Ausgabe 08/2005 - Schwerpunkt Die Mitte

Mittendrin

SINUS Wolfgang Plöger meint, die Mitte gefunden zu haben. Gerade wohl noch rechtzeitig, denn der Director Research & Consulting bei Sinus Sociovision hat festgestellt: "Die Mitte dünnt aus." Konnte Plöger in den neunziger Jahren noch ein differenziertes Bild der verschiedenen Milieus in der Mittelschicht zeichnen, hat sich seither im Zentrum der soziologischen Karte etwas gebildet, das Sinus die Bürgerliche Mitte nennt (S. 70). Sie ist ein Schmelztiegel aus Überbleibseln der ehemals Aufstiegsorientierten, dem Modernen Bürgerlichen Milieu sowie dem Modernen Arbeitnehmermilieu.

Die beiden Letzteren hatten sich in der Sinus-Darstellung im Laufe der neunziger Jahre zunächst ausgebildet, waren jedoch dann von den Marktforschem aus Heidelberg in die Bürgerliche Mitte mit aufgenommen worden. Plöger spricht von einem "Homogenisierungsprozess". Die Unterschiede seien immer geringer geworden - und vor allem hatten diese Milieus eines gemeinsam: den Wunsch, ihren Status quo zu bewahren.

Ein bemerkenswerter Wandel im Vergleich zu den achtziger Jahren: Seinerzeit nämlich galt die Mitte aus Sicht von Sinus als durch und durch aufstiegsorientiert. Die Marktforschungsgesellschaft rechnete rund jeden Vierten in der damaligen Bundesrepublik diesem Lager zu. Und die Auftraggeber aus der Wirtschaft mochten den Aufsteigertypen: dynamisch, agil und konsumfreudig.

Inzwischen jedoch habe sich in der Mitte das Streben nach Höherem "deutlich relativiert", sagt Plöger. Aufstiegskarrieren finden dem Sinus-Modell zufolge heute eher in einem anderen Milieu statt, nämlich in dem der Modernen Performer, also etwa jungen Selbstständigen. Der Bürgerlichen Mitte, der nach Sinus-Auswertungen aktuell etwa 16 Prozent der Bevölkerung angehören, fehle dagegen diese Dynamik. Wer heutzutage einmal in einem Milieu sei, der bleibe da meist auch, "was jedoch nicht heißt, dass man innerhalb des Milieus nicht aufsteigen kann". Der Bürgerlichen Mitte komme es auf Harmonie, Geborgenheit, Sicherheit, Freunde, Familie und Nachbarschaft an - also auf alles, was die eigene unmittelbare Nähe betrifft. "Modernes Cocooning" nennt Plöger das.

Dabei sei die Bürgerliche Mitte - und damit der Mainstream - zwar durchaus noch statusorientiert, es gehe ihr aber nicht mehr um den sozialen Aufstieg. Sondern darum, sich wohl zu fühlen und sich auch mal etwas zu gönnen, alles aber in einem überschaubaren Rahmen. "Die gucken schon ganz gern nach oben, sehen sich aber nicht als Elite", sagt Plöger.

Zudem sei die Mitte kein Milieu, das besonders flexibel und mobil auf Veränderung in der Umgebung reagieren könne. Mit einem Eigenheim sei man nun mal nicht mehr besonders flexibel, wenn es um einen Job- und damit nicht selten auch um einen Standortwechsel gehe, sagt Plöger. Allein deshalb herrsche in diesem Milieu eine deutlich wahrnehmbare Angst vor dem sozialen Abstieg.

Auch wenn der noch nicht unmittelbar drohe, nähmen die Menschen der Mitte ihn in ihrem persönlichen Umfeld wahr. Diesen Eindruck verstärkten die Medien. Deshalb ist es laut Plöger kein Wunder, dass die Bürgerliche Mitte vor allem an einem interessiert ist: an der Aufrechterhaltung ihres Status quo.

SIGMA Carsten Ascheberg meint, die Mitte gefunden zu haben. Auch wenn das Schaubild (S. 71) des Sigma-Geschäftsführers gleich mehrere Milieus im Mittelfeld zeigt. Ist das die Mitte in Deutschland? Viele Grüppchen, die ungefähr auf dem gleichen Einkommens- und Bildungsniveau liegen? Nein, sagt er, "es kommt auf das Selbstverständnis der einzelnen Milieus an". Die Aufstiegsorientierten etwa definieren sich nie als Mitte, sondern als Durchreisende auf dem Weg nach oben.

