oft nicht mal die Straßenverkehrsordnung kennen. Schmieren, Tricksen und Unterschlagen gehören zum Alltag. Steuerhinterziehung gilt als bürgerliche Selbstverständlichkeit. Russlands Mittelklasse steht mit einem Bein in der Kriminalität, sie ist eine Schattenklasse, erpressbar. Deshalb flüchtet sie auf die Datscha, zum Rasenmähen, oder ins Einkaufszentrum, zum Shoppen – damit sie nicht über sich selbst nachdenken muss.

Eigenverantwortung ist kein hoher Wert. Ob sie im Mercedes sitzen oder im Moskwitsch: Russlands Autofahrer tragen grundsätzlich keinen Sicherheitsgurt. „Das bringt Unglück!“, erklärt ein Wolga-Besitzer. Andere Autofahrer erzählen stolz, das Recht auf Gurtfreiheit hätten sie den Verkehrspolizisten in jahrelangen Auseinandersetzungen abgerungen. Kann aus diesen Trotzköpfen am Steuer je ein Mittelstand mit Verantwortungsgefühl werden? Doch es gibt Hoffnung: Immerhin schnallt sich Olga an, wie viele junge Frauen in Moskau. Außerdem hat sie für ihren Peugeot eine Vollkaskoversicherung abgeschlossen. Vielleicht ist der russische Mittelstand der Zukunft weiblich. ---

Mehr aus diesem Heft

Die Mitte

Brasilien: Die schweigende Mitte

Jeder mogelt sich durch. Die Bürger Brasiliens haben resigniert. Und machen damit die Zivilgesellschaft zum unerreichbaren Traum.

Lesen

Die Mitte

China: Der Motor der Gesellschaft

Chinas neue Mittelschicht steht unter Druck. Sie soll ihr Leben verbessern. Und dabei den Fortschritt des gesamten Landes vorantreiben.

Lesen

Idea
Read