Mitte sei nur derjenige, der sich ihr bewusst zuordne. Das tun in der Welt der Sigma-Marktforscher aus Mannheim seit Anfang der neunziger Jahre lediglich zwei Milieus: das Moderne Bürgerliche und das der Modernen Arbeitnehmer. Zusammengerechnet sind das derzeit etwa 14,5 Millionen Menschen in Deutschland.

Abgesehen von dem Zugehörigkeitsgefühl zur Mitte verbindet diese beiden Milieus eher wenig. Das Moderne Bürgerliche Lager beschreibt Ascheberg als extrem harmonieorientiert und eher risikoscheu. Ein behütetes Leben und die Familie stehen ganz weit oben auf der Werteskala. Idealtypische Vertreter dieses Milieus fahren Minibus und leben in einem Mehrpersonenhaushalt mit mindestens einem (schulpflichtigen) Kind.

Beruflich sind sie im Handwerk zu finden oder in qualifizierten Facharbeiterjobs. Abitur ist laut Sigma die Regel, ein Studium eher selten. "Sie halten sich nicht für irgendetwas Besonderes, wollen aber dazu beitragen, dass es die Mitte weiter gibt", sagt Ascheberg. So sei in diesem Milieu noch am ehesten bürgerschaftliches Engagement anzutreffen. Zudem pflegten seine Vertreter den Kontakt zur Elterngeneration - und damit zu jenen, die in der Regel zum Traditionellen Bürgerlichen Milieu zählen.

Das Moderne Arbeitnehmermilieu hat sich dagegen laut Ascheberg von seinen Wurzeln emanzipiert - auch mit den Mitteln der Ironie. Deshalb werde in diesem Milieu auch der TV-Entertainer Stefan Raab als Held gefeiert: ein ehemaliger Metzgerlehrling, der es mit Zoten ins Fernsehen gebracht hat und dort über sich selbst lacht.

Vertreter des Modernen Arbeitnehmermilieus suchen ein Gleichgewicht zwischen Familie, Beruf und Freizeit, sind begeistert von neuer Technik, nutzen intensiv das Internet und gehörten zu den Ersten, die ein Dolby-Surround-Heim-Kino im Wohnzimmer installierten. "Sie sind zukunftsorientiert, Neuem gegenüber aufgeschlossen und halten sich für Gewinner", sagt Ascheberg. Und verweist auf typische Berufe des Modernen Arbeitnehmermilieus in der Computerbranche und im modernen Dienstleistungssektor. Im Gegensatz zum Aufstiegsorientierten Milieu gehe das Moderne Arbeitnehmermilieu dabei jedoch mit weniger Ellenbogen vor. "Es gibt eher den Wunsch nach einer Fachkarriere als nach einer Karriere mit Personalverantwortung." (Ascheberg) Weil die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs in Deutschland heute sehr stark von der Herkunft abhängt, wird es laut Ascheberg immer schwieriger, von einem Milieu in ein nächsthöheres zu wechseln. Die Überzeugungen in den einzelnen Milieus seien radikaler: "Sie können ihren Medien- und Informationskonsum heute so organisieren, dass sie im Prinzip nur noch ihre eigene Meinung lesen oder hören." Allein die moderne Mitte sei noch einigermaßen an einem Austausch mit anderen Milieus interessiert - auch aus Sorge abzurutschen. In der Mitte sei es nämlich, so Aschenberg, "nicht wirklich gemütlich".

Die Milieu-Landschaft der 80er Jahre (s. PDF) Die Sinus-MilieusR in Deutschland heute (s. PDF) Die Sigma-MilieusR in Deutschland heute (s. PDF) DEUTSCHE MILIEUS SINUS Bürgerliche Mitte (16 Prozent) Harmonie, Geborgenheit, Sicherheit, Freunde, Familie und Nachbarschaft stehen bei diesem Milieu im Vordergrund. Anders als die Aufstiegsorientierten der achtziger Jahre ("Erfolg ist eine Sache des Willens") bemüht man sich eher, den Status quo zu halten, als nach oben zu kommen.

Traditionsverwurzelte (14 Prozent) Traditionelles Segment der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die Sicherheit, Verlässlichkeit und Ordnung liebt und in der alten kleinbürgerlichen Welt (Kleingarten, Kaffeefahrten) beziehungsweise in der traditionellen Arbeiterkultur verwurzelt ist. Die Interessen kreisen eng um die Familie. Dieses Milieu hat ein Leben lang gespart und nur das Nötigste angeschafft.

Hedonisten (11 Prozent) Spaß-orientiertes modernes Milieu (meist jugendlich), das sich den Konventionen der Leistungsgesellschaft verweigert. Man lebt im Hier und Jetzt, konsumiert gern und viel - soweit es das limitierte Budget zulässt. Viele Hedonisten verfügen noch nicht über ein eigenes Einkommen. Hatten in den achtziger Jahren noch viele Hedonisten eine mittlere bis gehobene soziale Lage, konzentriert sich dieses Milieu heute in der modernen Unterschicht.

Konsum-Materialisten (11 Prozent) Dieses Milieu will beweisen, dass es trotz mangelnder Ausbildung und Problemen auf dem Arbeitsmarkt bei den Konsumstandards des Mainstream (Handy, DVD-Player, Auto) mithalten kann. Seine Vertreter träumen wie das so genannte Traditionslose Arbeitermilieu in den achtziger Jahren vom besonderen Leben, von Geld, Luxus und dem großen Lottogewinn.

Etablierte (10 Prozent) Das selbstbewusste, gut situierte und erfolgsorientierte Establishment mit ausgeprägtem Exklusivitätsanspruch. Man beschäftigt sich mit Politik und Wirtschaft, mit Kunst, Kultur und individuellen Reisen. Der Altersschwerpunkt liegt zwischen 40 und 60 Jahren. Früher noch Teil des Technokratisch-liberalen Milieus.

Postmaterielle (10 Prozent) Aufgeklärte Nach-68er, überwiegend akademisch gebildet. Man verbindet eine kosmopolitische Haltung mit Kritik an Neoliberalismus und an der Globalisierung, interessiert sich für Theater, Literatur und Kunst. Vertreter des Milieus konsumieren sehr bewusst (Einkauf im Bio-Laden und beim Edel-Versandhaus Manufaktum).

Moderne Performer (9 Prozent) Unkonventionelle Nachwuchselite, die sowohl beruflich als auch privat intensiv leben möchte und sich für Multimedia begeistert. Man will sein "eigenes Ding" machen, zum Beispiel durch die Gründung einer eigenen Firma. Die Performer sind bei Sinus das jüngste Milieu in Deutschland, darunter sind viele Schüler und Studenten. In puncto Selbstverwirklichung gibt es Parallelen zum Alternativen Milieu der achtziger Jahre.

Experimentalisten (8 Prozent) Individualistische neue Boheme (viele Singles), an Esoterik, kreativen Hobbys, Musik und Filmen abseits des Mainstream interessiert. Die Ablehnung, sich lebenslänglich festzulegen, führt oft zu Patchwork-Biografien. Der Alterschwerpunkt liegt bei unter 30 Jahren. In den achtziger Jahren waren entsprechend gesinnte junge Leute noch Teil des hedonistischen Milieus.

DDR-Nostalgische (6 Prozent) Resignierte Wende-Verlierer - fast ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung -, die an preußischen Tugenden (Pünktlichkeit, Fleiß, Bescheidenheit) festhalten und DDR-verklärte Vorstellungen von Gerechtigkeit und Solidarität haben. Übertriebenen Konsum lehnen sie als westliche Unart ab. Das Milieu wurde nach der Wende bei einem Relaunch mit in das Sinus-Schaubild aufgenommen.

Konservative (5 Prozent) Altes Bildungsbürgertum mit humanistisch geprägter Pflichtauffassung ("Ordnung muss sein"), gepflegten Umgangsformen und ausgeprägtem Elitebewusstsein. Entsprechend leiden die Vertreter dieses Milieus unter dem "Verfall der Werte und der guten Sitten". Auch vom technologischen Fortschritt distanzieren sie sich kritisch. Der Altersschwerpunkt liegt bei über 60 Jahren.

SIGMA Aufstiegsorientiertes Milieu (17,1 Prozent) Das Erreichen des Lebensstandards gehobener Schichten gilt als Maßstab und wird gern zur Schau gestellt (auch auf Pump). Ob Joop, Gucci oder Mercedes-Benz: Die Welt der Aufstiegsorientierten ist die Welt renommierter Marken. Beruflicher Erfolg steht auf ihrer Werteskala ganz oben. Im Verhältnis zur Gesellschaft der achtziger Jahre hat diese Lebenswelt die nachwachsende Generation nicht mehr in dem Maße für ihre Werte begeistern können.

Traditionelles Bürgerliches Milieu (12,3 Prozent) Milieu, das geordnete finanzielle und familiäre Verhältnisse, Sicherheit sowie einen angemessenen Lebensstandard schätzt (Volksmusik, Wandelurlaub, Schrankwand in Eiche rustikal). In den achtziger Jahren war ungefähr an dieser Stelle des Schaubildes die Mitte der damaligen Gesellschaft zu erkennen. Das Milieu war in den achtziger Jahren aufgrund der damaligen Dominanz von Vorkriegs- und Kriegsgeneration sehr kleinbürgerlich geprägt.

Modernes Bürgerliches Milieu (11,9 Prozent) Harmonieorientiertes Milieu, das ein ausgeglichenes und behütetes Leben ohne Risiken und Extreme anstrebt. In dieser Lebenswelt schlägt heute das Herz Deutschlands. Bodenständig, häuslich und modern zugleich, bilden seine Vertreter den etwas konventionelleren Flügel des Modernen Mainstream. Thema Nummer eins: Familie und Kinder.

Konsum-materialistisches Milieu (10,5 Prozent) Menschen, die wirtschaftlich und sozial am Rand stehen und geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt der nachindustriellen Gesellschaft haben. Konsumgüter werden zu Lebenszielen, und oft dient das Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben dazu, die Enttäuschungen des Alltags zu lindem - ähnlich dem in den achtziger Jahren so genannten Traditionslosen Arbeitermilieu.

Hedonistisches Milieu (9,9 Prozent) Vergleichweise junges Milieu mit lustbetontem Lebensstil (Ibiza, Love Parade, RTL II). Freiheit, Ungebundenheit und Spontaneität - sich von niemandem etwas vorschreiben lassen - sind zentrale Werte. In den achtziger Jahren noch quer durch alle Schichten vertreten, heute zwischen dem Konsum-materialistischen und dem Modernen Arbeitnehmermilieu positioniert und zunehmend sozial abstiegsbedroht.

Modernes Arbeitnehmermilieu (9,2 Prozent) Vielfach jüngere Angestellte in der Computerbranche oder im modernen Dienstleistungsbereich, die neuen Erfahrungen, Lebensweisen und Konsumformen (etwa Ebay) aufgeschlossen gegenüberstehen. Sie gelten als jung, flexibel, ambitioniert und konsumfreudig: der progressive Flügel des modernen Mainstream.

Etabliertes Milieu (9,1 Prozent) Elitemilieu mit traditioneller Lebensführung und einem Selbstverständnis als Führungsschicht und Leistungsträger ("FAZ", Golfurlaub, Mercedes S-Klasse). Die Angehörigen dieses Milieus sehen sich häufig als Wahrer kultureller und moralischer Werte. Das Etablierte Milieu ist ideologiefreier und technologieaffiner als die Angehörigen des Konservativ-gehobenen Milieus der achtziger Jahre, verfolgt aber grundsätzlich wertkonservative Ideale.

Liberal-intellektuelles Milieu (8,2 Prozent) Bildungsbürgertum, dem ökologische und politische Korrektheit wichtig ist. Äußerlichkeiten lehnt man ab, schätzt das Edle, Echte und Auserlesene. Typisch: gediegene Altbauwohnung, gepflegter Lebensstil - und zum Jahresende eine Spende für Amnesty International.

Postmodernes Milieu (6,9 Prozent) Junges, formal zumeist hoch gebildetes Avantgarde-Milieu, hauptsächlich in Großstädten anzutreffen. Lebensstil-Trendsetter mit radikal subjektivistischer Lebensphilosophie: der Einzelne als Ingenieur seines persönlichen Universums. In diesem Milieu wird die postmoderne Freiheit des " anything goes" gelebt.

Traditionelles Arbeitermilieu (4,9 Prozent) Industriegesellschaftlich geprägtes Milieu. Mitgliedschaft im Arbeitersport- oder Taubenzüchterverein, selbstverständlich in der Gewerkschaft. Typisch: ein beschaulich-geregelter Feierabend in der Vereinsgaststätte oder im Schrebergarten. Die Ansprüche sind nach wie vor bescheiden und übersteigen selten die eigenen finanziellen Möglichkeiten.

SYMBOLE DER MITTE (s. PDF)

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